Spätestens seit Nietzsches berühmtem Diktum, dass Gott tot sei, haben Beunruhigung und Zweifel das Verhältnis des Menschen zu Gott beeinflusst – zerstört ist dieses Verhältnis bis heute nicht, auch wenn die postsekulare Gesellschaft die Funktion der Religion eher im Sozialen als im Existentiellen zu verorten scheint. Aber ganz ohne Gott drohe die Banalität, so der ZEIT-Redakteur Jan Roß. In seinem Buch, dessen stark gekürzte Einleitung Faust-Kultur hier abdruckt, erklärt Roß, dass Gott gebraucht wird, um eine angemessene Menschlichkeit, um das Menschsein zu sichern.

Einleitung

Die gottlose Gesellschaft

Von Jan Roß

Was weiß ich schon von Gott? Gott kann für sich selbst sorgen. Es ist der Mensch, um den es in diesem Buch geht. Nicht für Gott, für den Menschen ist die Religion da – um ihn frei, reich, tief, groß zu machen: menschlich. Dass der Mensch zu dieser Menschlichkeit die Religion braucht oder wenigstens sehr, sehr gut brauchen kann, das ist die These, die plausibel werden soll. Gott ist die Garantie der Humanität. Die gottlose Gesellschaft ist bedroht von Unmenschlichkeit.

Religion führt in unserer Gesellschaft eine aschenputtelhafte Existenz. … Die Religion hat keinen Platz im normalen Sprechen und Leben unserer Zeit. Die immer noch imponierende offizielle Stellung der Kirchen in unserem Land, mit Milliarden an Steuereinnahmen, staatlichem Religionsunterricht und garantierter Vertretung in den Aufsichtsgremien der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, ändert daran nichts. Es geht um kulturelle Marginalisierung. Kann ein Regisseur, der auf sich hält, die Gebetsszenen, Priesterauftritte, Heiligen Messen und frommen Bekenntnisse, von denen die Theater- und Opernliteratur voll ist, anders als ironisch, verzerrt, verfremdet auf die Bühne bringen? Wer kommt mit weniger Hänseleien und Einsamkeitsgefühlen durch die Schule – ein Kind, das einen «Kinderglauben» hat, oder eines, dem das alles von Anfang an und schon vom Elternhaus her als bloßer Märchenkram wie Weihnachtsmann und Osterhase gilt? Als Tony Blair britischer Regierungschef war, legten seine Berater großen Wert darauf, dass seine sonntäglichen Kirchgänge nicht von Fernsehteams gefilmt wurden. Das war kein Ausdruck von Bescheidenheit oder Diskretion, sondern nackte Angst: Glaubensakte in einem religionsfernen Land können Wähler vertreiben. Die private Frömmigkeit des Premierministers Ihrer Majestät wurde behandelt wie ein Laster oder eine Behinderung, die man vor den Augen der Öffentlichkeit verbergen musste.

Die neue Abneigung gegen die Religion ist nicht chauvinistisch. Sie richtet sich tendenziell gegen alle Glaubensrichtungen – gegen das Kreuz im Klassenzimmer genauso wie gegen das Kopftuch der muslimischen Lehrerin; beim Beschneidungsstreit geriet auch das Judentum ins Visier. Die Islamophobie mag die stärkste, politisch brisanteste Form des Widerwillens gegen eine Glaubensgemeinschaft sein, aber letztlich ist sie nur der Spezialfall einer allgemeinen Religionsphobie. Religiöse Erscheinungen stoßen auf generelles Unverständnis, die «eigene», christliche Überlieferung nicht ausgenommen. Dass die Amerikaner allen Ernstes massenhaft in die Kirche gehen, davor steht der normale Europäer kaum weniger fassungslos als vor der Tatsache, dass man in Saudi-Arabien kein Bier kaufen kann. Wir leben nicht nur in einer Gesellschaft mit wachsender Religionsfeindschaft. Wir steuern auf eine Kultur des religiösen Analphabetismus zu.

Mit der verbreiteten Art, die Religion beiseitezuschieben, ist ein Verlust verbunden. Es wird dadurch eine Welt von Haltungen und Ideen mitgetroffen, die selbst gar nicht im engeren Sinne religiös sind, aber zum Glauben in einer schwer zu fassenden, doch noch schwerer zu leugnenden Beziehung stehen.

In der Religion hat die Menschheit zuerst das Bedürfnis erlebt und erfüllt bekommen, über sich hinauszuwachsen. Hier hat sie angefangen, die großen Fragen zu stellen: nach Tod und Unsterblichkeit, nach Schuld und Vergebung, nach dem Universum. Seit Urzeiten und überall auf der Welt opfert der Mensch seinen Göttern, baut Altäre und Tempel, empfindet Scheu vor dem Heiligen. Religion gehört zum Kernbestand des Humanen und des Zivilisationsprozesses, sie ist eine Errungenschaft wie der aufrechte Gang, der Gebrauch von Feuer und Werkzeug, wie Sprache, Schrift und kulturelles Gedächtnis. Das sorgenvolle oder dankbare Aufblicken zum Himmel, das Ausgreifen nach dem Höheren ist dem Menschenwesen eigen, seit es gattungsgeschichtlich die Augen aufgeschlagen hat. Als Tier, das über das Wort verfügt, hat die griechische Philosophie den Menschen definiert; man könnte ihn mit ebenso viel Recht das Tier nennen, das betet.

Das ruhelose «Warum?», das Wissenschaft und Philosophie umtreibt, ist am frühesten in der Religion in Erscheinung getreten, und wo immer es bis an die äußerste Grenze getrieben wird, erreicht es wieder religiöse Dimensionen. Von den mathematischen Modellen der Urknall-Forscher führt eine lange, verwickelte, aber niemals abreißende Linie zurück zu den Schöpfungsmythen in der Morgendämmerung der Geschichte, zu den Welteschen, Sintfluten und aus verschütteter Göttermilch entstandenen Sternensystemen – hier wie dort geht es ums Ganze, um die letzten Antworten, um den Ursprung der Dinge. Der Mensch als moralisches Wesen, als Problem, mit dem er selbst nicht fertigwird, hat sich im Konflikt mit den Himmelsmächten entdeckt und entwickelt, beim Sündenfall im Paradies, als der Genuss des verbotenen Apfels Adam und Eva die Erkenntnis des Guten und Bösen brachte; auf dem Sinai, wo Mose von Jahwe die Zehn Gebote erhielt. Noch in den strikt atheistischen Weltanschauungen der Moderne bleibt die Auseinandersetzung mit dem Glauben als maßstabsetzendem Feindbild spürbar, als Goldstandard der Intensität – es sind Antireligionen und Ersatzreligionen, mit Darwin, Marx oder Freud als Propheten und Kultstiftern. Der Verzicht auf die Suche nach dem Absoluten, eine Welt ohne große Wahrheitsansprüche und religiöse Leidenschaften wäre nicht menschenwürdig. Sie wäre der Triumph der Banalität.
Die gesamte Sprache und Gedankenwelt, mit der sich der Mensch dem Großen, Ganzen und Guten zuwendet, ist von Grund auf religiös durchwachsen und durchtränkt. Religion kann die Wirklichkeit kathedralenartig überwölben und überhöhen, aber auch umstürzlerisch über sie hinausdrängen; sie hat Herrscher gesalbt – und Revolutionen beflügelt. Religion ist Fest – und Alternative. Wir haben uns angewöhnt, in ihr eine niederdrückende und bevormundende Kraft zu sehen, eine Instanz der Denkblockaden und Moralvorschriften. Der Fall Galilei und das Verbot der Pille sind die Muster. Die Enge im Namen des Glaubens gibt es, genauso wie es den Terror im Namen des Glaubens gibt, und beide sind schrecklich. Aber in ihrem Wesen, als menschliches Grundbedürfnis, ist Religion nicht Beschränktheit, sondern Weite. Wer den Vorstellungsballast einer verspießerten Frömmigkeit abwirft, kann einem außer Kurs gekommenen, im Grunde unbenutzbar gewordenen Wort wie «Jenseits» dieses schöne metaphysische Fernweh ablauschen. Die Philosophen nennen es Transzendenz – das Überschreiten.

Die Religionsfragen sind so mit Phrasenmüll zugeschüttet, mit lauter Nebensachen und Sekundärproblemen, dass man erst einmal die Substanz wieder freilegen muss: dass der Glaube ein Urphänomen der Menschheitsgeschichte ist, dass er tief in die Seele des Einzelnen hineinreicht, dass er durch tausend Fäden mit den großen Zusammenhängen unserer Kultur verbunden ist. Davon besteht im Augenblick kaum ein Bewusstsein, umso mehr dafür begegnet man kirchlicher und antikirchlicher Vereinsmeierei. … Die Schlüsselwörter eines ernstzunehmenden Religionsgesprächs lauten nicht «Zölibat», «Deutsche Bischofskonferenz» oder «lateinische Messe», sondern «Sünde», «Gott» und «Ewigkeit». Nur von den großen Glaubensfragen her gewinnt das Kirchliche und Kirchenpolitische seinen Sinn, sonst wird es leer und öde, ganz gleich, ob es mit orthodoxer oder «kritischer» Tendenz betrieben wird.
In seiner schlichtesten und grundsätzlichsten Form lässt sich der Streit um den Glauben auf die Frage nach Blindheit und Sehen bringen. Der Religionskritik gilt die Religion als Phänomen der Verblendung. Der Blick des Gläubigen ist getrübt, er hält Phantasien (wie Wunder) für die Wirklichkeit, er ist benebelt vom Fanatismus, den ihm der Ausschließlichkeitsanspruch seines Gottes eingibt. Ob Priesterbetrug, Opium des Volkes oder illusionäre Wunschvorstellung: Religion ist Verlust des Realitätssinns, und man muss sich von ihr befreien, um die Dinge endlich wahrzunehmen, wie sie sind.

Die Gegenthese lautet: Der Glaube sieht nicht weniger, sondern mehr. Es ist mit ihm wie mit der Liebe. Auch von ihr heißt es, dass sie blind macht, und in gewisser Weise trifft das zu. Doch letztlich, in einem tieferen Sinne, ist es umgekehrt: Die Liebe macht sehend, sie entdeckt, was der Gleichgültigkeit ewig verborgen bleibt; nur dem liebevollen Blick enthüllt sich das Wesen des Menschen. Die Liebe kann sich täuschen, aber die Lieblosigkeit ist die viel fundamentalere Unwahrheit: eine Welt ohne Licht, seelische Finsternis. So wäre auch die Religion in ihrem Kern kein Weniger-, sondern ein Mehr-Sehen, eine Offenheit für Überraschung und Geheimnis, ein komplexerer Begriff von Wirklichkeit.

Auszug aus: Jan Roß, «Die Verteidigung des Menschen. Warum Gott gebraucht wird», Copyright © 2012 Rowohlt Berlin Verlag GmbH, Berlin

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erstellt am 23.4.2013

Jan Roß
Die Verteidigung des Menschen
Warum Gott gebraucht wird
Rowohlt Berlin Verlag GmbH, Berlin 2012
ISBN 978-3-87134-722-1, 224 Seiten

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