Schon Peter Suhrkamp hatte über die Veröffentlichung der gesammelten Essays und des Romans »Ginster« nachgedacht, dann ermunterte Adorno Suhrkamps Nachfolger Siegfried Unseld, mit Siegfried Kracauer erneut Kontakt aufzunehmen und den Plan voranzutreiben. Den diesbezüglichen unveröffentlichten Briefwechsel zwischen Kracauer und seinen beiden Verlegern dokumentiert Faust-Kultur hier exklusiv.

Eine Geschichte in Briefen

»Ginster« und anderes von Siegfried Kracauer

Ausgewählt von Raimund Fellinger

Herrn
Dr. S. Kracauer
56 West 75 Street
New York 23, N. Y.
USA

Frankfurt am Main, 13. April 1951

Sehr verehrter Herr Dr. Kracauer
Auf Wunsch des Autors Theodor W. Adorno übersende ich Ihnen sein neues Buch »Minima Moralia«. Nach seinen bisherigen Publikationen ist es der Art nach und in der Vielfalt seiner, in jedem Fall eine Assoziationskette auslösenden, realen Gegenstände überraschend neu. Bei diesem Buch kommt auch durch die dialektische Leidenschaft wohl zum ersten Mal die Gläubigkeit Adornos unausgesprochen zum Vorschein. Die Sendung könne für Sie demnach über die persönlich-freundschaftliche Geste des Autors hinaus noch von besonderem Reiz sein.

Mit verbindlichen Empfehlungen
Peter Suhrkamp

P. S.
Das Buch geht mit gesonderter Post gleichzeitig an Sie ab.

98 Westend Avenue, New York 24, N. Y., 23. Februar 1958

Lieber Suhrkamp
Vor ein paar Tagen war, gelegentlich eines kurzen Aufenthalts in New York, unser Freund Gubler aus der Schweiz bei uns, und wir sprachen mit Liebe und Bewunderung von Ihrem »Munderloh« – dem Apfelgarten und dem Stueck »Der Besuch«. Das ist aber der nur aeussere Anlass aus dem ich Ihnen gerade schreibe. Ich hatte es seit laengerem tun wollen, nur eben der Alltag und was er mit sich bringt macht wieder gute Vorsaetze zuschanden. Wir moechten gerne wissen wie es Ihnen gesundheitlich geht; wir hoffen, dass Sie den Winter soweit gut ueberstanden haben. (Meine Frau hatte eine langwierige Grippe, von der sie erst jetzt genesen ist.) Ich habe Ihre letzte Nachricht von Anfang November vorigen Jahres vor mir, und die war nicht von Ihnen sondern vom Verlag: eine Bestaetigung des Empfangs meines Materials von Rowohlt. Und dies bringt mich zu der »geschäftlichen« Anfrage, ob Sie inzwischen eine Moeglichkeit hatten, sich mit meinen Sachen zu befassen. Ich habe das Wort »geschäftlich« in Anfuehrungszeichen gesetzt, weil mir die Idee, dass Sie es sind, der sich dieser Dinge annimmt, als etwas persoenlich so Wuenschenswertes erscheint, dass ich gar nicht in den Ausdruecken »Verleger« und »Autoren« denken kann.

All unsere gute Wuensche und sehr herzliche Gruesse von uns beiden,

Ihr
Siegfried Kracauer

Frankfurt am Mai, 15. August 1958

Herrn Professor Siegfried Kracauer
Klosters, Grand Hotel Vereina

Liebe Kracauers,
es ist höchste Zeit, daß ich Ihnen endlich auf Ihren neuen Anstoß vom 6. August antworte. Das geschieht erst jetzt, weil ich immer noch hoffte, wenigstens für drei Tage nach Klosters zu kommen. Jetzt stellt sich aber heraus, daß es doch keinesfalls geht.
Man hatte recht, wenn man Ihnen im Verlag sagte, daß es mir einigermaßen ginge. Die letzten Wochen mit Hitze und Schwüle haben mir aber wieder zugesetzt; dazu kam, daß ich in der schlimmsten Zeit drei, vier dringende Reisen, die rasch aufeinander folgten, machen mußte. So wage ich mich im Moment nicht mehr wegzurühren. Es könnte doch jedoch Augenblick etwas Verhängnisvolles eintreten. Ich muß außerdem sehr meine Kräfte zusammenhalten für die Buchmesse Ende September. Bis dahin muß ich auf jeden Fall aufrecht bleiben.

Es betrübt mich selbst, daß ich Ihnen diesen Bescheid geben muß. Besteht bei Ihnen nicht doch die Möglichkeit, daß Sie noch einmal über Frankfurt kommen und ein paar Tage in Königstein Aufenthalt nehmen? Ich würde dann sehen, Ihnen so viel wie möglich zur Verfügung zu stehen.

Hoffentlich geht es Ihnen beiden gesundheitlich gut. Sollten Sie nicht nach hier kommen, schreiben Sie mir etwas über Ihr Ergehen und auch über Ihre Pläne in nächster Zeit. Mich interessiert auch, wie es mit den Veröffentlichungen bei Rowohlt steht. Über die Aussichten in meinem Verlag will ich gar nicht erst anfangen. Das ist ein zu langes Kapitel. Ich rechne doch damit, wir sehen uns.

Ihr alter
Peter Suhrkamp

Klosters, Grand Hotel Vereina, 17. August 1958

Lieber Suhrkamp:
Wir sind so traurig, dass Sie nicht nach Klosters kommen koennen. (Noch jetzt, bei der neuen Hitzewelle, wäre es vielleicht auch gesundheitlich für Sie gut gewesen, hier oben in der Kühle zu sein.) Und wir hatten doch innigst gehofft Sie zu sehen. Darum skizzierte ich Ihnen schon vor Monaten unseren ungefähren Reiseplan, in der Erwartung, dass Sie mir schreiben würden, wie Sie selber zu disponieren gedenken, sodass eine Zusammenkunft arrangiert werden könne. Da Sie nicht antworteten, musste ich unsere Reise mit Rücksicht auf ihren beruflichen Zweck genau festlegen. Unsere einzige Atempause – 3 Wochen – ist eben hier in Klosters, wo wir bis einschliesslich nächsten Donnerstag, den 21. August, bleiben werden. Dann habe ich in Venedig (c/o Grand Hotel Lido, Lido-Venedig, vom 23.–31. August), Turin, und Paris (c/o American Express, 11, rue Scribe, Paris, bis 25. Sep.) zu tun. Die einzige Ausweichmöglichkeit die uns bleibt, wäre, um Sie zu sehen, wenn wir einen Umweg über Basel einschalteten gegen Ende der ersten Septemberwoche. Aber nach dem was Sie schreiben, scheint auch dies kaum eine Chance zu bieten.

An dem enigmatischen Satz am Ende Ihres Briefes, »Ueber die Aussichten in meinem Verlag will ich gar nicht erst anfangen«, haben wir vergeblich herumgedeutet; was Sie wirklich damit meinen, ist uns nicht aufgegangen. Mein Material betreffend, waren Sie selber seinerzeit an den grossen Aufsätzen in der »Frankfurter Zeitung« interessiert. Ich überliess Ihnen diese Aufsätze, zusammen mit den Berliner Strassenartikeln, dem Angestelltenbuch und dem Ginster, um so lieber, als ich es bei Ihnen gut aufgehoben wusste und glaubte, Ihrem Verlag – aber das sind Sie ja auch selber – einen Dienst damit zu leisten. Das Material, das ganz oder auch teilweise veröffentlicht werden mag, enthält Gedanken, die weiterbestehen; es ist, in Haltung und Sprache, die Originalquelle von der vieles was heute unter dem Namen Kultur- oder Gesellschaftskritik in Deutschland umgeht, nur abgeleitet ist. Doch was brauche ich gerade Ihnen das zu sagen? Eine Veroeffentlichung, scheint mir, wäre um so mehr in Ihrem Sinne, als sie die Verbindung mit einer vergessenen Vergangenheit wieder herstellte und so den in Deutschland herrschenden Traditionsbruch zu beseitigen hülfe. Es ist wichtig fuer die junge deutsche Intelligenz, glaube ich, die Originale selber in ihrer unverhuellten Schaerfe kennen zu lernen, und das aus erster Hand.

Schreiben Sie uns sehr bald, lieber Suhrkamp, ob vielleicht Basel doch noch als letzte Moeglichkeit bliebe – wie wunderbar wäre das – und was Sie eigentlichem meinten mit rätselhaftem Satz. (Oder wuerden Sie vielleicht gar abends – für alle Fälle: am besten von 20. [XXX] – hier noch einmal anrufen, wie vor zwei Jahren nach Basel? Doch das ist eine verwegene Idee meinerseits; immerhin, der blosse Gedanke daran macht uns schon glücklich.)

In alter Anhänglichkeit und mit den herzlichsten Wünschen und Grüssen von uns beiden,
Ihr
Siegfried Kracauer

Paris, 11. September 1962, Le Grand Hotel Du Louvre

Sehr geehrter Herr Dr. Unseld:
Nach meiner Ankunft in Paris gestern abend fand ich einen Brief meines Freundes Prof. Adorno vor, in dem er mir mitteilte, dass er mit Ihnen über den Plan der Herausgabe meiner gesammelten Essays und meines »Ginster« gesprochen habe. Sie seien an beiden Projekten interessiert, schrieb er, und ich möchte mich doch möglichst umgehend mit Ihnen darüber in Verbindung setzen.

Dies tue ich hiermit und tue es sehr gerne. In der Tat, sollten Sie den Essayband und den »Ginster« herausbringen wollen, so würde ich die Idee der Gesamtausgabe, mit der Sie sich seinerzeit nicht befreunden vermochten, vorläufig zurückstellen. Jedenfalls würde von mir diese Idee kein Hindernis sein.

Wie nun am besten verfahren? Wenn Sie es wünschen, könnte ich Ihnen den »Ginster« und das Material zum Essayband − beides befindet sich in Europa − sehr schnell zugänglich machen. Zu diesem Material wäre noch zu sagen, dass seine Anordnung, usw. nur ganz provisorisch ist. (Übrigens finde ich den Ihnen für den Essayband von Prof. Adorno vorgeschlagenen Titel »Das Ornament der Masse« ganz ausgezeichnet.)

Bitte, schreiben Sie mir möglichst umgehend, damit ich, im Falle Ihrer Zustimmung, die Sendung der Unterlagen gleich veranlassen kann. Ich lege deshalb auf Schnelligkeit einiges Gewicht, weil wir, meine Frau und ich, noch − vor unserer Rückkehr nach New York − bis ca. 28. September in Paris sind (wo ich einiges zu tun habe). So ergäbe sich vielleicht die Chance einer persönlichen Unterredung? Eine solche erschiene mir − immer Ihr Interesse vorausgesetzt − aus mehr als einem Grunde als sehr wünschenswert.
Inzwischen verbleibe ich mit hochachtungsvoller Begrüssung

Ihr
Siegfried Kracauer

P.S. Lassen Sie mich gerade noch erwähnen, dass auch Ernst Bloch, mit dem wir 3 Tage kürzlich in München waren, über meine Dinge − den Ginster, die Essays und Prosastücke − mit Ihnen reden wollte.

Frankfurt am Main, 13. September 1962

Lieber Herr Kracauer
ich danke Ihnen für Ihren freundlichen Brief vom 11. September. Wie sehr ich mich freue, Sie einmal persönlich kennenzulernen und mit Ihnen über Ihre Editionspläne zu sprechen, so muß es mir doch für die kurze Frist bis zum 28. September versagt bleiben. In diesen Zeitraum fällt die Buchmesse. Sie ist nicht nur die höllischste Zeit im Jahr eines Verlages, sie wirft auch Schatten und Schatten hinterdrein. Ich bin jetzt so viele Besuchsverpflichtungen eingegangen, daß ich mich nicht mehr zu einer neuen Begegnung bereithalten kann.

Professor Adorno hat mich angerufen und mit mir über Ihre Arbeiten gesprochen. Ich sagte Herrn Professor, daß ich Ihnen auf Ihre Bitte nach einer Gesamtausgabe einen abschlägigen Bescheid geben mußte; er meinte aber, daß Ihnen sehr an einer Teilausgabe läge, und erwähnte eine Neuausgabe des GINSTER und eine Auswahl aus Ihren Essays. GINSTER habe ich mir bereits in der hiesigen Bibliothek besorgen lassen. Das Buch hat für mich eine gewisse Geschichte, weil es in der Privatbibliothek Suhrkamps in Königstein war. Ich nahm es bei meinen Krankenbesuchen, bei denen es immer längere Pausen gab, die ich zum Lesen benutzten konnte, zur Hand. Suhrkamp hat es mir aber nicht mit nach Hause gegeben. Ich möchte es jetzt nochmals im Zusammenhang mit Ihrer Bitte lesen.

Bei Ihren Essays stelle ich mir eine Auswahl vor, die man entweder in der Form eines einzelnen Bandes oder in der Form von kleineren Einzelausgaben herausbringen könnte. Das möchte ich jedoch erst entscheiden, wenn ich das Material kennengelernt habe. Bitte richten Sie es doch so ein, daß es mir bis Ende September oder Anfang Oktober zugeht.

Mit guten Wünschen und freundlichen Grüßen bin ich
Ihr
Siegfried Unseld

Paris, 11. September 1962, Le Grand Hotel Du Louvre

Lieber Herr Dr. Unseld:
Ich danke Ihnen sehr für Ihren Brief. Ihre Mitteilung, dass sich mein GINSTER in Suhrkamps Privatbibliothek in Königstein befand, hat mich stark berührt. Er hatte mir nichts davon erzählt. Es ist immer erregend, wenn einmal unversehens einer jener verborgenen Fäden sichtbar wird, aus denen unsere wirkliche Geschichte gewoben ist. Was den GINSTER betrifft, so füge ich meiner Sendung die Fotokopie eines Briefes bei, den mir Alban Berg darüber schrieb. (Übrigens war auch Hermann Hesse dem Buch zugetan.)

Mein Material geht gesondert an Sie (ohne den GINSTER, den Sie ja haben). Wenn Sie mich durch ein Wort wissen liessen, dass die Sendung wohlbehalten bei Ihnen eingetroffen ist, wäre mir das eine grosse Beruhigung. Das Material − das möchte ich noch einmal sagen − ist nicht eigentlich geordnet. Ich habe mich damit begnügt, alles, was mir als wichtig erschien, nach ein paar ganz äusserlichen Gesichtspunkten zusammenzustellen. Es ist also, sozusagen, Rohmaterial. Mehr glaubte ich vorläufig nicht tun zu sollen. Als Kuriosum sei noch erwähnt, dass Bruno Cassirer die Prosastücke, die unter den Titeln »Strassen«, »Lokale«, «Leute« figurieren, kurz vor Hitler gesammelt veröffentlicht wollte. Es kam natürlich nicht mehr dazu.

Ich verstehe gut, dass Sie jetzt keine Zeit für eine persönliche Begegnung haben. So hoffe ich auf eine spätere Gelegenheit; sie mag sich sogar − vielleicht − als fruchtbar erweisen.

Mit freundlichen Grüssen
Ihr
Siegfried Kracauer

P. S. Wir sind bis zum 28 Sept. einschließlich hier; dann ist meine Adresse wieder: 498 Westend Avenue, New York 24, N. Y.

Frankfurt am Main, 3. Dezember 1962

Verehrter Herr Dr. Kracauer,
meine Mitarbeiter im Lektorat, ein Autor des Verlages und ich haben uns eingehend mit Ihren Manuskripten beschäftigt und die Frage geprüft, ob es uns möglich ist, sie bei uns herauszugeben. Die Frage zu beantworten war nicht einfach. Der Verlag nimmt Autoren gegenüber eine sehr spezifische Haltung ein. Uns interessiert nicht nur das einzelne Manuskript, sondern der Autor selber, seine geistige und politische Physiognomie. Meine Freunde und ich kennen Ihre Arbeiten zu einem größeren Teil. Wir wissen um ihre Eigenart und Bedeutung, aber ebenfalls wissen wir natürlich, daß ein großer Teil Ihrer Arbeiten bereits publiziert ist und in verschiedenen Verlagen. So war uns also die Antwort auf jene Frage diffizil.

Und doch sind wir letztlich zu einem positiven Ergebnis, oder sagen wir besser Teilergebnis, gekommen. Ihr Roman »Ginster« kreist noch; darüber haben wir uns noch kein Urteil gebildet. Wir prüfen, ob es möglich ist, ihn im Rahmen der »Bibliothek Suhrkamp« herauszugeben. Aus Ihrem theoretischen Konvolut wollen wir zwei Komplexe aufnehmen. Wir könnten uns bereiterklären, einen größeren Essayband zu publizieren, und zwar in Form und Ausstattung einer Reihe, in der wir Adornos »Minima moralia« und den »Kierkegaard« gebracht haben und in der wir weiterhin Bücher von Bloch, Benjamin, Wittgenstein und Merleau-Ponty bringen werden. Ich glaube, Sie befinden sich da also in einer achtbaren Gesellschaft. Titel eines solchen Bandes könnte sein: »Das Ornament der Masse. Essays.« Ich schicke Ihnen anliegend eine mögliche Zusammenstellung des Bandes. Sie wurde von Karl Markus Michel getroffen, der Ihre Arbeiten genau kennt und den auch Professor Adorno schätzt. Eine zweite Möglichkeit wäre eine Zusammenfassung der Berlin betreffenden Arbeiten. Ich sehe hier eine Parallele zu Benjamins »Berliner Kindheit«. Wir würden gern einen solchen Band machen und ihn innerlich einer im nächsten Frühjahr neu beginnenden Reihe »edition suhrkamp« herausgeben mit dem mutmaßlichen Erscheinungstermin Herbst 1964.

Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie mir Ihre Meinung zu diesen beiden Vorschlägen bald zuleiten. Die Frage hat eine gewisse Eile; wir wären geneigt, den Essayband noch in das Frühjahrsprogramm 1963 aufzunehmen. Wir sind eben dabei, die Ankündigungen für das Programm der ersten Jahreshälfte fertig zu stellen. Ich möchte Sie also bitten, mir bald mitzuteilen, wie Sie prinzipiell zu unserem Vorschlag stehen. Über den Inhalt des Essaybandes im Einzelnen können wir dann sicherlich Verständigung erzielen.

Mit besten Grüßen
Siegfried Unseld

498 Westend Avenue, New York 24, N.Y., December 7, 1962

Lieber Herr Dr. Unseld:
Herzlichen Dank fuer Ihre Mitteilungen. Ich habe mich sehr gefreut, dass Sie sich dazu entschlossen haben, zwei Komplexe aus meinem Prosamaterial zu veroeffentlichen. Und wunschgemaess moechte ich Ihnen schnellstens mitteilen, dass ich mit Ihrem Vorschlag einverstanden bin, einen groesseren Essayband unter dem Titel DAS ORNAMENT DER MASSE im Fruehjahr 1963 herauszubringen (Band I) und das sich fuer ein Pendant zu Benjamin’s »Berliner Kindheit« eignende Material spaeter im Rahmen Ihrer neuen Reihe »edition suhrkamp« im Herbst 1964 erscheinen zu lassen (Band II).

Um diesen Brief nicht unnoetig zu beschweren, schicke ich Ihnen gesondert einige Bemerkungen darueber zu, wie ich selber mir, im Anschluss an Ihr Schreiben und Herrn Michel’s Zusammenstellung, Auswahl und Anordnung von Band I denke; und auch ein vorlaeufiges Wort ueber Band II. Aber dies sind nur erste Ideen, die nichts weiter als eine Basis fuer Diskussion sein wollen. Bei dieser Gelegenheit moechte ich noch sagen, dass ich die freundliche Sorgfalt, mit der Sie und Ihre Mitarbeiter mein Material erwogen haben, besonders dankbar empfinde.

Darf ich hinzufuegen, dass ich natuerlich gluecklich waere, wenn es sich so ergaebe, dass mein GINSTER in der »Bibliothek Suhrkamp« erschiene? (Das ist genau die Umgebung, die ich mir fuer dieses Buch wuensche; in ihr koennte es, vielleicht, wieder neu bluehen.) Dann: haette ich weniger stark das Gefuehl gehabt, dass Sie nicht so sehr am einzelnen Manuskript als am ganzen Autor interessiert sind, so haette ich bestimmt seinerzeit gezoegert, Ihnen sans façon meine Gesammelten Schriften anzutragen.

Mit freundlichen Gruessen,
Ihr,
Siegfried Kracauer

498 Westend Avenue, New York 24, N.Y., December 7, 1962

Lieber Herr Dr. Unseld:
Hier sind die »Bemerkungen«, die ich Ihnen in meinem vorhin an Sie abgeschickten Brief ankuendigte. Der Artikel CONCERNING HISTORY – siehe Ende der Seite mit dem Schema von DAS ORNAMENT DER MASSE – geht Ihnen mit gleicher Post per air mail zu. (Dieser voellig unveroeffentlichte Artikel enthaelt Vorgedanken zu dem Buch an dem ich eben arbeite – Gedanken, die mir heute sehr wichtig sind und die so in dem Buch nicht vorkommen werden.)

Mit freundlichen Gruessen,
Ihr,
Siegfried Kracauer

Bemerkungen zu Band I:
DAS ORNAMENT DER MASSE
1. Zunaechst ein Wort ueber die von Herrn Michel im Nachlass von Dr. Baberadt — jetzt da ich seinen Namen hoere, sehe ich ihn wieder vor mir — gefundenen Artikel:
Langeweile: ich kann mich an diesen Artikel nicht mehr erinnern, habe ihn auch nicht, koennten Sie mir einen Abzug davon schicken?
Die kleine Stadt: Ich liess diesen Artikel aus, weil er mehr oder weniger GINSTER paraphrasiert. Aber mir ist seine eventuelle Aufnahme durchaus recht.
Kaliko* Welt: Mir erscheint der Artikel als arg veraltet. Doch ich bin der letzte, der ein richtiges Urteil darueber haben koennte.
Prophetentum? (Zu Bloch’s »Muenzer«-Buch): Ich habe diesen Artikel absichtlich weggelassen, weil ich ihn aus persoenlichen Gruenden nicht mehr veroeffentlichen moechte.
2. Da dem Essayband, DAS ORNAMENT DER MASSE, spaeter ein Band folgen soll, der eine Art Parallele zu Benjamin’s »Berliner Kindheit« darstellt, hielte ich es fuer richtiger, wenn man im Essayband selber die unter den Titeln »Strassen«, »Lokale« und »Leute« genannten Artikel ausliesse. So wuerde dieser Band nicht nur ein einheitlicheres Aussehen gewinnen, sondern es wuerde auch Raum geschaffen fuer Beitraege, die sonst vielleicht, der Seitenzahl-Begrenzung wegen, unter den Tisch fielen — ich denke an die in Herrn Michel’s Liste mit einem Fragezeichen versehenen Artikel.
3. Auf Grund dieses Gedankens habe ich versucht, ein Schema des Essaybandes zu entwerfen, wobei ich mich im grossen und ganzen (wenn auch nicht durchaus) an die durchdachte Auswahl von Herrn Michels halte. Das Schema ist ein Roh-Entwurf, ein Vorschlag, nicht mehr. Die darin eingeklammerten Artikel koennen ausgelassen werden. Aber das gilt auch fuer andere, nicht eingeklammerte. Eine endgueltige Entscheidung bleibt noch zu treffen.

Bemerkungen zu Band II
Da dieser Band, der als Parallele zu Benjamin’s »Berliner Kindheit« beabsichtigt ist, noch Zeit hat, begnuege ich mich mit einer allgemeinen Bemerkung. Der Band soll, scheint es, jene unter den Titeln »Strassen«, »Lokale« und »Leute« genannten Artikel zusammenfassen, die sich auf Berlin beziehen. Das ist die Mehrzahl der Stuecke. Aber das Material enthaelt auch Stuecke ueber Paris, Marseille, usw., die vielleicht nicht weniger erhaltenswert sind (z.B. der von Herrn Michel angefuehrte Artikel »Erinnerung an eine Pariser Strasse«). Daher schlage ich vor, Berlin nicht als Haupttitel zu haben, sondern, sagen wir, den Titel STRASSENBUCH zu waehlen, sodass auch diese anderen Prosastuecke Aufnahme finden koennen. Ueber die Auswahl koennen wir uns noch spaeter verstaendigen.
Siegfried Kracauer

Frankfurt am Main, 18. Dezember 1962

Lieber Herr Dr. Kracauer,
mit Ihren Briefen vom 7. Dezember und mit Ihren Anmerkungen zu unseren Vorschlägen haben wir uns eingehend beschäftigt. Zunächst danke ich Ihnen für Ihre freundliche Zustimmung zu unseren Plänen. Ich hoffe, daß wir damit auch eine entscheidende Wirkung für Sie als Autor erzielen.
Mit der genauen Zusammenstellung des Essaybandes werden wir uns noch befassen. Ihre Vorschläge leuchten uns ein; in der Tat wollen wir solche Texte wie »Kaliko-Welt« doch lieber zugunsten anderer herauslassen. Nicht ganz verstanden habe ich Ihre Anmerkung für das Motiv, den Bloch-Essay wegzulassen. Da ja auch ein Text über Benjamin vertreten ist und da man sich doch überlegen sollte, Ihre Arbeit über Adornos »Kierkegaard« aufzunehmen, würde mit den Arbeiten über Benjamin, Adorno und Bloch doch eine gewisse Einheit vorliegen. Für das »Straßenbuch« diskutieren wir einen Titel »Straßen in Berlin und anderswo«; er scheint uns sehr adäquat und auch nicht ohne Attraktivität.
Soviel nur für heute. Wir werden also den Band »Das Ornament der Masse« in unser Frühjahrsprogramm aufnehmen; einen Vertrag lassen wir Ihnen in Kürze zugehen, sobald wir den endgültigen Inhalt mit Ihnen diskutiert haben. Ich freu mich sehr, daß wir nun doch in Verbindung gekommen sind, und ich wünsche auch für das neue Jahr, daß uns diese Verbindung erhalten bleibt; hierbei denke ich natürlich auch an die neue Arbeit, die Sie jetzt momentan vorhaben.

Mit herzlichen Grüßen
Ihr
Siegfried Unseld

498 Westend Avenue, New York 24, N.Y., 23. Dezember 1962

Lieber Herr Dr. Unseld:
Ich danke Ihnen sehr fuer Ihren Brief vom 18. Dezember. Die Hoffnung, die Sie darin fuer meine Wirkung als Autor ausdruecken, ist sicherlich begruendet. Mir selber ist jedenfalls unsere Verbindung eine grosse Befriedigung.
Der Klarheit wegen moechte ich Ihren Brief punktweise beantworten.
1. »Das Ornament der Masse«: Zunaechst der Grund, warum ich den Aufsatz »Prophetentum?« ausschied. Als dieser Artikel erschien, kannten Bloch und ich uns noch nicht. Er war sehr boese ueber meine Attacke und griff mich in seinem Band »Durch die Wueste« heftig an — wie der alte Gott Jehova. Aber auf das Erscheinen meines Artikels »Die Bibel auf Deutsch« hin schrieb er mir spontan einen langen Brief der Versoehung. Das war der Beginn unsrer Freundschaft, die dann allerdings in der Emigration wieder Schaden erlitt. Doch nach endloser Trennung kamen wir letzten Sommer in Muenchen zusammen, sprachen uns tagelang aus und erneuerten wieder unsere untilgbare Beziehung. Diese Freundschaft, die meiner Frau und mir sehr teuer ist, moechte ich nicht durch die Wiederveroeffentlichung jenes Artikels gefaehrden. (Hier taucht die Frage auf, ob Bloch seinen Band »Durch die Wueste« unter Beibehaltung des Angriffs auf mich wieder neu herausgebracht hat. Wissen Sie darueber Bescheid? Ich weiss es nicht. Sollte dies wirklich geschehen sein, so liesse sich ueber die Aufnahme von »Prophetentum?« diskutieren.) Ich bin von Herzen mit Ihrer Idee einverstanden, meinen Artikel ueber Adorno‘s »Kierkegaard« (der auch eine Geschichte hat) dem Essayband einzuverleiben. Nun erwarte ich Ihren Vorschlag, die Auswahl und Einteilung des Materials betreffend – d.h., das Resultat der Erwaegungen, zu denen mein »Schema« Anlass gegeben haben mag. Ich bin gespannt darauf, ob Ihnen mein (versuchsweiser) Gedanke, einen kleinen Abschitt: “Einfuehrung: Natuerliche Geometrie“ voranzustellen, als annehmbar erscheint. Falls Sie fuer den Schluss das (Ihnen gesondert zugeschickte) statement: »Concerning History« in Betracht ziehen, so koennte der Titel lauten: »Erasmus: Vorbemerkungen zu einem noch ungeschriebenen Buch«. Wegen der Uebersetzung der englischen Dinge korrespondieren wir wohl am besten spaeter.
2. »Strassenbuch«: Ich bin entzueckt von Ihrem Titelvorschlag: »Strassen in Berlin und anderswo«.
3. Ich bin sehr gerne dazu bereit, Ihnen schon heute die Rechte auf die deutsche Ausgabe meines neuen Buchs ueber Probleme der Geschichtsphilosophie fest zuzusagen. Abschluss der Vorarbeiten und das Schreiben selber werden mich noch gut drei Jahre in Anspruch nehmen. Wie ich Ihnen schon schrieb, hat die Oxford Press bereits einen Kontrakt mit mir ueber dieses Buch abgeschlossen — und zwar auf Grund meines statement: »Concerning History« und des Erfolgs meiner »Theory of Film«. Wenn Sie einverstanden sind, wuerde ich Ihren Wunsch der Oxford Press mitteilen, und Sie koennten sich dann bei der London Oxford Press, die die Rechte auf dem Kontinent vergibt, die erste Option auf das Buch zusichern. Das ist, glaube ich, der legale Weg.
4. Als letzten Punkt moechte ich eine Sache zur Sprache bringen, die sich nicht direkt auf Ihren Brief bezieht — aber doch in indirekter Weise. Ich tue es ungern, denn nichts liegt mir ferner, als Sie bedraengen zu wollen. Doch da Sie selber mir sagten, dass Ihnen nicht so sehr am einzelnen Manuskript als am Autor liege, fuehle ich mich verpflichtet Ihnen mitzuteilen, dass die deutsche Ausgabe meiner »Theorie of Film«, die seit langen Jahren unter Kontrakt mit Rowohlt ist, neuerdings frei werden kann. Bitte, erschrecken Sie nicht; ich biete Ihnen das Buch nicht an. Ich halte es nur unter den gegebenen Umstaenden fuer fair, Sie von dieser Situation in Kenntnis zu setzen. Vielleicht darf ich noch hinzufuegen, dass ich selber »Theorie of Film: The Redemption of Physical Reality« als eines meiner Hauptwerke ansehe; es handelt zwar vom Film, betrifft aber die allgemeine Aesthetik und muendet in eine Philosophie unserer Zeit ein. Prof. Adorno, der das Buch kennt, kann Ihnen darueber erzaehlen; er sagte mir im Juli in Frankfurt, dass er einen Aufsatz darueber zu schreiben gedenke.

Mit herzlichen Gruessen und guten Wuenschen fuers Neue Jahr,

Ihr
Siegfried Kracauer

Frankfurt am Main, 4. Februar 1963

Lieber Herr Kracauer,
ich werde morgen für zwei Wochen nach New York fliegen. Der Termin meiner Reise wurde etwas überraschend festgesetzt und dies deshalb, weil die Premiere für Frischs »Andorra« wegen des Druckerstreiks immer wieder verschoben wurde. Ich wohne im Mansfield Hotel (Twelve West Forthy-Fourth Street – Telefon: Murray Hill 2-5140). Es wäre schön, wenn wir uns kennenlernen könnten. Vielleicht hinterlassen Sie mir im Hotel eine Nachricht, wie ich Sie anrufen kann.

Mit herzlichen Grüssen
Siegfried Unseld

Frankfurt am Main, 19. Februar 1963

Lieber Herr Kracauer,
hier nun die Nachricht, daß Frankfurt mich wieder in seine Arme genommen hat, erst zögerte es etwas damit, denn mein Flugzeug mußte dreiviertel Stunde über dem Frankfurter Flughafen kreisen, weil die Landebahn erst von Schnee freigemacht werden mußte. Dann aber glückten Landung und Aufnahme.
Ich bedanke mich nochmals für den schönen Abend. Ich freue mich, daß wir uns nun persönlich begegnet sind.
Die Arbeiten am Auswahlband wurden hier intensiv aufgenommen. Den Inhalt belassen wir so, wie mit Ihnen gesprochen, den größeren Umfang nehmen wir also in Kauf.(1)
»Ginster« wird im Rahmen der Bibliothek Suhrkamp veröffentlicht und zwar im August als Band 107. Verträge für beide Werke gehen Ihnen nun zu.(2)
Sie versprachen mir das Manuskript für das »Straßenbuch« im Laufe des Monats März fertigzustellen. Darüber werde ich mich sehr freuen.(3)
Ihre »Theory of Film« lag schon während der Überfahrt in meinen Händen. Wir werden uns weiter damit beschäftigen; darüber hören Sie von uns.(4)
Und schließlich bestätigen wir Ihnen, daß wir bei der Oxford Presse eine Option auf Ihr geschichts-philosophisches Werk einholen werden.
Damit, lieber Herr Kracauer, haben wir eine intensive Verbindung aufgenommen. Ich wünsche nur, sie möchte für beide Teile so angenehm bleiben, wie sie begonnen hat.

Mit freundlichen Grüssen
für Sie und Ihre Gattin bin ich Ihr
Siegfried Unseld

1) Siegfried Kracauer, Das Ornament der Masse, erschien im Hauptprogramm des Suhrkamp Verlags am 1. 7. 1963. Straßen in Berlin und anderswo, es072, 26.5.1964

2) Siegfried Kracauer, Ginster, am 1. 8. 1963.

3) Siegfried Kracauer, Straßen in Berlin und anderswo, erschien am 26. 5. 1964.

4) Siegfried Kracauer, Theorie des Film, erschien 1964.

Bislang unveröffentlichte Briefe von Siegfried Kracauer © Peter Suhrkamp Stiftung und Suhrkamp Verlag

Die Transkription der Briefe folgt in Rechtschreibung und Zeichensetzung den Originalen.

Raimund Fellinger

Siehe auch:
Detlev Claussen über Kracauers Frankfurter Stücke

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 02.4.2013