Weder hat die Zeit uns, noch sind wir ständig Herr unserer Zeit. Die Botschaft, alles schaffen zu können, passt zwar zur Leistungsideologie unserer Zeit, ist aber trotzdem falsch, meint Kulturphilosophin Yvonne Förster-Beuthan. Christian J.Grothaus hat mit ihr über Zeit-Fragen und ihr neues Buch »Zeiterfahrung und Ontologie« gesprochen.

Interview

Was »ist« Zeit?

„Wenn mich niemand danach fragt, weiß ich es; will ich es aber einem Fragenden erklären, weiß ich es nicht“. Im 4. Jahrhundert n. Chr. schrieb Augustinus von Hippo diesen Gedanken auf. Seither versuchten etliche Theologen, Geistes- und Naturwissenschaftler sich klarer zu werden über die Zeit. Die Philosophin Yvonne Förster-Beuthan hat sich aufgemacht, die wesentlichen Versuche darzustellen und schrieb dabei ein gut verständliches Buch über die Kraft eines unsichtbaren Phänomens, das höchsten Einfluss auf Menschen, Dinge und die Umwelt hat. Christian J. Grothaus sprach mit ihr.

Frau Förster-Beuthan, was hat Sie bewogen, ein Buch über etwas zu schreiben, das sich einer Erklärung widersetzt? Stimmen Sie mit der Einschätzung von Augustinus überein?

Für mich gab es zwei Ebenen. Sicherlich zunächst einmal den Versuch, etwas Ungreifbares zu greifen, insofern stimme ich hier mit Augustinus überein. Zeit kann kein Gegenstand sein, aber auch nicht nichts. Wichtig jedoch war für mich, die Zeit nicht nur auf das Subjekt zu beziehen bzw. sie ausschließlich aus diesem heraus zu erklären. Das Subjekt ist nämlich selbst etwas Entstandenes und gehört in einen größeren Rahmen, die Welt. Mich interessierte die Zeit, wie sie in der Struktur der Welt entsteht. Die Ausblendung der Welt oder Umwelt im evolutionären Sinn in vielen Untersuchungen halte ich für einen Mangel.

Bei der Erklärung von Phänomenen dominieren heutzutage die Naturwissenschaften. Welche Impulse über die Zeit kann die Philosophie z.B. der Hirnforschung geben?

In der Kognitionswissenschaft gibt es den Disput, ob die z.B. mittels bildgebender Verfahren gewonnenen Daten allein zur Erforschung des Bewusstseins und seiner Leistungen ausreichen oder ob die Erfahrungen des jeweiligen Probanden mitberücksichtigt werden müssen. Francisco Varela z.B. integriert die subjektiven Erfahrungen in seine Untersuchungen des Bewusstseins. Dafür werden die Probanden geschult, d.h. sie lernen, auf ihre Erfahrungen systematisch zu reflektieren. Die Theorie hierzu stammt von Edmund Husserl. Er hat vor allem die Erfahrung von Zeit als erlebte Gegenwart, die zum Teil Vergangenheit in sich trägt und eine Zukunft antizipiert, untersucht. Die Anwendung einer philosophischen Methode im Rahmen der Kognitionswissenschaften führt dabei zu neuen Interpretationsmöglichkeiten und auch zu der Einsicht, dass es so etwas wie eine reine Objektivität nicht gibt und die Wechselbeziehung einer Hirnaktivität und eines Bewusstseinszustands allein letztlich nicht viel erklären kann.

Zeit wird in unserem Kulturkreis oft reduziert auf ihre Mess- und Zählbarkeit. Da bleibt bestenfalls noch das Stichwort „Zeitmanagement“. Bei Ihnen ist Zeit eine Erfahrung. Wie meinen Sie das?

Wird Zeit gemessen, kann die Illusion aufrechterhalten werden, dass Sie etwas Gegenständliches und Gliederbares sei. Die Zeit hat aber keinen objektiven Charakter, sondern prägt vielmehr die Beziehung zwischen Subjekt und Objekt. Die Erfahrung ergibt sich erst in diesem relationalen Feld und gleicht einer Interaktion. Denkt man nun darüber nach, wie diese Erfahrung näher bestimmbar wird, können mindestens zwei sehr verschiedene Erklärungsansätze verfolgt werden. Zum einen kann Zeitlichkeit aus dem Subjekt heraus erklärt werden, welches das Objekt gewissermaßen erst verzeitlicht. Ein anderer Denkansatz wäre, dieses Verhältnis vom Subjekt auf seine Umwelt oder sein Objekt so zu denken, dass beide Elemente nur miteinander zeitlich sind und nicht selbst, von allein schon temporal sind. Zeit würde dann erst entstehen im Kontakt, der im Beziehungsgeflecht von Subjekt und Objekt.

Sie schreiben, dass zusammen mit der Messung der Zeit in Sekunden, Stunden, Tage etc. das Problem der Langeweile aufgetaucht ist. Sind sie denn nicht auch eine starke Erfahrung?

Ja, die Langeweile ist sicherlich eine starke Erfahrung. Ich möchte aber nicht so weit gehen, dass es sie ohne Zeitmessung nicht gäbe.

Für Martin Heidegger (1889-1976) ist die Langeweile eine Grundstimmung. Sie zeigt ein Zaudern der Zeit, das wiederum an die Wurzeln des Daseins rührt. Welche Formen der Langeweile begegnen Ihnen?

Ich persönlich kenne eine Art Horror vacui, der beim Schreiben auftritt. Immer dann, wenn ich erschöpft bin, aber der Schreibprozess noch nicht am Ziel ist, stellt sich die Erfahrung einer quälenden Leere ein. Manchmal scheint mir auch die Meditation als eine Einübung in die Langeweile. Der Versuch, aufzuhören mit dem Denken, beschäftigt einen als Anfänger unaufhörlich. Aus dieser Perspektive ist Meditation nur das Überstehen einer leeren Zeit, was zur Qual werden kann.

Welchen Einfluss übt die Messung sonst noch auf uns aus?

Die Bestimmung der Zeit in unserer Alltagswelt ist der Versuch einer Vergegenständlichung des Ungegenständlichen. Mensch, Welt und z.B. eine Uhr bilden eine Konstellation, die Einfluss auf unsere Erfahrungen ausübt. Wenn also Messung in der Welt ist, habe ich als Mensch eine andere Erfahrung von Welt und Zeit. Insofern ist der Einfluss immens.

Ist Zeit im Menschen oder außer ihm?

Die Aufteilung in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft ist allgemein geläufig und wird in der Fachliteratur als „A-Reihe“ bezeichnet, während die Unterscheidung in früher und später die „B-Reihe“ bestimmt. Manchmal scheint es, als sei die Zukunft nur eine recycelte Vergangenheit, die zur Erwartung geworden ist. Gibt es Zukunft denn überhaupt?

Ich denke ja. Man kann die Vergangenheit stark machen. So stark, dass sie zur Basis für die Gegenwart wird. Edmund Husserl tut das z.B. und steht damit im Gegensatz zu Martin Heideggers Lesart einer bestimmenden Zukunft. In der Mitte zwischen diesen beiden Ansätzen möchte ich mich einordnen. Vergangene Erfahrungen sind zwar bestimmend, es überwiegt aber der öffnende Charakter und nicht der determinierende. Prinzipiell brauchen wir Erfahrungen oder auch Vor-Urteile im Nietzscheschen Sinn als Ausgangspunkt für Neues. Das ist keine Beschränkung, sondern eine Voraussetzung zur bewussten Bewegung in der Welt. Die Zukunft bleibt offen und die Vergangenheit hilft lediglich dabei, neue Erfahrungen einzuordnen.

Wie ist das mit Kindern? Sie haben wenige Erinnerungen und das Schöne an ihnen ist ja gerade, dass sie beim Spielen oder auch Unsinnmachen zeigen, wie ein noch unvoreingenommener Zugang zur Welt aussehen kann.

Auch Kinder haben einen Erfahrungsfundus. Vielleicht sind sie bereit, die Öffnungen zur Welt größer zu halten, als das Erwachsene können. Das Spiel ist ein Weltbezug, der nicht vollkommen ohne Regeln verläuft. Kinder haben auch eine Vergangenheit, nehmen diese aber nicht allzu ernst. Nebenbei gesagt sind die sympathischsten Erwachsenen für mich diejenigen, die das nicht verlernt haben.

Entsteht Zeit in jedem Subjekt einzeln oder hat jeder Mensch vielmehr einen Zugang zu einer universellen, objektiven Zeit?

Ich bin nicht der Meinung, dass jedes Subjekt seine eigene Zeit hat. Das Subjekt konstruiert seine Zeit nicht, genausowenig wie es seine Identität oder den Anderen konstruiert. Die Zeit entsteht nur in Interaktion mit Anderen, Objekten und ganzen Umwelten. Sie gleicht einer Erfahrungsstruktur und in dieser bewegen sich Objekt und Subjekt, wenn sie miteinander interagieren bzw. in Kontakt sind. Gerade weil dieser Kontakt kontinuierlich ist, wir also nicht plötzlich ohne andere oder ohne die Welt sind, ist die Zeit die darin entsteht auch nichts Zufälliges. Wenn ich allein in der Welt wäre, eine Monade etwa, dann hinge meine Zeit nur von mir ab, weil wir aber immer in Beziehungen stehen, ist auch die Zeit nicht einfach subjektiv oder zufällig.

Für Edmund Husserl (1859-1938) ist die Gegenwart der Schlüssel zur Zeiterfahrung. Er stellt sie aber nicht als fixierbares Ereignis dar, sondern als ein Präsenzfeld. In einem permanenten Gleiten innerhalb dieses Feldes geschehen Abschattungen nach vorn (Protention) in Form von Erwartungen und nach hinten (Retention) in Form von Verlusten des Ausgangsereignisses (Urimpression). Dass Menschen unscharf und temporal wahrnehmen, kann hieraus erhellen. Wie wird aber die Wirksamkeit der Zeit außerhalb des Bewusstseins erklärbar, z.B. dass ein Blatt wächst, sich verfärbt und fällt anstatt der Betrachtung, wie es das tut?

Husserl glaubt nicht an eine reine Gegenwart. Die Urimpression, welche den Moment beschreibt, in dem ein Eindruck gerade gegenwärtig ist, zeigt vielmehr eine Grenze, die nicht fassbar ist. Erst, wenn gerade Vergangenes und die Erwartung des Kommenden hinzutreten, ist das was wir als Gegenwart bezeichnen, erfahrbar. Husserl beschreibt aber ausschließlich, wie Zeit für das Subjekt erfahrbar wird. Die Seite des Objekts wird dabei gar nicht mit einbezogen. Das scheint mir zu kurzgegriffen. Erstaunlicherweise bleibt er in seiner Zeitphilosophie sehr eng an Kant und dessen subjektiven Zeitbegriff, während er seine anderen Texte vielmehr von den Dingen und den Gegenständen der Erfahrung her entwickelt. In seiner Zeittheorie stellt er aber nicht die Frage, warum die Eindrücke, welche sich zur erlebten Gegenwart formen, sukzessiv und damit zeitlich strukturiert sind. Hier müsste er die Grenze des Bewusstseins hin zur Welt überschreiten, was er in den Fragen zur Zeit nicht tut.

Martin Heidegger bezieht die Erfahrung der Zeit primär aus einer Zukunft, die jedem von uns sicher ist – nämlich dem eigenen Tod. Damit ist die verbleibende Zeit über die Grenzerfahrung ihres Endes, also negativ über eine Art Nicht-Zeit, verständlich. Erklärt sich damit auch, dass sie etwas außerhalb des Menschen ist?

Heidegger ist für mich interessant, weil er Zeit nicht aus dem Subjekt heraus erklärt, sondern gerade aus seinem Ende, dem Nicht-mehr-sein, dem Tod. Heidegger skizziert eine Struktur, die mit der Unmöglichkeit der Erfahrung des eigenen nicht-mehr-Daseins auf ein bedingendes, konstitutives Außen hinweist. Letztlich bleibt Heidegger damit aber dennoch zu sehr im Menschen und seiner Vorstellung vom Ende verhaftet. Das bedeutet, dass Zeit, wenigstens in Heideggers Vortrag zum „Begriff der Zeit“, nur über eine Todes-Bedeutung fassbar wird, welche sich der Erfahrung radikal entzieht. Mich dagegen interessiert, wie Zeit bereits in der Leiblichkeit beginnt, jenseits von Bedeutung und Sprache.

Umwelt, Körper und Zeit

In der Hirnforschung wird Zeit stets körperlich erklärt. Das Bewusstsein bildet und entwickelt sich in einer leiblichen Interaktion mit der Umwelt. Die Trennung von Objekt und Subjekt wird überwunden, denn Subjekte sind immer schon Körper unter Körpern in einer miteinander geteilten Welt. Hier bahnt sich etwas Drittes bzw. ein Gefüge an. Haben die Forscher Modelle, dieses Dazwischen zu deuten oder kommt hier die Philosophie ins Spiel?

Der Begriff Körper ist mir ein bisschen zu kurz gegriffen, denn er wird oft reduktionistisch gebraucht. Wenn die Bewusstseinsleistung nur auf das Hirn bezogen wird, es also nur noch um neuronale Aktivität geht, bräuchte man noch nicht einmal mehr den Körper. Der Körper wird in reduktionistischen Ansätzen ja gern als eine Materie zur Implementierung neuronaler Strukturen verstanden, die auch in naher Zukunft durch eine andere ersetzt werden könnte. Ich spreche lieber vom Leib. Hier spielen die Lebendigkeit und die Erfahrungsperspektive eine wichtige Rolle. Im Leibbegriff ist Subjektivität mitgedacht, aber eben keine rein geistige Subjektivität, sondern eine verkörperte. Das ist wichtig, wenn man versucht, Bewusstsein zu erklären. Ein leibliches Subjekt, das auch einen Körper hat, interagiert in und mit einer Welt. Diese Konstellation konstituiert Bewusstsein und auch die Zeiterfahrung. Thomas Fuchs beispielsweise definiert das Gehirn als ein Beziehungsorgan, welches zwischen dem verkörpertem Subjekt und der Welt vermittelt. Das geht nur, weil das Subjekt einen Körper hat und sich mit diesem die Welt erschließt. Bewusstsein entsteht erst im Bezug und durch Intersubjektivität. Tatsächlich verläuft die Diskussion zwischen Hirnforschung und Philosophie an dieser Grenze. Während die eine Fraktion sich mit der Aktivität der Synapsen zufriedengeben will, fordert die andere die Erfahrungsdimension des Subjektes in Bezug auf die Welt mit ein.

Kennen Sie ein konkretes Beispiel für das Berücksichtigen der subjektiven Erfahrung in einem Experiment der Hirnforschung?

Spannende Untersuchungen gab es mit buddhistischen Mönchen, deren Hirnaktivität im Schlaf gemessen wurde. Das Interessante dabei ist, dass die Mönche sich ihrer Träume bewusst werden können. „Lucid dreaming“ wird das genannt. Es ist diesen Schlafenden also möglich, aus dem Traum heraus zu kommunizieren. Während des luziden Träumens können sie Zeichen geben, dass sie sich gerade in einem bewussten Zustand befinden. Dadurch erhalten die Forscher eine Möglichkeit, die durch bildgebende Verfahren gewonnenen Daten auf Veränderungen hin zu befragen, die dann ihrerseits Aufschluss über die Bedingungen von bewussten Zuständen geben. So kommt es auch, dass unter Umständen ein vorher bedeutungsloses Rauschen nun zur wichtigen Information wird. Die Erfahrungen des Subjekts spielen also eine große Rolle bei der Interpretation von Messdaten, und das ist eine phänomenologische Lektion, die die Forscher gelernt haben.

Maurice Merleau-Ponty (1908-1961) formuliert eine nicht-reduktionistische Zeitauffassung, d.h. er mag sich nicht mit dem Verharren in Subjekt-Objekt-Dualismen zufriedengeben und steuert stattdessen ein konstituierendes, leibliches Milieu an, in den der Mensch mit der Umwelt verflochten ist. Könnten Sie den hier wichtigen Begriff des „Fleisches“ erläutern? Wie hängt das „Fleisch“ mit der Zeit zusammen?

Merleau-Ponty ist deshalb so interessant für mich, weil er den Leib zur Basis der Zeiterfahrung macht. Weil man als leibliches Wesen auch Objekt unter anderen Objekten ist, hat man Teil an einer umfassenden Struktur. Sie entfaltet sich zwischen dem Mensch und der Welt und ist durch Wahrnehmbarkeit charakterisiert. Alles ordnet sich räumlich, perspektivisch zueinander. Das ist die Bedingung dafür, dass etwas sichtbar bzw. wahrnehmbar wird. Was mit Fleisch gemeint ist, wird am ehesten verständlich, wenn man die Struktur zwischen Objekt und Subjekt als etwas denkt, auf dem sich beide überhaupt erst ausdifferenzieren können. Das Fleisch repräsentiert eine Art verallgemeinerte Sinnlichkeit. Das Fleisch der Zeit wiederum entsteht im Kontakt von Objekt und Subjekt. Ein Prinzip, das eher dem Subjekt zugeordnet wird, erfährt also bei Merleau-Ponty eine Verallgemeinerung. Die Zeit ist dabei das Mittlere und gleicht einem Medium.

Sie wollen eine Ontologie der Zeit zur Entfaltung bringen, d.h., dass das Sein im Unterschied zum Dasein steht bzw. es eine wechselseitige Bedingtheit zwischen diesen „Ebenen“ gibt. Wie ist das Sein denkbar – und, ist die Zeit identisch mit dem Sein oder eher ein Element daraus, das simultan ebenfalls ins Dasein ragt? Wäre die Zeit also eine Art gemeinsames, konstituierendes Gefüge?

Die Ontologie fragt danach, was Zeit ist. Im Buch untersuche ich das in vier Schritten. Zunächst diskutiere ich Theorien, die Zeit allein aus der Logik der Sprache analysieren, die Erfahrung von Zeit aber völlig ausblenden. Dann schaue ich mir phänomenologische Analysen der Zeiterfahrung an, die nun aber die Frage nach ihrem Sein ausblenden. In einem Zwischenschritt wage ich einen Blick in Evolutionsbiologie und Kognitionsforschung, wo Zeit nur als Parameter von Hirnaktivität auftritt. Merleau-Ponty dagegen behandele ich zum Schluss. Er eröffnet die Möglichkeit, eine neue Perspektive zwischen diesen Modellen oder Einseitigkeiten einzunehmen. Entlang seiner Ideen kann die Erfahrung von Zeit nicht allein vom Subjekt her gedacht werden, sondern auch ontologisch. Damit wird Zeit also gewissermaßen auch an das Sein zurückbindbar und findet im Zwischenraum von Mensch und Welt statt.

Der Satz „Ich habe keine Zeit“ geht heutzutage schnell über die Lippen. Hat nicht vielmehr die Zeit uns – und zwar unhintergehbar bis zu unserem Tod?

Weder noch. Dass die Zeit uns hat und wir in ihr permanent vergehen, ist mir eine Spur zu fatalistisch. Wahlweise zu banal oder heillos überfordernd, erscheint mir auch die Variante, stets der Herr über meine Zeit sein zu sollen. Die Botschaft, alles schaffen zu können, wenn man nur die richtige Einstellung hat, passt zwar zu einer modernen Leistungsideologie, ist jedoch nichtsdestotrotz falsch. Auch hier nehme ich wieder die Mittelposition ein und halte es für wichtig, sich darüber klar zu werden, dass Zeit etwas ist, was uns mit der Welt verbindet und weder einfach ein menschliches Konstrukt noch eine determinierende Naturgewalt ist. Der Zwischenweg ist uns leider fremd geworden, weil er nicht so werbewirksam ist, wie die beiden Extreme.

Frau Förster-Beuthan, danke für dieses Gespräch!

Christian J. Grothaus

Yvonne Förster-Beuthan ist seit Oktober 2010 Junior-Professorin für Kulturphilosophie mit besonderer Berücksichtigung der Kunstphilosphie in der Abteilung Philosophie des Instituts für Kulturtheorie, Kulturforschung und Künste (IKKK) an der Universität Lüneburg.

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erstellt am 02.4.2013

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