Wer schrieb, der blieb, weil das Buch sein Medium war. Wer musiziert und bleiben will, braucht einen einigermaßen dauerhaften Tonträger. Das war lange die Schallplatte, die nun von einer zeitlich befristeten CD abgelöst wurde. Sie hilft uns allerdings, innerhalb dieser Frist, wertvolle Aufnahmen zu retten und weiterzutragen, wie etwa die von Ricky Nelson, Wes Montgomery oder Studioaufnahmen des Clifford Brown-Max Roach Quintets. Thomas Rothschild hat die neu veröffentlichten Raritäten durchgehört.

CD-Kritik

In Presleys Schatten

Als Elvis Presley Mitte der fünziger Jahre die Szene betrat, stand nicht gleich fest, dass er der King des Rock'n'Roll werden würde. Bill Haley, Chuck Berry, Little Richard, Jerry Lee Lewis hatten ihre Gefolgschaft und galten als ernsthafte Konkurrenten. In den nachfolgenden Jahren gab es eine ganze Reihe von Sängern, die hofften, Presleys Karriere nachvollziehen zu können. Einer von ihnen war Ricky Nelson. Insbesondere mit seinen Balladen, seinen langsamen Songs erzielte er durchaus beachtliche Erfolge. In ihnen war die Herkunft aus der Country & Western Music noch unüberhörbar. Ricky Nelson bewegte sich wie etwa Marty Robbins, Guy Mitchell, Gene Vincent oder der betörend sentimentale Pat Boone im Bereich zwischen C&W, Rockabilly, Rhythm & Blues und Rock'n'Roll.

Die jetzt bei Bear Records veröffentlichte CD, die 30 Balladen von Ricky Nelson versammelt, lässt die Faszination erahnen, die seine sanfte Stimme auf junge Menschen ausübte, zumal wenn sie unglücklich verliebt oder auch nur sexuell frustriert waren und sich mit den in der Regel lediglich zweieinhalb Minuten langen Songs über Liebessehnsucht und Einsamkeit identifizieren konnten. Lonesome Town von Baker Knight aus dem Jahr 1958 ist ein Meisterwerk dieses Genres. Der Song ist, begleitet nur von einer Gitarre, genial arrangiert, mit den damals üblichen Backing Vocals als Echo und Ausklang, eingängig in seiner Melodieführung, ein Schmachtfetzen, wie er besser nicht komponiert werden könnte. Auch A Teenagers Romance von David Gillam gehört in diese Kategorie. Peter Kraus hat dem Song unter dem Titel Wenn Teenager träumen in deutscher Sprache zu großem Erfolg verholfen. Daneben findet man auf der Kompilation auch Cover Versionen von bekannten Hits wie Unchained Melody oder Cole Porters True Love.

Clifford Brown & Max Roach Quintet – Sandu

CD-kritik

Studies in Brown

Mitte der fünfziger Jahre, als der Rock'n'Roll die Herzen und die Plattenspieler der jungen Menschen eroberte, konnte der Jazz durchaus noch gegen die Konkurrenz bestehen. Zu den aufregendsten Formationen jener Zeit und der Jazzgeschichte überhaupt gehörte das Clifford Brown – Max Roach Quintet. Clifford Brown war wohl der einzige Trompeter, der sich an dem nur vier Jahre älteren Miles Davis messen konnte. Er starb, viel zu jung, mit 25 Jahren. Auf vier CDs sind nun alle Studioaufnahmen vereinigt, die er in seinen letzten drei Lebensjahren mit dem Clifford Brown – Max Roach Quintet aufnahm.

Clifford Brown bläst sein Instrument nicht nur technisch makellos, wobei er das Staccato dem Legato vorzieht, seine Soli sind auch musikalisch von einem unüberbietbaren Erfindungsreichtum. Jede Improvisation folgt einer stringenten Logik, ohne voraussehbar zu sein. Niemals flüchtet sich der Trompeter in leere Virtuosität, niemals verfällt er in Klischees. Das kann man an Hand der CDs eindrucksvoll überprüfen: Sie enthalten nicht nur die Versionen, die auf insgesamt sechs LPs veröffentlicht wurden, sondern auch alternative „takes“, im Fall von Mildama etwa nicht weniger als sechs. Dieser Blick „hinter die Kulissen“ ermöglicht einen Eindruck über die Entstehung von Studioaufnahmen.

Das Quintett trägt zu Recht auch den Namen des Schlagzeugers. Mit Superlativen wird viel Schindluder betrieben, aber für Max Roach sind sie durchaus angebracht. Gemeinhin können Schlagzeuger bei Konzerten schon mit Applaus rechnen, wenn sie ordentlich draufhauen. Kraft kann man auch Max Roach attestieren, aber was bei ihm fasziniert, ist nicht nur die rhythmische Diversifikation, sondern mehr noch das Spiel mit den (wenngleich unbestimmbaren) Tonhöhen. Nicht ganz wie der etwas jüngere Mel Lewis, aber mehr als Art Blakey – beide Drummer darf man immerhin mit Max Roach in einem Atem nennen – nützt er das Schlagzeug in seinen Soli als Melodieinstrument. Zwischendurch freilich ordnet er sich bescheiden unter, gibt er sich mit der Rolle als Mitglied der Rhythm Section zufrieden. Zum Glück enthalten die CDs eine ganze Menge Soli von Max Roach, und keines gleicht dem anderen.

Das Quintett wird vervollständigt durch Richie Powell am Klavier, George Morrow am Kontrabass und zunächst Harold Land, dann Sonny Rollins am Tenorsaxophon. Beide, Land wie Rollins, stehen auf Blickhöhe mit Brown und Roach, aber sie unterscheiden sich von einander. Sonny Rollins spielt rauer, anarchischer als sein Vorgänger, man könnte auch meinen: moderner. John Coltrane hat bei ihm stärkere Spuren hinterlassen.

Auch Richie Powell, der jüngere Bruder des genialen Bud Powell, und George Morrow lassen nichts zu wünschen übrig. Ihnen allerdings wird wenig Raum für Soli gelassen. Powell immerhin kann in einigen Stücken brillieren, Morrow hat nur ein längeres Solo.

Vielfalt kennzeichnet die Auswahl der Titel. Neben Eigenkompositionen von Clifford Brown (Sweet Clifford, Joy Spring, Sandu u.a.), Max Roach (Mildama) und den anderen Band-Mitgliedern stehen Standards wie Billy Strayhorns Take The „A“ Train, Ray Nobles Cherokee, Cole Porters I Get A Kick Out Of You und What Is This Thing Called Love? Selbst etwas ausgelutschten Melodien wie I'll Remember April oder Love Is A Many Splendored Thing gewinnt das Quintett durch unorthodoxe Rhythmisierung und freie Improvisationen neue Reize ab.
Viele Titel fangen mit einer Unisono-Einführung des Themas durch die Bläser an, die sich danach in Improvisationen abwechseln. In anderen Aufnahmen lassen sie sich schnell auf einen Dialog ein, oder ein freies Präludium wird dem eigentlichen Thema vorangestellt. So unverwechselbar die Aufnahmen in stilistischer Hinsicht wirken – in ihrer Durchführung folgen sie keinem einheitlichen Schema. Ohne Überdruss hört man sich die mehr als fünf Stunden Musik an: Jazz vom Besten, immerhin mehr als ein halbes Jahrhundert alt und kein bisschen angegraut.

Clifford Brown – Max Roach Quintet: Complete Studio Recordings. Essential Jazz Classics/in-akustik EJC55560 (4 CD)

Wes Montgomery -Full house

CD-KRITIK

Zwischen Charlie Christian und Jim Hall

Wes Montgomery gilt als die zentrale Figur der modernen Jazzgitarre, und seine live aufgenommene LP Full House von 1962 als seine vielleicht beste Veröffentlichung. Ihm zur Seite stand der Tenorsaxophonist Johnny Griffin, am Piano saß Wynton Kelly, am Schlagzeug Jimmy Cobb und den Kontrabass spielte Paul Chambers. Jetzt ist diese legendäre Schallplatte nach einem halben Jahrhundert als CD neu herausgegeben worden, ergänzt um alternative Aufnahmen von vier Titeln, zwei Versionen eines weiteren Titels, die beim selben Termin aufgezeichnet wurden, aber auf der LP nicht enthalten waren, ferner um sechs Stücke, die Wes Montgomery ein Jahr zuvor bei einem Konzert in Jorgie's Jazzclub in St. Louis mit seinen Brüdern Buddy und Monk Montgomery sowie Billy Hart am Schlagzeug und Elvyn Bunn an der Conga gespielt hatte.

Der Wechsel zwischen langen, fließenden Melodielinien und akkordischem Spiel hat nichts von seinem Reiz verloren. Aber Wes Montgomery drängt sich bei den Aufnahmen mit Johnny Griffin nicht in den Vordergrund. Der Saxophonist ist zumindest ebenso präsent. Lediglich die Rhythmusgruppe, die sich immerhin bei Miles Davis bewährt hatte, kommt nicht voll zur Geltung. Das liegt weniger an ihrer Kompetenz, als an der Tontechnik, die insbesondere den Bass akustisch fast verschwinden lässt. Das wird einem umso stärker bewusst, als bei den mono aufgenommenen Stücken mit den Montgomerybrüdern der Kontrabass von Monk Montgomery so massiv hervorgehoben wird, dass man zeitweilig meint, er habe die Stimmführung und der Rest der Combo liefere den Hintergrund.

Unter den Titeln, die diese Formation von 1961 spielt, ist auch eine Komposition des Vibraphonisten Milt Jackson, und es ist beeindruckend, wie Wes Montgomery in diesem Stück, das sich anhört wie eine langsame Bluesversion von Gershwins It Aint Necessarily So, seine Gitarre wie ein Vibraphon klingen lässt. Er hat, musikalisch wie klanglich, allerlei Einflüsse verarbeitet, und auch die Namen der Komponisten deuten auf Wes Montgomerys Aufgschlossenheit für diverse Möglichkeiten hin: Dizzy Gillespie und Harold Arlen, Mel Tormé und Cole Porter, George Gershwin und Thelonious Monk – Wes Montgomery bringt sie unter einen, unter seinen Hut. Er selbst hat vier der auf der Doppel-CD enthaltenen Titel komponiert.

Wes Montgomery: Full House. The Complete Session. Essential Jazz Classics/in-akustik EJC55577

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erstellt am 01.4.2013

Ricky Nelson
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Wes Montgomery - Cover