Vor kurzem wurde Bombay S. Jayashri für das Wiegenlied, das sie im Film »Schiffbruch mit Tiger« sang, für einen Oscar nominiert und damit weltweit bekannt. In Indien wird die Sängerin als eine herausragende Interpretin der klassischen, südindischen Musik geschätzt. Im Gegensatz zur westlichen Musik trennt man in Indien nicht so streng religiöse, volkstümliche und klassische Musik. Der Interpret klassischer Musik schöpft durchaus aus dem Melodienreichtum und der rhythmischen Vielfalt anderer Genres. Als Bombay S. Jayashri noch längst nicht oscarverdächtig war, sang sie einmal in Frankfurt, wo Clair Lüdenbach sie zum Gespräch einlud.

Gespräch mit Bombay S. Jayashri

Imagination und Mathematik

Wie wurden Sie Sängerin?

Meine Eltern waren Musiklehrer, und meine Großeltern lebten in einem südindischen Dorf und unterrichteten Musik in den Tempeln. So wuchs ich auf, indem ich meinen Eltern, während sie lehrten, zuhörte. Sie lehrten fast den ganzen Tag. Ich wurde in Bombay groß. Nachdem ich mit meinem Studium fertig war, kam ich für eine Aufführung nach Madras, da war ich ungefähr 24 Jahre. In Madras gibt es die Tradition, dass man den Namen seines Dorfes annimmt, wie zum Beispiel Lalgudi Jayaraman. In meinem Fall gab man mir den Namen Bombay, weil ich dort aufgewachsen bin.

Bombay ist eine musikalische Grenzstadt, dort gibt es nord- und südindische Musiker.

Bombay ist vor allem eine Stadt für nordindische Musik. Es gibt viele Hindustanimusiker, die dort leben und aufgewachsen sind. Aber es gibt auch einige südindische Musiker, die sich in Bombay niedergelassen haben. Wenn ich einige Nuancen und gute Effekte davon in meine Musik einbringen kann, dann hat das eine erfrischende Wirkung. Deshalb sorgte meine Mutter dafür, dass ich nordindische Musik lernte, etwas Ghazal und Bharat Natyam Tanz. Als Kind ging ich praktisch von morgens bis abends in irgendeinen Unterricht. Als ich dann nach Chennai kam, um in der Musikakademie zu singen – ich nahm dort an einem Wettbewerb teil - bekam ich eine Auszeichnung für die beste Aufführung. Sie wurde mir von meinem späteren Guru Lalgudi Jayarahman übergeben. Als er mich dort singen hörte, sagte er zu mir: „Du musst in Madras leben. Es macht keinen Sinn, wenn Du in Bombay bist. Madras ist das Mekka der karnatischen Musik. Also komm in mein Haus und lerne von mir, damit Du noch besser wirst.“ Ich dachte, das ist eine großartige Person, dass er mir das anbietet. Ich musste mich kneifen, um selbst zu glauben, das das wahr ist. Meine Mutter meinte: „Nein, das kann nicht sein, diese großen Leute haben keine Zeit.“ Aber ich meinte, nein, ich werde es versuchen. So ging ich zu seinem Haus, nahm eine Stunde, noch eine Stunde, und dann lernte ich Monate und Jahre lang, bis heute. Das sind nun 17 Jahre unter seiner Anleitung.

Was unterscheidet die südindische Musik von der nordindischen?

Das wichtigste Unterscheidungsmerkmal ist, dass es zwischen zwei Tönen viel Platz gibt. Die südindischen Sänger nutzen den ganzen Raum so gut wie möglich und die Stille dazwischen. Die Töne werden gedehnt, so weit wie möglich. Die Komponisten und die Musiker der Vergangenheit dehnten ihre Imagination. Daraus entstanden viele Variationen und Farben, die heißen, technisch gesprochen, Gamaka Verzierungen.
Ein anderer Aspekt ist, dass unsere Texte alle vom allmächtigen Gott handeln. Erst heute las ich einen Text, darin sagt Gott dem Komponisten: „Du hast so eine süße Art zu erzählen, Du bist so schön. Die ganze Welt schaut zu Dir. Aber Du richtest Deine süßen Worte nicht an mich.“ Das ist das Wesentliche unserer Ausdrucksweise. Sie ist nicht nur Bhakti Hingebung, nicht nur Gebet. Man spricht mit Gott wie zu einem Freund, man unterhält sich mit ihm. Man sagt ihm: „Das will ich von Dir, wie denkst Du darüber? Diesen Weg möchte ich gerne gehen, wirst Du mich dahin bringen? „Es ist wie ein Gespräch mit Deinem Freund, Deiner Mutter, Deinen Liebsten. Das Wesentliche unserer Musik liegt in den Texten der Kritis religiöse Liedkompositionen, den Gesprächen mit den Göttern.

Darüber hinaus ist die Musik sehr am Rhythmus orientiert. Warum ist das so?

In Südindien ist man sehr an Mathematik interessiert. Wenn man sich die Geschichte ansieht, dann entdeckt man viele Mathematiker, die aus dem Süden stammen. Diese Vorliebe für Zahlenspiele hat man in die Musik eingebracht und mit der Melodie verschmolzen. Es gibt so viele Rhythmen. Wir Südinder lieben es, mit Zahlen zu spielen.
Im Süden blieb die Musik in den Tempeln und ging von dort zum Publikum. Wenn ein Komponist komponiert, dann zum Beispiel im Metrum von 5 Schlägen oder 4 Schlägen. Die Regeln werden genau weitergegeben und befolgt. Ist ein Kriti im Adi-Talam geschrieben, das heißt, im Metrum von 8 Schlägen, dann können wir das nicht in einen Rupakam (rhythmische Einheit von 7 Schlägen) ändern. Aber innerhalb der Vorgaben haben wir viele Möglichkeiten. So können wir das Metrum schnell oder langsam nehmen, mit viel Energie oder wie auch immer.

Ist die karnatische Musik noch immer in die Folk- oder Tempeltradition eingebettet?

Ja, beides. Viele der poetischen Texte kommen aus den Tempeln. Aber die Ragams Modi/Tonfolgen, – das Wesentliche, was die karnatische Musik ausmacht, kommt meistens aus der Folktradition. Wenn man in die Dörfer im Süden fährt, dann kann man in den Feldern Frauen Wiegenlieder für ihre Kinder singen hören, die Ragams sind, die wir in der Musikakademie singen. Die Ragams sind alle der Volksmusik entlehnt. Deshalb überdauern sie die Zeit, denn sie haben eine tiefverwurzelte Geschichte.

Heute leben wir in modernen Zeiten mit viel Filmmusik um uns herum. Hat diese Musik einen Einfluss auf die Klassik?

Ich glaube, sie hat einen sehr positiven Einfluss. Heute hörte ich ein Lied im deutschen Fernsehen. Die Melodie war so schön, sie klang ein bisschen wie Ragam Shankaram. Ich verstehe zwar kein Deutsch, trotzdem konnte ich mit der Melodie etwas anfangen. Das gleiche gilt für Michael Jackson. Ich verstehe nicht, was er singt, obwohl ich englisch spreche. Aber ich genieße sein perfektes Rhythmusgefühl, die Musik, wie er sie präsentiert. Das heißt, die verschiedenen Musikformen und die Globalisierung haben keinen Nachteil, sondern öffnen unsere Ohren für etwas Neues.

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erstellt am 21.4.2013