Kurzessay

Annäherung an Paulus Böhmer

Von Sascha Anderson

Während die einen einnatmen – atmen die anderen aus. Dann – später, später, es ist Ruhe, Ruhe im Karton, verläßt der »angehaltene Atem« der einen die Kiste, und damit es nicht nur stinkt, sondern auch ein bißchen stänkert, berät die diskursivierte Einheizerbrigade die politische Kaste mit gedrechselten Kanapés, klassischem Brei, unterhalten die derart zu »liebenswerten Menschen der Kunst und Kultur« und »Haudraufdegen des Systems« verrührten Papp-Akademisten zur Not auch gleich noch die »liebenswerten Menschen der Wirtschaft«. Häppchen für Häppchen. Was kann man mehr verlangen. Und damit bleibt, nicht muffelt und fäult, was sich systemisch legitimiert, werden ab und an einige Ausatmer aufgenommen in die Akademien der Sprache und Dichtung, Kunst und Wissenschaft, in die Frischhaltetruhen unserer im Grunde kanibalischen Gesellschaft.
Dies ist ja nicht die Geschichte der Ein- und ausatmer, sondern die Erzählung von den Einatmern und von den Ausatmern; und während diese, die quasi gustav-rené-hocke’schen Ausatmer à la Bert Papenfuß immerfort das stoische oder, je nach Weltbild, buddhistische Faß anstechen, in dem sie hocken, enden jene, die Einatmer, als klassische Clowns in den Akademien wie weiland Peter Hacks, der, wenn etwas ihn in höchstem Maße entzückte, will heißen, seine Gefühle berührte, sich wenigstens noch dazu fähig fand, zu sagen: »Kein Scheiß!«.

Der 1936 in Berlin Geborene (alles Weitere bitte aus: wikipedia ), der am Ende unseres Zweiten Weltkriegs also Neun-, nicht Zwei-, nicht Drei- oder Fünfjährige, ist aus meiner Sicht der klassische Ausatmer. Und wer derart ausatmet, der muß vor einem großen Bruch alles, aber auch wirklich alles eingeatmet haben – denn das Einatmen der Kunst kommt direkt vom Einatmen des Überlebens, während das Ausatmen der Kunst eine Übung der Einheit von Gewalt und Lust darstellt. Soviel zu Seinswerdung und Apokalypse, Mehr nicht zur Genesis des Versbaus bei Paulus Böhmer.

Mir, zum Beispiel, hat die Freundschaft mit Allen Ginsberg (Sie verstehen den Zusammenhang mit Paulus Böhmer!) 1991 das Leben gerettet. Ginsberg (erklärter Buddhist) lud mich während seines letzten einwöchigen Berlinaufenthalts viermal zum Frühstück in sein Hotel (wenn ich mich recht erinnere, war es das Excelsior an der Hardenbergstraße) ein, um, noch vor dem Frühstück mit mir atmen zu üben. »The base of your snitch-desaster«: Ausatmen.

Zur Verdeutlichung – die Nichtraucher mögen es verzeihen oder in etwas ebenso starkes außerhalb meiner Erfahrung übersetzen –, beim Rauchen ziehen wir relativ heftig und schnell, um dann in mindestens der zwei- bis vierfachen Zeit des Inhalierens, und verzeihen Sie nochmal, diesmal den plumpen Genitiv, beim Ausstoßen des Rauchs die Gewalt der Lust zu spüren. Die Lust, die die Verfugungen gleich Versbrüche der Sucht gleich Leben bildet.

Ausatmen bis zum Ende: Und dies würde ich nun zu gern gemeinsam mit Ihnen probieren. Dafür müssen Sie weder aufstehen, noch sich anpassen, Sie können durch die Nase atmen, schnapp_atmen, Rücken- oder Bauchatmung praktizieren; nur atmen Sie einfach ein … und durch den leicht geöffneten Mund langsam und bis zum Ende aus. Ich werde es Ihnen kurz exerzieren:

So einfach kann es – egal auf welcher Seite der Kunst Sie stehen – sein, eine Ahnung davon zu bekommen, was das Überwältigende, das Hintergründige, das Existenzielle, das Andauernde ist, am eigenen Leib zu erfahren, was Genauigkeit und Metapher oder Bild bedeuten, was es heißt, nicht zu leben, um zu schreiben, sondern zu schreiben, um zu leben.

Es ist sicher nicht falsch, wenn in Bezug auf Paulus Böhmers Texte von Gesängen gesprochen wird: von den epischen Lyrikern Walt Whitman und, wie gesagt, Allen Ginsberg. Oder sich andererseits die formatübergreifende Schleife vom blinden Sänger Homer zum »blinden« Sänger Majakowski – beide lyrische Epiker – aufzeichnen ließe. Ich möchte dennoch zu bedenken geben, daß der magische Gesang (siehe Bataille ergo Böhmer) keineswegs auf die Beschwörung eines wie auch immer gearteten zeiträumlichen Gegenübers aus ist, insofern eigentlich nicht der Rockmusik oder gar dem vis-à-vis des klassisch dirigierten Orchesters, also den Moralmotiven zuzählt, jedoch allemal sich aus der Gesprächs- demnach Atempraxis des von Spiegelung und Übertragung motivierten Jazz ableiten läßt. Böhmers Dichtung baut nah an der Psyche, den Unterbewußtseinsströmen, dem atemtechnischen Niemandsland der Träume.

Daher, als ich ein kleines matrosenanzugbestricktes Nicht-Ich war und die Welt um mich ein Einundalles, brechen nun die Träume meines aufgeblasenen Ichs auf, um hernach vom Großen her zum Kleinen hin zu abstrahieren. Oder wie es bei Paulus Böhmer heißt: »Gleichmütig nahm ich es hin, daß sich Frösche / – nur ein einziges Wort zwischen den Grünpflanzen genügte – / in Prinzen verwandelten, doch die Verwandlung / von zwei Fröschen in einen erschreckte mich zutiefst.« (Bei Mir, Verse 1576–1579). Denn die »Böhmer’sche Methode« bettet zwar vorerst jedweden Text in den fortlaufenden beat der Zeit des Lesenden und eine trügerisch symetrische, die Mittelachse, den schon angesprochenen Bruch optisch betonende Gestalt, im Wesentlichen aber bindet sich jede ihrer Sequenzen an die diversen Vorstellunges des Kindes von Welt, um den Zerfall nicht der Welt, sondern dieser Vorstellungen, dieses Welt-Theaters, zu feiern. Von dort, von der Feier des beidseitig über das Überleben hinausgreifenden Zerfalls speist sich die apokalyptische Dimension. Darauf sind die Instrumente Böhmers, die ich hier nur andeutungsweise besprechen wollte, eingestellt.

»Denn«, schrieb 1919 der von mir höchst verehrte Mathematiker, Philosoph und Priester Pawel Florenski, der von 1882 bis 1937 gelebt hat, in Die umgekehrte Perspektive, »der Zweck der Instrumente besteht darin, selbst dem Ungeschicktesten die Möglichkeit zu geben, jedes beliebige Objekt zu reproduzieren, rein mechanisch, das heißt ohne den Akt der Synthese.« Und diesbezüglich hat mein Text jetzt, umso mehr, da er über die Poesie eines lebenden Autors spricht, allemal zu schweigen. Bühne frei für den mit dem wunderbaren und angemessen dotierten Hölty-Preis für Lyrik geehrten Paulus Böhmer.

erstellt am 16.10.2010

Paulus Böhmer, fotografiert von Alexander Englert