Buchkritik

Sprache zwischen Welt und Zeichen

Jürgen Trabant betreibt emotionale Sprachwissenschaft

Von Stefana Sabin

Schon lange gilt das Hauptinteresse des Sprachwissenschaftlers Jürgen Trabant dem Denken Wilhelm von Humboldts – sein neues Buch zeugt von einer „Geduld zur Sache“, die seit Adorno zum Merkmal des Gelehrten gehört. Trabant hat über Humboldt geschrieben, auch eigene Quellenforschung dazu betrieben und an der Herausgabe Humboldtscher Schriften mitgewirkt. Nun hat er seine Humboldt-Aufsätze der letzten zwanzig Jahre überarbeitet und zu einem kohärenten Narrativ vereinheitlicht.

Trabant erzählt Humboldts intellektuellen Werdegang entlang seiner Beschäftigung mit dem „menschlichen Sprachbau“: Von der Lektüre von Schillers „Wallenstein,“ bei der Humboldt Sprache als eine Form der Einbildungskraft erfahren hat, über eine Spanienreise, auf der er das Baskische kennenlernt, und die Bekanntschaft mit, und Sammlung von, Grammatiken und Wörterbüchern amerikanischer Indianersprachen, wie sie ihm auch sein Bruder Alexander aus Amerika mitbringt – bis zum Studium des Ägyptischen, Chinesischen, des Sanskrits und der „Sprachen der Südsee“, den austronesischen Sprachen, denen das Kawi-Werk gewidmet sein wird, verfolgt Trabant die Entstehung und Verfestigung der Humboldtschen Idee von der Verschiedenheit der Sprachen als einer „Verschiedenheit der Weltansichten.“

„Also,“ schreibt Trabant, „die Sprachen sind ‚Weltansichten‘, aber sie sind keine Gefängnisse des Geistes. Das Denken des Menschen ist vielschichtiger und weiter als das Denken in Sprache.“ Dass Sprachen keine „Gefängnisse des Geistes“ seien, wiederholt Trabant wie ein Mantra – überhaupt scheint er die Redundanz als Stilistikum zu pflegen.

Mit der Behauptung „Die Sprache ist das Denken des Menschen. Sprache ist Kognition“ reitet Trabant einerseits auf der Welle der Neurowissenschaften und distanziert er sich andererseits von der sogenannten Sprachlichen Relativitätstheorie des Amerikaners Benjamin Lee Whorf, nach der, vereinfacht ausgedrückt, nicht nur das Denken die Sprache, sondern auch die Sprache das Denken determiniert.

Dem aristotelischen Rationalismus setzt Trabant den romantischen Subjektivismus à la Humboldt entgegen. „Die Sprachen sind die ‚Seele der Nation‘,“ so Trabant, „weil die Wörter keine Zeichen sind.“ Dass Wörter beliebige Beziehungen zwischen Wort und Sache sind, weiss man schon seit Aristoteles, und der Schweizer Sprachwissenschaftler Ferdinand de Saussure hat die Beliebigkeit des sprachlichen Zeichens zum Axiom der modernen Sprachwissenschaft gemacht.

Den aristotelischen Zeichenbegriff kann Trabant nicht glaubhaft demontieren – schon Humboldt konnte es nicht. Trabants Buch ist denn auch nicht sprachwissenschaftlich im engeren Sinn, sondern in einem weiteren Sinn ideengeschichtlich, indem es von zwei Entwicklungslinien der Sprachwissenschaft erzählt: von der Humboldtschen, der es um die Verschiedenheit des menschlichen Sprachbaus ging und die minoritär blieb, und von der von Franz Bopp begründete historisch-vergleichenden Sprachwissenschaft, die die Einheit der indoeuropäischen Sprachfamilie nachweisen wollte und die majoritär wurde.

Man muss Trabants Humboldtbegeisterung nicht teilen, um seiner Erzählung mit Interesse zu folgen – allerdings wird auch der interessierte Leser womöglich überfordert, wenn er nichtübersetzte lateinische Zitate verstehen oder linguistische Bezüge (ohne die Hilfe von Beispielen) nachvollziehen soll. Und bei jemand, der sich wie Trabant schon oft und auch in diesem Buch gegen die Angloamerikanisierung der deutschen Sprache verwahrt, wundert man sich über die Vielzahl unnötiger Angloamerikanismen – aber schliesslich ist der emeritierte Berliner Romanistik-Professor nun „Professor of European Plurilingualism an der Jacobs University Bremen“.

Es ist vor allem das Pathos, das dem Buch trotz seiner Gelehrsamkeit eine verstörende Note gibt. Trabant plädiert für ein emotionales Sprachverständnis, nach dem beim „richtigen Sprechen alle Gemütskräfte des Menschen verlangt werden,“ so dass ein „ganz besonderer Klang“ und eine „höchste Kunstfertigkeit“ entstehen. Denn, so Trabant: „Nur dann, wenn alle Gemütskräfte beteiligt sind, erweckt die Sprache nämlich auch das, was sie zum Weiterleben in einem Volke braucht: Liebe.“ Bei solchem Klang werden nicht nur Linguisten erschauern.

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erstellt am 09.4.2013

Jürgen Trabant
Weltansichten
Wilhelm von Humboldts Sprachprojekt
C.H.Beck Verlag, München 2012
350 Seiten

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