In seinem Erinnerungsbuch zeichnet der Wirtschaftswissenschaftler Peter A. J. Bendixen, der dieses Jahr 80 wird, ein nostalgisches Sozialgemälde der schleswigholsteinischen Kleinstadt, aus der er stammt, und indem er seine Jugend rekapituliert, lässt er seine Jugendfreundschften wieder aufleben. Faust-Kultur druckt eine gekürzte Fassung des Kapitels über Bendixens kurze Schulfreundschaft mit dem Modezar Karl Lagerfeld ab.

Erinnerung an die Schulzeit

Karl Lagerfeld – ein besonderer Nachbar

Von Peter Bendixen

Wir saßen zusammen einige Jahre lang auf der hintersten Schulbank und hatten einen guten Überblick über alles, was in der Klasse geschah. Karl liebte es, seine manchmal bissigen, belustigten Kommentare vor sich hinzusprechen. Meistens aber kritzelte er irgendwelche Zeichnungen ins Heft oder sogar in sein Lateinbuch. Wir versuchten beide, wie alle anderen auch, den Schulalltag irgendwie zu überstehen und nicht ins unterste Zensurenniveau abzusacken. Wohl aber hielt er Distanz und ließ kaum jemanden in sein privates Leben eindringen. In all den Jahren habe ich mit ihm so manche Episoden erlebt, die selbst heute noch ein Grinsen in mir hervorrufen, das nicht nur ihm, sondern auch mir selbst gilt. Karl hatte immer Vergnügen an einem unscheinbaren Schabernack, und darin ergänzten wir uns.

Karl war auch äußerlich eine auffällige Erscheinung, in der Schule, aber auch unterwegs, etwa auf Klassenfahrten. Seine lange schwarze Haarmähne ragte aus dem kurzhaarigen Knabenstil seiner Mitschüler, mich eingeschlossen, heraus. Nicht nur, dass er seine Haare in die Länge wachsen ließ, sondern auch das Selbstbewusstsein, einen solchen Haarschnitt zu einem stets gepflegten Stilmerkmal zu machen, trug zu seinem Status der gekonnten Eigenwilligkeit bei. Völlig damit im Einklang stand schon sehr früh sein Talent zum Zeichnen und Malen, das – wie vor allem unser Kunstlehrer Schulz erkannte – keine bloße Spielerei war, sondern ihm offenbar auch seinen Weg in eine künstlerische Zukunft wies.

Dennoch war Karl kein Sonderling, sondern nahm am Unterricht und an allem teil, was auch immer damit an Zwängen verbunden war – mit Ausnahme von Turnen und Musikunterricht. Turnen (an Geräten) und vor allem Feldsportarten wie Fußball waren ihm zuwider; in Musik hielt er sich gänzlich für gottverlassen unbegnadet. Es konnte nicht ausbleiben, dass er im Musikunterricht zu Zeugniszwecken geprüft werden musste. Das geschah bei Fräulein Hinzpeter gewöhnlich durch Vorsingen vor der versammelten Klasse. Karl weigerte sich, verlangte, dass ihm ohne Vorsingen eine 5 (mangelhaft) erteilt wird.

Alles Protestieren half ihm nicht. Er musste singen, und so kam er auf die kühne Idee, ich könnte ihn doch auf dem Klavier begleiten. Dann würden seine Misstöne nicht so auffallen. So geschah es. Ich spielte (ich weiß nicht mehr welches Lied) und Karl sang. Allerdings nicht bis zu Ende, denn die Vorführung ging nach kurzer Zeit im Gelächter der Klasse einschließlich Fräulein Hinzpeters unter. Karl bekam ein für ihn aufmunterndes „befriedigend“, und ich selbst handelte mir dieses einzige Mal nur ein „befriedigend“ ein.
Eine in gewisser Weise analoge Episode ereignete sich einmal im Sportunterricht, auch wieder wegen der Zeugniszensuren. Jeder in der Klasse – natürlich nicht die Mädchen – musste gegen seinen Sitznachbarn boxen. So kam es also zur Paarung Peter Bendixen gegen Karl Lagerfeld in der Mitte einer kleinen Kampfarena im Klassenraum.
Karl fand die für ihn günstigste Lösung solch ungeliebter Prüfung in dem während des Anlegens der Boxhandschuhe leise vor sich hin geflüsterten Vorschlag, ich solle ihn einfach kräftig gegen die Brust hauen, dann würde er umfallen und ich könne ihn dann für k. o. erklären. Das war zwar eine Kleinigkeit, allerdings mit Folgen. Denn das Theaterstück wurde vom Lehrer, Herrn Simonsen, natürlich durchschaut. Zur Strafe mussten wir zwei Stunden nach Unterrichtsende in der Schule bleiben und einen Aufsatz verfassen, bei dem es (meiner Erinnerung nach) um den Sinn und die Vorzüge des Kampfsports ging.

Eine weitere Erinnerung an Karl Lagerfeld aus dem Sportunterricht ergab sich aus der folgenden, aufschlussreichen Episode: Zum großen Vergnügen aller Schüler, offenbar auch des Sportlehrers Simonsen, gehörte ein Staffellauf, der in einem weiten Bogen durch die Feldmark nahe der Schule organisiert wurde. Jedes konkurrierende Laufpaar bekam eine genaue Geländeskizze mit dem genau eingezeichneten Punkt für die jeweilige Startposition, um den Staffelstab entgegen zu nehmen und nach einer genau bestimmten Laufstrecke weiterzugeben. Allein dafür wurden mindestens 30 Minuten Unterrichtszeit von insgesamt 2 Stunden gebraucht, aber es klappte bis auf zwei Mal. Irgendwo war ein Paar im Gelände positioniert, wo es aus der Reihe tanzte. Die Staffelstäbe kamen auf dem Schulhof, dem Start- und Zielpunkt nie an. Die beiden Läufer hatten sich im Gelände verirrt und die Vorläufer konnten ihre Stäbe nicht weitergeben.

Das andere Mal betraf der Ausfall Karl und mich. Verabredungsgemäß folgten fast alle Schüler, die außer Sichtweite des Lehrers postiert waren, der natürlich nicht erlaubten, aber gerade deswegen lustigen Praxis, die eigentlich im vollen Lauf an die Nachfolger zu überreichenden Staffelstäbe aus einer geruhsamen Gangart heraus um eine ziemlich weite Strecke vorauszuwerfen. Karl aber hatte seinen Staffelstab in einen Graben geworfen, wo er ihn erst nach langem Suchen fand und bergen konnte. Sieger des Laufs wurde die konkurrierende Mannschaft, der ich angehörte. Natürlich fiel auf, dass deren letzter Läufer ganz allein auf dem Schulhof ankam. Welche Strafe der anderen Staffel zukam, ist mir entfallen.

Eines Tages hieß es, Karl würde nicht wiederkommen, er würde seine Schulzeit in Hamburg fortsetzen, weil seine Eltern nun endlich wieder aus der eher ungeliebten ländlichen Idylle des Herrenhauses in Bissenmoor (einem Weiler nahe Bad Bramstedt) in die doch deutlich lebhaftere Hansestadt zurückgekehrt seien. Er hinterließ nur für kurze Zeit eine Lücke in der Klasse. Nun war ein buntes Blatt im Klassenbuch verschwunden. Aber das Erscheinen und Verschwinden von Schülern war in der unruhigen Nachkriegszeit eine durchaus gängige Erfahrung.

Auszug aus: Peter A. J. Bendixen, »Jahreszeiten«. Stationen und Episoden aus meinem Leben
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erstellt am 14.4.2013

Klassenfoto mit Karl Lagerfeld (unten dritter von links, links neben ihm Peter Bendixen)