Seine Villa in Gardone Riviera gehört zu den Attraktionen des Gardasees. Gabriele D’Annunzio, Principe di Montenevoso, war ein italienischer Symbolist, Dramatiker, Kriegshasardeur und Frauenheld. In Italien sind seine Verse in den Sprachschatz übergegangen; und nun, nach Erscheinen des zweisprachigen Alcyone, können auch wir den Dichter D’Annunzio entdecken. Bernd Leukert empfiehlt das Werk allen, die gute Dichtung schätzen.

Gabriele D’Annunzios 150. Geburtstag

Der Sang der Zikaden

Gabriele D’Annunzios »Alcyone«

Von Bernd Leukert

Alcyone? Das ist der Sonnenversammlung der Plejaden, die im Deutschen ‚Siebengestirn’ heißen, hellster Stern. Die Griechen glaubten, dass die sieben nymphischen Töchter des Titanen Atlas und seiner Frau Plejone vom urmythischen Jäger Orion verfolgt wurden, woraufhin sie von Zeus an den Himmel versetzt wurden, wo sie auch weiterhin vom benachbarten Orion verfolgt werden. Im sicheren Abstand von 369 Lichtjahren veröffentlichte Gabriele D’Annunzio seinen Gedichtzyklus „Alcyone“, das dritte der auf sieben Bücher angelegte Plejaden-Werke Laudi del cielo, del mare, della terra e degli eroi, Lobgesänge des Himmels, des Meeres, der Erde und der Helden. Tatsächlich hat er es auf fünf gebracht.

Gabriele D’Annunzio? Ist das nicht ein Mensch, der einen guten Deutschen vor die Entscheidung zwischen Ignoranz und Ablehnung stellt? Ein Dichter des Ästhetizismus, dessen pathetisch überladene Werke unser prosaisches Wohlwollen auf eine zu harte Probe stellt? Hat er nicht auch Reklame für den Likör „Amaretto di Saronno“ gemacht? War er nicht auch Kriegshetzer, ein Frauenverschwender und fast ein Faschist? Das sind alles gute Argumente, um jemanden vom Lesen abzubringen. Und man könnte überdies noch hinzufügen, dass seine Dichtung von alldem nicht unberührt blieb.

Gabriele D’Annunzio wurde in eine Zeit hineingeboren, in der die Menschen offenbar noch an das Heroische, das in Stammesgesellschaften wichtig war, glaubten. Der Sohn eines reichen Landbesitzers und Bürgermeisters wurde in Pescara geboren, studierte in Florenz und Rom, veröffentlichte als 16-jähriger Schüler seinen ersten Gedichtband Primo vere, arbeitete in Rom als Journalist für die Tribuna, verkehrte in aristokratischen Kreisen, machte sich mit dem Gedichtband Canto novo als elitärer Sprachschöpfer bekannt und heiratete 1883 – da war er zwanzig – die schöne Gräfin Maria Hardouin di Gallese. Er veröffentlicht Romane und Dramen (seine Geliebte, Eleonora Duse, machte einige davon als Schauspielerin bekannt), arbeitet auch mit Komponisten an Opernstoffen.

Dann tritt er als politischer Redner auf, wird 1897 Abgeordneter der Konservativen, stimmt 1900 aber für die extreme Linke. Er setzt sich für den Eintritt Italiens in den Ersten Weltkrieg ein und wirft in einer spektakulären Aktion über Wien, der Hauptstadt des Kriegsgegners, massenhaft Flugblätter ab. Eigenmächtig besetzt er nach Waffenstillstand und Kriegsende mit Armeesoldaten und Freischärlern die Stadt Fiume (heute Rijeka in Kroatien) und lässt dort seine gesellschaftspolitischen Ideen Realität werden. 1920 muss er diesen anarchistisch-präfaschistischen Stadtstaat verlassen und zieht in eine beschlagnahmte Villa bei Gardone Rivieria am Gardasee. Tatsächlich ist er ein politischer Gegner Benito Mussolinis und erwartet 1922 vom König den Auftrag zur Regierungsbildung. Andererseits befürwortet er die kriegerische Landnahme der Faschisten in Afrika. 1924 schlagen die Faschisten vor, ihn zu adeln. So erhält er vom König den Titel „Principe di Montenevoso“. 1938 stirbt er in seiner Villa. Er gilt als einer der größten Dichter Italiens.

1903, als die erste Tour de France stattfand und die Gebrüder Wright den ersten Motorflug durchführten, als Theodor Wiesengrund (Adorno) in der Frankfurter Schönen Aussicht geboren und der 20-jährige Benito Mussolini in der Schweiz als notorischer marxistischer Unruhestörer aktenkundig wurde, hatte D’Annunzio Alcyone veröffentlicht. Das sind 88, den franziskanischen Laudes nachempfundene Gesänge, in deren Pracht zu versinken keine Schande sein kann. Denn darin hat der Autor nicht nur ein komplex durchkomponiertes Konzeptalbum geschaffen, sondern mit jedem Gesang Erprobtes verlassen und Neues gewagt. Das ist aber überraschenderweise nicht mit dem schweren Parfum des Fin de siècle getränkt, sondern es wird ein großer Bogen von der jugendlichen Heldenbegeisterung über antikisierende Schäferstücke, lautmalerische Naturkompositionen, feinsinnige Allegorien und epische Szenen bis zur naturalistischen Schilderung einer Ziegenschlachtung aufgeschlagen. Alcyone gehört sicher zu den schönsten Kunstwerken italienischer Dichtung.

Im Nachwort von Geraldine Gabor und Ernst-Jürgen Dreyer ist unter anderem die komplexe Struktur des Alcyone-Zyklus’ beschrieben, die von Symmetrie und dramaturgischen Geschick bestimmt ist. So ist sie strategischer Teil des Inhalts, der oft mediterranen Mythen folgt, die miteinander montiert sind, vor allem aber voller Natur ist. Die Sachzeile des Titels Lobgesänge des Himmels, des Meeres, der Erde und der Helden kann man getrost ernst nehmen. Da werden Fauna und Flora besungen; Tiere, Bäume, Blumen – wie oft die Asphodelen! – treten einem vor Augen, detailliert beschrieben und treffend charakterisiert. Landschaften breiten sich aus, und immer wieder, in seiner wandelbaren Gestalt, das salzige Meer. Die Bildkraft der rhythmisierten, lautkolorierenden Sequenzen, mit denen die Gluthitze und die Wildheit des Sommers sich mitteilen, sind Spektakel und Musik zugleich. Man beginnt beim Lesen, Land und Küste der Toskana zu riechen, zu schmecken und die Souveränität zu bewundern, mit der diese Oden, Sonette, Madrigale, Balladen und Blankverse im Italienischen daherkommen.

Da die zweisprachige Ausgabe den Vergleich erlaubt, stellt sich, wie immer, die Frage, warum dies und das im Deutschen fehlt, was doch im Original ausformuliert ist, und umgekehrt, warum die Übersetzung eindeutig ist, wo D’Annunzio allgemein oder ambivalent blieb; oder, wenn es um altitalienische Anleihen geht, warum sich das deutsch nicht so recht abbilden will. Wer sich aber daran macht, Alternativen zu suchen, merkt bald, wie ihm beim Versuch, Gestus und Gestimmtheit der Verse mit dem Deutschen aufzufangen, die eigene Sprache quer im Munde steckt. Da gibt es keinen Königsweg, sondern oft nur Kompromisse, zuweilen kongeniale, manchmal gelahrte Lösungen. Insgesamt aber kann man glücklich sein mit dieser Übertragung. Sie schmiegt sich, wo es geht, dem Original an und bringt doch mehr zum Klingen, als man erwarten durfte: Odi? La pioggia cade/ su la solitaria/ verdura/ con un crepitìo che dura/ e varia nell’aria/ secondo le fronde/ più rade, men rade./ Ascolta. Risponde/ al pianto il canto/ delle cicale/ che il pianto australe/ non impaura, né il ciel cinerino.
Hörst Du? Der Regen fällt/auf die dürren Pflanzen/ mit einem Tanzen/ das währt/ und sich mehrt und leert,/ wie das Laub es erlaubt,/ wie das schüttre ihn hält./ Horch: Antwort beut/ dem Weinen der Sang/ der Zikade/ die vom südlichen Bade/ nicht scheut/ noch vor aschenen Himmels Linie.

Dass der Berliner Elfenbein Verlag zum 150. Geburtstag des Dichters, dessen knallige Biographie selbst seine großartigsten Dichtungen stets verdunkelte, den Alcyone (110 Jahre nach der Erstveröffentlichung) herausbrachte, ist mutig und von einem Enthusiasmus getragen, den die Dichtung verdient.

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erstellt am 21.4.2013

Gabriele D'Annunzio
Alcyone
Gedichte.
Italienisch – Deutsch
Kommentar v. Geraldine Gabor u. Ernst-Jürgen Dreyer.
Übersetzung v. Hans Krieg

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