Martin Grubinger – Rudimental Solo

Die Emanzipation des Schlagzeugs in der ernsten Konzertmusik fand zeitgleich mit der der Populärmusik in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts statt. Seitdem feiern die Aficionados in jedem Jahrzehnt ihre neuen Stars unter den Soloschlagzeugern. Der Virtuose Martin Grubinger hat sich nun an deren famose Spitze durchgeschlagen, trat in der Stuttgarter Liederhalle auf, und Thomas Rothschild hat ihn erlebt.

Konzertkritik

Klatschen und Aufstampfen

Von Thomas Rothschild

Wir kennen sie aus der Literatur, die Virtuosen, Paganini etwa oder Liszt. Was es aber genau war, das die Zeitgenossen zu Begeisterungsstürmen, ja zu hysterischen Reaktionen herausforderte, können wir nicht nachempfinden. Dafür reicht Fantasie nicht aus.

Der Instrumentalvirtuose unserer Tage, der uns nun die unmittelbare Erfahrung ermöglicht, spielt weder Violine noch Klavier, sondern ausgerechnet Schlagzeug. Dabei ist Martin Grubinger zwar ein mittlerweile gefeierter Superstar, aber nichts weniger als ein eitler Selbstdarsteller mit Genieattitüde. Im Gegenteil: die sympathische, ungekünstelte Art, mit der er das Publikum – vielleicht doch um eine Spur zu freundlich – begrüßt und ihm zu den einzelnen Stücken seines Programms Erklärungen abgibt, ist eine implizite Kritik an der Steifheit und dem Zeremoniell des bürgerlichen Konzertbetriebs. Das fängt mit dem T-Shirt anstelle des Fracks an, das ja weniger als Protest, denn als Ausdruck der Vernunft zu begreifen ist: man schwitzt darin weniger, in sommerlichen Konzertsälen, unter heißen Scheinwerfern und bei den Anstrengungen des Schlagzeugspiels sowieso. Aber es geht darüber hinaus, nimmt den Zuhörer als Partner ernst. Warum kann man sich so schwer vorstellen, wie ein Pollini oder eine Sabine Meyer bestimmte Techniken ihres Instruments erklären oder etwas über den Komponisten erzählen, dessen Werk sie interpretieren? Möglicherweise täten sie's ja gerne. Aber sie ordnen sich, anders als Grubinger, der Konvention unter, die alles Didaktische verabscheut. Was der Frack signalisiert, setzt sich in diesem Verhalten fort: man unterscheidet sich vom Publikum unten im Saal, gibt nichts ab von seinem Herrschaftswissen.

Martin Grubinger ist stets auf der Suche nach Repertoire. Für das Schlagzeug als Soloinstrument oder für Perkussionsensembles ist es ja begrenzt. Wenn das Angebot an Originalkompositionen erschöpft ist, muss man auf Bearbeitungen ausweichen. Zu den populären Missverständnissen zählt die Ansicht, Schlagzeuger seien Krachmacher. Man denkt dabei an Schlagzeug im engeren Sinne, an Trommeln und Tschinellen – korrekt: Becken –, und nicht einmal auf sie trifft die Verallgemeinerung zu, wenngleich sie ohne Zweifel lautere Töne erzeugen können als etwa der (unverstärkte) Kontrabass oder die Gitarre. Aber Schlagzeuger, jedenfalls aus dem so genannten „klassischen“ Sektor, sind in Wahrheit Perkussionisten, und da stimmt noch nicht einmal das zweite Vorurteil, dass sie sich auf Rhythmus beschränken müssten und ihnen bestimmbare Tonhöhen nicht zur Verfügung stünden.

Wie um beides zu widerlegen, dass Perkussionsinstrumente nämlich laut und melodieunfähig seien, beginnt Martin Grubinger sein Konzert in der Stuttgarter Liederhalle mit dem Solostück für Marimba „Merlin“ von Andrew William Thomas. Es fängt pianissimo an und lässt die Melodie mehrstimmig allmählich anschwellen. An „Schlagzeug“ erinnert eigentlich nur die Tatsache, dass das Instrument eben mit Schlägeln angeschlagen wird. Beim verwandten Vibraphon, im Jazz, spricht man denn auch nicht von Schlagzeug. Dieser Begriff ist dem Drummer vorbehalten.

Auf Differenzierung der Anschlagarten – mit Schlägeln oder mit den Fingern – setzt ein weiteres Solostück, „Thirteen Drums“ von Maki Ishii. Hier wird offenkundig, was die Grundelemente der Schlagzeugmusik im engeren Verständnis sind: Rhythmus und Dynamik. Tonhöhen haben durchaus eine Bedeutung (sonst würde ja eine Trommel genügen), aber sie sind eben bei den meisten, nicht allen Schlaginstrumenten nicht bestimmbar wie bei Melodieinstrumenten. In der europäischen Musik wurde der Vorrang des Rhythmus vor der Melodie im Lauf ihrer Geschichte marginalisiert. In anderen Kulturen verhält sich das umgekehrt. Im zwanzigsten Jahrhundert gab es dann einige wenige europäische Komponisten wie etwa Edgar Varèse, Iannis Xenakis oder auch Steve Reich, namentlich mit seinem genialen „Drumming“, die gerade aus dem Abweichen von der europäischen Tradition ihren Erfolg schöpften. Möglicherweise hat die Öffnung für außereuropäische Kulturen und auch die Rockmusik dazu beigetragen, dass die Akzeptanz für das Schlagzeug zugenommen hat und ein Ausnahmetalent wie Martin Grubinger große Säle füllt und bejubelt wird wie kaum ein Solist auf den Gebiet der zeitgenössischen Musik. Nicht auszuschließen, dass da Fans von Ginger Baker, Art Blakey und Les Percussion de Strasbourg aufeinander treffen.

Und noch etwas macht Grubinger, der diesmal wieder mit – übrigens gleichrangigen – Freunden, aber ohne Orchester auftrat, bewusst, zumal in dem Concertino für Marimba und vier Perkussionisten „The Wave“ von Keiko Abe, die selbst eine renommierte Marimbaphonspielerin ist: dass die Perkussion ebenso zu den elementaren Äußerungen des Menschen gehört wie die Melodie. Das Klatschen in die Hände und das Aufstampfen mit dem Fuß – für beides benötigt man keine Instrumente – sind ebenso ursprüngliche Formen der künstlerischen Produktion wie das Singen. (Wie grausam klingt im Vergleich dazu der Applaus, das Johlen gar am Ende des Konzerts, aber die erschöpften Musiker auf der Bühne wollen darauf offenbar nicht verzichten. Der Berichterstatter verließe den Saal lieber mit Keiko Abe im Ohr als mit dem Lärm der Euphorie.)

Martin Grubinger macht in seinen Konzerten keine Unterscheidung zwischen E und U. Auf dem Programm stand diesmal auch „Chega de Saudade“ von Antônio Carlos Jobim. Grubinger hat das Stück in der Interpretation des Jazzvibraphonisten Gary Burton kennen gelernt. Und da ergibt sich der einzige Einwand gegen das Konzert: Grubinger ist kein Jazzmusiker. Ihm fehlt es an Feeling. So wurde ausgerechnet dieser Import aus Brasilien, der das Zeug zu einem Anheizer hat, zum vergleichsweise schwächsten Stück des Abends. Die artistischen Zugaben entschädigten. Und um der Kritik zuvorzukommen, verkündete Grubinger selbst, dass das mit Musik nichts zu tun habe, aber es mache Spaß. Dagegen haben wir nichts einzuwenden.

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erstellt am 13.4.2013

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