CD-Kritik

Frische und Feuer

Holger Falk und Alessandro Zuppardo interpretieren Francis Poulencs Lieder nach Gedichten von Guillaume Apollinaire und Paul Éluard

Von Stefana Sabin

Es war weniger ein ästhetisches Programm als der Wille zur Erneuerung, die unterschiedliche Komponisten zu einem kleinen Verein um Jean Cocteau vereinte: „Le Groupe des Six,“ die Gruppe der Sechs, pflegte eine einfache und klare Musiksprache und integrierte Elemente populärer Gattungen wie Jazz, Chanson und Varieté. Die Musik der Sechs erschütterte in den zwanziger Jahren den bürgerlichen Musikgeschmack und verlangte nach neuen Hörgewohnheiten – und bereitete den ästhetischen Boden, auf dem die einzelnen Komponisten ihre Karrieren aufbauten.

Francis Poulenc, der am 7. Januar 1899 in Paris geboren und am 30. Januar 1963 ebendort gestorben ist, trat der Gruppe der Sechs um 1918 bei. Da hatte er schon in einer Buchhandlung an der Rue de l’Odéon eine Lesung von Guillaume Apollinaire erlebt und war von dessen Lyrik, aber auch von dessen Stimme schwer beeindruckt – und vertonte einige der Gedichte.

Denn von Anfang an bevorzugte Poulenc Vokalmusik und ein großes Konvolut seines umfangreichen Werks, das auch Konzerte, Ballette, Opern und Messen einschließt, besteht aus Liedern: Etwa 150 Lieder hat Poulenc geschrieben, 40 davon nach Gedichten von Apollinaire. Apollinaires „halb ironische, halb melancholische“ Stimme hatte Poulenc, so erzählte er im „Tagebuch meiner Lieder,“ beim Komponieren immer im Ohr.

Die meisten dieser Lieder sind für den Bariton Pierre Bernac komponiert, den mit Poulenc eine lange Freundschaft und eine lange Konzertkarriere verband: 25 Jahre sind Bernac und Poulenc zusammen aufgetreten! Poulenc war ein hervorragender Pianist und seine subtile Begleitkunst kann man in den Aufnahmen erkennen.

Heute gelten diese Aufnahmen als historisch, aber sie sind dennoch eine Art „Ausgabe letzter Hand“, eine Messlatte, an der sich moderne Interpreten reiben – so auch der Frankfurter Bariton Holger Falk und der Pianist Alessandro Zuppardo, die jetzt schon die zweite CD mit Poulec-Liedern herausgebracht haben.

Schon vor drei Jahren haben Falk und Zuppardo die Apollinaire-Lieder aufgenommen. Sie haben die spröde Melodik sensibel herausgearbeitet, zwischen dem Avantgardistischen und dem sanft Dramatischen souverän gewechselt.

Auf ihrer neuen CD haben sie nun Poulenc-Vertonungen von Éluard-Gedichten ausgewählt. Poulenc verwendet in diesen Liedern eine durchgehend minimalistische kompositorische Diktion, so dass die Kontraste zwischen den lyrischen, pastoralen, sentimentalen und dramatischen Passagen gering sind. Die Stimmung ist konstant semimelancholisch, und trotz der schleichenden Abstraktion bleibt das Melodische erhalten – wie ein melodischer Teppich unterlegt die Klavierbegleitung den Gedichttext und lässt ihn hervortreten.

Falk und Zuppardo arbeiten den nur leichten Stimmungswechsel zwischen den Liedern heraus, und indem sie „Frische und Feuer“ vereinen, erreichen sie eine atmosphärische Dichte, die es mit derjenigen der Bernac-Poulenc-Aufnahmen unbedingt aufnehmen kann. Falk hat eine weiche Stimme, die ohne hörbare Anstrengung auch in den eher hohen Lagen dieser Lieder klar bleibt. Und Zuppardo hält auch in den sehr kurzen Liedern (30 oder 35 Sekunden!) die melodische Spannung. Die Interpretation von Falk und Zuppardo verknüpft die melancholische Eleganz des französischen Chansons, die sich in einer kokett-dramatisierenden Leichtigkeit manifestiert, mit der irisierenden Kühle der Moderne.

Eine dritte Poulenc-CD des Duos Falk-Zuppardo ist gerade in der Produktion: Dort sind Poulenc-Liedern nach Gedichten von Aragon, Max Jacob, Cocteau, die „Chansons Gaillardes“ und die „Chansons Villageoises“ versammelt. Darauf können Liebhaber der französischen klassischen Moderne sich schon freuen – und vorerst zu den zwei vorhandenen CDs greifen.

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erstellt am 23.4.2013

Holger Falk, Bariton
Alessandro Zuppardo, Klavier

Francis Poulenc.
Mélodies sur des poèmes de Guillaume Apollinaire.
Musikproduktion Dabringhaus und Grimm, Detmold 2010. MDG 603 1658-2

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Francis Poulenc.
Mélodies sur des poèmes de Paul Éluard et Louise de Vilmorin.
Musikproduktion Dabringhaus und Grimm, Detmold. MDG 603 1776-2

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