Cd-Kritik

Schuld war nur der Bossa Nova

Von Thomas Rothschild

In den frühen sechziger Jahren, als die Calypso-Welle abgeklungen und der Reggae außerhalb von Jamaika noch nicht entdeckt worden war, überschwemmten der Bossa Nova und die Samba, aus der der Bossa Nova hervorgegangen war, Nordamerika und Europa. Die Bossa Nova-Versionen des amerikanischen Jazzsaxophonisten Stan Getz mit dem Gitarristen Charlie Byrd erlangten eine Popularität, die man sich heute kaum noch vorstellen kann. Stan Getz imitierte den verhaltenen, leisen Stil, den die originären Interpreten des Bossa Nova João und Astrud Gilberto sowie Antônio Carlos Jobim vorgemacht hatten. Der Trompeter Dizzy Gillespie aber fügte den brasilianischen Rhythmen die Vitalität und den Funk des Bebop hinzu.

Eine CD vereint zwei LPs, die das Ergebnis dokumentieren und frisch wirken wie vor fünfzig Jahren, als sie in Frankreich aufgenommen wurden. Den Rahmen der Stücke bilden jeweils die atemberaubenden Arrangements von Lalo Schifrin. Für Improvisationen bleibt dann in den eingebetteten Soli genug Raum. Leo Wright, der Altsaxophonist und beste Jazzflötist jener Jahre neben Herbie Mann und Sahib Shihab, ist einer von Gillespies kongenialen Partnern. Die beiden LPs waren hochintelligent zusammengestellt, wie aus einem Guss. Heute spräche man von Konzeptalben. Die erste LP „Dizzy Gillespie On The French Riviera“, ebendort live und in einem New Yorker Studio aufgenommen, beginnt mit dem Geräusch der Wellen und spielender Kinder am Strand und klingt so auch wieder aus. Die ganze Platte strömt eine ansteckende Fröhlichkeit aus, einen Hauch von brasilianischem Karneval. Das geht aber nicht auf Kosten der musikalischen Substanz. Was so leicht, so tänzerisch daher kommt, ist in Wahrheit höchst raffiniert und erfinderisch. Selten wird der Unsinn der Trennung von U und E in der Musik so überzeugend ad absurdum geführt.

Die zweite LP hieß „New Wave!“ und setzt das Programm der Riviera-LP fort. „Chega de Saudade“ von Antônio Carlos Jobim ist hier, in einer kürzeren Version, noch einmal zu hören. Zwei seiner berühmtesten Kompositionen finden sich ebenfalls auf der CD: „Desafinado“ und „One Note Samba“. Die anderen Titel sind von Dizzy Gillespie und Lalo Schifrin oder Standards wie W.C. Handys „Careless Love“ oder Luiz Bonfás „Manha de carnaval“ aus dem großartigen Film „Orfeu negro“ von Marcel Camus.

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erstellt am 09.4.2013

Dizzy Gillespie
Dizzy On The French Riviera/New Wave!
Essential Jazz Classics/in-akustik EJC55575

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