Konzertkritik

Der Osten leuchtet

Von Thomas Rothschild

In der Musik kommt man leichter zusammen als in der Politik. In der Bodensee-Stadt Friedrichshafen fanden der junge österreichische Pianist Ingolf Wunder und das Warschauer Philharmonische Orchester vor vollem Haus bei Chopins 1. Klavierkonzert zu einander, und sie waren sich unüberhörbar eines Sinnes über das unzerstörbare romantische Potential dieses Komponisten, dessen Klavierminiaturen seine Orchesterstücke in der öffentlichen Wahrnehmung etwas überschatten. Ingolf Wunder gelingt mühelos die Symbiose zwischen leichtem Anschlag und emotionaler Aufladung, und das Orchester unter der Leitung seines langjährigen Chefdirigenten Antoni Wit stand ihm einfühlsam zur Seite. Unüberhörbar war auch, wie sehr Chopins Klangschwelgerei die spätere Filmmusik Hollywoods beeinflusst hat.

Filmischer Charakter war das Gemeinsame, das die Kompositionen des Konzerts verband. Zugleich verwiesen sie alle drei zurück auf folkloristische Anregungen, auf polnische die ersten zwei, auf russische die dritte. Witold Lutosławski, der in diesem Jahr ebenso wie Benjamin Britten seinen 100. Geburtstag „feiert“, bevölkert aus diesem äußerlichen Anlass die Konzertprogramme – wenngleich die beiden Hundertjährigen mit den Zweihundertjährigen, mit Verdi und Wagner, nicht konkurrieren können, jedenfalls nicht in der deprimierend konformistischen journalistischen Rezeption.

In Polen gehört Lutosławski wie auch der 31 Jahre ältere Karol Szymanowski zum alltäglichen Repertoire. Dem Chopin-Klavierkonzert stellten die Warschauer seine Kleine Suite für Orchester von 1951 voran – ein ebenso heiteres wie dramatisches Stück, das geeignet ist, das Vorurteil zu widerlegen, Musik des 20. Jahrhunderts müsse „schwierig“ sein. Es ist zur rhetorischen Floskel geworden, dass derlei eingängige Kompositionen aus dieser Zeit, seien sie von Schostakowitsch, von Prokofjew oder eben von Lutosławski, einen Kompromiss mit der stalinistischen Doktrin bedeuteten. Ein Qualitätsurteil ist solch eine Erklärung noch nicht. Lutosławskis Kleine Suite könnte in jedem Konzertprogramm bestehen.

Nach der Pause blickten die polnischen Gäste über die Grenze – nach Osten. Ingolf Wunder hatte schon mit seiner Zugabe, dem berühmtesten Stück des Komponisten, auf Rimski-Korsakow vorausgewiesen, mit dessen effektvollem „Hummelflug“. Die Warschauer Philharmonie spielte nun seine Sinfonische Suite „Scheherazade“. Das Faszinierende an dieser Komposition ist, dass sie mit einem Minimum an thematischem Material auskommt, das allerdings höchst abwechslungsreich variiert wird. Die Themen stammen, dem orientalischen Stoff zum Trotz, unverkennbar aus russischen Quellen. Zu den Reizen gehört die intelligente Instrumentierung, die insbesondere den Bläsergruppen viel Raum lässt. Nach einer etwas unpräzisen Einleitung überzeugte das Orchester immer mehr, durch Energie ebenso wie durch einen fast balletthaften Gestus.

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erstellt am 19.4.2013