Martina Weber, Lyrikerin und Juristin, hat einen lichtvollen Gedichtband herausgebracht. Die Verse haben es in sich, aber offensichtlich ist nicht immer offenbar, was sie in sich haben. Gedichte sind eben keine Informationstexte, sondern Kunstwerke, die den Leser zwischen die Informationen führen, um ihn zu Erkenntnissen zu verleiten, die Informationen nicht anbieten können. Wie dies geschieht, beschreibt Peter Kapp anhand der „erinnerungen an einen rohstoff“.

Buchkritik

HELLE MOMENTE, UNHALTBARES LICHT

Die Lyrik der Martina Weber

Auf den ersten Blick scheint das Abwesende, das nicht Festgelegte und nicht Festzulegende, konstitutiv für die Gedichte von Martina Weber, eine „Autorin, die so unendlich viel mehr sagt, als sie es weiß”, wie Kurt Drawert im Nachwort zu ihrem ersten Lyrikband erinnerung an einen rohstoff schreibt. Ihre sich der klaren Aussage ebenso wie dem raunenden Pathos verweigernde Lyrik zeichnet sich dadurch aus, dass sie “sich immer, und immer aufs neue, misstraut”, wie Drawert an gleicher Stelle ausführt. Grundlage dieses Misstrauens ist jedoch nicht die Unkenntnis dessen, was sich permanent entzieht, sondern die grundsätzliche Erkenntnis, dass dieses sich Entziehende weder emotional noch intellektuell noch sprachlich zu durchdringen und zu begreifen ist. Martina Webers Gedichte wissen viel mehr, als sie dem Leser zunächst verraten; dass sie sich nicht in der Interpretation erschöpfen, bedeutet nicht, dass sie keinen Fokus haben. Und diesem Fokus zu folgen, ermöglicht es, das poetische Zentrum ihrer Lyrik zu beleuchten.

Einen ersten Zugang zu diesem Zentrum liefert der Titel des Gedichtbands, in dem von einem rohstoff die Rede ist, der offenbar nicht mehr unmittelbar erfahren, sondern nur noch erinnert werden kann. Der Titel von Martina Webers Lyrikband beschwört eine Art poetische Substanz, die einstmals zwar einer epoche ihren namen / gab die kohlezeit, welche heute allerdings abhanden gekommen ist. Als natürliche Ressource ist dieser Rohstoff womöglich ausgebeutet und droht den Menschen, insbesondere den Dichtern, vollends auszugehen. Martina Webers Gedichte kreisen um diese gravierende Abwesenheit und um das Unglück, etwas Wertvolles verloren zu haben, das die Welt möglicherweise aus ihrer Dunkelheit herauslösen und wenigstens in abstufungen der dunkelheit verwandeln könnte.

Auffällig ist, wie Martina Webers Gedichte mal mehr, mal weniger lichtdurchlässig sind. Licht ist eines der entscheidenden Grundmotive in dieser Lyrik. Licht wird hier zum Symbol, zur Metapher, zur fundamentalen poetischen Kategorie, ohne die Dichtung letztlich uninspiriert, ja unerleuchtet bleiben muss, denn sogar schönheit ist eine frage des lichts. licht auf winterhaut ist unabdingbar, um eine in Dunkelheit versunkene Welt zu erhellen, diese zumindest in kurzen Momenten des Glücks – inseln / von licht – erfahrbar und damit bewohnbar zu machen. Nur der leuchtturm / der lichtturm rückt die richtige strahlung richtiges leben ins Blickfeld. Und nur im transparenten / mittagslicht kann sich das lyrische Ich gewiss sein, zu einem Du zu finden und eine Beziehung zu ihm einzugehen: hier sage ich wir zu uns.

Dabei ist das Licht stets gefährdet: Es versickert in den tapeten, kann sich in gelbes, schmutziges licht verwandeln, das die Welt eher verdüstert als lebendig macht, ist jederzeit vom schatten- / wurf der wolken begleitet – das gegenlicht der dämmerung droht immer schon von vorn und unerreichbar ziehen die lichter am himmel vorbei. Doch auch zu viel Licht kann gefährlich werden: möglichkeiten des daseins sind bei Überbelichtung aus den wolken gefallene fäden aus irrlicht, die sorgfältig gebauten poetischen Landschaften in Martina Webers Gedichten können jäh vom blitz ausgeblichen und somit ausradiert werden oder ins grelle Licht der scheinwerferkegel geraten, in denen schäferhunde ihr maul fletschen. Licht in all seinen Erscheinungen ist in Martina Webers Lyrik von existenzieller Bedeutung, wird zur schillernden Leitmetapher und in glücklichen Momenten zum Rohstoff selbst, der die poetische Wahrnehmung in Gang bringt und zum lyrischen Ausdruck drängt.

Martina Weber geht dabei keineswegs lyrisch naiv vor. Als Zeitgenossin ist sie mit allen postmodernen Wassern gewaschen und vermeidet souverän jegliches Lichterpathos. Sie ist sich bewusst, dass bäume an lichterketten gelegt werden können und künstliches Licht meist das Gegenteil von Poesie produziert. Vor allem aber weiß sie, dass Sprache – und damit auch das lyrische Sprechen – das Licht, das sie hervorbringt, zugleich auch verschleiert: wie das abendlicht / auf autodächer fällt, ist auch nur aus wörtern gemacht. Dennoch besteht Martina Weber darauf, dass dieses Licht kostbar ist und zumindest die Sehnsucht danach bewahrt werden muss als Erinnerung an eine Welt, die Magie, Utopie und Poesie nicht gleich in Ironie erstickt. Dabei bleibt der Ton ihrer Gedichte zumeist sachlich und nüchtern, die Wahrnehmung der Welt im Modus des Staunens ist bei Martina Weber bereits selbst zur Erinnerung an einen unschätzbaren Rohstoff geworden.

Im Beharren auf diesen verlorenen Rohstoff, auf ein der Dunkelheit abgerungenes Glück und auf die Sehnsucht danach erweist sich Martina Weber trotz aller Ernüchterung, aller Abgeklärtheit und Distanziertheit als eine Art »negative Romantikerin«, für die das Dichten ein Akt existenzieller Selbsterhellung ist. Jedes Wort, jedes ihrer Gedichte scheint bei aller rhythmischen Leichtigkeit und dem hin und wieder aufblitzenden Witz der Wirklichkeit entwendet, einer Welt, deren Zumutungen eigentlich zum Schweigen drängen: der boden zerspringt. da ist das licht, / doch ich kann es nicht halten. Aus dieser prinzipiellen Not heraus erhalten Martina Webers Gedichte eine Welthaltigkeit und eine Kraft, die gar nicht anders kann, als der rohstoffvernichtenden Welt kritisch gegenüberzustehen, wenigstens ein teelicht in ein rotes glasgehäuse zu stellen. Diese Lyrik ist weltbewusst und lebenserfahren, obwohl sie nur sehr selten biografisch wirkt. Und damit zieht sie den Leser in ihren Bann, lockt ihn zur genauen Wahrnehmung von hellen und dunklen Momenten und ruft ihn so zur Bewahrung des Lichts auf; zur Erinnerung an einen Rohstoff, der aus unserer Welt möglicherweise längst verschwunden ist, vielleicht niemals existiert hat, aber gerade deshalb poetisch hergestellt werden muss.

Man könnte Martina Webers Lyrik unterstellen, mit dem Schweigen zu kokettieren, Bilder und Formulierungen absichtlich verschwimmen oder kryptisch klingen zu lassen. Passagen wie die folgende könnten den Verdacht nahe legen, dass diese Lyrik mit ihren Lesern bloß spielt: these: durch schweigen geheimnisvoll erscheinen. / gegenthese: weiter sprechen, damit du nicht wegläufst. Dieser Verdacht lässt sich allerdings nicht erhärten: Die Gedichte von Martina Weber durchzieht eine grundsätzliche Offenheit für die Dunkelheitserfahrung, von der sie sprechen, und eine ebenso tiefe Sehnsucht nach dem poetischen Rohstoff, der diese Dunkelheit zu durchdringen vermag. Offenheit und Sehnsucht indes machen verletzlich; daher ist es unabdingbar, immer wieder auf Distanz zu gehen, auf das Licht zu verzichten, das die Dunkelheit erst sichtbar macht, und das deshalb zu groß, zu grell, zu blendend sein kann. In ihrer oft asketischen und spröden Sprache bleibt Martina Weber auf der Schwelle zur voll ausgeleuchteten Welt, der Schatten wird zu ihrem poetischen Domizil, über den weder sie noch der Leser springen können und sollen. Denn wer Poesie will, muss im Halbschatten bleiben.

Es scheint möglich, in dieser Lyrik der »Ahnung, die der Text von sich selbst hat«, wie es im Nachwort des Bandes heißt, oder dem, was die Autorin »gemeint haben kann«, auf die Spur zu kommen. Denn neben all jenem, was in Martina Webers Lyrik hermetisch verschlossen bleibt und sich dem unmittelbaren Verständnis entzieht, schwingt in jedem Wort, jedem Vers und jeder Strophe eine existenzielle Spannung mit, welche eine spezifische Welt- und Lebenserfahrung offenbart und zugleich erzeugt. Das macht es schließlich so lohnenswert, als Leser in Martina Webers Schattenwürfe einzutauchen, sich in ihre Gedichte zu vertiefen.

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erstellt am 09.4.2013

Martina Weber
erinnerungen an einen rohstoff
Klappenbroschur
88 Seiten
poetenladen Frühjahr 2013
ISBN 978-3-940691-38-5

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