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Die in trübes Licht getauchten, unklaren Grün- und Brauntöne, die den meisten Marthaler-Inszenierungen eigen sind, hat die Bühnenbildnerin Anna Viebrock entworfen. Ihre Bühnenachitektur trieb einem immer wieder die Tränen in die Augen. Sie wirkt nicht nur wie eine böse Parodie auf die Prachtaustattungen von Schinkel bis Wonder, sondern führt uns mit beharrlichem Charme die Peinlichkeit unserer Wohnungseinrichtungen nach dem Zweiten Weltkrieg bis hinein in die 60er Jahre vor Augen, als selbst die neuen Möbel schon schäbig aussahen. Dass dieser Eindruck oberflächlich ist, zeigt eine Ausstellung in der städtische Kunsthalle Gießen, deren Eröffnung Dagmar Klein besucht hat.

Anna Viebrock-Ausstellung in Giessen

»Im Raum und aus der Zeit«

Von Dagmar Klein

Der April in Gießen stand im Zeichen des Bühnenbildners, Malers, Film-Designers und Oscar-Preisträgers Hein Heckroth (1901-1970). Vor 10 Jahren wurde der Hein Heckroth-Bühnenbildpreis zum ersten Mal vergeben. Der sonntägliche Festakt findet möglichst nah zum Geburtstag des in Gießen geborenen Namensgebers statt: am 14. April. Ideengeberin und Vorsitzende der Heckroth-Gesellschaft ist Dietgard Wosimsky, die fast zwei Jahrzehnte eine Galerie in Gießen führte und dort auch Heckroth-Bilder aus dem Nachlass präsentierte. Darüber kam sie in Kontakt mit dem Enkel Jodi Routh (Frankfurt), der auch zu dieser Verleihung wieder ins Gießener Stadttheater gekommen war.

Für den alle zwei Jahre vergebenen Preis hat man ein kräfteschonendes Vergabeverfahren gefunden: Der jeweilige Preisträger schlägt den nächsten vor. Die Zustimmung erteilt ein fünfköpfiges Gremium bestehend aus je einem Vertreter/in des Hessischen Ministeriums für Wissenschaft und Kunst (HMWK), des Instituts für Angewandte Theaterwissenschaften (ATW) an der Universität Gießen, der Leitung von Verwaltung und Stadttheater Gießen sowie des Vorstandes der Hein-Heckroth-Gesellschaft. Der Hauptpreis von 5000 € wird vom HMWK, der Heckroth-Förderpreis in Höhe 2500 € wird von der Stadt Gießen gestiftet. Auch der Förderpreisträger wird vom jeweiligen Hauptpreisträger bestimmt.

In diesem Jahr ist es zum ersten Mal gelungen, in der städtischen Kunsthalle eine Ausstellung über das Werk der diesjährigen Heckroth-Preisträgerin zu organisieren. Kunsthallenleiterin Ute Riese weist darauf hin, dass es vor zwei Jahren nicht klappte, als der Preis an Christoph Schlingensief posthum seiner Witwe verliehen wurde. Zwar gab es schon Ausstellungen, so bei Erich Wonder und Achim Freyer, doch zeigten die beiden „ihre andere Seite, ihr malerisches Schaffen“, wie Dietgard Wosimsky deutlich macht.

Mit Anna Viebrock konnte es klappen, weil es bereits 2011 eine Ausstellung zu ihren Bühnenbildern im Architekturmuseum Basel (Leitung Hubertus Adam) gab, sie also Skizzen und Modelle längst zusammengesucht hatte und ihr fotografischer Begleiter Walter Mair alles systematisch fotografiert hat. Für die Gießener Präsentation neu erarbeitet wurde die Dokumentation der fünf seitdem entstandenen Bühnenbilder. Außerdem konnten einige Bühnenbildmodelle aus dem Theatermuseum München und die Sessel aus der „Tristan und Isolde“-Inszenierung, 2005 in Bayreuth, eigens herbeigeschafft werden. Auf original Bayreuther Sesseln können Besucher es sich nun gemütlich machen und sich die Inszenierung auf dem Bildschirm zu Gemüte führen. „Wenn sie wollen: Die vollen sechs Stunden, das ist möglich“, so Riese, oder mehrmals wiederkommen, der Eintritt in die Kunsthalle ist frei.

Anna Viebrock war bei der Eröffnung am späten Samstagnachmittag dabei und freute sich über den spontanen Redebeitrag des Überraschungsgastes Heiner Goebbels, Professor bei den ATW der Uni Gießen und im Auswahlgremium der Heckroth-Gesellschaft. Beide haben zeitgleich an den Frankfurter Bühnen angefangen, erinnert sich Goebbels, also im September 1979, und an der gleichen Neuenfels-Inszenierung mitgearbeitet. Ihm gefalle besonders, dass Viebrock mit ihren Bühnenräumen „der Fantasie der Zuschauer neue Räume öffnet“. Außerdem gelinge ihr die „Balance zwischen der Genauigkeit gegenüber den Stücken, der kreativen Inszenierung bei gleichzeitigem Beharren auf einem eigenen Stil“. Immer spiele die Vergangenheit darin eine Rolle.

Anna Viebrock (geb. 1951 in Köln, aufgewachsen in Frankfurt) ist studierte Bühnen- und Kostümbildnerin, mittlerweile führt sie auch Regie. Sie ist eine der renommiertesten und international erfolgreichsten Vertreterinnen ihres Fachs. Direkt nach ihrem Studium kam sie an die Städtischen Bühnen Frankfurt und arbeitete unter Hans Neuenfels (1979-82), also gleich in der Theater-Oberliga. Seit ihrer Zeit am Theater Basel (1988-1993) kooperiert sie mit Christoph Marthaler. Daraus entwickelte sich eine lange und intensive Künstler-Freundschaft, der zuletzt auch ein Dokumentarfilm über eine Südpol-Expedition entsprang. Eine weitere Arbeitspartnerschaft pflegt sie mit dem Opernregisseur Jossi Wieler (Stuttgart), jüngst zu erleben in der Stuttgarter Produktion „Die Nachtwandlerin“ (2012). Seit 2004 ist sie freischaffend, wohnt in Berlin und ist an vielen europäischen Bühnen und bei Theaterfestivals tätig.

Ihre Bühnenbilder, oder besser Bühnenarchitekturen wie Hubertus Adam betont, werden als hermetische Innenräume beschrieben, die wie reale Architektur wirken. Doch ist der Eindruck trügerisch. Proportionen sind verzerrt, Außen und Innen geraten durcheinander, Treppen führen ins Leere, ein Haus steht auf dem Dach. Oder das gesamte Bühnenbild wird aktweise nach oben gefahren, Raumteile werden dadurch funktionslos; so in Bayreuth 2005, das in Gießen ausführlich dokumentiert ist.
Bei der großen Genauigkeit und dem Detailreichtum muss man schon intensiv hinschauen, um die surreale Verfremdung in allen Aspekten zu erkennen. Viebrock ist „eine Sammlerin der Alltagskultur“, sie macht Fotos, die ihr als Inspirationsquellen dienen, kauft Kleidung und Wohnungsinterieurs in Second-Hand-Läden. Auf der Bühne wirkt alles ein bisschen old-fashioned, hat viele Gebrauchsspuren. Kunsthistorisch ist es der Einfluss der Arte Povera, der “Armen Kunst”, die sie während ihres Studiums in den 70er Jahren in Düsseldorf kennenlernte, als dort Joseph Beuys lehrte. Für ihre Recherchen reist sie auch an entlegene Orte, dorthin „wo die Zeit noch etwas langsamer vorbeigeht als bei uns“, wie Goebbels es formulierte.

Der Ausstellungsraum wird dominiert von Fotografien und den grob gezimmerten Sockeln für die 19 Bühnenbildmodelle (1997-2013). Nach Viebrocks Idee wurden diese aus Fundhölzern zusammengebaut. Ihre ausgestellten Arbeitsbücher sind wie ein Blick in kreative Denkprozesse. Alles zusammen kann aber das Theatererlebnis nicht ersetzen, nur zum Verständnis beitragen.

Dagmar Klein ist freie Kulturjournalistin und Buchautorin.

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erstellt am 19.4.2013

Ausstellung

Anna Viebrock

Im Raum und aus der Zeit

Bühnenbild als Architektur

Bis 14. Juli 2013

Kunsthalle Gießen

Blick in die Viebrock-Austellung, Tristan-Sessel

Blick in die Viebrock-Austellung, Modell und Fotos Medea