Die erfinderischen Ingenieure – davon kann man ausgehen – haben seit je her das Ziel, den Menschen das Leben zu erleichtern, wenn sie Maschinen, Roboter und immer schnellere Rechner erfinden. Und immer sind diese Erfindungen mit einem höheren Arbeitstempo erkauft worden, also gegen die Menschen gewendet worden. Der Jesuit und Sozialethiker Friedhelm Hengsbach hat in seinem Buch »Die Zeit gehört uns« die Informationstechnik für diese lebensfeindliche Beschleunigung verantwortlich gemacht. Der Philosoph Peter Eisenhardt hat die Zeit-Schrift kritisch gesichtet.

Buchkritik

»Blitzkrach«

Die Durchschlagskraft der elektronisch beschleunigten Finanzmärkte auf die Lebenswelt – Das neue Buch von Friedhelm Hengsbach

Von Peter Eisenhardt

Vor etwa 2600 Jahren empfahl der griechische Dichter und Söldner Archilochos: „Erkenne …, welcher Rhythmus Menschen hält!“ Auf die Gegenwart übertragen sollte es besser heißen: „Erkenne lieber, welcher gesamtgesellschaftliche Rhythmus die Menschen erfasst hat oder sie antreibt und hetzt!“ Seit vielen Jahren wächst die moderne Literatur über die „Beschleunigungs(un)kultur“ auf unserem Planeten, der unbeirrt mit über 100 000 km/h um die Sonne jagt. Sie erstreckt sich vom „Manifesto futurista“ des Tommaso Marinetti über Paul Virilio bis hin zu den eher soziologisch-analytischen Arbeiten von Robert Levine, Hartmut Rosa, Karlheinz Geißler, Fritz Reheis (um nur einige Namen fallen zu lassen), und endet bestimmt nicht mit dem katholischen Gesellschaftsethiker Friedhelm Hengsbach. Und das hat seine Gründe. Die rasende Dynamik des industriellen Kapitalismus, die Marx und Engels im „Kommunistischen Manifest“ klassisch beschrieben, hat sich immer weiter planetarisch beschleunigt: „Die fortwährende Umwälzung der Produktion, die ununterbrochene Erschütterung aller gesellschaftlichen Zustände, die ewige Unsicherheit und Bewegung zeichnet die Bourgeoisepoche vor allen früheren aus.“ Das gilt es zu verstehen. Hengsbach geht davon aus, spezifische Ursachen für den zusätzlichen Beschleunigungsschub der Epoche der Informationstechnik gefunden zu haben. Sie werden klar benannt, materialreich beschrieben, in ihren Folgen ausgeführt und Therapien für die Betroffenen bzw. die Gesellschaftsstruktur vorgeschlagen.

Die Betroffenen sind fast alle Bewohner der westlichen Welt und zunehmend auch die Bürger der von ihr beeinflussten Länder. Die Ursachen der zunehmenden Beschleunigung, nein, man muss schon sagen: die Ursache besteht nach Hengsbach in dem Zusammenwirken der rasanten Dynamik der Finanzmärkte mit der neuen fast lichtschnellen Informations- und Kommunikationstechnik. Ein Symptom dieses Zustandes ist der automatisierte, durch Programme gesteuerte Handel, bei dem es um billionste Teile einer Sekunde geht – wenn der manchmal zusammenbricht, nennen die Angelsachsen das „Blitzkrach“. Das Börsenparkett ist eigentlich leer, das Frankfurter Börsenhaus in der Innenstadt ist eine Potemkinsche Fassade, die Rechner stehen in Eschborn. Die Finanzmärkte haben sich zum „hegemonialen Sektor“ der Wirtschaft aufgeschwungen, sie kontrollieren die wichtigsten Unternehmen, Regierungen werden von den Banken beherrscht – alle diese „Systeme“ greifen durchschlagend in die Lebenswelt der Bürger ein, indem sie die Rhythmen der Arbeitsverhältnisse (etwa durch Tarifverträge, Umstrukturierung der Unternehmen etc.), des Freizeitverhaltens und der Kindererziehung, der gesamten Lebensplanung und -führung, ändern. „Der Beschleunigungsschub wird kaskadenartig übertragen. Er ist gerichtet, wird also zuerst tendenziell als lineare Ursachenkette gekennzeichnet und weniger als Wechselwirkung.“ (S. 109) Dass in dieser Interpretation ein Problem liegt, ist Hengsbach bewusst. Aber seine These ist klar formuliert: Die Unruhe der Systeme veranlasst die Unruhe der Lebenswelt.

Ich greife einen zentralen Punkt heraus. Im Grunde müssten wir doch durch den radikalen technischen Wandel, der immer mehr menschliche Arbeit (auch Hausarbeit!) durch Maschinentätigkeit, ja teilweise menschliches Denken durch Programme ersetzt, von dem mühseligen Überlebensdruck immer weiter befreit werden und genug freie Zeit, ja Muße haben. Richtig ist, wie wir alle wissen, dass freie Zeit erkämpft worden ist (z. B. wurde 1984 in der Metall- und Druckbranche die 35-Stunden-Woche eingeführt). Aber mit der Muße steht es wie mit dem papierlosen Büro: Haben wir nicht! Die Folge der Arbeitszeitverkürzung war eine Flexibilisierung der Arbeitszeit, über die meist nicht selbst bestimmt werden kann. Einige arbeiten viel für wenig Geld oder haben zwei Jobs. Trotzdem stieg der Reallohn in den letzten Jahrzehnten durchschnittlich, wodurch sich der „Schattenpreis“ der unbezahlten Arbeiten der Privatsphäre anhob. Diese „Privatarbeiten“ in der Freizeit – sowieso schon technisch vereinfacht – werden dann gerne (soweit möglich) durch Betriebsarbeiten ersetzt, um mehr zu verdienen. Es erhöht sich jedoch der Organisationsaufwand in den privaten Haushalten extrem („Shopping“, Kinderbetreuung, Altenpflege, Inanspruchnahme von Verkehrsdienstleistungen und öffentlichen Gütern …), außerdem scheint die Muße gar kein Ziel des Handels der meisten Menschen zu sein. Es soll schnell zugehen. (Warten Sie mal geduldig in einer Schlange vor einem Postschalter, auf das langsame Herauskramen des Kleingeldes vor der Supermarktkasse oder auf das Öffnen eines Programms!) Natürlich entstehen zudem Spannungen zwischen den verschiedenen Planungen der Männer und Frauen, Haus- und Erwerbsarbeit aufzuteilen. Das Ergebnis ist auf jeden Fall eine steigende Beschleunigung in der Lebenswelt.

Hengsbach erachtet diese „rasende Beschleunigung“ als fremdbestimmt sowie krankheitserzeugend und schlägt eine die Steuerungsform des Marktes ergänzende Steuerungsform der Gegenseitigkeit vor, die die eigenen selbstbestimmten (oder naturbestimmten ) Zeiten der Gesellschaftsmitglieder berücksichtigt. Zu diesem Zwecke sollte die jetzige Gesellschaft umgebaut werden durch weitgehende betriebliche Mitbestimmung und soziale Demokratie; darüberhinaus müssen auch die Finanzmärkte gezähmt werden. Besonders wichtig für Hengsbach ist die Neuinterpretation der gesellschaftlichen Wertschöpfung. Es darf nicht in erster Linie darum gehen, den Gewinn des Geldvermögens zu maximieren, und die als Kosten betrachteten (anderen) Quellen der Wertschöpfung wie Arbeitsvermögen, Naturvermögen und Gesellschaftsvermögen zu minimieren; was z. B. beim Naturvermögen eine Schädigung der Umwelt bedeutet, etc. Die Vorgehensweisen werden sehr ausführlich beschrieben, eigentlich handelt es sich um ein politisches Manifest zur Erlangung von freier Zeit, Muße, Privatheit, Autonomie und Gerechtigkeit (als Gleichheitsvermutung) auf der Grundlage einer letztlich reichen, technisch durchformten Gesellschaft.

Ich glaube nicht, dass die monokausale Behauptung des Buches völlig plausibel ist. Hengsbach verweist nur kurz auf eine alternative Erklärung der Erhöhung des Lebenstempos, nämlich den säkularen „kinetischen Imperativ“ des Theologen Höhn: Packe so viel wie möglich in dein kurzes Leben, denn du hast nur eines, der Tod ist das endgültige Ende! (Meine Paraphrase) Der Autor erwähnt (S. 23 ff.) fünf eher allgemeine „Grundfaktoren“, die das Lebenstempo beeinflussen (Wirtschaftsstruktur, Industrialisierungsgrad, Einwohnerzahl, Klima, kulturelle Leitbilder), aber ihm geht es ja in erster Linie um spezielle Bedingungen der Beschleunigung in den letzten Jahren. An dieser Stelle wäre eine Erörterung anderer Ursachen fruchtbar gewesen; zudem könnte man die Vernachlässigung einer möglichen Rückwirkung der Lebenswelt(en) auf die politischen und monetären Systeme monieren. Um nur eine Überlegung zu nennen: Hartmut Rosa vermutet in seinem Beitrag zu dem Band „Dimensionen der Zeit – Die Entschleunigung unseres Lebens“ (S. Fischer-Verlag 2012), dass spezifische kulturelle „Triebkräfte“ das Lebenstempo entfesseln (der enge Zusammenhang von Freiheit und Glück mit sich steigernder Bewegung; der „kinetische Imperativ“; die tief in uns sitzende Logik des Wettbewerbs). Die neuen Techniken wären nur Antworten auf eine kulturell veränderte Zeiterfahrung. Könnte es nicht auch sein, dass die zunehmende „Quantifizierung“ und „Objektivierung“ (R. Klausnitzer) des Menschen bestimmte kulturelle Bewegungen überhaupt (ein-)greifen lässt, da sie so einen Ansatzpunkt finden? Erst der gläserne Mensch scheint frei beweglich. (Siehe dazu die Berichte über „Big Data“ in den Tageszeitungen, z. B. Die Welt Kompakt vom 5. März 2013: Sekundenschnelle Angebote von Firmen auf Veröffentlichung von Privatpersonen im Netz.)
Hengsbachs These wäre vielleicht plausibler geworden, wenn er sie in eine Diskussion alternativer spezifischer Erklärungen eingebettet hätte; zuerst einmal für seinen ausgewählten Untersuchungsbereich. Wenn ich ihn richtig verstanden habe, bezieht sich Hengsbach besonders auf die Beschleunigung in der Arbeits- und Freizeit, veranlasst durch den Amoklauf der computerisierten Finanzwelt. Mag der nicht wieder durch andere kulturelle Ursachen angestoßen sein (s. o.)? Welche spezifischen „Ursachen“ bedingen aber weitergehend das wachsende „Hetzen“ der Dirigenten durch Sinfonien oder die (Platz greifende?) Gehgeschwindigkeit in Städten (Hengsbach erwähnt diese Phänomene)? Deckt die Konzeption des Autors diese Dinge ab?
Eine Rückwirkung lebensweltlicher Tempi auf das Rasen der erwähnten Systeme kommt wahrscheinlich als leichte positive Rückkopplung (zunehmendes Tempo) vor, denn je schneller die Gesellschaft, desto eher werden „schnelle“ Personen als Finanztechniker ausgewählt. Eine negative Rückkopplung (abnehmendes Tempo) setzt möglichweise die Durchsetzung der von Hengsbach vorgeschlagenen politischen Maßnahmen zur Entschleunigung voraus (s. u.).

Aber selbst wenn Hengsbach Recht hätte, stünde seine universelle normative Forderung nach Entschleunigung m. E. doch in Frage: Denn nicht nur, dass wir unter Umständen die „rasende Beschleunigung“ entweder in Kauf nehmen oder willkommen heißen als hypermodernes Lebensgefühl (was nicht bedeuten muss, dass wir alle Ungerechtigkeiten oder Zerstörungskräfte der technischen Moderne akzeptieren), weitergehend kommt es doch auf die jeweilige individuelle Beschaffenheit der Personen (oder auf den Personentyp) an, darauf, wie verschieden auf die Beschleunigung reagiert wird. Ganz treffend zeigt das Nadine Schöneck am Schluss ihrer Dissertation über „Zeiterleben und Zeithandeln Erwerbstätiger“ (Bochum 2008), wo der robuste Zeitpragmatiker, der zufriedene Zeitstrategielose, der reflektierende Zeitgestresste und der egozentrische Zeitsensible unterschieden werden. Eine ähnliche Typologie aufzuführen, hätte den Stoff sozialpsychologisch erhellt. Welcher Zeitcharakter ist in der Finanzbranche am häufigsten vertreten? Auf welche Weise könnte man den Typus der Finanztechniker „auswechseln“ über eine „zivile Rebellion“ (Hengsbach) und so eine negative Rückkopplung der Lebenswelt(en) auf die Systeme in Gang setzen, um sie zu bremsen?
Und eines noch: Das Kapitel 3 über das „ ‚Rätsel’ der Zeit“ bleibt ein bisschen zu oberflächlich. Was es bedeutet, dass Zeit ein „gesellschaftliches Konstrukt“ ist, und dass wir (damit?) unsere „Handlungssequenzen“ aufeinander abstimmen, verliert sich im Ungefähren. Die These des Buches kommt m. E. ohne diese Überlegungen aus. Ein Kurzkursus über Newton, Einstein und Prigogine muss nicht sein. Hengsbach schreibt: „ ‚Zeit’ wird im Folgenden als das von Menschen geschaffene, sprachliche Konstrukt für eine spezifische intersubjektive Tätigkeit verstanden“ (S. 121). Das wird aber nicht genauer handlungstheoretisch bestimmt und inhaltlich erklärend in die Argumentation der übrigen Kapitel 4 (Gleiche Gerechtigkeit und Solidarität) sowie 5 (Eigene Zeiten) eingebunden, sondern nur implizit beschreibend benutzt. Die Empfehlung, in einer Warteschlange geduldig zu bleiben (S. 194), oder die Diskussion der „Geschlechterdemokratie“ (S. 258), welche die Abstimmung der Arbeitszeiten von Frauen und Männern gerechter regeln soll, werden auch ohne die in Kapitel 3 aufgeworfenen Probleme gesellschaftlicher Abstimmung im Rahmen einer nicht ausgeführten Zeittheorie in den letzten Kapiteln einigermaßen schlüssig vorgetragen.

Ich möchte zur Ergänzung eine Vertiefung des Begriffs der „Handlungssequenz“ vorschlagen, entweder über die Handlungstheorie von George Herbert Mead, bei knapperer Zeit tut es auch ein Aufsatz von Luhmann: „Zeit und Handlung – Eine vergessene Theorie“ (Zeitschrift für Soziologie 8 (1979) 63), in dem „Handlung“ verstanden wird als „Gegenbewegung“ gegen das schnelle Verschwinden des Jetzt (der Gegenwart); Luhmann ließ sich von Überlegungen des Marquis de Vauvenargues (1715 – 1747) anregen. Jede Handlung soll die „Selbstannihilation“ der Zeit verhindern („retenir“), indem sie die „Gegenwart von Moment zu Moment“ reproduziert. Ich verstehe das nur als eine Anregung, im Bedeutungsfeld „gesellschaftliche Beschleunigung“ das Verhältnis von Handlung und Zeit tiefer zu legen. Unsere eigenzeitliche Verlorenheit in den Tiefenzeiten der Geschichte, der Geologie und des Universums lässt vielleicht unbewusst die Gegenwart immer schneller „verschwinden“, erhöht unsere Handlungsfrequenzen und bereitet die Bühne für spezifische, andere gesellschaftliche Beschleunigungen.
Hengsbach hat einen Entwurf vorgelegt, der wegen seiner Klarheit und seines Gehaltes der Argumentation beachtet werden muss. Alles in allem ist dies Buch des renommierten Christlichen Gesellschaftsethikers denen zu empfehlen, die schon eine gewisse Ahnung vom Thema haben und von Gott nichts hören wollen. Doch wie sagt Augustinus: „ … et inquietum est cor nostrum, donec requiescat in te.“

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erstellt am 09.4.2013

Friedhelm Hengsbach
Die Zeit gehört uns
Widerstand gegen das Regime der Beschleunigung
Westend Verlag, Frankfurt am Main 2012
285 S.

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