Dass der Wiederaufbau nach dem Zweiten Weltkrieg in Frankfurt mehr zerstört habe als die Bomben zuvor, ist ein böser Spruch, der in seiner Überzeichnung auf die Bedenkenlosigkeit und die Geschichtsvergessenheit der Nachkriegsarchitektur weist. Tatsächlich lässt sich in dieser Zeit eine große Bereitschaft verfolgen, beschädigte historische Bausubstanz lieber abzureißen als fachkundig zu restaurieren oder in Neues zu integrieren. Der Architekturkritiker Dieter Bartetzko hat das in seiner Bestandsaufnahme »Arche und Zelt« beschrieben, vor allem aber, welche Kirchenneubauten damals trotz alledem möglich waren, Bauten, die die Stadt bis heute schmücken.

Moderne Kirchen in Frankfurt

Arche und Zelt

Von Dieter Bartetzko

Die erste nach 1945 entstandene Frankfurter Kirche ist zugleich eine der ältesten der Stadt: Die Liebfrauenkirche im Zentrum von Frankfurt, 1318 als Kapelle gestiftet, 1344 zur Hallenkirche erweitert und 1415 mit der prächtigsten Schaufront aller damaligen Stadtkirchen ausgestattet, wurde im Frühherbst 1946 wiederaufgebaut. Genauer: ihr Chor, dessen Gewölbe die Explosionen und den Brand der Bombennacht des 22. März 1944 leidlich unversehrt überstanden hatte. Schon wenige Wochen nach Kriegsende waren dort von den Mönchen des zugehörigen, gleichfalls schwer beschädigten Kapuzinerklosters Gottesdienste für die Bevölkerung abgehalten worden. Dass die Kapuziner nun, unterstützt von hilfsbereiten Bauarbeitern, quasi über Nacht in Eigenhilfe ein Baugerüst aufschlugen, war die Reaktion auf das Gerücht, die provisorische Stadtverwaltung plane, die Kirche wegen Einsturzgefahr abzureißen.

Die Mönche, ebenso sanfte wie entschlossene Rebellen, zogen eilig eine Trennmauer zwischen dem Chor und dem ausgebrannten, dach- und gewölbelos zum Himmel starrenden Kirchenschiff in die Höhe. Ihre Rechnung ging auf: die Gottesdienste im Liebfrauenchor waren fast immer überfüllt, und die Stadtverwaltung, die befürchtete, eine Sprengung des Langhauses könne auch den Chor zum Einsturz bringen, stellte ihre Abrisspläne zurück. Schritt für Schritt setzten die Kapuziner den Chor weiter instand, errichteten einen neuen Dachstuhl, organisierten dessen Eindeckung in Schiefer und befestigten im Inneren am Chorscheitel die geretteten Plastiken (Maria, die Dreieinigkeit und eine Puttenschar) des verbrannten Barockaltars (1764) von Heinrich Jung. Irgendwann gab der Magistrat sich geschlagen – 1955 wurde die Kirche in Gänze wiederaufgebaut.

Obwohl die Bauarbeiten die Liebfrauenkirche als herrliches Denkmal der internationalen höfischen Gotik der Zeit um 1400 wiederherstellten, wurde sie zugleich auch ein bemerkenswertes Beispiel der Wiederaufbaumoderne. Denn statt der geborstenen Netzgewölbe überspannt seit 1955 eine Flachdecke das Langhaus, auf der hölzerne Leisten ein Rautenmuster bilden, das wie ein fernes Echo die einstigen Netzgewölbe anklingen lässt. Darunter ragen die gotischen Blattkapitelle mit den Ansätzen der geborstenen Gewölberippen ins Leere – eine diskrete und doch eindringliche Mahnung an die selbstverschuldete Zerstörung dieses baulichen Kleinods. Diese Glanzleistung lässt die Geschmacksentgleisung vergessen, die einige Jahre später dazu führte, dass das verbrannte Holzportal der zierlichen klassizistischen Eingangskapelle an der Südseite der Kirche durch eine Wand aus wild gezackten und schrill eingefärbten plumpen Glasbausteinen ersetzt wurde – ein unwissentliches Zugeständnis an den unruhig zappelnden Zeitgeist der ausgehenden Fünfzigerjahre, wie es sonst im Kirchenbau nicht vorkam.

Eine zweite historische Stadtkirche erhielt durch den Wiederaufbau gleichfalls eine Doppelgestalt aus Geschichte und Moderne, Verlust und Gewinn. Die Rede ist von der Dominikanerkirche am Ostrand der Innenstadt. 1238 als Klosterkirche begonnen, im Lauf der Jahrhunderte zu einer der reichst ausgestatteten gotischen Hallenkirchen Deutschlands angewachsen, 1803 säkularisiert und bis in die Zwanzigerjahre immer wieder vom Abriss bedroht, war sie 1944 schließlich ausgebrannt. Trotz drängender Appelle der Denkmalpflege unternahmen die Stadtverwaltung und ab 1953 der evangelische Regionalverband, in dessen Besitz die Ruine überging, nichts zum Schutz der freiliegenden Decken und Wände. So stürzten Joch für Joch zunächst die Gewölbe und dann die gotischen Rundpfeiler des Langhauses ein.

Als 1958 unter der Leitung von Gustav Scheinpflug endlich der Wiederaufbau begann, erwies sich die Südwand des Kirchenschiffs wegen Durchfeuchtung als nicht mehr tragfähig. Der Architekt und der Regionalverband als Bauherr entschlossen sich zu einem nahezu vollständigen Neubau: Das Langhaus wurde, um drei Joche (etwa zwölf Meter) verkürzt, auf den alten Fundamenten neu aufgemauert, das Innere, vor der Zerstörung die vermutlich älteste Kirchenhalle Hessens, wurde von schmucklosen schlanken Vierkantpfeilern anstelle der historischen Rundstützen dreigeteilt und mit einer hölzernen gestäbten Flachdecke versehen. Nur der frühgotische Chor wurde als Reminiszenz an den ursprünglichen Bau sorgfältig restauriert.

Zur Wiederweihe 1961 präsentierte das Gotteshaus, fortan Heiliggeistkirche, sich als Paradebeispiel einer gemäßigten Wiederaufbaumoderne zwischen Rückgriffen auf den Heimatschutzstil der Zwanzigerjahre und dem Licht- und Schwebekult der schlankheitsbesessenen Nierentisch-Ära. Insbesondere die schmucklos langgezogenen, mit Transparenzglas versehenen Fensterbahnen und die grazilen Innenpfeiler signalisierten deutlich das neue Ideal der Schlichtheit und Schwerelosigkeit. Damit beeindruckt dieser Kirchenbau noch heute. Zwei elementare Missgriffe des Wiederaufbaus freilich konnten bis in unsere Tage nicht korrigiert werden: Erstens wirkt der Baukörper durch die Reduktion der Langhausjoche sonderbar gestaucht; eine Form, die nichts mehr zu tun hat mit dem Erscheinungsbild der langgestreckten dominikanischen Kirchenbauten, und die den heutigen Betrachter unwillkürlich an den Reduktionscharme von Jugendherbergen statt an die raffinierte schlichte Eleganz der dominikanischen Baukunst denken lässt. Zweitens versinkt die Heiliggeistkirche realiter wie optisch in den Aufschüttungen der 1952 als Nord-Süd-Achse angelegten Kurt Schumacher Straße. Vor allem dem geretteten frühgotischen Chor, der ehemals hoch und schmal aufstieg, raubt das erhöhte Bodenniveau die imposanten Proportionen.

Man sieht: das Frankfurt der Wiederaufbauzeit tat sich oft schwer mit dem Kirchenbau. Vor allem, wenn es um historische Gotteshäuser ging. Nicht fast, wie es im Titel dieses Buches heißt, sondern ganz vergessen ist, dass das Baugeschehen auf dem sakralen Sektor mit radikalen Abrissen begann. So dürfte kaum einem heutigen Frankfurter bewusst sein, dass er beim Flanieren längs der Berliner Straße auf der Höhe des Kornmarkts über die unter Asphalt begrabenen Grundmauern der Deutsch-Reformierten Kirche schlendert. 1792 wurde der imposante, eher einem Palais als einem Gotteshaus gleichende Monumentalbau von den Baumeistern G.F. Mack und Sohn in nobelstem Louis Seize-Stil errichtet. 1944 ausgebrannt, musste er 1951 der neuen Ost-West-Achse weichen. Die Französisch-Reformierte Kirche am Goetheplatz, von denselben Architekten zur selben Zeit in gleichartig noblen Formen erbaut, fiel 1951 zugunsten neuer Geschäftshäuser. Es war dasselbe Jahr, in dem an der unteren Fahrgasse die ausgebrannte gotische Bernhardskapelle gesprengt wurde, um Platz für einen Wohnblock der sogenannten Neuen Altstadt zu schaffen.

Der herbste Verlust eines historischen Gotteshauses markiert zugleich das Entstehen einer der beeindruckendsten modernen Innenstadtkirchen Frankfurts: Die gotische Weißfrauenkirche, eine 1248 entstandene Klosterkirche, hatte 1944 nur leichte Schäden erlitten und war bereits 1947 gesichert worden. Als sie trotzdem im März 1953 samt der Grabkapelle der noch heute berühmten Frankfurter Patrizierfamilie Holzhausen der neuen Berliner Straße weichen musste, stand bereits fest, dass sie im Bahnhofsviertel als moderner Kirchenbau wiedererstehen sollte.

1956 wurde die neue Weißfrauenkirche an der Gutleutstraße eingeweiht. Ihr Architekt Werner W. Neumann hatte sich bereitgefunden, einige Epitaphien der gesprengten Vorgängerkirche an der westlichen Schauseite seines Neubaus als Erinnerungszeichen zu integrieren. Im Übrigen aber erinnerte nichts an die Geschichte. Neumann, begeisterter Anhänger der expressionistischen Malerei und in Dresden, der Stadt der Brücke-Maler, während der Zwanzigerjahre zum Architekten ausgebildet, gestaltete sie als Hommage an die Kunstideale seiner Jugend – und den neuen, um Offenheit und Gemeinschaft bemühten klerikalen Geist. Inspiriert auch von den pathetischen Kirchenbauten Dominikus Böhms, schuf Neumann ein Gotteshaus, das ganz auf Frankfurts Zukunft als Stadt der Moderne setzte. Einer internationalen Moderne, denn die mit hell ockerfarbenem Travertin verkleidete, von dunkleren Vertikalstreifen lebhaft rhythmisierte Südwand der Kirche ist unverkennbar geprägt von Bauten des italienischen Rationalismo der Zwanziger- und Dreißigerjahre, der seinerseits auf Vorbilder der Frührenaissance aber auch der Spätantike zurückgegriffen hatte. So setzte der Architekt durchaus auch historische Akzente, aber solche, die auf die europaweite uralte Tradition des Christentums verwiesen und bedingungslos auf regionale historische Bezüge verzichteten.

Italien klingt gleichfalls im Campanile der Weißfrauenkirche an. Als federnd graziler und doch gleichsam athletischer Vierkant geformt, unterteilt in sieben luftig vergitterte Ebenen, erinnert er an die Architekturvisionen Sant’Elias. Unterscheidet sich dieser Kirchenbau schon darin deutlich von den neogotischen Vorlieben des Expressionismus, wie sie etwa die Gebrüder Rummel bei St. Joseph in Frankfurt-Bornheim und Martin Weber bei St. Bonifatius in Sachsenhausen angewandt haben, so ist der ausgreifende Baldachin, der sich vom Haupteingang bis weit in den Straßenraum spannt, eine charakteristische Schöpfung der Fünfzigerjahre. Größtenteils auf bleistiftdünnen hohen Rundstützen ruhend, die Unterseite in Jochunterteilung einwärts gewölbt und die Schmalseiten als Wellenband ausgeführt, hält dieses Gebilde die Schwebe zwischen den damals beliebten, von Frank Lloyd Wright übernommenen Pilzstützenensembles und dem schwungvollen „New Look“ der Adenauer-Ära.

Auch der Innenraum brach mit Gewohntem. Neumann hatte ihn als großzügige antihierarchische Halle entworfen, frei nach allen Seiten, mit einem Fußboden aus noblen, unregelmäßig geformten Solnhofener Platten und umringt von Rundfenstern mit kräftig bunt leuchtenden Scheiben. Das markanteste Gestaltungselement aber hält, ähnlich wie in Scheinpflugs Heiliggeistkirche, die Schwebe zwischen Einst und Jetzt, geschichtlichem Beharren und modernem Aufbruch: Träger, so grazil wie Zeltstangen und so stabil wie Beton, gliedern die Umfassungswände und gehen stumpfwinklig über in die schräg aufwärts gleitende Decke, wo sie ein Rautennetz formen, das die Aura spätgotischer Sterngewölbe aussendet.
Mit dieser Architekturkomposition war der Verlust des Denkmals nicht ausgemerzt, aber wettgemacht. Und mit den internationalen Zügen der neuen Weißfrauenkirche war der Stolz Gestalt geworden, mit dem Frankfurt damals noch seinen 1945 geprägten Zweitnamen „Chicago am Main“ trug.

1947, als sich regelmäßig GIs an der späteren Friedensbrücke vor einem provisorischen Schild mit eben diesem Titel fotografieren ließen, zeichneten Rudolf Schwarz, Johannes Krahn, Gottlob Schaupp und Karl Wimmenauer an den Plänen für den Wiederaufbau der Frankfurter Paulskirche. Dass sie als „Wiege der deutschen Demokratie“ wiedererstehen sollte, war beschlossene Sache. Ob sie auch erneut als Gotteshaus dienen würde, überließ man der Zukunft. Trotzdem ist es bemerkenswert, dass die erste große Bauaufgabe, die man im völlig zertrümmerten Stadtkern bewältigte, der umfassende Wiederaufbau einer Kirche war. Schwarz und seine Kollegen gestalteten den Bau bekanntlich als faszinierende Mischung aus Mahnmal und Neubau, Ruinenästhetik und modernem Pathos. In diesem von hohen Bogenfenstern umringten, ornamentfreien, weiß leuchtenden Rund von „solch nüchterner Strenge“, so erläuterte später Rudolf Schwarz, „sollte kein unwahres Wort möglich sein“.

Das Trauma, die Reue und der Schmerz, die das „Dritte Reich“ und der Zweite Weltkrieg den Deutschen hinterlassen hatten, waren nicht nur geistige Fundamente und Gestaltungsmodi der wiederaufgebauten Paulskirche. Sie prägten auch die ganze erste Generation der Kirchenneubauten in Frankfurt. Ein Kronzeuge dafür ist die Matthäuskirche. Vergleicht man ihre 1953 von Ernst Görcke geschaffene Gestalt mit dem überbordenden, aus Jugendstil, englischer Neogotik und Neobarock gemischten Stil des Jahres 1903, mutet sie geradezu selbstquälerisch an. Ohne jeden Zierrat setzte Görcke einen längsrechteckigen, von schmalen Fensterbahnen sparsamst durchbrochenen Baukörper auf das erhaltene, aber radikal „entornamentierte“ Erdgeschoss des Altbaus und setzte ihm anstatt der malerisch zerklüfteten vorherigen Dachlandschaft ein quasi kahlgefegtes steiles Satteldach auf. Und wie in einem symbolischen Akt der Selbstkasteiung kappte der Architekt die unzerstörte, in malerische Spitzgiebel und Schieferhauben zerklüftete obere Hälfte des Turms, um sie durch einen kahlen, von senkrechten Fensterschlitzen perforierten Vierkant mit einem schlichten monumentalen Goldkreuz zu ersetzen.

„Gebaute Reue“ könnte man die Matthäuskirche heute nennen. Was in ihr die gesamte Erscheinung durchdringt, milderte sich kurz darauf in den vielen anderen Kirchenneubauten der Stadt zu einem Wesensmerkmal unter vielen. Aber auch diese wurzeln in den mentalen Verheerungen, die die Verbrechen des Naziregimes und der Zweite Weltkrieg im allgemeinen Bewusstsein angerichtet hatten: Zugespitzt formuliert, suchten die Deutschen Trost, Zuflucht und Vergebung in den Kirchen beider Konfessionen, so wie umgekehrt die kirchlichen Institutionen sich eingedenk des Versagens nicht weniger ihrer Mitglieder einer neuen, im weitesten Sinne demokratischen und liberalen Geisteshaltung zuwandten. Die Kirchenarchitektur antwortete darauf mit neuen Formen, die – häufig erfolgreich – nach einer Synthese aus Tradition und Moderne suchten, geschichtsträchtige Archetypen mit signalhaft neuen Motiven und Materialien verbanden.

Für zwei damals besonders oft angewandte Archetypen, im Sinne des Kunsthistorikers kann man sie auch Pathosformeln nennen, bietet Frankfurt einige besonders markante Beispiele – die Arche und das Zelt. Beide, die Arche als Fluchtort der Menschen, die die Sintflut als Strafgericht Gottes überlebten, und das Bundeszelt als mobiler Tempel während der vierzigjährigen Wanderung ins Gelobte Land, sind alttestamentarische Symbole für Rettung und Aufbruch.
Das bergende Moment der Arche, das Versprechen auf einen neuen Bund und eine bessere Zukunft strahlt beispielsweise die Kirche Allerheiligen (1953) von Alois Giefer und Hermann Mäckler aus. Ihre Großform lässt unweigerlich an einen beruhigend behäbigen Schiffsbug denken, ihr Grundriss zeichnet, erleb- oder zumindest erahnbar im Innenraum, den Umriss eines Engels mit geöffneten Flügeln nach. Auf den ersten Blick als moderner Rückgriff auf das Bundeszelt Mose erkennbar, ist die Kirche St. Michael von Rudolf Schwarz und Karl Wimmenauer (1954). Landhauswände und Chor gleichen mit ihren regelmäßigen längsrechteckigen Abschnitten in strahlendem Weiß straff gespannten Zeltbahnen. Ebenso die Decke, die, wie so oft damals, von dünnlinigen Rauten unterteilt wird.

Klug und mutig wie diese Moderne, die jahrtausendealte Motive in die Gegenwart hinüberrettete, war der Entschluss, beim Kirchenbau sowohl traditionelle als auch moderne Baustoffe anzuwenden und zu kombinieren. Gewagt war dies auch deshalb, weil ein Großteil der Wiederaufbaumaßnahmen, insbesondere der Wohnungsbau, sich im Äußeren ostentativ bescheiden und unaufwendig darbot: Umgeben oft von extrem schlichten, kostengünstig verputzten Mietszeilen und Ladenbauten, hoben sich die neuen Kirchen mit sorgsam verfugten Natursteinmauern, leuchtenden Ziegelwänden und glatt gestrichenem Qualitätsbeton deutlich vom Durchschnitt ab, strahlten Dignität und Erlesenheit aus.

So zum Beispiel Johannes Krahns St. Wendel (1957) am Sachsenhäuser Berg. Ein suggestiver Abglanz spätantiker einschiffiger Basiliken, zeigt sich das Gotteshaus als Lichtgebilde, das von steinernen, aus wunderbar unregelmäßigen Bruchsteinen geformten Paravents auf Rundstützen umgrenzt ist. Selbst die damaligen neuen Geschäftshäuser und Banken der Zeil, der Kaiserstraße und der Taunusanlage hatten selten derart aufwendige Steinverarbeitung und Glasflächen aufzuweisen.
Einmal auf diesem Weg, blieb Frankfurts Kirchenbau zwar wachsam, aber offen für die stilistische Weiterentwicklung der Moderne. Als das allgemeine Bauen sich während der Sechzigerjahre dem heute sogenannten Betonbrutalismus zuwandte, zog man mit: Beim Bau von St. Ignatius (1965) im Westend entwarf Gottfried Böhm ein reines Betongebilde, dem er dank seiner heute längst legendären Expressivität die bewegten Umrisse eines Kristalls verlieh, neben dem wie ein geschliffener Stalagmit oder ein graziler flämischer Belfried der Kirchturm zum Himmel schnellt.

Werner W. Neumann, der Architekt der Weißfrauenkirche, bekehrte sich 1967 beim Bau der Kirche der Dietrich-Bonhoeffer-Gemeinde in der neuen Nordweststadt zum Betonbrutalismus. Und doch verriet er seine früheren Ideale nicht, denn der monumentale Kubus Neumanns ist ringsum von vertikalen Schraffuren durchzogen, deren kraftvolle Struktur an die Mauerwerke sumerischer Zikkurate und altägyptischer Tempeleinfriedungen erinnert. So wird selbst auf dem Zenit moderner Abstraktheit der Kirchenbau eingebunden in eine bis in die fernste Vergangenheit reichende Tradition.

So bietet denn das Panorama der nach 1945 in Frankfurt entstandenen Kirchen eine eindrucksvolle, fast überwältigende Fülle an hochrangiger Architektur, die die jeweiligen Stiltendenzen auf hohem Niveau vertritt. Man muss weder Katholik noch Protestant, ja nicht einmal Christ sein, um doch die Faszination dieser Bauwerke zu erkennen und zu schätzen – sie verkörpern oft das Beste, was das Bauen im Deutschland der Fünfziger- und Sechzigerjahre zu leisten imstande war.

Es liegt im Wesen der Institution Kirche, dass man sich in all den Jahren von sämtlichen Eskapaden der um ihren Ausdruck ringenden Moderne in Deutschland fernhielt und stattdessen einen Zwischenweg wählte, der sich im Rückblick als geradezu salomonisch erweist – nahezu alle Nachkriegskirchen Frankfurts haben sich über die Jahrzehnte hinweg als architektonische Glanzlichter der Stadt und der Republik bewährt. Und es ist vielleicht der ehrendste Beweis ihrer Qualität, dass die 1960 entstandene Dornbusch-Kirche, die 2004 wegen Baufälligkeit und Übergröße abgerissen werden sollte, dank eines Gegenentwurfs des Architekturbüros Meixner Schlüter Wendt, das von der Qualität des Gebäudes überzeugt war, gerettet werden konnte: Das Trio brach zwei Drittel des Kirchenschiffs ab, zitierte dessen bedeutendste Bauteile wie Empore und Kanzel in einem abstrakt anmutenden suggestiven Relief an der neuen Schaufront und stellte den verbliebenen Chorraum einfühlsam wieder her. Der späte Lohn für diesen respektvollen Umgang mit dem Altbau: Auf der 13. Architekturbiennale in Venedig ist Frankfurts Dornbusch-Kirche nun eine der Attraktionen und Kronzeuge für die internationalen Forderungen nach verantwortungsbewusstem Bauen.

In Frankfurt, dieser schnelllebigen Banken- und Handelsmetropole, die sich baulich unentwegt wandelt, grenzt es an ein Wunder, dass die Kirchenbauten der Nachkriegszeit der hiesigen Wegwerfmentalität widerstanden haben und noch immer in derartiger Fülle vorhanden sind. Auch und gerade dies spricht für ihre herausragende Qualität, die in diesem Buch ausführlich und an zahlreichen Einzelbeispielen dargelegt wird. Freilich – es ist dringend an der Zeit, dass dies geschieht. Denn tatsächlich sind diese Bauwerke, die zum Besten der Nachkriegsarchitektur zählen, weitgehend vergessen, beziehungsweise bisher unbeachtet geblieben. Mag sein, dass ihre phänomenale Alltagstauglichkeit dazu beigetragen hat – wer sich täglich oder wöchentlich in einem Gebäude wohl und geborgen fühlt, vergisst oft dessen Schönheit oder hält sie zumindest für selbstverständlich. Doch Gleichgültigkeit ist der erste Schritt in Richtung Verlust.

Die Zeichen dafür mehren sich: Vor einigen Jahren kursierten Vorschläge, die vermeintlich unansehnlichen Betonkirchen Frankfurts, deren Substanz enorm gelitten hat, abzureißen und durch „zeitgemäße“ Neubauten zu ersetzen. Frisch im Gedächtnis sind noch die Unruhen um die Matthäuskirche, die die evangelische Landeskirche aus Finanznot gewinnbringend an Investoren veräußern und zugunsten eines Hochhauses abreißen lassen wollte. Und auch die eben erwähnte Dornbusch-Kirche wurde nur durch die selbstlose Begeisterung feinsinniger Architekten gerettet – die Gemeinde war anfangs entschlossen, das Bauwerk abzureißen.

„Dem Ewigen anvertraut“ stand über dem Portal der 1950 gesprengten Französisch-Reformierten Kirche zu lesen. Das aufbauwillige Frankfurt von einst hat diese Botschaft nicht sehen wollen. Doch das heutige sollte sie im Blick auf seine Nachkriegskirchen beherzigen.

Vorwort zu: Einst gelobt und fast vergessen. Moderne Kirchen in Frankfurt a. M. 1948–1973

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erstellt am 23.4.2013

St. Michael (1953 von Rudolf Schwarz), die Allerheiligenkirche (1953 von Giefer & Mäckler) sowie St. Wendel (1957 von Johannes Krahn) wurden als erste Kirchenbauten der Fünfzigerjahre in Frankfurt unter Denkmalschutz gestellt.

St. Michael
Foto: Götz Diergarten

Die blaue Decke in St. Michael
Foto: Götz Diergarten

St. Wedel. Die Verbindung von Bruchstein mit Beton und Glas als Kombination von Schwere und Leichtigkeit ist hier besonders gelungen.
Foto: Götz Diergarten

Die Treppenspirale in St.Wendel
Foto: Götz Diergarten

Allerheiligenkirche
Foto: Jörg Steck

Allerheiligenkirche
Foto: Jörg Steck

St. Ignatius
Foto: Jörg Steck

Wartburg
Foto: Ralf Brück

Gethsemane
Foto: Jörg Steck

Gutleut
Foto: Götz Diergarten

Cover

Deutscher Werkbund Hessen,
Wilhelm E. Opatz (Hrsg.)
Einst gelobt und fast vergessen
Moderne Kirchen in Frankfurt a. M. 1948–1973
192 Seiten, über 110 Abbildungen,
Leinenband mit Schutzumschlag,
ISBN 978-3-7212-0842-9

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