Ausgewählte Reportagen und Feuilletons von Siegfried Kracauer, die unter dem Titel »Das bunte Frankfurt« erschienen sind, und einige Briefe Kracauers an seine Verleger, die es nur auf Faust-Kultur gibt. Detlev Claussen hat durch das Guckloch in die Welt von gestern geblickt.

Siegfried Kracauers kleine Frankfurter Stücke

Guckloch in die Welt von gestern

Von Detlev Claussen

Die Welt von gestern, die Stefan Zweig kurz vor seinem Suizid 1942 verschwinden sah, ist für uns im 21. Jahrhundert die Welt von vorgestern geworden. Der Diskussion um den Frankfurter Turmbau, wie damals Wolkenkratzer noch genannt wurden, ist das leicht anzusehen. Der junge Zeitungsschreiber Siegfried Kracauer (1889 bis 1966), mit eigenen architektonischen Erfahrungen, hat sich unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg mit dem „schönen Turmhaus-Gedanken“ und seiner Realisierung an der Frankfurter Messe beschäftigt. Hochhäuser wurden nach dem spektakulären Aufbau Chicagos am Ende des 19. Jahrhunderts mit Amerika identifiziert. „Jene zwanziger Jahre“, von denen Adorno später schrieb, trennten die deutsche Öffentlichkeit in Amerikabewunderer und Antiamerikaner. Kracauer trat vorbehaltlos für die Moderne ein, ohne für die Traditionsverluste unempfindlich zu sein. Damals war kaum zu ahnen, dass Frankfurt die amerikanischste Stadt Deutschlands werden würde. Er selbst konnte um 1920 noch nicht wissen, dass Amerika nach 1933 seine zweite Heimat werden würde.

Von dem Autor, damals im Alter von Ende dreißig, kann man sich ein genaues Bild machen. Seine Erfahrungswelt der frühen zwanziger Jahre hat Kracauer zum Stoff seiner beiden Romanversuche gemacht: „Ginster. Von ihm selbst geschrieben“ (1928), der ihm begeisterte Zustimmung von Joseph Roth bis Alban Berg eintrug, und „Georg“ (1934), in dem er seine Verliebtheit in das schöne Wunderkind Theodor Wiesengrund verarbeitet hat.(1) Die Gemütsverfassung des nicht mehr ganz jungen Kracauers liegt in dem herzzerreißenden Brief an „Teddie“ vom 5.4.1923: „Mein Zustand ist entsetzlich. Ich fürchte so sehr die Vergänglichkeit dessen, was mir das Teuerste ist, was mir der Sinn oder die Erfüllung meines Daseins ist. Glaubst Du an die ewige Dauer unserer Freundschaft? Sie müsste immer Gegenwart, lebendige Gegenwart sein und wie sollte sie das sein? Ich zittre um den Bestand, Du bist 19, ich 34 …“(2) Der Vierunddreißigjährige ist zu dieser Zeit noch nicht der von freien Autoren wie Bloch und Benjamin umschwärmte Feuilletonredakteur der „Frankfurter Zeitung“, sondern selbst ein Zerrissener, der seinen Brotberuf Architekt aufgrund der schwierigen wirtschaftlichen Lage nach Krieg und Inflation aufgab zugunsten einer prekären journalistischen Existenz: „… der Riß der Welt geht auch durch mich, grade durch mich.“(3)

Diese kleinen Stücke für die Zeitung gewähren dem Leser von heute Einblick in die Frankfurter Welt von gestern – noch vor den großen Zerstörungen des 20. Jahrhunderts, Bombenkrieg und Wirtschaftswunder-Bauboom. Kracauer hat Frankfurt in einer Phase des Übergangs gezeichnet, zwischen einem durch Verfall drohenden Untergang der Altstadt und den kühnen Projekten des „Neuen Frankfurt“, für das exemplarisch der Name Ernst May (1886-1970) steht. Mit dem Wissen dieser Feuilletons von Siegfried Kracauer lohnt es sich, noch einmal vom Dominikanerkloster durch die Berliner Straße zu spazieren, sich die Messe zwischen Festhalle und Hamburger Allee anzuschauen oder vom Holbeinsteg, den es damals selbstverständlich noch gar nicht gab, einen Blick auf das mehrfach erweiterte Städel zu werfen. Die Brückengeschichte Frankfurts hat ihren eigenen Reiz. Wer Bilder zu diesen Feuilletons braucht, sehe sich die von Max Beckmann an, der zu eben dieser Zeit am Eckhaus zum Eisernen Steg wohnte, die prägende Vedute Frankfurts malte, auf unheimliche Weise aber auch den gerade vollendeten Hauptbahnhof und die alte Synagoge – ein Bild, das nach 1945 zur Kitschikone nichtjüdischer Nachgeborener wurde.

Auch durch die Juden Frankfurts zog sich damals ein Riss. Wer konnte das besser wissen als Siegfried Kracauer, der damals noch beengt kleinbürgerlich in der Sternstraße wohnte und einen weiten Weg zu Teddies Elternhaus in Oberrad hatte – Ort einer gut situierten Bürgerlichkeit des Weinhändlers Wiesengrund. Der imposante Friedhof in der Rat-Beil-Straße, der den Aufstieg der Frankfurter Juden in die Bürgerlichkeit während des langen 19. Jahrhunderts steinern dokumentiert, war am Ende des Ersten Weltkriegs zu klein geworden, und der junge Architekturangestellte Kracauer beschäftigte sich mit der planmäßigen Anordnung von Gräbern auf einem neuen. Die lange Geschichte der Frankfurter Juden stand ihm in Gestalt seines Onkels Isidor sichtbar vor Augen, der eine großartige zweibändige Geschichte der Frankfurter Juden hinterlassen hat. Siegfrieds Vater war oft abwesend, so fiel er in die erzieherischen Hände seines Onkels, der ein beeindruckender Lehrer geworden war, weil er nicht mehr Rabbiner werden wollte. Die Berufsunsicherheit Siegfried Kracauers spiegelt nicht nur die gesellschaftliche Situation, sondern auch die Veränderung der traditionellen jüdischen Berufsstruktur. Die akademische Laufbahn war den meisten wegen des universitären Antisemitismus verwehrt. In diesem gesellschaftlichen Klima begegneten sich Kracauer, Adorno – und als dritter im Bunde Leo Löwenthal. Das gerade im Geist des Modernismus errichtete „Institut für Sozialforschung“, mit dessen Hilfe alle drei den Weg nach Amerika und das Überleben im Exil schafften, stand ihnen zwar nah, aber sie gehörten in der Weimarer Zeit nicht zum engeren Kreis um Horkheimer und Pollock. Was alle miteinander verband, die Schwierigkeiten hatten, von den Früchten geistiger Arbeit zu leben – sie bildeten eine neuartige gesellschaftliche Gruppe, sie waren Intellektuelle, die der damals ebenfalls in Frankfurt lebende Soziologe Karl Mannheim als „freischwebende Intelligenz“ klassifizierte.

Über die Soziologie kann man sich streiten. Kracauer hat als Journalist in den späten Weimarer Jahren mit seiner innovativen Studie „Die Angestellten“ (1930) zu einem neuen Bild der Klassengesellschaft beigetragen. Eine zentrale Beobachtung gilt der Freizeit, die man als Phänomen im 19. Jahrhundert noch nicht kannte. Urlaub, Wanderungen, Ausflüge im Automobil, Sommerfrischen, Sport, Aufenthalte in Gaststätten und Hotels gehören ebenso zum neuen Lebensstil wie der Besuch von Kinos und Revuebars. Die Wiesengrunds pflegten häufige Erholungsaufenthalte in Amorbach. Der „blaue Main“ führt in die Gegend. Kracauer ist selbst mit dem jungen Teddie in Amorbach gewesen. Eine Spiegelung dieser frühen Feuilletons findet sich in Adornos Spätwerk: Amorbach (1966), jetzt für die Süddeutsche Zeitung geschrieben. Die gleiche Spannung zwischen barocker Vormoderne, langem 19. Jahrhundert und bürgerlicher Gegenwart durchzieht die Stücke Kracauers und Adornos. Nur wird Adornos Blick auf die Mainlandschaft eingefärbt durch die Erfahrung des Exils, das beide zu Zeiten der „Frankfurter Zeitung“ noch vor sich hatten.

1) Die näheren Umstände dieser frühen Beziehung sind nachzulesen in: Detlev Claussen, Theodor W. Adorno. Ein letztes Genie, Frankfurt am Main 2003, S. 71 bis 76.
2) Theodor W. Adorno, Siegfried Kracauer, Briefwechsel, Frankfurt am Main 2008, S. 9.
3) a.a.O., S. 11.

Vorwort aus: Siegfried Kracauer, Das bunte Frankfurt, B3 Verlag Frankfurt 2013

Detlev Claussen

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erstellt am 01.4.2013

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