Matthew Henson, 1910
Matthew Henson, 1910

Simon Schwartz' Graphic Novel „Packeis“ erzählt die Geschichte von Matthew Henson, dem ersten Mann am Nordpol, dessen Leistung über Jahrzehnte hinweg in den Geschichtsbüchern unterschlagen wurde, weil er ein Schwarzer war. In eisigem Blau, Schwarz und daraus zu erzielenden Mischtönen erzählt Schwartz nicht nur eine Geschichte über den Rassismus einer vergangenen Epoche, sondern lässt die Sagenwelt der Inuit, in die Henson eingegangen ist, zum Gegenpart des kolonialistischen Wettlaufs westlicher Mächte gen Nordpol werden. Diesen diskursiven Konflikt zwischen oraler Tradition und westlicher Geschichtsschreibung veranschaulicht er, indem er die Legenden der Ureinwohner in einer stilisierten Bildsprache präsentiert, die seiner sonstigen Erzählwelt entgegensteht. 2012 erhielt Schwartz für diese Leistung den Max-und-Moritz-Preis für den besten deutschsprachigen Comic. An diesem Freitag gibt er im Frankfurter Weltkulturenmuseum unter dem Titel „Packeis – Die Geschichte des afroamerikanischen Polarforschers Matthew Henson” einen Einblick in die Entstehung und Handlung seiner Graphic Novel. Im Interview für Faust-Kultur erklärt Simon Schwartz, welche Entscheidungen zu „Packeis“ in seiner jetzigen Form geführt haben.

Interview mit Simon Schwartz

»Der den Teufel besiegte«

Herr Schwartz, in der Vorbereitung des Interviews haben Sie gesagt, Ihr Vortrag im Frankfurter Weltkulturenmuseum wird von der „objektiven und der subjektiven Wahrnehmung von Geschichte“ handeln. Wie ist dieses Thema in Ihrer Graphic Novel verankert?

Eines der zentralen Themen in „Packeis“ ist die Frage, wie wir Geschichte wahrnehmen. Es gibt die „objektive“ Geschichte, die aus konkreten Fakten zusammengesetzt wird:  Robert Edwin Peary hat am 6. April 1909 den Nordpol erreicht. Aber es gibt auch die „subjektive“ Geschichte, die in Sagen und Erzählungen weitergegeben wird. Nach den Legen der Inuit hat Pearys Helfer Matthew Henson damals den Pol erreicht, dort den Teufel besiegt und ist unter dem Namen „Mahri Pahluk“ als übermenschliche Gestalt in die Geschichten der Ureinwohner eingegangen. Diese Erinnerungstraditionen widersprechen sich offensichtlich.

Diese beiden Wahrheiten haben Sie in „Packeis“ Raum gegeben und lassen sie schlussendlich kollidieren – auch grafisch.

Richtig. Einen bestimmten Zeichenstil, der den Inuit historisch nahe liegt, gibt es aber nicht. Spannend ist jedoch, dass sie ihre Geschichten nicht einfach erzählen, sondern mit Hilfe von Masken vorspielen. Sie stellen sie aus Treibholz und Federn her, traditionell in der Arktis wertvolle Materialien. An diesen Masken habe ich mich bei der Erzählung der subjektiven Historie orientiert. Die beiden Stile vermischen sich am Nordpol, wo die Erzählungen aufeinander treffen.

War das von Anfang an Ihr Ziel?

Am Anfang hat Pearys mich gereizt. 30 Jahre lang hat er – schlussendlich erfolgreich – versucht, den Pol zu erreichen,hat von seiner Expedition drei Meteoriten mitgebracht, Inuit verschleppt und sie ausgestellt. Bei meinen Recherchen bin ich auf Henson gestoßen. Ich habe mich gefragt: Wie tickt so jemand? Seine Leistung bei der Entdeckung des Pols wurde jahrzehntelang aufgrund seiner Hautfarbe nicht anerkannt. Rassismus hat in der deutschen Geschichte zwar in anderer Form existiert, ist aber doch relevant für unser Verständnis von Geschichte. Das geht über die konkrete Thematik hinaus.

Das ist ein anspruchsvoller Themenkomplex, den sie künstlerisch im Alleingang bearbeitet haben. Sowohl die Zeichnungen als auch der Text stammt von Ihnen.

Ich habe es nie anders gemacht. Bei mir kommt alles aus einer Hand. Text und Bild sind für mich eine Einheit. Oft leistet das Bild bereits alles. Es ist schwierig, dass einem Texter begreiflich zu machen.

In einem Panel wischt der junge Henson ein Schiffsdeck. Das Wasser fließt in das nächste Panel, in dem der alten Henson den Boden eines Museum schrubbt. Das funktioniert ohne Worte.

Diese zwei Bilder umrahmen symbolisch seine Leben. Kurz zuvor sagt Schiffskapitän Childs ihm ziemlich klar, dass sich in Hensons Leben nicht viel ändern wird. Diese Situation habe ich fast eins zu eins aus Hensons Buch „Dark Companion” von 1947 übernommen. Diese Aussage des Captains hat Henson meiner Meinung nach möglicherweise als eine Art Mantra übernommen. Er war kein Intellektueller. Bis heute ist unsicher, ob er lesen und schreiben konnte. Wahrscheinlich hat er seine Bücher diktiert.

Das legt eine filmische Erzählweise, die ohne viele Worte auskommt, nahe.

Der Comic wird immer wieder als „Film in Einzelaufnahmen“ beschrieben. Doch das stimmt nicht. Der Film lässt mir als Zuschauer keine Wahl, die Handlung zu gestalten. Er schreitet voran und ich muss mit. Bei einem Comic sehe ich die Panels einer Seite gleichzeitig – Gegenwart, Vergangenheit und Zukunft. Während ich im Roman erst die komplette Seite lesen muss, um alles zu wissen, kann ich im Comic die Bilder nicht nur zu denen in Bezug setzen, die ich bereits gelesen habe, sondern auch zu denen, die ich schon erahne.

Lädt ein Comic daher eher zu einer Re-Lektüre ein?

Vielen Menschen haben ein Problem, Text und Bild gleichwertig wahrzunehmen. Bei einer erneuten Lektüre entdecken sie daher Neues. Einen Film schaut man eher ein zweites Mal, als das man einen Roman erneut liest. Nicht nur, weil der Film schneller anzusehen ist, sondern auch, weil ich dabei Eindrücke bewusst entdecken kann, die mir bis dahin nicht aufgefallen sind. Generell glaube ich allerdings, dass die Medienkompetenz der Leser durch das Internet gestiegen ist. Die Verbindung von Bild und Text nehmen sie heutzutage leichter war. Vor 20 Jahren hätte „Packeis“ deutlich weniger Zuspruch gefunden.

Das Gespräch führte Thomas Scholz

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erstellt am 12.4.2013

Bildmaterial mit freundlicher Genehmigung des avant Verlags.

Simon Schwartz
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Simon Schwartz
Packeis
Softcover: 176 Seiten
ISBN: 978-3-939080-52-7

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