Der Schriftsteller-Journalist Jamal Tuschick atmet die Kultur der Hauptstadt. Sein Evidenzbüro trägt er bei sich, wenn er Nacht für Nacht Theater, Lesung, Kino, Club, Musik, Ausstellung, Performance oder Diskussion aufsucht: den Notizblock. Der notorische Chronist schreibt sein laufendes Protokoll ins Textland auf Faust Kultur. Er ist unser Mann in Berlin.

Kolumne

TEXTLAND von Jamal Tuschick

22.9.2013

Keinen Wichtigeren

Schröder erzählt und erzählt – gemeinsam mit Barbara Kalender

Das Label Kalender & Schröder bezeichnet ein Autorenpaar in Wohngemeinschaft. Ich kenne keine sonnigere Verbindung. Kalender/Schröder kollaborieren wie in einem Spiel. Sie wetten auf das treffende Wort, es zu finden, ist ihr alltägliches Vergnügen.
Wo anfangen bei Jörg Schröder? Aufhören geht in seinem Fall sowieso nicht. Schröder war Schlossherr und Jaguar-Halter, er hat dann die Deutschen sexuell entkrampft. Sein MÄRZ Verlag motorisierte den gesellschaftlichen Aufbruch der ausgehenden 1960er Jahre. In einem historischen Augenblick lag ein Zentrum des geistigen Deutschlands in Darmstadt. Da wurde MÄRZ aus einem Keller gehoben. Die Gründungsgeschichte ist ein Krimi und außerdem ein Mythos der alten Bundesrepublik.

Ein Nabel der Republik ist Schröder geblieben, ich meine, es gibt keinen wichtigeren Er(bsen)zähler als ihn in Deutschland. Er schreibt in die kleinsten Karos und schöpft zugleich aus dem Vollen einer Verdopplung seines Vermögens. Barbara Kalender vernimmt man seit Jahrzehnten als zweite Stimme. Die Autoren entwickeln ihre Geschichten im Gespräch. Die Sprecharien haben einen rheinländischen Ursprung. Als junger Mann wurde Schröder mit jedem Kölnisch Wasser gewaschen, in Kneipen hörte er begnadete Schwadroneure ab. Deren Operetten komponierten Mundart und Volksmund. Jeder Erfahrung prägten sie ein Wort ein. Das Wort musste die Erfahrung transzendieren. Es saß, passte und hatte Luft, wenn es sich gegen den Strich bürsten ließ. Es konnte jederzeit auch vom Strich kommen, doch durfte es nicht darauf gehen. Der Mensch mochte sich verbiegen und unverfroren auf Neustarttasten im Himmel wie auf Erden hoffen, seine Erkenntnisse hatten der Welt eine Stirn aus Prägnanz zu bieten.

Diese altrheinische Prägnanz liefert dem fortlaufenden Kalender/Schrödertext die Grundlage. Sämtliche Überlieferungen erfolgen darauf spiralig von hinten durch die Faust ins Auge. Ihre größten Fische ziehen die Autoren aus Bagatellen an Land. Gewöhnen sie sich im Urlaub das Rauchen ab, an sich ein ganz normaler Vorgang in der zweiten Lebenshälfte, dann friert in ihrem Fall Frankreich bis zum Mittelmeer ein. Da ist dann auch der sprichwörtliche Hund verfroren und will mit nach Deutschland. Dies als Amuse-Gueule aus „Nichtrauchen ist ungesund“.
Der Hund, „ein braungeschimmelter Pointer“, wird für Kalender/Schröder zum mythischen Wesen in der Provence ihres fiebrigen Entzugs. Die Provence gibt sich die Lieblichkeit von Stalingrad vor der letzten Kesselschlacht. Entsprechend das Essen: „Wenn die Franzosen schlecht kochen“, dann machen sie aus jedem Stumpf einen Stil, servieren Spülwasser und sagen Suppe avec plaisir. „Die knotigen Knie“ der „bösen Kellnerin“ bringen Schröders Kreislauf zum Absturz. Nach einer Notoperation erholt er sich in Obhut von Professor Schlepper. Zum Verdruss der Schwestern deklamieren Schlepper & Schröder ihre Bildungserinnerungen aus der Schule mit Mut zur Lücke. Sie machen Scherereien nach Sueton: „Niemandem war es erlaubt, während des Vortrages das Theater zu verlassen, gleichgültig aus welchem Grund; die Tore waren verschlossen. Es wird berichtet, dass Frauen während der tagelangen Rezitationen niederkamen, dass Menschen aus Langeweile … von den Mauern sprangen“.
Der alten Männer Punk kulminiert in Berliner Ohrenbärten, die an Martin Walsers Orkanbrauen erinnern – und im Kampfgeschrei „BÖHSER OPAZ!“. „In diesem Augenblick fing (Günter) Herburger an zu schreien wie ein Marseiller Maqureau, eine wahnsinnige französische Schimpfkanonade. … Es war eine bedrohliche Argotkaskade von Rabelaisschen Ausmaßen“.
„Ein riesiger Kerl“, den Schröder zuvor vom Fahrrad gehauen hatte, „sprang auf sein …, trat in die Pedale und flüchtete, als wäre der Teufel hinter ihm her“. Ach so, Herburger und Schröder waren auf dem Weg zum Italiener: „Es liegt in der Natur der Sache, dass in Deutschland immer ein Italiener in der Nähe ist. In Italien ist manchmal auch ein Italiener in der Nähe, aber dann nennt man ihn nicht so.“
Barbara Kalender & Jörg Schröder
Kriemhilds Lache
Neue Erzählungen aus dem Leben
272 Seiten, Leinen mit Lesebändchen mit 28 Zeichnungen von F.W. Bernstein, ISBN 978-3-943167-39-9
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18.9.2013

Goya oder Der Beginn der Pornografie

Ferdinand von Schirach stellt seinen zweiten Roman, „Tabu“, im Berliner Ensemble vor

Ferdinand von Schirach

Eine Ansicht aus dem Jahr 1839 macht den Anfang der Fotografie. Die älteste Aufnahme (des Boulevard du Temple in Paris) zeigt auch einen Mann. Er ließ seine Schuhe putzen und stand deshalb ruhig genug da für die Ewigkeit.
Der Rechtsanwalt und Schriftsteller Ferdinand von Schirach eröffnet das Panoptikum seines zweiten Romans mit dieser Szene. Er erzählt von den versilberten Kupferplatten aus der Werkstatt des Louis Daguerre.

„Die einzigen Dinge von Bedeutung“, erklärte James Salter zuletzt der „Welt“, „sind die Dinge, an die man sich erinnert.“

Sebastian von Eschburg ist Synästhetiker, seine Erinnerungen sind so farbenfroh wie trist. Sie kreisen um eine lieblose Kindheit und den Selbstmord des Vaters. Der alte Eschburg hat sich den Kopf weggeschossen. Er konnte den Zustand seiner Leiche voraussehen. Die Eschburgs waren von jeher Jäger und Reisende. Ein Spross versank mit der Titanic. Das Stammhaus versammelte die Souvenirs der Heimkehrer: Elefantenfüße, präparierte Alligatoren von zweifelhafter Provenienz und gefälschte Barockmöbel aus Florenz.
Eine Skizze des Niedergangs. Travestie im aristokratischen Habitat. Das alte Hausmädchen ist eine noch ärmere Verwandte. „Anfang des 20. Jahrhunderts hatten die Eschburgs zum letzten Mal Geld“, erfährt der Zuhörer im Berliner Ensemble. Das Theater am Schiffbauerdamm fasst den Andrang so eben. Schirach erscheint als Ausbund geschätzter Eigenschaften. Er wirkt jovial in der Guttenberg’schen Art, er steckt voller Schnurren und Spitzen und hat auch noch den Kavalier Alter Schule als As im Ärmel. Kollegen lobt er über den grünen Klee. Er besingt Marotten von Michel Houellebecq. Der Kollege erschütterte ein Stuttgarter Theater mit den Bedingungen, die er an seinen Auftritt knüpfte. Gegen alle schwäbische Vernunft und Ordnungsliebe verlangte er, auf der Bühne rauchen zu dürfen, in der Gesellschaft seines Hundes.
„Bedenken Sie die Feuerverhütungsvorschriften“, rät Schirach dem Publikum. Das Personal musste einen Sonderkurs zur Feuerbekämpfung absolvieren – und dann verzichtete Houellebecq am Abend seines Erscheinens auf jede Zigarette. Er beantwortete keine Frage. Schließlich sagte er zu seinem Hund: „Komm wir gehen.“
„Eigentlich wollte ich Ihnen à la Houellebecq die Zeit verkürzen“, amüsiert sich Schirach.
Sebastian ist eine Hausgeburt, ein Apotheker gibt die Hebamme. Mit acht darf der Knabe zum ersten Mal am Tisch der gleichgültigen Eltern essen, der Mutter ordnet er Farblosigkeit zu. Während jedes A rot und jedes B gelb ist für Sebastian, den Synästhetiker, wie gesagt.
„Wieso Synästhetiker?“ fragt Meike Feßmann, die von Schirach fesselnd vorgestellt wurde. Er hob die Vorzüge der moderierenden Philologin so hervor als sei er zu ihrem Laudator bestellt worden.
Schirach gibt eine biografische Erklärung ab. Er selbst sei Synästhetiker. Auch seine Erinnerungen haben Farben. Er erklärt sich zum leichten Fall: „Andere nehmen Töne als Gegenstände wahr. Denen klingeln Waschmaschinen in den Ohren.“
Sebastian sucht die Wahrheit in der Schönheit. Er wird Fotograf und könnte im verlängerten Augenblick der Handlung zum Frauenmörder geworden sein.
Man erkennt das Muster: Am Ende einer erschlafften Dynastie einst forscher Jäger steht ein Fotograf auf den Abwegen seiner „Schneidelust“. Mit pornographischen Inszenierungen zieht er Interesse auf sich. Er variiert Goyas nackte und bekleidete Maja.

Goya habe „zum ersten Mal Schamhaare gemalt und so die Pornografie eingeläutet“, behauptet Schirach. Der Schriftsteller hat etwas von einem genialischen Kauz, auch bei der antiken Bemalung des Kouros’ von Samos war man nicht so frei, auf Details zu verzichten. Doch hatten die womöglich keine erotische Dimension.
Wer weiß. Schirach kommt auf Balzac, um eine Frage zu beantworten, die er sich selbst gestellt hat – Warum schreibt einer? Er schreibt, weil er nicht in die Welt passt. Wer sich seiner selbst sicher ist, muss keine Welt aus Worten schaffen.
Schirach zitiert aus einem Briefwechsel zwischen Hemingway und F. S. Fitzgerald. Einer schreibt dem anderen zum Trost. Schirach zitiert Kafka. Kafka über Lasker-Schüler: „Ich kann ihre Gedichte nicht leiden. Sie kommen aus dem wahllos zuckenden Gehirn einer Überspannten.“
Schirach erzählt, wie Jonathan Franzen schreibt, nämlich in einer Raumkapsel. Er zieht Philip Roth heran: „Ich lebe nur, wenn ich schreibe.“
Jetzt könnte ich mit Musil aushelfen: „Ich lebe nur, um zu rauchen.“ Schirach vermutet eine Gemeinschaft der Schreibenden & Lesenden, er grenzt seine Berufe voneinander ab: „Verteidigen ist ein sozialer Vorgang, Schreiben entspricht dem Gegenteil.“
Der Schriftsteller Schirach bietet zu Sebastians Verteidigung den altgedienten Konrad Biegler auf. Das ist ein im Verlust der Jahre unmodern gewordener Mann. Nach einem Zusammenbruch auf weiter Gerichtsflur hört er „einem Psychoanalytiker beim Atmen zu“. Er bricht die Analyse ab, kauft sich den gesammelten Freud und stellt ihn im Regal kalt. – Ein exorzistischer Vorgang.
Biegler bequemt sich zur Kur auf einem Zauberberg und reagiert allergisch „auf Gras, Heu, Hunde, Katzen und Pferde.“ Gutgelaunte Menschen sind ihm suspekt.
Den Mann kann man sich vorstellen, seit 31 Jahren Strafverteidiger in Berlin und durchdrungen von der Heisenberg’schen Erkenntnis, dass jeder Gegenstand sich in der Betrachtung verändert. Das erklärt Gerechtigkeit zur Ansichtssache und Wahrheit zur relativen Größe.
Im Berliner Ensemble erklärt und erzählt Schirach viel aus der Rechtspflege von der Antike bis zur Gegenwart. Das bleibt interessant, zumal in „Tabu“ an einem kriminalistischen Vorgang gerührt wird, der keinen kalt lassen konnte. Die Drohung mit Folter im Verhör, wie im Frankfurter Entführungsfall Jakob von Metzler. Gedroht hatte der damalige Vize-Polizeipräsident Wolfgang Daschner. Im Roman heißt er Landau.

15.9.2013

Das Leben als Gegenveranstaltung –

Die Humoristin Helene Hegemann

Ihr zweiter Roman ist ein komischer Volltreffer

Helene Hegemann - Piep, piep, piep und alles hat sich lieb

Kurz. Kurz. Kurz. Die Kreuzberger St. Agnes Kirche war kurz sakral, erst kurz katholisch, dann kurz evangelisch. Ihre Schutzheilige, eine Adelige Roms, blieb auch nicht lange von dieser Welt. Der ehrgeizige Bau wurde säkularisiert. Trotzdem stutzt die hochfahrende Architektur das menschliche Maß. Sie kupiert die Formate der Selbstvergrößerung coram publico. Wer auch immer sich hier präsentiert, es steht Klein-Erna da. Zuerst zeigt sich das am Beispiel der Hanser Berlin-Chefin Elisabeth Ruge. Wie eine Fliege klebt sie an der Wand, man glaubt, die Praktikantin spricht – und denkt, was will die denn. Meine Aufmerksamkeit kriegt sie jedenfalls nicht. Besser, man kramt noch ein bisschen im Beutel und quatscht dem Nachbarn aufs Ohr. Man fotografiert das Ohr mit seinem Telefon für die Nachwelt und stellt sich schweren Fragen. Soll das Judith Hermann sein? Nein, das ist die Syphilis Monte von der rheinischen Rock’n’Roll-Review. Ist die alt geworden. Money von Dannen taucht auf wie die grüßende Hand aus dem Grab. Plötzlich wird klar, die vermeintliche Attention Whore ist Königstochter Elisabeth aus Ungarn. Die heilige Elisabeth. Gerade schickt sie „einen Gruß nach oben“, das sagt sie so, glatt durch die Decke in den Himmel über Berlin. „Es ist unsere Aufgabe als Verlag“, verkündet sie weiterhin, „Helene Hegemann die Geltung zu verschaffen, die sie als Autorin verdient.“
Elisabeth Ruge referiert den Stand der Debatte im Feuilleton: FAZ vs. taz. Die taz hält Helene Hegemanns zweiten Roman „Jage zwei Tiger“ für großes Tennis, die FAZ nicht so. Ruge bemerkt, jemand habe auf Spiegel online behauptet, man müsse Helene Hegemann ernstnehmen – gegen die Laufrichtung von Neid und Herabsetzungseifer. Soweit ich weiß, hat sie noch keiner mit Bret Easton Ellis verglichen, und auch nicht mit Christian Kracht, um zwei ältere Superdebütanten heranzuziehen. Helene Hegemann wurde mit „Axolotl Roadkill“ berühmt, bevor sie achtzehn war. Ein Plagiatsvorwurf richtete keinen Schaden an.
Die Autorin sitzt wie eingeflochten zwischen dem Schauspieler Lars Eidinger und Moderatorin Lara Fritzsche. Helene Hegemann legt los wie ein Lauffeuer, sie entschuldigt sich: „Zu schnell und zu hysterisch seit der Grundschule“ sei sie als Lautleserin. Bis dahin konnte ich nur: „Die „Crème de la Crème“ de la Scheiße sitzt ständig im Borchardt“ notieren.
Helene Hegemann kann nicht langsam, ich kriege die Charakterisierung „zu dick, zu unentspannt“ mit – so wie „hysterische Realschüler auf Jägermeister“, die gefährlich mit Steinen werfen. Gegen das Schulsystem rebellieren welche, indem sie sich „auf dem Schulklo besoffen und beleidigen.“
Lara Fritsche stellt eine Frage, die Helene Hegemann eine Möglichkeit gibt, deutlich langsamer Grundsätzliches zu äußern: „Den Hauptpersonen muss etwas Fundamentales passieren“, ich glaube, um sich neu erfinden zu können.
„Jage zwei Tiger“ kürzt die Laibach-Zeile „Der Jäger, der zwei Hasen jagt, verfehlt beide. Wenn du schon scheitern musst, scheitere glanzvoll: Jage zwei Tiger!“ Im Roman verbinden sich drei Stränge mit einer Garderobe von Armani. Eine Mutter kommt im Lammlederkleid nach Hause, der Gatte checkt in Kaschmir ein. Gewohnt wird folgendermaßen: Das Haus „war eingerichtet nach den plausibelsten Standards einer mit Raffinesse gekoppelten großbürgerlichen Schlichtheit, also keine prollige Grandezza.“
Die Heldinnen heißen Samantha und Cecile – und da ist noch Kai, der mit elf seine Mutter verliert. Samantha fehlt ein Unterarm, sie gehört einem Zirkus an und interessiert sich für das Große und Ganze aka Weltkriege – und eben nicht für schmierige Käsebrote in der Literatur.
In der Kreuzberger Kirche liest Lars Eidinger die Stelle der ersten Begegnung von Kai und Samantha. Der vom Unfalltod der Mutter traumatisierte Kai „realisierte, wie stillos und inadäquat es sein würde, morgen beim Kinderpsychologen das Verhältnis zu seinem Vater mit dem spontan gewählten Abstand zwischen zwei Bauklötzen zu visualisieren.“ Ahnungslos verliebt er sich in die Mörderin seiner Mutter. Kai lernt dann noch die sich anschneidende und außerdem magersüchtige Internatselevin Cecile kennen. Cecile hat „niederschmetternd unemotionale Eltern“ mit KZ-Lautsprechern und dem sinnlostesten Ding aller Zeiten, einem Kunstwerk namens Ingwer, im hauseigenen Schloss. Sie träumt von Überschreitungen und probt mit älteren Männern.
Cecile zieht gelegentlich in eine Wormser Reihenhaus-WG. Da findet sie ein Drogenparadies, in dem schließlich die Rollstuhlfahrerin Pauline zur Regina wird.
Helene Hegemann schickt die grassierende Wirklichkeit in einen Veitstanz der Differenz. „Jage zwei Tiger“ ist komisch genug, um gut zu sein.
Helene Hegemann: „Jage zwei Tiger“. Hanser Berlin, 320 Seiten, Buch bestellen

13.9.2013

Die bitteren Tränen der Petra von Kant an der Schaubühne

Zweite Herbstpremiere 2013 an der Schaubühne

Foto: Jamal Tuschick

Rainer Werner Fassbinder hatte ein Faible für Klatschspalten, Demimonde- und High-Society-Tratsch, er fand Johannes Mario Simmel und den schon wieder vergessenen Willi Heinrich als Erzähler vorbildlich. Im Jahr der Verhaftung von Andreas Baader drehte Fassbinder einen Film an den Themen der Zeit vorbei. Wenig konnte der Willy-Brandt-Ära („Mehr Demokratie wagen“) mit ihren Berufsverboten und dem Radikalenerlass ferner sein als „Die bitteren Tränen der Petra von Kant“. Die Milieustudie war zuerst von Peer Raben in Frankfurt auf die Bühne gebracht worden. Sie berichtet im Kammerspielton von Verhältnissen am reichen Rand der Gesellschaft. – „Der diskrete Charme der Bourgeoisie“ in einer landläufigen Variante.

Nun inszeniert Patrick Wengenroth die „Bitteren Tränen“ an der Berliner Schaubühne. Im ersten Bild sieht man ihn und Matze Kloppe tierisch über die Bühne streichen. Als gescheckte Kater spielen und singen sie „Lovecats“ von The Cure. Das nächste Bild zeigt die aufgezäumte Petra von Kant in symbiotischer Gemeinschaft mit ihrer Zofe Marlene. Die stumme Rolle der Devoten hat sich Patrick Wengenroth mit Schnurrbart und Strapsen gegeben. Vielleicht zitiert er Fassbinder in Frauenkleidern.
Marlene dient an einem kaskadisch aus der Raumtiefe geschnittenen Flokati-Hof, man vermutet Prilblumen auf himmelblauen Kacheln im subalternen Sanitärlager. Jule Böwe spielt die Herrin exzentrisch erschöpft. Sie empfängt Sidonie von Grasenabb. Das ist eine Frau, die Männer Geld bluten lässt. Die brünette Baronin geht so unter die Leute wie andere mit dem Lustkreis in die Polygamie. Lucy Wirth spielt sie als eine vom Kapitalismus gehärtete Franziska Linkerhand. Franziska bezeichnet auch eine Wurfaxt der Merowinger, ich glaube, so kam ich auf den Vergleich. Sidonie findet die Freundin verhärtet. Die Verhärtung erklärt sie mit zu wenig effektiven Männern als Puffer zwischen Petra und der Realität: „Man hat als Frau doch seine Möglichkeiten“.
Außerdem spielt Lucy Wirth die gnadenlos ehrgeizige, von Petra als Mannequin popularisierte Elevin Karin Thimm – in einem Wechselspiel der Perücken. Die dominante Modeschöpferin gerät in ein Hörigkeitsverhältnis zu ihrem durchtriebenen Geschöpf. Karin geht bei der ersten Gelegenheit fremd, sie ist außerdem verheiratet. Petra platzt vor Eifersucht. Sie nennt die Geliebte „eine miese Hure“, Karin kann ihr trotzdem nicht helfen. Die Verlassene verlässt sich auf Gin. An ihrem Geburtstag kreuzt Tochter Gabriele (Iris Becher) auf und langweilt mit den Banalitäten adoleszenter Liebe. Alles ist schön anzusehen, das reicht doch für einen Abend.

10.9.2013

Verfilmte Feuchtgebiete

Ich stelle mir vor, Charlotte Roches „Feuchtgebiete“ sei ein allgemein kaum beachteter, doch für wenige wichtig gewordener Roman. Zu seiner labyrinthischen Wirkungsgeschichte gehören intime Aufstände gegen Rasur und andere Diktate der Schönheitsindustrie, ein ungeschminkt gescheitertes „Rollkommando Helen Memel“ (so heißt die Heldin im Roman), eine Marseillaise, die auf parfümierte Duschbäder pfeift, und eine Verfilmung – der gesellschaftlichen Indifferenz zum Trotz. Auch der Film bleibt in dieser Fantasie ein Samisdat-Ereignis. – Ein Akt seelischer Hygiene in einer monströsen Zivilisation, die Körper zu Geiseln ihres Verfremdungswahns macht.
So setze ich mich ins Kino am Friedrichshain: als wäre ich der einzige auf den Rängen. Die erste Einstellung zitiert einen Kommentar aus der Zeit der Erregung: „Dieses Buch sollte weder gelesen noch verfilmt werden. Das Leben hat doch so viel mehr zu bieten als solch ekelhafte Perversionen. Wir brauchen Gott!“
„Wir brauchen Gott“, löst sich von der Vorhersage und gibt sich als Motto auf. Helen (Carla Juri) hat eine katholische Exorzistin mit esoterischer Vergangenheit zur Mutter (Meret Becker). Die Mutter heult den Papst an. Für sie ist Gott der Mann im Mond, den sie nicht kriegt. Von Zwangsvorstellungen gepeinigt, wechselt sie stündlich ihre Unterhosen.
Mit Bildern von erstunkener Schönheit leuchtet David Wnendts Film eine Familienhölle aus, in der sich Helen mit mikroskopischen Einsichten und Exaltationen behauptet. Die Achtzehnjährige im Jetzt der Handlung muss weite Wege auf ihrem Skateboard zurücklegen, um den Zumutungen der im Wohlstand verwahrlosten Eltern zu entkommen.
Axel Milberg spielt einen Vater, der Gott in seiner Gleichgültigkeit gleicht. Er kann sich auf Helen nicht konzentrieren, während sie vor seiner Lieblosigkeit Räder schlägt. Die Tochter verlangt von sich Verständnis für den Vater.
Helen versucht sogar das Monster zu lieben, das sich als Mutter aufspielt. In einer Rückblende sieht man die Achtjährige auf einer Mauer. Monster breitet die Arme aus, Kind springt, es schlägt hart auf: „Besser jetzt ein aufgeschlagenes Knie als später ein gebrochenes Herz.“
In der Unmöglichkeit, ihre unberechenbaren Eltern zu dechiffrieren, entwickelt Helen ein kindliches Alphabet zur Beschriftung der Dinge. Helen bestimmt akribisch die Koordinaten ihrer Existenz: mit einem regressiven Vokabular.
Sie hegt eine Avocado-Plantage, findet überall Pilze. Sie setzt Gemüse vaginal ein, spezifiziert Sekrete und experimentiert mit dem anderen Geschlecht. Helen unterscheidet zwischen Fauna und Flora, nicht aber zwischen Mensch und Tier. Wir sind die Gattung, mit dem gespaltenen Verhältnis zu unseren Ausscheidungen. Helen beweist, wie lächerlich uns das macht.
Sie bastelt fadenfreie Tampons. – Die sie dann ihrer besten, von Marlen Kruse als Gigantin der Loyalität gespielten Freundin mit einer Gebäckzange zieht. Corinna liefert Beispiele einseitiger Begeisterung. Einem Schlagzeuger kackt sie auf den Bauch, da er darum bittet. Ihre herzige Bereitschaft, seiner (angeblichen) Obsession entgegen zu kommen, bringt ihr massenhaft Spott und Verachtung ein.
Hämorrhoiden bevölkern Helens Hintern wie ein sadistisches Zwergenvolk. Helen zieht sich dann auch noch eine Analfissur zu. Der Rest ist Geschichte.

8.9.2013

Wuttke als Höllenpage & weiblicher Gassenbube

Erste Herbstpremiere 2013 an der Berliner Volksbühne – René Pollesch inszeniert „Glanz und Elend der Kurtisanen“ angeregt von Honoré de Balzac mit Franz Beil, Christine Groß, Birgit Minichmayr, Trystan Pütter und Martin Wuttke

Das Schweigen der Ränge – Wie das Publikum zum Verstummen gebracht wurde

Das 19. Jahrhundert kannte eine urbane Randerscheinung, die in der Literatur zur geisterhaften Existenz wurde. Das war der Nerd aus der Gosse, das prekäre Kind mit dem absoluten Gehör oder einer noch poetischeren Gabe. Es lungerte auf den Freitreppen der Opern- und Theaterhäuser herum, verschaffte sich illegalen, wenn nicht wohltätigen Zutritt, es komponierte und dichtete in der Kloake, atmete außerdem berauschende Dämpfe ein und erlag rechtzeitig der Schwindsucht – Wen die Götter lieben. Daran erinnert Martin Wuttke im ersten Durchgang von „Glanz und Elend der Kurtisanen“ nach Honoré de Balzac – in einer Inszenierung von René Pollesch an der Berliner Volksbühne. An dem Wolfsjungen mit Überbiss nagt die Zurückhaltung seiner Zuschauer. Dieser Zurückhaltung widmet sich das Programmheft in einer Notiz über das Schweigen der Ränge im Fin de siècle. Bis dahin unterhielt sich das Publikum im Theater auch mit den Nachbarn. Das war dann nicht mehr comme il faut.
Im Kampf der Kunst gegen die Kultur ist das Publikum der Feind. Wuttke wütet als Kette rauchender Arthur die verdammten Nichtraucher an. Er verschluckt die Prothese, spuckt sie aus, geht mit ihr hausieren. Ihm geht es um „die Schönheit der Geste im öffentlichen Raum“, um Kultivierung „der mondänen Geste“, die kein Selbst entblößt. Arthur vermisst die Schönheit im Kreis seiner Gefährten. Mit ihm spielen Franz Beil, Christine Groß, Birgit Minichmayr und Trystan Pütter Turnstunde und permanente Raucherferien. Sie stellen Bilder nach: wie aus einem Kinderbuch im Biedermeier. In ihrem Redefluss schwimmen sie synchron, elegant wie Marionetten treten sie auf der Stelle. Ab und zu guckt eine Gondel an ihrem Ballon namens „Zac“ nach, was so los ist.
Die Bühne ist das polierte Nichts – Ufer eines Wasserfalls aus Lametta: in den Farben von Schlieren. – Eine Wilson-Kulisse, auch die große Erzählung erinnert an Wilsons „Maschinen der Freiheit“ (Aragon), die sämtliche Elemente von einander scheiden und das Spiel mechanisieren. Dazu heißt es bei Pollesch: „Nicht das Elend lag einsam und verlassen da, nein, es war der Glanz, der einsam und verlassen da lag.“
Arthur verwandelt sich in einen schwülen Abbé, unter der Soutane verbirgt er eine Magd in ihren Gewändern. Er quatscht sich einen Wolf in Polleschs Diskurstheater, die Kollegen wirken mächtig angeregt, da das Verhältnis von Schauspieler und Rolle zur Sprache kommt. „Wenn sich eine Schauspielerin Stunden nach der Aufführung heulend verbeugt, weil sie annimmt, sie wäre noch in der Rolle“, meldet Birgit Minichmayr in grüner Weste, „dann kann ich nur sagen, nein, die war in der Rolle auch schon nur sie selbst.“

Balzac ist nur heiße Luft im Zac

„Bei jenem ungeheuren Stelldichein (einem Opernball) beobachtet die Masse die Masse wenig; die Interessen sind leidenschaftlich, selbst der Müßiggang ist beschäftigt. Der junge Dandy wurde von seiner unruhigen Suche so sehr in Anspruch genommen, daß er seinen Erfolg gar nicht bemerkte: die spöttisch bewundernden Rufe gewisser Masken, das ernsthafte Erstaunen, die beißenden ‚lazzi’, die süßesten Worte hörte er nicht.“ Aus „Glanz und Elend“
Der finstere Abbé Carlos Herrera, in Wahrheit ein geflohener Sträfling, vereitelt den Selbstmord des bildschönen Dichters Lucien – und schickt den Gewinnenden dann in die Pariser Gesellschaftslotterie auf Grand Tour. Der titelstiftende Balzac-Roman macht sich bei Pollesch kaum bemerkbar. (Mein erster Eindruck.) Trystan Pütter wird immerhin im Marineblau der Leichtmatrosen als Lucien angesprochen. Allenfalls Produktionsbedingungen der Literatur sind im Gespräch auf der Bühne: „(Manche) Schriftsteller spielen ja auch oft neben einer Kaffeetasse und einer Zigarette und der Schreibmaschine sie wären Schriftsteller. … Ich würde sagen, die nehmen ihren Beruf ernst. Und auf der anderen Seite gibt es Schriftsteller, die sind nicht ganz mit diesem Ernst bei der Sache. Die verbreiten mit einer ausdruckslosen Selbstversunkenheit einen Ernst, der eher eine Abwesenheit der Mittel ist, sich einen Zugang zur Welt zu verschaffen.“

„Dieser hübsche Stachel, über den die Marquise lächeln musste, verursachte dem Präfekten ein nervöses Zittern.

Eine der jetzt vergessenen Verderbtheiten, die jedoch im Anfang des 19. Jahrhunderts sehr verbreitet war, bestand in dem Luxus der ‚Ratten’. Ratte nannte man ein Kind von zehn bis elf Jahren, eine Statistin an irgendeinem Theater, vor allem an der Oper, die ein Wüstling sich für das Laster und die Gemeinheit erzog. Eine Ratte war ein Höllenpage, ein weiblicher Gassenbube.“ Aus „Glanz und Elend“
Folglich könnte Wuttke im ersten Anlauf Ratte gespielt haben … und nicht das Wolfskind meiner Fantasie. Steckt vielleicht doch mehr Balzac im Pollesch unserer Tage.

5.9.2013

Triumph des Misstrauens

Andreas Schäfer stellt im Berliner Literaturhaus seinen neuen Roman „Gesichter“ vor

Der Berliner Neurologe Gabor Lorenz sieht im erholten Kreis seiner Familie dem Ende eines griechischen Sommers entgegen. In Erwartung einer Fähre, alarmiert „von einem Störgeräusch“ – und schwankend zwischen väterlicher Sorge und familiärem Behagen – zitiert Gabor sich selbst zum Trost Tolstoi: „Alle glücklichen Familien ähneln einander; jede unglückliche aber ist auf ihre eigene Art unglücklich.“

Gabor ist Spezialist für Prosopagnosie. Seine Patienten sind gesichtsblind, ihnen bekannte Personen erkennen sie nicht auf der üblichen Route der Wahrnehmung. Unklar bleibt, wie der Arzt den Anfang von „Anna Karenina“ auf seine Verhältnisse münzt. Fest steht die Szene als Einstieg in Andreas Schäfers neuem Roman „Gesichter“. Der Journalist und Schriftsteller liest daraus im Berliner Literaturhaus, die Journalistin und Schriftstellerin Maike Albath befragt ihn außerdem.

„Er habe sich nie als Journalist gesehen“, erklärt der zumal als Theaterkritiker bekannte Schäfer. Daraus ergibt sich kein Paradox: Literatur bedeutet Affirmation. Sie setzt das Einverständnis mit der Welt voraus. Beschreibt man die Welt nach den Spielregeln des Journalismus bedeutet das, mit ihren Gegenständen nicht einverstanden sein zu können. In der Maske des Journalisten verstößt der Schriftsteller gegen die Regeln. Er gefällt der Welt so wie sie ihm gefällt. Das kann man abstoßend finden, wenn man Informationen erwartet und in der Atmosphäre aufgehalten wird.
Gabor beobachtet einen Mann, der sich auf die Fähre schmuggelt. Der Fachmann für Gesichtsblindheit geht dem blinden Passagier nach. Während der Überfahrt wirft er eine Tüte mit Lebensmitteln in den Lastwagen, der zum Versteck geworden ist. Zu spät fällt Gabor ein, dass in der Tüte auch Postkarten sind, die seine Adresse verraten. Die erste Karte erreicht die Familie Lorenz mit einem Poststempel aus Modena. Die nächste wird in München abgeschickt. Der Flüchtling wählt die angezeigte Richtung, als sei ihm seine Rettung angeboten worden. Gabor verstimmt die Annäherung, seine Empathie versagt – ein anderes Wort für Gesichtsblindheit ist Seelenblindheit. Die Paranoia frisst sich in sein Leben. Das Misstrauen triumphiert.
Andreas Schäfer, 1969 in Hamburg geboren, in Frankfurt am Main aufgewachsen und in Berlin zuhause, lebt mit einer griechischen Differenz zur Mehrheitsgesellschaft.
„Die Stoffe kommen zu einem“, sagt er im Literaturhaus. „Die literarischen Prozesse gehen vom Kopf durch den Körper.“
Erst die Niederschrift brächte ihm seine Protagonisten nah: „Am Anfang weiß ich wenig über sie.“
Auch die Kapitelfolge ergäbe sich aus einem Untergrund des Romans, über den der Autor kaum Bescheid weiß. Was da auftaucht ist wenigstens „geriffelt, kalkweiß und sichelförmig“. In diesem Untergrund verbirgt sich eine beschreibungsmonomane Nessie.
Bekanntlich liegt in der Form ein Vorschein der besseren Welt. Brecht sagt: „Die Schönheit der Formulierung eines barbarischen Tatbestands enthält Hoffnung auf die Utopie.“

Nimmt man Schäfer beim Brechtwort, dann steht für Schönheit hier gerade: Ein vom Wind aufgebrochenes Meer, Haare als Vorhänge, die Geografie der Sommersprossen im Gesicht der distanzierten Gattin, „eine Ansicht wie ein Talisman“ und „ein letzter Blick aus der Sorglosigkeit des Sommers“.
Es grüßt die Hand aus dem Grab von Lord Byron.

Andreas Schäfer, „Gesichter“, DuMont Verlag, Roman, 240 Seiten, ISBN 978-3-8321-9664-6 Buch bestellen

3.9.2013

In einem toten Winkel der Geschichte – die Wiederkehr der Plebs

Eine subversive Montage nach Motiven von Alain Brossat als Aufstandsapologie in der Vierten Welt

Die „Vierte Welt“ liegt kosmisch in Kreuzberg, am Ende einer mit Satellitenschüsseln und Topfpflanzen gepflasterten Milchstraße. Sie erscheint als klandestiner Schauplatz so wie ein Speakeasy in der wuchtigsten Wabenburg am Kottbusser Tor. Die babylonische Legebatterie drängt zur Vertikalen als stünde die Horizontale in Brand.

Architektur gewordener Albtraum von einer obsoleten Moderne: darin erzählen Mariel Jana Supka und Marcus Reinhardt die Geschichte der Plebejer, so wie der Philosoph Alain Brossat sie deutet. – In einer Inszenierung von Dirk Cieslak und Annett Hardegen. Marcus Reinhardt entschuldigt die Verspätung „eines echten Plebs namens „Duschbad Cliff““ aus dem Dunst der Nachbarschaft. Allerhand Schwierigkeiten stünden seiner Zuverlässigkeit ständig im Weg. Doch dürfe die Hoffnung auf sein Erscheinen gern später sterben.

Marcus Reinhardt wirkt selbst gereizt und gehetzt, er tritt mit pulsierendem Kopf und austretender Schlagader auf. Sollte das zu seiner Rolle gehören, wäre er großartig in seinem Element. Er referiert einen „einen absoluten Anfang“ der Plebejer-Geschichte im Dekor eines Martyriums. Die eher unbekannten Hangarounds an den Pfählen neben dem gekreuzigten Jesus gingen als „unwürdige Gefährten“ in das Gedächtnis der Christenheit ein. Aus dem Markus-Evangelium: „Und sie kreuzigten mit ihm zwei Räuber, einen zu seiner rechten und einen zu seiner Linken.“
Das seien exakt die ersten Plebejer gewesen, so Marcus Reinhardt in Fahrt wie vor einem Hochofen. Keine Tradition schrieb sich ihr „diebisches Leben und den infamen Tod“ ein. Vielmehr begrub man sie in einem Massengrab der Randnotizen und Fußnoten. Immerhin dürfe man ihnen „versteinerte Zeugen der Grellheit der Welt sehen.“
In natürlicher Opposition zum Plebs stünde „das organisierte Volk mit seinem Horror vor dem Aufstand … an den Grenzen der regierbaren Gebiete“. Diese Gebiete teilen sich die einen mit den anderen. Marcus Reinhardt bringt Michel Foucault ins Spiel, Foucault, der von Jean Genet erzählt, wie Genet als Gefangener auf Transport mit einem Mann der Résistance verbunden wird, gegen den Willen des Widerstandskämpfers. Der in seinem Dünkel nicht mit einem dichtenden Dieb in Einklang gebracht und an dieselbe Kette gelegt zu werden wünscht. Deutlicher lässt sich die Grenze zwischen Plebs und „organisiertem Volk“ nicht ziehen und zeigen.
Marcus Reinhardt zitiert wen, ich kriege den Namen nicht mit: „Mein Leben wird genauso sein wie meine Geburt: völlig unfreiwillig.“
Das skizziert die Rahmenhandlungen jeder plebejischen Existenz. Plötzlich steigt Mariel Jana Supka ein, eben hat sie noch versucht, „Cliff, das Duschbad“ telefonisch zu erreichen. Indes wird Cliff sonst wo aufgehalten von seinen Schwierigkeiten. Allein auf die Schwierigkeiten kann er sich verlassen.
Mariel Jana Supka geht mit einem Stoß antiker Schwarten auf die Leute los. Sie sieht verwirrt aus, etwa so wie ein Jobcenter-Beauty, steht die Person denn vor der Entscheidung zwischen Abendgymnasium und Nagelstudio. Ein Plebs „schmeißt jeder Herrschaft seine Herkunft ins Gesicht wie einen Handschuh“. Er will nicht an der Dienstbotentafel essen. Oder so: Rousseau zu Gast an der Tafel eines Grafen, der Diener spricht besser französisch als die Aristokratie. Variiert wird das Thema im „ Journal d’une femme de chambre“ von Octave Mirbeau. Seiner Erzählerin, der Zofe Célestine, gelingt der Aufstieg ins Bürgertum im Zuge eines diabolischen Arrangements. In ihren Begriffen wurde die Sklaverei nie abgeschafft. In der Abgrenzung zum Sklaven definierte sich der Plebejer in seiner römischen Ursprünglichkeit. Der Pöbel hat einen anderen Ursprung – zumindest etymologisch.
Der Topos des Plebs sei in vielen Romanen bis ins 20. Jahrhundert verhandelt worden, nicht zuletzt in der Gestalt „des plebejischen Racheengels, der nach Blut dürstet“. Marcus Reinhardt erwähnt Beaumarchais’ „Figaro“ – und die Schwestern Brontë als Autorinnen, die dem Plebs noch Chancen einräumten, gesellschaftlich wirkungsvoll zu sein. „Plebs platz(t)en stets irregulär in Verhältnisse und zerrissen (zerreißen) die Ordnung.“ Ihr Markenzeichen ist die eruptive Geste.
Marcus Reinhardt wird persönlich, sein Urgroßvater war nicht einmal wahlberechtigt. Ein Pole ohne Beruf. Auch ein Auge fehlte, das hatte er sich selbst abgenommen in einem zu großen Schmerz. Mariel Jana Supka kehrt schließlich zu Cliff zurück: „Übrigens nennt Cliff seinen Kampfhund „mein Mädchen“.“ Soll er doch mit seinem Mädchen glücklich werden, wo auch immer in the heat of the night.

31.8.2013

Der Rasenmäher als Dienstwagen

Catrin Barnsteiner und »Fräulein Schläpples fabelhafte Steuererklärung«

Fred Eisenbogen stammt aus einer Dynastie fanatischer Finanzamtmänner. Für Fred birgt das Steuerwesen Kult und Mythos. Er weiß, der Mensch fand zur Schrift nicht im Geschlechts- vielmehr im Geschäftsverkehr. Ein besonderes Verhältnis hat er zu Keilschrift-Artefakten der Sumerer, die als Schuldscheine entziffert werden konnten. In Freds Weltbegriffen beschleunigt nicht Kunst die Kultur, sondern der Fiskus – dieser Brotkorb der Verzweiflung so vieler. Doch soll es Leute geben, „denen die Steuererklärung Spaß macht.“
Zumindest behauptet das Catrin Barnsteiner in ihrem ersten Roman „Fräulein Schläpples fabelhafte Steuererklärung“ – und so auch im Gespräch mit Radiomoderator Knut Elstermann in der Buchhandlung Uslar & Rai. Es muss aufgestuhlt (Terminus technicus) werden, das Interesse an dem F-Wort (Finanzamt) in der Literatur nimmt die kleine Hochburg im Prenzlauer Berg auseinander.

Catrin Barnsteiner ist bekennende Schwäbin. Sie lässt keinen Zweifel daran, dass die Berliner Ressentiments gegen ihre Landsleute unerlaubte, in jeder lauteren Prüfung versagende Vorbehalte sind. Da ist auch die Familie, mit Kind, Kegel und Kehrwoche angereist aus dem Norden Württembergs – auch das ein Grenzland, denkt man an Baden in der Nacht.
Catrin Barnsteiner sucht das breite Publikum, den Leser, der bei Laune gehalten werden will. Fred könnte so einer sein. Allein seine Uhr ist für einen Größeren bestimmt. Er lebt in Wohngemeinschaft mit Winnie, dem Kollegen – in Böblingen. Winnie sieht nach aggressivem Motorradfahrer aus, „ist aber so korrekt, dass er Tipp-Ex pinkelt“. Fred kämpft mit seinem Beamtenscheitel, er hasst Ausnahmen und verabscheut Sindelfingen. Doch lebt in Sindelfingen jene von ihm verehrte Sandra Schläpple „in Sommerkleid und Gummistiefeln“, ausgerechnet als Spross einer das Finanzamt fantasievoll verachtenden Sippe. Sandra liebt Chaos so wie Fred Vordrucke. „Vordrucke sind gut. Was kann schlecht an einer vorgedruckten Glückwunschkarte sein.“
Der Schläpples liebster Zeitvertreib ist die Steuerhinterziehung – als Kunstform, in die schon jüngste Nachkommen eingeweiht werden. Gemeinsam fälscht man Betriebsquittungen. Der Rasenmäher wird als Dienstwagen deklariert. Eine Fahrkarte nach Böblingen kommt nicht als Reisekosten in Betracht, vielmehr „als besondere Belastung“ – in Anbetracht besonderer Beziehungen unter Schwaben.

Lesen Sie das Buch, dann wissen Sie mehr als ich. Ich fand erhellend, was die Autorin en passant zum Besten gab: „Zu Beginn der Niederschrift, dachte ich, ich sei Sandra, am Ende entdeckte ich den Fred in mir.“ Folglich lautet hier die Devise: Entdecke deinen inneren Finanzbeamten.

Catrin Barnsteiner, „Fräulein Schläpples fabelhafte Steuererklärung“, Roman, Bloomsbury, ISBN 978-3-827-0115-0 Buch bestellen

28.8.2013

Uljana Wolf, Foto: Jamal Tuschick

Waterworld der Worte

Uljana Wolfs „meine schönste lengevitch“ im Berliner Pink Melon Joy

Gibt multilinguale Vieldeutigkeit den Ton und das Ziel an, ist „Finnigans Wake“ das Buch der Bücher. Sein phonetischer Furor erzeugt eine Waterworld aus Worten. Der transkontinentale Gesang der Wale könnte Joyce inspiriert haben: „Whaling away the whole of the while (hypnos chilia eonion!) lethelulled between explosion and reexplosion (Donnaurwatteur! Hunderthunder!) from grosskopp to megapod, embalmed, of grand age, rich in death anticipated.“

Auch Beckett liefert in „Dreams of Fair to Middling Women“ ein Spiel mit Sprachen ab. „Don’t bother me with such Quatsch“, heißt es in einem Beispiel für Becketts Freude an der Seltsamkeit des Deutschen in seinen Ohren. Nicht weniger verspielt sich ein Gedicht auf, das Uljana Wolf im Berliner „Pink Melon Joy“ der ersten Lesung aus ihrem neuen Band „meine schönste lengevitch“ voran schickt. Darin geht das Deutsche verloren in der Auswanderung nach Amerika. Dem lyrischen Ich gibt eine Erschütterung, die sich wiederholt, „jedes Mal a pain“. Am Horizont von Kurt Steins Gedicht bleiben von der Herkunftssprache nur Ballhörner übrig – Verlust und Erinnerung. Vor diesen depressiven Prospekt spannen im „Pink Melon Joy“ (von Uljana Wolf) in die Bütt gebetene Autoren eine polyglotte Girlande der Heiterkeit. „Looking für eine Lengevitch“ sind Cia Rinne, Eugene Ostashevsky, Shane Anderson, Isabel Cole und Sharmila Cohen. Ihre poetischen Recherchen reichen vom „Zahnarzt- und Google-Deutsch“ bis zur Miss in Missverständnis. In einer von Kenntnissen unbelasteten Übersetzung aus dem Niederländischen ergibt sich lautmalerisch-absurd: „Soll ich in die Wanne ejakulieren? Lass lieber meinen Frachter passieren.“

Isabel Cole erzählt die schönste Geschichte des Abends. Ihr sei erst auf Deutsch klargeworden, wieso ihrem „Gehirn das Auge durchging“. Der narrative Einfall spielt mit der Nähe von Blinzeln und Schielen in einem englischen Wort: to squint. Den „Entschluss, richtig zu sehen“, habe sie in der Fremdsprache gefasst – ein Resultat der Differenz.
Von der Zweifelhaftigkeit der Zweisprachigkeit zu Zeiten Friedrich Schleiermachers (1768 – 1834) berichtet Uljana Wolf. Der Theologie verglich Zweisprachigkeit mit „einem künstlichen Mann, der auf einem weißen Blatt Papier Kresse wachsen lässt.“
Uljana Wolf hält „dem dunkeldeutschen Denken der Einsprachigkeit“ ihre „Doppelgeherrede” entgegen: „ich ging ins tingeltangel, lengevitch angeln. an der garderobe bekam jede eine zweitsprache mit identischen klamotten, leicht gemoppeltes doppel. die spiegel aber zeigten nur eine von uns, ich schluckte: kalte spucke, spuk. hinten hoppelten wortkaninchen aus ashberys hut. zum ballsaal dann, mit meinem zwilling zirkumstanzen, am tresen ein köpfchen kaffee mit mrs. stein. dass ich gespenster seh!, rief plötzlich aus der nische, wo das denken dunkeldeutsch blieb, mr. veilmaker im schlafanzug der philosophen. ein kressekästchen vor der brust, verblüfft: wächst auf einem weißen blatte! ohne alle erde! wurzellos! ich wollte nach paar samen fragen, doch mein zwilling sprang, ging schwofen mit dem mann. wer schatten hat, muss für die spots nicht sorgen, sagte mrs. stein, packte ihre knöpfe ein.“

Aufmarschieren lässt die Dichterin Jean Paul, Jacob und Wilhelm Grimm, Bertha Pappenheim in einer Geschichte der (Anna) O und der Aphasien – und Erika Steinbach, die ihre Muttersprache in einem Verein schützt.

Identität – Sprache – Nation

Uljana Wolf zieht aus dem von ihr auf links gedrehten Eingemachten der Nation selbst eine Prise Identität: „Wir waren mehr Rädchen als Mädchen“ erinnert sie sich an junge Pioniere ihrer Ostberliner Kindheit. „Aus dieser Zeit stammt mein inneres Echo/…/Selbst der Wind drängte auf Richtung“.

Uljana Wolf, „meine schönste lengevitch“, Gedichte, Kookbooks, 88 S., ISBN 978-3937445571 Buch bestellen

24.8.2013

Befreundete Plattenbauprinzessinnen

Stefanie de Velasco badet ihre Heldinnen in »Tigermilch«

„Schreiben ist eine Mischung aus Singen und Husten, letztlich eine Art Auswurf“, sagt Stefanie de Velasco auf der Bühne im Heimathafen Neukölln. Die 1978 in Oberhausen geborene Autorin holt aus, früher habe ihr für den Auswurf die Disziplin gefehlt. Stefanie de Velasco hat Volkskunde studiert, sie sieht sich als Feldforscherin. Ihr Feld heißt Berlin. In „Tigermilch“, ihrem ersten, im Heimathafen in der Unmittelbarkeit seines Erscheinens gefeierten Roman, spielt zumal die Kurfürstenstraße eine Rolle. Da sei jedes dritte Geschäft „eine Fressbude“. Am U-Bahnhof Kurfürstenstraße blieben der Magistrale nur noch Verheißungen des Discount und die Versprechen der Nagel- und Massage-Szene. Hier liegt ein Revier befreundeter Plattenbauprinzessinnen. Die vierzehnjährigen Nini und Jameelah „üben für das echte Leben“. Sie spielen „Stadt Land Aids“, räsonieren über die unaufhaltsam sich ausbreitende Rosskastanienminiermotte und ziehen über Mitschülerinnen her, diese „wie mit Perwoll gewaschenen“ Annalenas. Nini und Jameelah wissen: vom „Sexgott zum Eisprung“ ist kurz. In „Tigermilch“ werden Kaninchen von Tennisschlägern platt gemacht, die Freundinnen haben eine deutsche Variante von Verlan entwickelt, eine Silben drehende Sondersprache. Außerdem sagen sie Gold zu Geld, Folter für Filter und Falafel statt Waffel. Beispiel: „Der hat einen an der Falafel.“
Sie selbst sind „cool und pomade“. Nini und Jameelah klauen wie die Raben, nur raffinierter. Sie rappen ihr Weltbild. Die große Frage lautet: „Wann ist man erwachsen?“ Eine Antwort: „Wenn man anfängt, sich selbst Klamotten zu kaufen.“

Die Weisheit aus dem Schlussverkauf schreit nach Ringelstrümpfen. Darin geht der Berliner Pussy Riot zum Sex mit Zufälligen über, nach einer Dosis „Tigermilch“. Das Getränk setzt sich aus MM & M aka Müllermilch, Mariacron und Maracujasaft zusammen und wurde einst auf einer Schultoilette kreiert. Im Heimathafen Neukölln ist Tigermilch Pflichtmix fürs Publikum. Es erfährt: Jameelah droht Abschiebung. Sollte sie der amtlichen Maßnahme im Wege der Einbürgerung entgehen, will sie „eine Kartoffelparty“ geben. Im Übrigen ist die ethnische Differenz für Jameelah kein Thema von Interesse.
„Teenager sind die konservativsten Menschen der Welt“, verkündet die Autorin im Gespräch mit Literaturwissenschaftlerin Wiebke Porombka, die das Debüt routiniert bewirbt. Ob Stefanie de Velasco in „Tigermilch“ den juvenilen Nerv getroffen – oder Distinktionsmarken verfehlt hat, kann ich in der Gnade meiner frühen Geburt noch nicht einmal spekulativ beantworten. Doch steckt in dem Buch genug Stoff für eine Debatte, die das alte Kinderlied vom Bahnhof Zoo neu vertont. Die Kurfürstenstraße endet auf einem Strich.
Stefanie de Velasco, „Tigermilch“, Roman, Kiepenheuer & Witsch, ISBN: 978-3-462-04573-4, 288 Seiten Buch bestellen

21.8.2013

»all das bekannte fleisch«

Simone Kornappel bespricht das Tempelhofer Feld und erschafft ein Kunstwerk im Augenblick

Daniela Seel, Foto: JT

In den Auen des Tempelhofer Felds spielen sich Szenen wie von Sergej Eisenstein ab. Groß aufgezogen wird die Heuernte. An ihren Rändern treibt Tüchtigkeit einen Volkssturm auf Rädern über Rollbahnen. Das Feld dient Neukölln ferner als Vorgarten. Man sieht vieler Art Fleisch: abgehangen und diplomatisch im Liegestuhl, mariniert und mondän auf dem Grill. Über all dem macht sich ein Himmel breit, den Eisenstein bei Albrecht Altdorfer in Auftrag gegeben haben könnte. Gesichter, wie man sie in Deutschland seit dem Dreißigjährigen Krieg nicht mehr gesehen hat, brechen in die Gegenwart aus.
Dies ist die Stunde einer „Kookbooks“-Walking-Einstellung in der Regie von „Kookbooks“-Verlegerin Daniela Seel. Simone Kornappel spricht die Hauptrolle auf einer Wiese. Verfolgt von Regenschirmen und Kinderwagen gibt sie ihren Gedichten Raum. Der Raum wirkt auf den Vortrag, das ist die Idee der „Kookwalks“.
Sagen wir Konzeptkunst dazu, das Konzept mäandert in der Wahrnehmung. Es weitet die Begriffe der Poesie, heißt es dem Verlangen nach. Vielleicht weitet es die Begriffe, sagt die Skepsis.
Simone Kornappel sagt „ypsilon“ auf: „all das bekannte fleisch/besucher wie air quotes neben nahtlosen collagen“.
Schon verschiebt sich ein Kinderwagen aus der Inszenierung. Leute hängen an ihm, sie werden von weitem winken. „Manchmal finden Dinge zusammen, auch wenn sie gar nicht zusammen gehören“, zitiert die Dichterin Dietmar Dath ins Blaue. Doch passt der Satz ins Bild.
„ypsilon“ reagiert auf den Körperwelten-Zirkus des Gunther van Hagens … „gegen ende vielleicht die kopulation liegengebliebener teile“. Hagens Exponate seien collagiert, erklärt Simone Kornappel. Sie ergäben sich aus Bestellungen, etwa eines Kontingents Arme: aus aller Herren Länder abgetretener Leiber für die Lieferung zusammengeschustert. Hagens habe die ästhetische Anatomie nicht erfunden.
„ypsilon“ ist vor allem schön, jede Silbe passiert ohne Einwand „ein(en) carpacciofilter“. Simone Kornappel liefert Referenzen per Quick Response-Code. Die Erkennung wurde für Toyota-Bausätze entwickelt. Jetzt bietet sie Smart Phonern auf dem Tempelhofer Feld illustrierende Einspielungen – van Hagens versus da Vinci. Simone Kornappel ergänzt die Ergänzungen mit Verweisen auf inspirierende Autoren und Situationen.
Im Delta der Subtexte bleiben die Gedichte nicht auf der Strecke. „pentimenti faq“ zielt in meinen Ohren auf das Archiv, das die Natur in ihren Gattungen anlegt. Übermalt mit Lippenstiften, „en gros“ verteilt: „soviel zur sinnlichkeit“.
„die mädchen zieht es aus dem futteral“. „Brav“ produzieren sie „nutzschall:“ in Opposition zum Schmutzschall frequently asked questions. Übersetzt man „pentimenti faq“ in Prosa, dann erzählt das Gedicht eine Co-Geschichte zu „Strange Circus“. Simone Kornappel setzt den Film in ein Verhältnis zu „American Beauty“. Der QR-Tourist staunt über den gerade aufgemachten Horizont. Ein Fachmann für Art House Horror kommt ins Spiel, er enttarnt sich als Mitwisser. „Strange Circus“ stünde in der Generation des ero-guro nansensu, einer Verbindung erotischer und gespenstischer Elemente im japanischen Kino. Der Film ließe Schuldirektor Ozawa Gozo sich vergehen an seiner Tochter Mitsuko. Das Kind reagiert wie die Geiseln in Stockholm reagierten, wenn auch nur im Manuskript einer Schriftstellerin. Kein Wort in „pentimenti faq“ legt mir diese Deutung nah. Trotzdem verstehe ich auf Anhieb die Richtigkeit der Erklärungen. Eine polymorphe Skulptur entsteht im Zusammenschluss von digitalen Quellen, dem Gedicht im Vortrag, dem Feld als weites und meinetwegen auch dem, was der Zufall will und der gute Wille möchte – als Kunstwerk im Augenblick.

19.8.2013

Das Berliner Ensemble auf Betriebsausflug

Thomas Arslans »Gold« – Das ist Theater mit den Mitteln des Films

Zuletzt habe ich Peter Kurth in „Kabale und Liebe“ und in „Floh im Ohr“ auf der Bühne des Berliner Ensembles gesehen. An ihm sieht jedes Kostüm nach großem Mann und heißer Luft aus – und genauso sitzt er zu Pferde in Thomas Arslans Western „Gold“. Wie aufgestiegen vor der Kantine des BE, noch in der Peymann-Maske. So verstehe ich den Film: als kolossales Theater. Inszeniert wird die Frisur eines deutschen Dienstmädchens im kanadischen Gegenlicht. Die Flur so weit, dass sogar die Pferde im Film ein Unbehagen an der Natur artikulieren.

Nina Hoss spielt die Einwanderin aus Bremen, es gibt historische Vorbilder. Sie sind überliefert in Beschreibungen persönlicher Verluste, die Regisseur Arslan animierten. Auf dieser Folie könnte Nina Hoss als Emily Meyer dekorativ den Geist aufgeben. Das geschieht nicht. Emily singt „We will survive“ schließlich im Singular.

„Gold“ erzählt einen Rausch von 1898. Am Klondike wurde Gold gefunden, nun kehrt die Welt in Dawson City ein. Dahin macht sich Emily auf den Weg: im Gefolge und in vermeintlicher Obhut eines deutschen Reiseführers namens Wilhelm Laser. Peter Kurth spielt Laser als Getriebenen. Betrug macht er zu einer Obsession. Laser ist der brutale Verführer, wenn er seinen Opfern mit einer Handvoll Nuggets den Schaum der Gier als niedriges Bekenntnis entlockt, dass sie sich mit ihm gemein machen.
Emily hat sich für eine Passage in die Neue Welt als Magd in Chicago anwerben lassen, ihre Aura lässt sie vollkommen erscheinen. Doch legt sie Wert darauf, „nichts Besseres zu sein“. Emily entbehrt in der Wildnis von British Columbia nichts, dass sie zu Wehmut anstiften könnte. An ihrer Seite scheitert eine kleine deutsche Gesellschaft, in jedem Fall rekrutiert von einer Not. Da ist Lasers Pferdeknecht Carl Boehmer, von Marko Mandic mit Akzent und Lowrider-Appeal gespielt. Ihm sind Brüder auf den Fersen, in einer tödlichen Familienangelegenheit. Uwe Bohm spielt den abgesoffenen Journalisten Gustav Müller, dem bald ein Bein abhanden kommt. Er tappt in eine Bärenfalle. „Das ist Pech“, heißt es, „in einem so großen Land, in so eine kleine Falle zu geraten.“
Lars Rudolph spielt den melancholisch-gehemmten Ja-Sager Joseph Rossmann. Rossmann kann seine in New York zurückgebliebene Familie nicht ernähren. „Gold“ zeigt, wie absehbar das Desaster war. – Wie auf einem alten Foto mit gezackten Rändern. Als Maria und Otto Dietz spielen Rosa Enskat und Wolfgang Packhäuser mit. Sie bekochen und versorgen den verlorenen Haufen, bis ihr Planwagen aus- und Otto vom Pferd fällt. Seine Frau beschließt die Umkehr. Das ist eine Szene, die sich einprägt. Maria Dietz sagt: „Wir stehen vor dem Nichts wie schon einmal und wir werden von vorn anfangen wie schon einmal.“

Sie sagt das in ihren eigenen Worten. Arslan betonte gelegentlich sein Interesse an dem Seitenstrang deutscher Geschichte als einer etwas anderen Migrationsgeschichte. Der Film zieht sich vor diesem Interesse zurück. Seine Schauplätze wirken wie Bühnenbilder vor einem Ry Cooder-Panorama.

16.8.2013

Debütantin der Saison

Katharina Hartwell – Die junge Frau und das Meer

Katharina Hartwell, Foto: Jamal Tuschick

Zurzeit kapriolt die Kritik für Katharina Hartwell. So heißt die Debütantin der Saison. Jede Besprechung meldet ihren Liebreiz im Reigen der Auszeichnungen. – Als sei der Betrieb ein Ballhaus und die Literatur ein Eleven-Defilee. Gesellschaftliche Motive, die ein anderer Zeitgeist in Verdrängung brachte, kehren zurück in die Erscheinung und bestimmen das Bild. Man möchte gefallen und im Einklang mit dem Komment sich empfehlen. Es fehlt nur noch der Knicks.
Inzwischen kann man Schriftstellerin als Beruf so ausüben, dass bereits die Qualifikation für eine Person spricht. Das Phänomen organisiert in seiner Umgebung neue Passagen.

Katharina Hartwell, Kölnerin des Orwell-Jahrgangs 1984. Sie tritt im Ocelot auf, einer Berliner Buchhandlung. Es riecht nach Branche und Betriebsfest, der Berlin Verlag lädt ein. Das Lied der Ehrungen: MDR Literaturpreis, ein Stipendium der Jürgen-Ponto-Stiftung und ein Stipendium des Landes Hessen. In diesem Jahr war Katharina Hartwell Inselschreiberin auf Sylt. Jetzt residiert sie im Literarischen Colloquium am Wannsee. Die Autorin beschreibt sich schreibend am See. Skizze eines ehrgeizigen Idylls.
Katharina Hartwell studiert am Leipziger Literaturinstitut. Die Abschlussarbeit ist ihr Debüt: „Das Fremde Meer“. Der narrative Nukleus verhandelt in zehn Variationen ein Verhältnis. Marie und Jan sind darin verstrickt. Das Meer im Buch gibt es sonst nicht auf der Welt. Katharina Hartwell liest: „Wo genau im Auge passiert das Erkennen.“ Der Satz gehört einer Patientengeschichte. Die Geschichte spielt in der Pariser Psychiatrie Salpetrière. Sie erzählt von der Präzedenz-Hysterikerin Augustine. Ein Neuzugang lässt erst Missmut aufkommen und weckt dann den Ausbruchswillen. „Tür und Schlüssel der Geschichte“ ist das Theater der Pathologie.“

Jemand erinnert ein angesprochenes Du „an ein Tier, das du noch nie gesehen hast.“ Das Tier dient einer Angst als Symbol. Es haust so symbolisch auf der Bühne von Maries innerem Theater. Es taucht auf mit dem grundsätzlichen Verdacht, an vielen Stellen nicht dazu zu gehören. Doch kreuzt es nicht den Übergang vom Ich zum Wir mit Jan.

Katharina Hartwell spielt mit Möglichkeiten im Spektrum zwischen Science-Fiction und Märchen. Den Surrealismus hält sie in der Hinterhand des Erzählens. Über das Erzählen denkt sie nach als sei das ferner ein fremdes Meer – und sein Überleben eine nautische Angelegenheit. Sie habe sich immer für hart gehalten, in dem relevantesten Verhältnis zu sich: dem Verhältnis zum eigenen Text. Doch wurde ihr in Schreibwerkstätten die eigene Nachlässigkeit vor Augen geführt. Das sagt sie im Ocelot, der Laden ist voll. Die Konzentration des Publikums: ein Erlebnis kurz vor Andacht. Katharina Hartwell will die letzte Welt in ihrem fremden Meer ins Spiel bringen: „Ich springe in dieser Geschichte und in der Handlung sind zwei Jahre vergangen.“
Die Rede ist von „einer Freizeitbeschäftigung“, da stopft man den Kopf einem Krokodil ins Maul. Vielleicht spricht sich so eine Liebe aus. Die Liebe wird auf englisch in jedem Fall besser getroffen, so die Autorin. Man fällt hinein, um in ihr unterzugehen: „Wir küssen uns nicht, wir versprechen uns nichts, wir sehen uns nicht einmal tief in die Augen, aber etwas geschieht wohl, in der regendurchsetzten Luft, in dem unkrautüberwucherten Boden. Es umgibt uns, es durchdringt uns.“
Nach der Lesung regnet es wie auf Bestellung. In der Abkühlung nehme ich mir mehr fremdes Meer vor.

Das Fremde Meer, Katharina Hartwell, Berlin Verlag, 2013

10.8.2013

James Bond mit Totenkopf

Matthias Göritz liest im Berliner Aufbauhaus aus seinem eben erschienenen Roman „Träumer und Sünder“

Matthias Göritz, Foto: Jamal Tuschick
Matthias Göritz, Foto: Jamal Tuschick

„Toupiert wie ein Popstar in den 1980er Jahren“ geht die Bekanntschaft aus der mediterranen Staubhöhle Hotel Angleterre auf Reisen. Entgegenkommend zeigt sie sich vor einer schwülen Kulisse und in einer verheißungsvollen Komplikation dem Erzähler in Matthias Göritz’ Roman „Träumer und Sünder“. Der Titel zitiert Klopstock. Dessen Träumer und Sünder „gerät unter sein Volk, es zu segnen als Erstgeborener“ eines unglaublichen Vaters. Der Unglaubliche im Roman heißt harmlos Helmut Erlenberg. In Hollywood kennt man ihn als „The German“, das klingt nach Tank und Tiger, so martialisch. Der Deutsche als Kampfname besingt die Deformationen erstklassiger Nibelungen in zweitklassigen Verfilmungen. Erlenberg selbst suggeriert dies, wenn er sagt, dass die besten Ideen ihre Ursprünge in den schlechteren Regisseuren haben. Mit solchen Finessen wird der Leser von „Träumer und Sünder“ unterhalten.

Die Suggestion wirkt auch im Vortrag. Wie im Berliner Aufbauhaus, wo der Autor als Gast von Britta Gansebohm Licht in den August bringt. Das müssen Fans sein, auferstanden aus ihren Liegestühlen, die sich an diesem verschwitzten Abend in Gansebohms Salon geschleppt haben. Das sind Frankfurter, die sich im Vorspann über ihre Geburtskrankenhäuser austauschen – wie zur Legitimation.
Göritz lebt in Frankfurt, das weiß vielleicht nicht jeder. Er geht seine Sache in Berlin konzentriert an, er zieht ein Ticket nach Cannes. Die Begeisterung der Körper scheint da grenzenlos, nach der ersten Nacht mit der Bekanntschaft fühlt sich unser Held wie ein Gott. Sieht aber aus wie eine Leiche. Göritz ist vor allem Lyriker, das legt an dieser Stelle Hölderlin nah; jemand schüttelt Hände wie Cocktails. Den Dänen steckt der Protestantismus in den Knochen wie ein Krebs. Das münzt der sagenhafte Erlenberg auf Lars von Trier, der in Cannes Hitler auf einer Konferenz versteht. Man erinnert sich an den Sturm im Stundenglas einer verlorenen Zeit. Vergessene Saison geht auch.

Der Erzähler hat hinter sich eine emotionale Übernahme, die unter dem Namen Melanie im Telefon verbleibt – Melanie als Stichwort für zügig verblassende Erinnerungen. Mit ihren Accessoires, „ein Kissen hier, ein Foto auf der Kommode“, hat Melanie ihn in seiner Wohnung an einen Rand gedrängt – und versteht jetzt noch nicht den Verlust ihrer Macht. Doch ihre Mitteilungen ploppen schon als Spam auf einem gleichgültigen Display. Engagiert ist der Erzähler im Gespräch mit Erlenberg, dem eine Gleiwitz-Verfilmung als Tanz der Walküren im Stil von Apokalypse Now und Riefenstahlharter Dekonstruktion vorschwebt.
Erlenberg präsentiert sich immobil, hält aber einen Siegfried zur ergänzenden Verfügung. Der hypertrophe Knecht könnte neben Nicole Kidman eine Hauptrolle übernehmen in Erlenbergs Auffassung von Hitlers „Unternehmen Tannenberg“ – ein Polen in die Stiefel geschobener SS-Überfall auf den Radiosender Gleiwitz. So wurde dem ersten Feldzug des Zweiten Weltkriegs ein Vorwand geschaffen.
Im Gespräch nach der Lesung schwärmt der Autor für Erlenberg, „diesem Zwitter zwischen Künstler und Bankier. Plötzlich war Erlenberg für mich real.“
Das widerfuhr ihm in Los Angeles, „wo ich damals lebte.“
Auch Alfred Naujocks, seinerzeit Chef des Gleiwitzer Überfall-Kommandos, reizt Göritz als James Bond mit Totenkopf.

Matthias Göritz: Träumer und Sünder. C. H. Beck Verlag, München; 238 Seiten. Hier ein Auszug daraus: Matthias Göritz: Träumer und Sünder

6.8.2013

Nach einem Tag mit Guido Knopp

Bei dem Wettlauf um die Macht sind drei Brüder und zwei Cousins auf der Strecke geblieben. Alwin kann die Zahl der Anschläge auf ihn nicht nennen, sie geht auf im ewigen Händel, doch jetzt ist er König und Rangsicherung für alles Grund genug. Sein Thron ist eine schmucklose Angelegenheit, mehr ein Kasten als ein Stuhl. Er trinkt aus dem Schädel des Schwiegervaters. Ist er verheft, neigt König Alwin dazu, Spaziergänge zu unternehmen in seinen Erinnerungen an das Gemetzel, das für Rosamunds Vater zum letzten irdischen Erlebnis wurde. Der gute Mann, ein König von gestern, starb von Alwins Hand, Alwin wartete mit der Enthauptung, bis seine Krieger Rosamund aus ihrem Versteck gegraben hatten. Alwin schwelgte noch im Blutrausch. Er stank von fremdem Blut, ein Christ so fern des Erbarmens.
Alwin weiß noch nicht, was Mitgefühl ist. Seine Ausbilder erschöpften sich darin, ihn an Waffen zu gewöhnen. Sie brachten ihm bei, sogar in seinen Brüder Rivalen mit tödlichen Absichten zu erkennen. Andererseits bietet allein die Familienbande Sicherheit. Ein schizophrener Zug fuhr spaltend durch seinen Charakter, als Alwin ein Kind war.
Alwin handelt mit der Rationalität des Paranoikers. Wo keine Angst ist, gibt es keinen Verlass. Er nennt sich Christ, doch heißt seine wahre Religion Angst. Sie zu verbreiten, hält Alwin für seine Pflicht. Deshalb schwang er den triefenden Kopf am Schopf vor Rosamund zu ihrem Entsetzen. Alwin wollte ihren Willen lähmen, sie sollte sich ihm niemals widersetzen. Er hätte Rosamund sonst töten und auf ihren Stammbaum verzichten müssen.
Die Äste an Rosamunds Stammbaum tragen die Früchte ihrer Legitimationen. Solange Rosamund legitim in seiner Gewalt ist, kann Alwin ihre Rechte zu seinen machen. Das erklärt die Ehe, sie könnte jederzeit auch in der weiblichen Linie vorteilhaft sein. Es muss nur die Gewalt dahin gehen. In diesem Detail steckt die Ungeheuerlichkeit, Rosamunds Verbindung mit Alwin vernünftig zu finden. Die Kinder aus der Verbindung sind doppelt legitimierte Königskinder. Ihre Ansprüche werden weiterreichen als die Ansprüche der raffenden Eltern.
Es dauerte kaum zwei Jahre, bis Rosamund die Erhebung zu genießen begann, die sich in ihrer Zwangslage ergeben hat. Der Mörder ihres Vaters verbessert sie, auf jeden Fall hätte sie sich nicht besser verheiraten können. Am Anfang war sie eine Gefangene gewesen, beobachtet mit Misstrauen und verfolgt von Hass. Als Alwins Gattin stand sie über den meisten, doch Einzelheiten ihrer Hochzeit kratzten am Status. Es knirschte im Gefüge der höfischen Ordnung, bis man dahin kam, Rosamund aus den Schatten aller möglichen Verdächtigungen zu nehmen. Sie hatte sich bewährt in tausend Proben. Das erschien allen Parteigängern Alwins plausibel, geschah es doch zum Frommen der Brut.
Fleisch von ihrem Fleisch, das lebt. Der Vater nun mal tot. Wo ihre Verwandtschaft herrscht, ziehen die Mauersegler und Schwalben im August genau so nach Süden wie in dem Himmel, den Rosamund sieht.
Schwalben und Mauersegler befördern keine Post. Jetzt ist Alwin König, er trinkt aus dem Schädel eines Königs von gestern. An einem Abend im August 786 drängt es ihn: von Rosamund zu verlangen, aus dem Schädel ihres alten Herrn ein Schlückchen vin rouge zu nehmen.
Darauf hätte er früher kommen können, ihm ist doch schon viel eingefallen. Mit dem Kopf des Schwiegervaters auf seiner Lanze hat Alwin den Triumphzug angeführt.
Rein äußerlich wirkt Alwin erhaben über jeden Zweifel an seiner Grausamkeit. Allerdings zweifelt er selbst an seiner Terrorpotenz, Männer neigen zu Versagensängsten nicht erst seit der Neuzeit. Also sagt Alwin wohlgemut zu Rosamund, sie ist schon ein bisschen schlaff und welk, es steckt etwas Prekäres in dieser Mischung aus Königin und Gebärautomat ohne Wahlrecht: „Schnäuzchen, ehe ich es vergesse, reiche ich dir den Schädel deines Vaters, damit du auch einmal das Vergnügen hast.“
Rosamund entgegnet hold errötend: „Hach, dass ich das noch erleben darf. Damit hab ich eigentlich gar nicht mehr gerechnet. Du bist so ein Supertyp als Ehemann.“
An dieser Stelle entgleist der Chronist, er wird ausgetauscht, es spricht nun Samir für CNN.
„Doch nicht für CNN, du Depp. Wir drehen hier voll authentisches 8. Jahrhundert für den History Channel von Notre Dame.“

4.8.2013

Onkel Harald

Im Alter entdecke ich Ähnlichkeit mit meinem Onkel Harald in seinen mittleren Jahren. Wir haben die gleiche Kopfform, sie weist auf das Kinn, und eine gemeinsame Vorliebe für großkotzige Koteletten. Ich erinnere Onkel Harald im Zustand maximaler Spannweite als einen Mann des V-Ausschnitts. Gunter Sachs könnte ein Vorbild gewesen sein, zumindest an den Tagen seiner melierten Hemdsärmlichkeit.
Breite Brust, Bier & Bauch, die HB („Wer wird denn gleich in die Luft gehen“), das herbe Aftershave und der große Peugeot: so verstand sich Onkel Harald richtig mit der Welt. Der Peugeot war eine Extravaganz für einen Polizisten in Kassel. Französische Autos galten weithin als Rostlauben. Stichwort: Hohlraumversieglung. Als eingeschworener Peugeotfahrer hatte Onkel Harald viele Jahre eine Frau, die Probleme mit seinem Beruf und ein Pädagogikstudium abgebrochen hatte. Das war Tante Thea. (Selbstverständlich ließ sich Tante Thea in den 1970er Jahren von Onkel Harald scheiden, wurde okkult und verband sich mit einem, der in der Rezeption des Feuerwerks im Barock eine Weile maßgeblich war.)
Tante Thea und Onkel Harald wären eine Idealbesetzung für Melville gewesen. Ich stelle sie mir gerade als Traumpaar des französischen Films vor. Ich glaube aber nicht, dass ihre Vorstellungen von Frankreich über den Busen der Brigitte Bardot, Brigitte in deutscher Aussprache, und die Vorurteile aus den Ferien in Italien hinausgingen. Dahinten oder da unten (Südeuropa) war sowieso alles Lambrusco und die Leute so komisch. Kein Wunder, die kamen nämlich nicht aus Kassel. Das galt als schwerer Geburtsfehler.
Also, das Auto immer eine Nummer zu groß und jeden Abend in die Verlängerung bei Onkel Heini, zu dem Onkel Harald natürlich nicht Onkel sagte. Onkel Harald belebte das öffentliche Wohnzimmer von Onkel Heini in Wehlheiden, wo jeder herkommt, der mir je als Onkel vorgestellt wurde. Zu fortgeschrittener Stunde kamen alle sogar aus der einzigen nennenswerten Straße in Wehlheiden, ich sag jetzt nicht den Namen. Das könnte immer noch jemanden aufregen und Blut zum Kochen bringen.
Obwohl die Ähnlichkeit mit meinem Onkel Harald nicht zu leugnen ist, bin ich überhaupt nicht verwandt mit ihm. Verwandt im leiblichen Sinne. Doch ist er nicht bloß so ein Nennonkel so wie die meisten Freunde meines Vaters, allen voran Onkel Helmut mit seiner Tante Vera, oder eben Onkel Heini (mit seinem „Goldenen Anker“ an der Kohlenstraße), der irgendwie, angeblich direkt in der Kneipe, selbst für Nachwuchs in unserer Familie gesorgt hat mit einer Tante, die damals noch sehr jung war und immer noch zu peinlichen Auftritten neigt, vielmehr ist Onkel Harald meines Vaters Bruder.
Womit wir bei meinem Vater wären, mit dem ich auch nicht verwandt bin. Da gibt es eine gewaltige Bagage aus Wehlheider Vätern und Müttern, Onkeln und Tanten und ehemals frühreifen Cousinen (niederhessisch: Godeln) und Cousins und nun schon länger auch Nichten und Neffen, die zu keiner Menschenseele mehr Onkel sagen, und mit niemanden bin ich blutal verwandt. Deshalb finde ich es ganz gut, meinem Onkel Harald wenigstens ähnlich zu sehen.

31.7.2013

Glosse

Standgerichte der Wahrnehmung

Ich sitze vor einer Backwarenverkaufsstelle am Robert-Koch-Platz. Eine Frau schlappt an, platt von der Hitze, offensichtlich schattensüchtig. Sie platzt an mir vorbei in die Station, das ist ein Prunkstück der Lieblosigkeit. Die Verkäuferinnen machen es nie lange in diesem Laden, sie schleichen und zischen wie gereizte Schlangen durch ihre Schichten. Das Angebot scheint sich selbst zum Kotzen zu finden – wie es da liegt unter Kunststoff voller Schlieren: Signaturen der Achtlosigkeit und Erschöpfung.
Die Frau hat sich einen Kaffee geholt und kein Macchiato-Gedöns, so eine harte Plörre wie sie mir auch nicht schmeckt. Aber tagsüber gehört zum Nikotin Koffein ohne Latte und wenn die Welt in Stücke springt. Die Frau hat die Wahl, sich zu mir unter eine Markise zu setzen – oder an den anderen, von der Sonne wie für eine Hochzeit eingedeckten Tisch zu einem resistenten Gerüstbauer, der sich lautstark wohlfühlt. Sein Gesicht sieht aus wie verbrannt, das macht der Alkohol mit frischer Luft. Solche Berliner scheinen nur zum Schlafen in geschlossene Räume zu gehen. Ihre Abende gehören jedenfalls dem mannigfaltigen Spätkauf. Da lagern sie vor den vietnamesischen oder türkischen Tankstellen und erzählen sich den Tag in abgerissenen Sätzen.

Ohne meine eigene fragwürdige Erscheinung zu bedenken, betrachte ich die Frau wie ein Imperator. Sie ist eher dick, die Frisur egal, das Kleid zu kurz, die Beine sind auch zu kurz und die Schenkel sind einfach brutal. Sie macht keine große Sache aus ihrem Dilemma, freundlich fragt sie: „Darf ich mich zu Ihnen setzen?“
Ich bin solche Ansprache nicht gewohnt, in den Augen der eingesessenen Bevölkerung bin ich Araber, also kriminell. Ich wappne mich gegen diese Standgerichte der Wahrnehmung mit einer Mischung aus angeblicher Ignoranz in meiner Vogelfreiheit und volkstümlichen Anspielungen. Ich bin schon froh, wenn ich das Gefühl habe, nicht für ganz und gar arbeitslos gehalten zu werden – in der Ausführung: Schließt seine Frau ein, schlägt die Kinder und verachtet die Deutschen, schnorrt sich aber auf ihren Ämtern durch. Es wird Zeit, dass mal wieder einer kommt und aufräumt – als brauner Jesus.

Da ist diese Frau freundlich – und in mir läuft sich die Verachtung warm. Wie die raucht, gleich eine nach der anderen, wie alleingelassen sie ihren Kaffee trinkt … und das Feuerzeug und die Fingernägel und die Haarfarbe, dieser Rotton in der sich auswachsenden Schwarzfärbung. Die Frau ist Unterschicht und zwar misshandelte und voll frustrierte, ich bin ganz sicher – und fühle mich erhaben. Ich, der ich ständig wegzucke vor der Erhabenheit anderer Leute. Minuten später sehe ich die Frau wieder – im Lesesaal der Akademie der Künste, wo das geistige Vollgut der Nation von Akkreditierten eingesehen werden kann. Da sitzt meine Unterschicht von eben über Signaturen von Erich Mühsam, ich lese über ihre Schulter mit, gleich liefere ich den Text, Erich Mühsam aus seiner Handschrift gekramt. Da sitzt sie kommod auf einem akademischen Ast, ich sehe sofort mit anderen Augen. Ich sehe ihre Intelligenz, die Lässigkeit ihrer Erscheinung – so frei von eitel – ihr freundliches, auch den rotzig-trotzigen Außenseiter interessant findendes Wesen. Nun gehören ihre breit gesessenen Schenkel in eine andere Klasse der Betrachtung.

Mühsam vom 30. Juni 1916, Postkarte mit 5 Pfennig-Briefmarke

Teuerste Gemahlin, hat das Moor seine Schuldigkeit getan? –Dein Sohn quietscht auf der Geige, ich gehe jetzt in den Hofgarten, da das Wetter plötzlich anständig geworden ist. In lebhafter Vorfreude auf [ … ] hab ich bestellt. Die Kohlen besorgt Siegfried.

26.7.2013

Was trainiert der Bruce?

Wong Kar-wais „The Grandmaster“ ist auch eine Lehrstunde in Gong-fu

Ip Man tauchte aus den Vermutungen und Legenden weltweiter Eastern-Begeisterung als Lehrer von Bruce Lee auf. Das war in den 1970er Jahren, damals trafen sich Gastarbeiter sonntags auf dem Bahnhof, dem Ort ihrer Ankunft in Deutschland. In den Bahnhofskinos lief Erotik und Gong-fu/Kung Fu/Wushu. Dazu brauchte man nicht viel Deutsch zu können, die Bilder sprachen. Kampfkunstfilme kamen aus Hongkong und folgten unentwegt dem Schema von bösen, blöden und dicken Besatzungsjapanern versus edler Chinese, klassisch mit Zopf. Das war Holzhacker-Karate gegen Peking Oper und Löwentanz, letztlich war das alle gegen Bruce Lee – und Bruce Lee gewann immer. Deshalb stellte sich die Frage: Was trainiert der Bruce? Die Antwort lautete: (Ursprünglich) Wing Tsun/Wing Chun.

Nun bringt Wong Kar-wai die alte Geschichte im Stil von „Es war einmal in Amerika“ auf die Leinwand. Die S. Leone-Referenz wird auch zitiert: in einem blumig-blutigen Abriss der Biografie des Großmeisters Ip Man. Tony Leung spielt den Spezialisten. Er zeigt einen zurückhaltenden, stets abwägenden, niemals aus sich herausgehenden Mann. In der ersten Szene nimmt er im nächtlichen Wolkenbruch eine Übermacht auseinander, mit himmlisch statuarischen Bewegungen – ein Sternentanz von Kraft, um eine Mitte, in der keinesfalls ein betäubter Wille steht.

Wing Tsun/Wing Chun folgt vier Prinzipien: 1. Ist der Weg frei, stoß vor. 2. Ist der Weg nicht frei, bleib kleben. 3. Ist die gegnerische Kraft größer, gib nach. 4. Zieht der Gegner sich zurück, folge. Ip Man verkörpert diesen effektiven Minimalismus. Der Zuschauer erkennt, wie sehr Gong-fu der Zustand dieses Mannes ist.

Ich wische jetzt sämtliche Einwände gegen den „Grandmaster“ beiseite, so gut hat er mir gefallen – die Evolution des Gong-fu ist in den letzten dreißig Jahren rasant vonstatten gegangen. Das sieht man im Kino. Kampfkunst-Folklore, Kunstgewerbe und reaktionäre Propaganda finden nicht statt.

Ip Man, geboren 1893 in der Provinz Guangdong, repräsentiert einen südlichen und weichen (innerlichen) Stil. „Weich“ soll an dieser Stelle nichts heißen, jedenfalls hat Ip die Muße vom vollendeten siebten Lebensjahr an, sich ununterbrochen in sein Gong-fu zu vertiefen, nichts anderes interessiert ihn, bis er vierzig ist. In der Zwischenzeit gründet er eine wunderschöne Familie und besiegt den nördlichen Großmeister in einem Bordell namens „Goldener Schwan“ im Kuchenkampf, eine Variation der Papiertigerei. Unter Umständen ist es schwieriger, Papier klein zu kriegen als etwas Kompaktes zu demolieren.
Der unterlegene Großmeister hat eine traumhafte Tochter, die Ip Man dann auch herausfordert. Er klärt die Konditionen: „Gong-fu ist Präzision. Wenn was kaputt geht, hab ich verloren.“
Ich kann in solchen omnipotenten Konter-Sätzen (sie kontern die Erwartungen) baden. Zhang Zi-Yi spielt die Siegelbewahrerin eines Stils, der dann mit ihr zumindest in seiner Ehrenhaftigkeit ausstirbt. Sie selbst stirbt in Schönheit und als Opium-Elfe.

Ab vierzig geht’s bergab, singt Hildegard Knef. Davon kann auch Ip Man ein Lied singen – zurzeit der japanischen Invasion. Sein Stolz verbietet ihm dies und das, im Grunde ist schon atmen im besetzten China Kollaboration. Ip Man verliert alles, geht nach Hongkong und zieht da desillusioniert eine Wing Chun-Schule auf, die vermutlich aus rechtlichen Gründen nicht Wing Tsun-Schule heißt. Es gibt auch einen Schurken im Film, selbstverständlich paktiert der mit dem Feind – Verräter auch an der Familie, also auf der ganzen Linie. Ich sage das, um die Überschaubarkeit der konfuzianischen Handlung und ihre vereinfachte Psychologie nicht zu verschweigen.

21.7.2013

Powerpoint of no return – Auf der schiefen Bahn des guten Lebens

X Freunde im Theater unterm Dach

Sie haben die Zeit nicht für ganze Sätze. Sie sind so gefragt, dass sie nicht antworten können. Sie leben Tempo, Tempo, Tempo.

Jeder tanzt auf seinem Stern – und ist in der Altersfrage noch so gut dabei, sich auf ein Gelage mit Freunden zu freuen. Es gibt auch einen Grund zum Feiern, Anne hat gekündet.
Alpha-Anne Holz: die Unternehmensberaterin. Verheiratet mit Holger: arbeitsloser Koch, war mal selbständig mit einer Erlebnis-Catering-Firma. War mal wer. Jetzt hat Holger nur noch Termine in der Preisklasse von Einkäufen im Baumarkt. Die werden eingetragen.

Noch fühlt Holger die Kraft. Noch empfiehlt sich Anne Geduld mit ihm. Noch ist da eine Sentimentalität als Verbindung mit Peter Pilz, dem Bildhauer, den Sie alle nicht kennen. Ein Haufen Staub als Allegorie auf das Sterben der Wale, soll ihn endlich berühmt machen. – Und die X Freunde-Serie in Stein könnte den Durchbruch außerdem bringen. Darum geht es in X FREUNDE von Felicia Zeller, zu sehen im Berliner „Theater unterm Dach“ im Zuge eines bundesweiten Bühnen-Durchmarschs. – In der Regie von Stephan Thiel, mit Tilla Kratochwil als Anne, Christoph Schüchner als Holger und Jaron Löwenberg als Peter.

„Wir haben ein Stück aus dem Wirtschaftsteil der Süddeutschen Zeitung gesehen.“
Mit diesen Worten wird später in fröhlicher Runde die Nachbesprechung von X Freunde eingeläutet. In der Gegenwart der Aufführung zieht Anne ihre eigene Firma auf: „Private Aid“. Sie bietet „Wege aus der Gleichgültigkeitskrise“ an, wie gesagt, in unvollständigen Sätzen. Sie verhandelt mit Bullshit & Gambler und übersteht eine häusliche Zahnoperation mit der Kneifzange.

Das Telefon ist ihr ans Herz gewachsen. Sie kann damit auch trainieren und duschen. Nur ausschalten kann sie es nicht. Das Telefon schaltet sie aus. Deutet Holger den Zusammenhang an, setzt Anne ihn vor die Tür ihrer ohnehin schwankenden Zuneigung. Der Holger wird immer mehr zum Klotz am Schwungrad retardierender Tatkraft. Mit jedem Satz, den Anne nicht zu Ende bringt, beschleunigt sich ihre Flucht in den Powerpoint of no return. Die Flucht nennt sich Büro & Konferenz und da oder da ist sie dann auch, wenn Holger sich umbringt. Kaum, dass Anne den Tod bemerkt.

Tilla Kratochwil spielt Anne Holz als Ausgeburt der Agenturen. Sie stellt eine militante Dienstleisterin mit totalem Regelverlust (seit vier Jahren keine Periode) auf die Beine. Christoph Schüchner spielt manchmal fast schüchtern den überfahrenen Verlierer. Jaron Löwenberg spielt Peter Holz als Papiertiger. Man sieht den Künstler als gut gemachtes Klischee im überschaubaren Scheitern. Die Hybris lodert dem gnädigen Vergehen entgegen.

17.7.2013

So fern

Aus nächster Nähe – Jürgen Theobaldy und Berlins zum Wettbewerb der Deutungen freigegebene Mitte

Robert Schindel behauptet, jedes Ereignis habe zwanzig Jahre nötig, „um Literatur zu werden“. Folglich wäre jetzt die Zeit für den Wende-Roman gekommen – im Abraum der Aufregungen, Ernüchterungen und Enttäuschungen seit neunundachtzig. Jürgen Theobaldy, der in den Siebziger Jahren des letzten Jahrtausends beinah berühmt geworden wäre, erzählt aus der Charlottenburger Perspektive des alten Berliner Westens wie die Mauer zur Leerstelle wird – in „Berlins abgewirtschafteter Mitte“. Er führt dem Leser ein Milieu vor Augen, das abgegriffen und ranzig geworden ist wie eine verteidigte Wohnung unter all den Renovierten. Richard und Gunter leben in Wohngemeinschaft und existieren im Spektrum zwischen Taxi-Kollektiv, ausgefallener Imbissbude als Idee und der Realität in einem Verlag. Gunter hat bis auf weiteres Johanna zur Freundin, Richard träumt von seiner Jugendliebe Mona.
Es gibt im Roman die Erinnerungen an schäbige Pariser Hotels und „aufgenähte Flicken“ und „dunkle Höfe“ in der Gravitation von Brustwarzen, es gibt die Neigung zur eigenhändigen Nudelherstellung und „die alten Rocknummern in der Dicken Wirtin“ beim Savignyplatz. Das leiert, so ein Leben könnte einem zusätzlich geschenkt werden, man müsste es kurzerhand zu anderem Leergut packen. Berlin – eine Leerstelle voller Leergut. Bei alldem ist den Helden auch nicht wohl – und wehe sie erliegen dem Zwang: zu memorieren. Dann weiß man sofort, warum es richtig ist, den meisten nicht zuzuhören. Wie die kalten Kaffee rühren, obwohl der Käse längst gegessen ist, ohne Geschichte geworden zu sein.
Ich sitze an einem fremden Schreibtisch, allmählich füllt sich der Prenzlauer Berg mit Freundschaft, es regnet schon den ganzen Tag, ich denke, der Theobaldy kann doch schreiben, was ist das denn jetzt: „In der engen, von hohen Lehnen umgrenzten Nische fühlte Richard sich neben Mona in einer leise bebenden Höhle, die wirklicher war als …“. Motoren dröhnen unter Wellblechdächern und das alles wie in einem Traum.
Lothar Trolle sagt: „Man hat Adressaten. Wenn man die eines Tages nicht mehr spürt, wird es Wichserei und man muss es lassen“.
Man wird dann steril und das ist steril: „Als sie wieder nebeneinander lagen, schämten sie sich ihrer Gier nicht, nicht für den Speichel, die Nässe, den Schweiß und seinen Geruch, und da fühlte sich Richard auf einmal aufgenommen“. Irgendwie in „die Gemeinschaft der Lebenden“.
Das ist eine Reminiszenz, sie atmet Gegenwart. Denn Mona taucht aus der Handlungsgegenwart in Berlin auf. Während Johanna sich von Gunter ab- und Richard zu- wendet. „Irgend etwas musste an ihm sein, wenn eine Frau, um vieles lebensfroher und kecker als er, mit ihm sein wollte“.
Theobaldy vergewissert sich „In nächster Nähe“ eines biografischen Standardtextes seiner Generation. Die Nähe zum bewaffneten Kampf bis zur Verblendung entschlossener Genossen gehört dazu. Der Abstand und der Soundtrack dazu, die Gitarren unter dem Moon Of Alabama sozusagen. Der Autor erzählt in Rückblenden von einer „erfüllten Beziehung“, wie man schließlich anfing: Verhältnisse zu nennen, die nicht mehr zwangsläufig in Ehen ausliefen. Sein Richard wirft sich die Dummheit vor, nicht erkannt zu haben, dass er mit Mona gemeinsam eine Ideallinie des Lebens zog.
Im permanenten Jetzt verspricht ihm die Verlagsarbeit „eine Art pulverisierter Sinn“. Richard trägt Korrekturen ein, Johanna signalisiert ihr Interesse, man könnte einmal wieder „zu einem der stilleren Griechen in Reichweite der U-Bahn zum Viktoria-Luise-Platz“.
Richard stürzt vor dem „Bistro“ am Savignyplatz, im Lokal wird er vertraulich angesprochen, ganz wie eine gerade Erwachter: „Riko“, bist du es?“
Mona war in Kolumbien, sie meldet: „Das war keine Guerilla in Bogotá“.
Sie hat Richards Briefe nicht mehr. Seine Gedichte sind vielleicht noch irgendwo, in seiner Verzweiflung zählt Richard Erbsen: Der Kellner schlägt „im Vorübergehen das runde Tablett gegen den Schenkel, was Richard (klarmacht,) dass er in ihm keinen ausgebildeten Vertreter seines Fachs vor sich“ hat.
Wie kommt man da hin? Zu diesem runden Tablett? Man könnte auch Kellnerschenkel unterscheiden. Plötzlich erkennt Richard seine Lage: er kommt aus einer Ohnmacht. Ich schätze, das ist sein Zustand.

14.7.2013

Vor türkischem Spätkauf/Prenzlauer Allee

„Allet schick wa, aber sag ma´, wie hieß denn die eine Gemeine?“
„Wer jetzt?“
„Weeste nich, wa.“

Zur Situation: Es sitzen zwei aus der indigenen Bevölkerung des Prenzlauer Bergs, in Kneipen verwittertes Urgestein, der eine dick, der andere dünn, vor einem Spätkauf, in dem eine mürrische Alte bedient. – Türkin der zweiten Einwanderungsgeneration, ihrem Publikum fremder als der Mond.
„Die – weeste doch?“
„Nee, wees ick überhaupt nich. Kann ick dir nischt zu sagen.“

Der Dicke klopft seine Plautze: „Ist allet fest, wa. Ick ess nur Nervennahrung.“
Sein Fett überzieht ihn wie eine Krankheit. Er kommt auf sein Thema zurück, eine Hand wandert aus dem Geschehen, es geht um eine Solistin aus der DDR und aus dem Schlager. Keiner kommt auf den Namen der Solistin, aber allen liegt er auf der Zunge, die Bedienung sagt, was ihr einfällt. Nicht, dass sie gefällig erscheinen möchte. Nur, so geht die Zeit rum.
„Nee“, empört sich der Dicke, „ich habe doch gesagt: Solistin aus der DDR.“
Der Dünne listig: „Ick habs, ditte is die Beate Zschäpe.“
Er beobachtet die Türkin, ob sie ihm auf die fiesen Schliche gekommen ist. Sie zeigt keine Reaktion, kann sein, dass Beate Zschäpe ihr gar nichts sagt.

Zu ödipal – Eine Geschichte drückt auf den Magen

Ein Tag am Fernseher

Die Kritiker heißen Burkhard Spinnen, Meike Feßmann, Paul Jandl, Hildegard E. Keller, Juri Steiner, Daniela Strigl und Hubert Winkels. Ihnen gegenüber sitzen vierzehn Autoren im Wettbewerb um fünf Preise und insgesamt 54.500 Euro Preisgeld. Ihre Reihenfolge wird ausgelost. Zuerst liest Larissa Boehning eine agonale und „ins Groteske gesteigerte Satire“, das sagt jedenfalls Hubert Winkels aprés. Er entdeckt Kapitalismuskritik in Boehnings – im Stil eines Großen Fressens gehaltenen – Geschichte. Er lobt „dieses totale Hineinreißen aller Bezüge in eine Situation“, die sich darin erschöpft, dass ein junger Mann als Ersatzsohn gar nicht so viel fressen kann wie ihm die greise Geliebte (eine hexenhafte, bayrische Gastwirtstochter in der Diaspora einer hanseatischen Elbblick-Villa) in den Hals stecken will. Daniela Strigl spricht von einem „Erbschleicherkammerspiel“, das klingt gelungen und sogar intelligenter als der Text, die Kritikerin hat „eine Geschichte“ gehört, „die auf den Magen drückt“. Doch findet sie „die Inszenierung zu ödipal.“

Am Ende des Tages wird Strigl so gut wie jeden Vortrag ein Kammerspiel genannt haben. Im Weiteren wird fast alles dem Verdacht des „well made“ – „gut gemacht“ ausgesetzt. Im Sinne einer bloß handwerklichen Bewältigung.
Zweiter Autor im Wettbewerb ist Joachim Meyerhoff, er möchte kapieren, „woher man kommt.“ Er schreibt „gegen das Gefühl der Biografie-Losigkeit“ an. Sich selbst will er „so ein bisschen Rückhalt … geben.“ Das ist schon schlimm, Meyerhoff behält außerdem das letzte Wort in unsäglichen Sätzen („Mit Kleist kenne ich mich aus“), nachdem die Kritiker sich ausgesprochen haben.

Erzählerisch leere Kilometer

Schön finde ich das Bild von den „erzählerisch leeren Kilometern“, Paul Jandl macht sich damit beliebt, während Winkels weiter wettert: „Der gedehnte Blick … rasanter Vortrag einer rasanter Geschichte … das ist eine Souveränitätsbehauptungsgeschichte“, eine Souveränitätsbehauptungsgeschichte vermutlich vom Feinsten. Die rasante Geschichte rumpelt unter dem Titel „Ich brauche dieses Buch“ – einen Fotoband u.a. mit Aufnahmen vom jungen Truman Capote – im Strahlenkranz begründeter Arroganz.
„Seien wir doch einmal wenigstens ehrlich“, wieselt wiederum Winkels, „wer klaut heute noch Bücher.“

Da ist es wieder: das Menetekel und der Untergang des Abendlandes und kein Aufstand der Massen. Eine Welt, in der keine Bücher mehr geklaut werden, ist dem Vernehmen nach das Papier nicht wert, auf dem sie beschrieben steht. Verena Güntners jugendlicher Held weiß bald nach Meyerhoff: „Ich möchte nicht zu klug sterben.“ Er schlachtet Brote und kennt die Zahl seiner Sommersprossen bis zum letzten Achselhaar. Die Kritik geht ihre approbierte Lesarten durch, schöpft aus dem Bewusstseinsvorrat von Burckhard Spinnen, der ganz bestimmt so heißt, weil in seiner Familie seit Generationen öffentlich gesponnen wird, bemerkt eine Mischung aus Scham und Erlösung in landschaftlicher Zumutungen. Anousch Mueller erzählt von einer Frau in Panik, vielleicht ist sie gar nicht so pathologisch, glaubt Daniela „das Kammerspiel“ Strigl.

Kinderlose Gegenwart

„Der Körper fordert etwas ein“, so lange niemand behauptet, dass so Literatur geht, hat sich noch keiner vertan. Anousch Mueller bekennt sich zur „Twitter-Sucht“, das „Hin­ausfunken biografischer Bröckchen“ steigert ihr Sein ins Nebulöse. Nadine Kegele erzählt vom „Scherben schlucken“. Eine Nora, die von Ibsen nichts weiß, hat eine Vergangenheit als ausgehändigte Tochter, im Jetzt sind Kinderspielplätze die Spelunken ihrer Sehnsucht. Paul Jandl zu „Scherben:“ „Das Thema ist ein Unglück, aber der Text auch.“ Nun ist die Rede von der „Sinngebung des Sinnlosen.“ Nur Spinnen sieht das spontan anders: „Ich erfahre etwas über die Kinderlosigkeit der Gegenwart.“
Kinderlosigkeit der Gegenwart: Doch nur in dieser Minderheit, die als biodeutsche Mehrheitsgesellschaft soziologisch wird.

4.7.2013

Klagenfurter Schnellgericht

„Es kann nicht sein, dass die Frage der Refundierung immer mit dem Kulturbereich junktimiert wird“ – Österreich, wie sich der Schmalz kringelt – Klagenfurt – Eine Zuchtanstalt geht baden – Wen kratzt das?

„Ja, schafft den Bachmannpreis ab. Was wir brauchen, sind Übertragungen von Reifentests … Es wird Zeit, dass die neuen Medien ihren endgültigen Sieg über die Literatur auch zur Schau stellen dürfen.“ Franzobel, Bachmannpreisträger 1995, auf Facebook, 230 Likes

„Klagenfurt darf nicht sterben“, greint die FAZ. Wieso das denn? Als vor siebenunddreißig Jahren das Wettlesen am Wörthersee als temporäre Agentur der Literaturermittlung und -verbreitung ins Unterhaltungsprogramm deutschsprachiger Fernsehnationen aufgenommen wurde, sah dieser autoritäre Wurmfortsatz der Knobelbecher-Brotherhood AK 47 noch halbwegs nach Modernisierung des Betriebs aus. Inzwischen ist alles Agentur und Hildesheim und kontrollierte Erregung und mediale Wurst. Auf der Ebene der Verbreitung landet die Literatur in einem Silicon Valley.

Wir nennen es Fernsehen und finden das egal. Nun sind die seit 1977 ausgerichteten „Tage der deutschsprachigen Literatur“ dem österreichischen Staatsfernsehen zu teuer geworden. Diese Nachricht wurde in Gesellschaft folgender Meldungen unter die Leute gebracht:
„Rätsel um Leiche unterm Bett“, „Neue Zähne aus dem Reagenzglas“ und „Vergewaltigte Tochter enthauptet Vater“.

Das kann jeder Information passieren. Ein Wodka-Produzent will „ernst gemeint“ einspringen: „Wodka als Rettung für die Literaten“. Ein Leserbriefschreiber stellt fest: „Im ORF werden seit fünfzig Jahren nur Geschwister, Kinder und Schwägerinnen angestellt.“ Überhaupt die Leserpost: „Ich kenne keinen, der ORF schaut“. – Der ORF gehört überall hin (oder weg), nur nicht in die Kultur.“

Klagenfurt changiert im TV-öffentlichen Interesse zwischen der pharmakologischen Labortestfahrt Tour de France und der Amtseinführungsübertragung eines albanischen Präsidenten. Das sprach sich in die Eröffnungsrede von Klagenfurts Vizebürgermeister Alfred Gunzer aus: „Kultur ist wirtschaftlich nicht messbar.“
Im Abschied von Klagenfurt könnte der ORF 750.000 Euro sparen, für die siebenköpfige, von Burkhard Spinnen angeführte Kritiker-Jury ist die Summe zu schnöde als Argument. Die Jury hat dem ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz eine öffentliche Empörung geschickt. Spinnen schwankte im Eröffnungsakt des Durchgangs 2013 aus seinem mit Brotarbeit an Schulen nicht zuletzt finanzierten Leben: Jeder Lehrer wüsste über den Bachmannpreis Bescheid. Spinnen erkannte „Multiplikatoren“ in den Lehrern. Auch Kulturministerin Claudia Schmied (SPÖ) sieht den ORF in der „Pflicht“. „Es kann nicht sein, dass die Frage der Refundierung immer mit dem Kulturbereich junktimiert wird“, sagt Schmied. So klingt das politische Österreich. Festredner Michael Köhlmeier, selbst 1984 in Klagenfurt als Autor am Start, kritisierte den Termin mit Beispielen von Kritikerauftritten, wollte ihn aber nicht abschaffen.
Es gibt eine Online-Petition der IG Autorinnen: mit 1500 Unterzeichnerinnen einerseits. Andererseits sagt Christian Schacherreiter: „Zum Teufel mit dem Bachmann-Preis. Diese kommissionelle Literaturprüfung, bei der Autoren vorgeführt, abgeklopft, im schlechtesten Fall beleidigt und gedemütigt, im besseren gelobt und gut bezahlt wurden, war von Anfang an eine Inszenierung, die hart an der Grenze zur Menschenrechtsverletzung dahinschrammte.“ Jagoda Marinic, die 2007 dabei war, behauptet nichts anderes in ihren eigenen Worten (in einem Interview mit Stefan M. Dettlinger): „Was ich da erlebt und gesehen habe, waren die Machtmechanismen des deutschen Literaturbetriebs auf einem Haufen. … Es hat mich … angewidert, wie Kritiker, die eben noch richten, in der Pause wortlos an Autoren vorbeilaufen, oder sich doch noch gut stellen wollen, nachdem sie im Fernsehen ihrer Profilneurose treuer waren als ihren Aufgaben. Ich habe mich im Nachhinein geschämt, dabei gewesen zu sein. … Der Preis (ist) entwürdigend. Der Autor, das freie Wesen oder die prekäre Existenz, wie etablierte Kreise uns gerne nennen, wir sollen dasitzen und den Mund halten, während Kritiker sich mit ihren Anschauungen über den Text ergießen. Vor Fernsehpublikum.“

So sehe ich das auch, im Kampf der Kunst gegen die Kultur sitzen die Kritiker im Klagenfurter Schnellgericht auf der falschen Seite.

3.7.2013

Fliehkraft der Bilder

Marthalers »Glaube Liebe Hoffnung« an der Berliner Volksbühne

Es gibt eine „deutsche Spielweise“, von anderen Europäern so gesehen: Indirekt, an der Rampe und nach vorn. So geht Christoph Marthaler nicht vor. In zehn Minuten Bühnengeschehen fokussiert sich oft ein Augenblick. Seine Schauspieler halten die Form gegen bloße Veräußerlichungen. Sie holen den Text nicht an sich heran. Das Spiel findet trotzdem in der Sprache statt. Kein Satz wird der Fliehkraft seiner Bilder ausgesetzt. Zu sehen ist das in Marthalers Auffassung von Horváths großangelegter Nichtigkeit (einer Existenz) „Glaube Liebe Hoffnung“.
Das Volksbühnenbild zum „Totentanz“ erinnert an eine Schwimm- und Leichenhalle und noch mehr an einen Wartesaal. Darin geht es Elisabeth, in doppelter Darstellung gespielt von Olivia Grigolli und Sasha Rau, nur um das Notdürftigste, es ist schon zu viel für sie. Als könnten manche nicht leben, egal wie allgemein die Verhältnisse sind und wie verschieden die Temperamente. Als Elisabeth endlich „nichts mehr zum Fressen“ hat, taucht sie unter in einer Vervielfältigung ihres Selbstmords. Die Wasserleichen grassieren.
Die Sache geht so über die Bühne: Wegen alter Schulden und neuer Aussichten auf einen Job als Vertreterin, der nur mit einem kostspieligen Wandergewerbeschein zu haben ist, versucht Elisabeth: Geld aufzutreiben. Ihr Dilemma steht an dieser Stelle schon fest und hält sie so bis zum Schluss. Eine Gelegenheit günstiger Art scheint für sie das Angebot des Anatomischen Instituts zu sein: sich für den Fall ihres Todes gegen geringes Geld zur Präparation herzugeben. Sie rührt den Präparator (Jean-Pierre Cornu), er borgt ihr was. Elisabeth wendet das Geld zur Bezahlung einer Strafe auf, ihr auferlegt wegen Handelns ohne Wandergewerbeschein. Der Präparator erfährt das, fühlt sich hintergangen und zeigt sie an, das bringt Elisabeth in Haft. Den Arrest verschweigt sie dem Polizisten Alfons Klostermeyer, auch ihn gibt es zweimal, der sie heiraten will – und davon schließlich absieht. Der Polizist entscheidet sich für „die Pflicht“, die heißt nun einmal nicht Elisabeth. Da geht sie dann ins Wasser. Wie gesagt, in der vielfachen Ausfertigung eines bürokratischen Aktes. Zwei Totenscheine erklären sich für ungültig, indem Olivia Grigolli und Sasha Rau vom Bühnenboden aufstehen und eine gemeinsame Schublade zur besseren Ablage wählen. Sie verwalten sich in der Lade gut & gern wie lesbische Lottchen.
„Aber es könnt doch auch ein bisschen weniger ungerecht zugehen.“

Bei Marthaler kommt zu Horváth der Rummel eines Kongresses zur internationalen Bekämpfung des internationalen Mädchenhandels, er flankiert Elisabeths lizenzlosen Hüftgürtelhandel zuzeiten einer Weltwirtschaftskrise. Das Anatomische Institut verarmt in unvollständiger Schreibweise, auch Pianist Clemens Sienknecht mischt im Orchestergraben Schubert in die musikalische Gegenwart – wie ein nach dem Atomschlag Übriggebliebener unter Lautsprechern.
Mit spielt Bettina Stucky als Beate Uhse einer anderen Dessous-Ära. Irm Hermann kommt vor als Gattin des Amtsgerichtsrats (Josef Ostendorf). Das ist der Mann für den Herrschaftstext. Er spielt die Machtverhältnisse schön von hinten durch die Faust ins Auge aus.

Macht hat gut reden, das sieht man in dieser Inszenierung. Ueli Jäggi spielt Büttel Alfons 1, dem Elisabeth recht ist, da sie von ihm abhängt. Nur eben nicht als Vorbestrafte. – Die Stigmatisierung nicht mehr nur unter der Haut wie zur Verbergung tragend.

30.6.2013

Im Frotteemantel der Normalität

Selbstmörder, die mit ihren Schatten spielen – »Unter Drei« – Der nationalsozialistische Untergrund auf der Bühne im Ballhaus Ost

Man wird dahin noch kommen, den NSU eine Verschwörung aus Liebe zu nennen – und an ihr einen zum Schiller werden zu lassen. Warum sich nicht eine Scheibe von den „Döner-Morden“ abschneiden? Begabung ist, nach einer schnell erschöpfenden Definition, in gesellschaftlich aufschlussreiche Situationen zu geraten. Kein Zweifel, dass der Nationalsozialistische Untergrund in Kreisen so wirkt wie die Rote Armee Fraktion auf modische Entscheidungen einer nun vergreisenden Generation. Radikalität gehört zur jugendlichen Kraftmeierei als einer Möglichkeit, sich besonders zu fühlen und zu zeigen. So einfach ist das, es kam nur angeblich keiner darauf. Deshalb bleibt die Frage im Raum stehen: Wie viel Staat steckt(e) im NSU?

Der Nationalsozialistische Untergrund gedieh im Moos des „Nationalen Widerstands Jena“ (NWJ), der auch da rekrutierte, wo ihm die „akzeptierende Jugendarbeit“ mit pädagogisch motivierter Hinnahmebereitschaft rassistischer Militanz entgegen kam. Das unter anderem zeigt „Unter Drei“ von Mareike Mikat nun auf einer Bühne im Ballhaus Ost: „Im fünf Jahren werden wir verfilmt sein“. Der Titel kommt aus dem Journalismus und beschäftigt sich mit Quellenschutz. Der Untertitel „Beate, Uwe und Uwe“ kommt aus dem Alltag in seinen Spielarten. Andrej Kaminsky spielt Beate und Eva Bay und Gina Henkel spielen Uwe & Uwe auf der Couch. Das Stück skizziert die Lebensläufe jener drei „als Zwickauer Terrorzelle“ historisch gewordenen Mörder, Bombenleger und Bankräuber, die da hießen Uwe & Uwe nämlich Mundlos und Böhnhardt – und so weit sie noch leben Beate Zschäpe. Ihre Initiation fiel in eine Furor – Phase: 1990 kam es zu fremdenfeindlichen Gewaltausbrüchen wie nie zuvor seit Kriegsende. Es könnte den jungen Thüringern so vorgekommen sein, als erfüllten sie eine Mission, mit allerhand unausgesprochener Zustimmung aus der Mitte der Gesellschaft. Böhnhardt könnte selbst Opfer von Gewalt im Gefängnis geworden sein. Er wurde schon als Heranwachsender aus der mittelständigen Kurve seines Elternhauses getragen. Darauf wird angespielt, „im Frotteemantel der Normalität“.

„Unter Drei“ verfolgt ferner die Biografien der Opfer. Zitiert wird Goethe: „Der Hass ist ein aktives Missvergnügen“. – Im Neid geboren. Von diesem Neid ist die Rede, von der Inferiorität noch einer verlorenen Generation, für die ein biografischer Gau sich ergab, indem der Klassenfeind plötzlich im Klassenzimmer stand. – Und dann kreuzt Mustafa im BMW auf: „Das hätte es früher nicht gegeben“.

So wie die Migration nicht in die Mehrheitsgesellschaft führt, so löst sich auch die aufgelassene DDR nicht auf in einer größeren Bundesrepublik. Es ist eine Leistung des Stücks, dass man daran erinnert wird. Man sieht Leichen auf altdeutschen Sofas, die Uwes trollen als Erschossene durch die Inszenierung. – Selbstmörder, die mit ihren Schatten spielen: „Sieg geil“.
„Wir leben einen Actionfilm“, während ihr in der Durchschnittlichkeit vergammelt. Doch ist die Durchschnittlichkeit bei den Mördern zuhause. Beate grillt Äpfel, sie ist eine tadellose Hausfrau – und auch im Urlaub auf Fehmarn top als eminent durchschnittliche Henne im Korb der Fürsorglichkeit. Sie weiß: „Der eine hängt an der Flasche, der andere am Baum“.

29.6.2013

Die Welt auf der leichten Schulter

Ein Abend erinnert an Mario Wirz im Aufbauhaus

„Solange ich schreiben kann, hat der Tod keine Chance“, schrieb Wirz, ein Hesse, der noch nicht lange tot ist. Er starb mit sechsundfünfzig am 30. Mai. In seinem Debüt „Es ist spät, ich kann nicht atmen“ aus dem Jahr 1992 besprach er seine Krankheit. Wie Brinkmanns „Westwärts 1 & 2“ vor langer Zeit, erschien auch Wirz´ letzter Band, „Jetzt ist ein ganzes Leben“, postum.

„Vor unserem Alter stehen Fremde/ die man mit uns verwechselt“.

Ich fahre nach Kreuzberg wegen eines Abends zu Wirz´ Ehren bei Aufbau. Britta Gänsebohm hat eingeladen und dem Abend einen Namen gegeben, als Hommage. Der Abend heißt „Hymne an das Leben“. Der Mann, dem Aufbau zurzeit gehört, Koch mit Namen, sieht aus wie ein weißnasiger Delphin. Er wird ständig angesehen und sieht deshalb an allen vorbei. Die Rede in seiner Gegenwart ist von Literatur „als Heilmittel und Droge zugleich“. Ich finde das zu gestrickt, „Heilmittel“ sind doch Drogen, der Satz erstickt an seiner Gedankenarmut. Die Rede geht weiter und handelt vom „trotzigen Übermut der Gedichte“. Von mir aus. Andreas Walter, der Freund, sagt: „Das Schreiben hat ihn gerettet und die, die an sein Schreiben geglaubt haben haben ihn auch gerettet“.
Das finde ich sehr schön und gelungen. Es braucht immer nur wenige, um ein Werk zu vollbringen.

Matthias Scherwenikas liest: „Seine Karten mischte ein Engel mit Pokerface“.
In einem Gedicht verwandelt sich Schmerz in ein Schiff, das nehme ich, das Schiff. „Staub mit Gold zu verwechseln, ist leicht“. „Jetzt ist ein ganzes Leben“. „Den Jubel der Lerche hüten“.

Wirz wollte die Welt auf die leichte Schulter nehmen, sein Leben sollte ihm „jeden Schmerz zumuten. … Der Sommer blühte in den Kapseln des Mohns“. Die Rede gelangt zum Licht als „Nahrung“ für Käfer.

26.6.2013

Öffentliches Schminken

Juliane Werner als Claudia Schiffer

„Halts Maul, Kassandra – Die Stille ist die Schwester des Wahnsinns“. T. Brasch

Sie trägt eine Robe rot wie die Nibelungen. Sie thront förmlich, diese Erfindung von Karl Lagerfeld in seinen eigenen Worten. Claudia Schiffer ist eine Schöpfung, ein Produkt, die Verdinglichung in Person. Sie sagt: „Glühendschön mein Körper in der Muschel, wie soll ich ihn noch mehr loben? Er entsteigt. Ich und mein Körper gehören zusammen, und jetzt will er plötzlich weg aus der Muschel, will leben, will fort vom Ruf, der Gestalt annimmt, will weg von den Düften, die von meiner Persönlichkeit ausgerufen werden. Bleib, du Körper, bleib bei mir!“
Juliane Werner spielt Claudia Schiffer im „Theater unterm Dach“, einem klandestinen Spielplatz im Prenzlauer Berg. Sie spielt Elfriede Jelineks Monolog „Claudia“ und verwandelt in der Zwischenzeit ihre Belle de Jour in eine Kittelschürze, ganz genau so wie man das von bösen Hexen im Fernsehen kennt.

Elfriede Jelinek zeigt Claudia Schiffer zuerst als gesellschaftlich aufschlussreiche Situation. In dieser Zuschreibung ist sie von Erfahrungen ausgeschlossen wie in Humanquarantäne, man kann nur von ihr etwas erfahren – von der Situation, die Claudia Schiffer für Elfriede Jelinek zuerst ist. Das zeigt Juliane Werner in ihrem Spiel auf und mit einem Klo. Sie erzählt Claudias Ohnmacht als Umnachtungsgeschichte. Es geht um den Klimax der Veräußerlichung – in einem hermetischen Text, der beim Lesen sich nicht verrät als so ansprechend. Das ist die beste Erfahrung an diesem Abend mit Juliane Werner: die Entriegelung der Jelinek´schen Sperren als Zerreißproben für den Text.

Text ist immer eine Folge. Juliane Werner spielt das Davor. Sie schminkt sich öffentlich, als könnte das helfen: „Körper? Ich speichere Worte in dir. Ich speichere Kleider auf dir. Geh nicht fort!“.
Natürlich geht der Körper, indem er gewöhnlich wird in der Verwitterung. Das ist die Kittelschürze: der Abschied. Der Abschied entlässt den Körper zumindest aus der totalen Verdinglichung. Nun sind Erfahrung möglich für Claudia.

Beinah kein Mann im Auditorium. Das Publikum beäugte mich beim Einstieg in diese narrative Luke wie einen ungebetenen Teilnehmer an einer intimen Séance. Tatsächlich verbirgt Jelineks Diagnose der Machtverhältnisse eine Veröffentlichung verzweifelter Intimität: „Ich habe mir doch dieses tolle Haus auf Mallorca bauen lassen, damit ich meine Probleme hineinlegen kann.“

23.6.2013

Ins Paradies vertrieben

Die nennen das Schrei – Die gesammelten Gedichte von Thomas Brasch

1.

Die Ästhetik war „Außer Atem“. Thomas Brasch (1945 – 2001) trieb die Abgrenzung bis zur Pose und schrieb Gedichte für die Köchin im Ganymed bei Gelegenheit. Dann schrie er aus dem Fenster seinen Verdruss. Das hörte man nebenan, wo das Berliner Ensemble ist. Das Ende im Blick vor dem Anfang: das ist das erste Gesicht der Gedichte von Thomas Brasch. Der Fatalismus der Geschichte summt darin sein Lied vom Sozialismus. Der Kampf geht immer nur „um eine Niederlage“. „Wer unterliegen will, muss siegen“. Der Geschlechterkampf geht über den Klassenkampf hinaus.

Es ist sofort alles da, schon im ersten Band, einem Poesiealbum aus dem Jahr 1974, die Graphik von Einar Schleef. Das war monatliche Lyrik in der DDR, für neunzig Pfennig am Kiosk. Auch Hồ Chí Minh bekam sein Poesiealbum. Das Leben blutet aus Augen & Ohren, viel ist (wie) für das Theater geschrieben, es gibt Kursivschriftstellen, die sich als Regieanweisungen lesen lassen. „Wir können erst weiter, wenn wieder geschossen wird“.

Auch Braschs Krieg fand ohne Schlachten statt, er war sich nicht zu schade, Potenz vorzutäuschen. Heiner Müller schrieb ihm einen Hass zu, „der in dieser Welt den Vätern zukommt“.
Am letzten Morgen von Neunzehnhundert76 verließ Brasch die DDR, mit Katharina und Anna Thalbach gemeinsam. Er reagierte so auch auf sechzig Änderungswünsche, die einer Veröffentlichung von „Vor den Vätern sterben die Söhne“ im neuen Deutschland entgegen standen. In Müllers Besprechung von „Vor den Vätern sterben die Söhne“ und „Kargo“ erkennt der Rezensent die eigene Versteinerung. Außerdem sagt er: „Ich weiß nicht, was sie dort (in der Bundesrepublik) für Folgen haben werden, in der DDR wird nach dem Erscheinen seiner Bücher Vor den Vätern sterben die Söhne und Kargo niemand mehr so schreiben können, als ob er sie nicht geschrieben hätte. Wie es ist, bleibt es nicht“.

„Kargo“ ist viel Prosa, im Band der gesammelten Brasch-Gedichte fürsorglich untergebracht von den Herausgeberinnen Martina Hanf und Kristin Schulz, damit er nicht verschwindet. Drei Jahre Editionsarbeit steckt in der Versammlung, die alles Unfertige und Entwürfe außen vor ließ – und einer kritischen Ausgabe trotzdem nahe liegt.

2.

Notizen zum Vortrag „Du kannst DDR zu mir sagen“ von Kristin Schulz

„Leben im Material“ – das ist die Verbindung einer Biografie mit der Geschichte eines Landes. Das ist Heiner Müller, der sein Bleiben in der DDR nie ex positivo begründet. Müller bleibt im Material, anders als Brasch. Er ist siebenundvierzig, als der Jüngere geht, und steht schon fest als wichtigster DDR-Dramatiker. „Die Freiräume in der BRD“ erscheinen ihm künstlich. Müller erklärt Braschs „Land-Wechsel:“ „Die Generation der heute Dreißigjährigen in der DDR hat den Sozialismus nicht als Hoffnung auf das Andere erfahren, sondern als deformierte Realität. Nicht das Drama des Zweiten Weltkriegs, sondern die Farce der Stellvertreterkriege (gegen Jazz und Lyrik, Haare und Bärte, Jeans und Beat, Ringelsocken und Guevara-Poster, Brecht und Dialektik). Nicht die wirklichen Klassenkämpfe, sondern ihr Pathos“.

Darin steckt ein Vorwurf der Uneinsichtigkeit, Müller überzieht damit auch „Kargo:“
„Die Ungeduld, zu warten, bis der Schock Erfahrung wird“, entdeckt er.

Müllers Termine mit der Geschichte: dreiunddreißig, der Vater wird verhaftet, Heiner stellt sich schlafend. Neunundvierzig, die Staatsgründung findet statt: „Ich war vier als mein Vater verhaftet wurde und 1949 war ich zwanzig“. Einundsechzig fällt Müller in Ungnade. Achtundsechzig ist das Jahr der Panzer und das Lied vom „Panzer als Geburtshelfer der Republik“ zu Ende. „Prag nicht als Trauma, sondern als das Ende eines Traumas“, schreibt Müller auf seiner Baustelle. Die Baustelle: das ist die DDR.

„Das Elend des Vergleichens ist das Elend der Ideologie“.

„Hat er Hitler nicht sabotiert, wird er auch den Aufbau (der neuen Gesellschaft) nicht sabotieren“.

Noch ist nicht neunundachtzig und die Rede nicht von „der Beschädigung der Literatur durch ihre Urheber“. Noch nicht: „Welches Grab schützt mich vor meiner Jugend“. Müllers „Bau“ nimmt die „Spur der Steine“ auf. Der Autor nennt „die BRD eine gesundgeschrumpfte Firma“ und beschreibt „die DDR als Kaiserschnitt durch Klassen“. Das ist sein fester Stand, als er Brasch beim Weggegangensein zusieht so wie man sich nach seinem Schatten umdreht.

3.

Katharina Thalbach und Martin Wuttke lesen aus den gesammelten Gedichten im Berliner Ensemble

Das wuchtigste Ereignis der elisabethanischen Renaissance, so sagt es Heiner Müller, war die Zerschlagung der Armada als Signatur der Marginalisierung einer Großmacht. Kein anderer Vorgang wirkte sich so stark auf die Zeit aus, in der Shakespeare wirkte. Trotzdem ist an keiner Stelle seines Werks davon direkt die Rede. Es sind die Spiegelungen der Großwetterlagen einer Epoche, „die das Material eines Schriftstellers bilden“. Heiner Müller erklärte mit Shakespeare und dem Niedergang des spanischen Weltreichs seine Unzuständigkeit für explizite Wendeliteratur.

„Ich bin überhaupt nicht verpflichtet, jetzt hier das große Licht anzumachen“, schreibt Rolf Dieter Brinkmann – wenn ich Thomas Brasch lese, höre ich ein Reibeisen. Das ist die Stimme von Katharina Thalbach, die im Verlauf der Jahrhunderte zum Kobold wurde.

Das ist nur der Alkohol

Wenn man bei Tageslicht noch vernünftig wird
und den Arsch nicht in der Hose hat
sie auf die Knie fallen zu lassen, dann

setzt eine Krähe sich aufs Fensterbrett
spuckt Eisen in deinen Hals.

Für mich konntest du aus dem Vollen schöpfen, singt Katharina Thalbach dem heimlichen Vernehmen nach: Ins Paradies vertrieben/ morgen will ich mir eine neue Religion erfinden“.
Katharina Thalbach frisst die Gedichte in sich ein, sie nimmt sich den Mann dafür jedes Mal, wenn sie mit ihm auftritt, vor so als könnte er ihre Möse noch schmatzen lassen: „Wie das schöne Moos aus Dankbarkeit ihn ein wenig Witterung aufnehmen lässt“. Man hört den libidinösen Grund der Angelegenheit, die DDR erschien Brasch als Heimat „der Verstellungsakrobaten“.
Ich finde, der Kapitalismus verstellt die Leute auch nicht schlecht. „Endlich verbrüdern sich die Schwestern/ zwei Hexen unter Apfelbaum“.

Die Baustelle ist bei Thomas Brasch eine Mischung aus Knast und Irrenhaus. Aus Hohenschönhausen rufen sie: „Wir sind draußen, ihr seid drin“.

21.6.2013

Autor im Einsatz

Transhumane Zukunft

Totaltheater im Ballhaus Ost

Wie macht man Theater in einer Welt, in der alle Inhalte verfügbar sind? Es sind die Freien, die darauf antworten – und den blöden Spruch dementieren: Es gibt keine freien Schauspieler, nur solche ohne Engagement.

Also, wie macht man in unserer Welt Theater? Indem man alles gibt und den Zuschauer in einer Totalität aus seiner Passivität entlässt. Eine geradezu urchristliche Idee von Gemeinschaft steckt in „Schwawarma“ – ein über Wochen andauerndes Totaltheater im Berliner Ballhaus Ost. „Schwawarma“ geht unter die Haut wie ein Stich. „Schwawarma“ ist auch eine „Insekte“ unter Aufsicht einer Bienenkönigin – und einem Volk aus Arbeitern mit sauber gewaschenen Gehirnen. Dazu zählen dann auch die Zuschauer: nach ihrer Wiedergeburt. Der Geburtskanal ist ein wüstes Labyrinth, man sieht es durch ein Fischauge, das aus der Maske lugt, die jeder seinem Kopf anzulegen hat. Das ist erst einmal beklemmend, heftig sind die Reaktionen des entmündigten Publikums. Der Herrschaftstext unter dem Titel Ich-habe-bezahlt-also-bin-ich-(qualifizierter Verbraucher) zerfällt im Terror der eingeschränkten und getrübten Sicht. Ich bleibe in einem Zwischenstadium hängen, ein Sommerabend droht verloren zu gehen – und das in diesem nassen Jahr. Was treibt mich, die Maske nicht abzunehmen und mir meine Souveränität am Theatertresen zurückzuholen? – Im Begleittext zum Stück ist die Rede von „transhumaner Zukunft“. Vielleicht ist das eine Chance für die Bestie.
Im ersten Stock wird gleich alles schön, angefangen bei der Empfangsdame. Sie kleidet mich neu ein für die Oberwelt und den Insektenstaat, in dem mein Name hinfällig wird.

Schauspieler sind immer wieder überrascht, wie reservefrei ich auf Interaktionsangebote einschwenke, wie wenig Vorsicht ich walten lasse. Auf Geheiß turne ich ein TV-Fitness-Programm durch und lass mich dabei filmen. Andere gehen in Deckung, aus Angst aus sich die Affen zu machen, die wir alle sind. Mein Gemeinschaftssinn wird mit einer Audienz vor der Königin honoriert. Ich werde vorgeführt auf einem Balkon, mit nach Vorschrift verknoteten Fingern. Das ist das Handzeichen der „Insekte“, ihr Motto lautet: „Love & Trust“. Als nächstes lege ich mich neben ein schwules Paar, das gehört zum Spiel dazu. Das ganze Ballhaus spielt mit als Wohnung des „Schwawarma“-Ensembles, dem sich jeder anschließen kann. Jeder könnte in diese Welt aus Pappkarton einsteigen. Ich steig aber aus, mit einer Aussicht auf einen himmlischen Abend im Prenzlauer Berg.

Aus dem Beipackzettel:

„Das Publikum ist Teilnehmer einer utopischen Spielsituation, in der über den gesamten Aufführungszeitraum mittels Performance, Installation, Malerei und Videos ein fiktives Szenario gestaltet wird, in welchem sich Kunst und Leben vermischen.
Die Algorithmen des Finanzmarktes und der Google Suchfunktion benutzen digitale Pheromone. Die komplexen Strukturen des individuellen Lebens in Großstädten müssen durch dezentralisierte Prozesse verstanden werden“. Es spielen mit: PETER FEILER, HANNA HILDEBRAND, NELE JAHNKE, XUE LIU, AYAKA OKUTSU, TINA PFURR, CONRAD RODENBERG, WIELAND SCHÖNFELDER, PAUL WIERSBINSKI

19.6.2013

Abgang vom Erdhaufen

Nach sieben Jahren Intendanz am Maxim Gorki verlässt Armin Petras Berlin im Trubel eines fünftägigen Theaterausflugs in den Aufstand

Ursula Werner geht - nach Jahrzehnten am Maxim Gorki Theater
Ursula Werner geht

Das ist die Welt noch einmal und noch unfassbarer am besten. Das ist sie mitunter so klug wie sonst nicht. Sie ist das gegen die Versteinerung und gegen die Grabsteine, die Texte in ihren Herzen nun einmal sind. Sie ist das utopisch und als Gedicht – auf dem Theater, falls es sich ergibt. Aenne Schwarz sagt Jean Genets „Seiltänzer“ auf im verrutschten Abgang von einem Erdhaufen. Die Erhebung auf der Bühne illustriert um eine Gedankenecke den angekündigten Aufstand zum Abschied des Intendanten mit achtzehn Premieren und Revolutionslieder in der Nacht.

„Das Theater ist die Rückeroberung des Raums aus dem Sog der Zeit“ sagt Heiner Müller.

„Ich lieb dich, oh mein Gefängnis, wo ich sterbe ohne zu altern./Das Leben rinnt von mir, vom Tod umarmt“, singt Genet aus lauter Liebe zu Abdallah, dem Le Funambule gewidmet ist. Der Dichter wollte „ein Gedicht schreiben, das uns die Röte in die Wangen treibt“.

Aenne Schwarz macht daraus eine Moritat von der Anmaßung einer totalen Umdeutung, in der Regie von Jan Bosse und ohne jeden bürgerlichen Sonnenschein. Es ist alles fast vergessen, was bei Genet auftaucht, einschließlich der ertrunkenen Matrosen. Aenne Schwarz´ Vortrag im Tutu folgt die schlammige Dunkelheit einer Belichtungskammer: „Warum ist nicht alles schon verschwunden?“ nach Jean Baudrillard (Regie Sebastian Hartmann). Andreas Leupold geht gründlich durch sämtliche Stadien prähistorischer Fotografie von der Aufnahme über die Entwicklung bis zum Föhnen und Bügeln der Kontaktabzüge.

„Das weiß man heute alles gar nicht mehr“, sagt das Publikum in einer Gestalt seiner Vereinzelung über obsolete Herstellungsprozesse.

„Erst der Druck der Erfahrung treibt die Sprache in die Dichtung“, sagt Heiner Müller.

„Bier“, sage ich zur Pause. Die Vorwärtsbewegung der Geschichte, wie Marx sie verstand, wird auch im Maxim Gorki Theater nicht mehr behauptet. Man hat sich zurückzogen auf den Luxemburger Standpunkt: Sozialismus oder Barbarei bei vollem Lohnausgleich und Bratwurst.

„I ♥ Aufstand“ von Carsten Golbeck und in der Regie von Jorinde Dröse bringt das Spektakel dem Schauplatz wieder. Da gehört es hin. Nun unterhalten sich Sabine Waibel und Ronald Kukulies gut gelaunt über die Bedingungen an ihrem Arbeitsplatz, den österreichischen Sexismus als Naturgesetz, die Ungerechtigkeit des deutschen Wahlrechts für Türken auf Fahrrädern und über Denkmalschutz. Plötzlich wäre Aufstehen schon Aufstand, bloß kommt das für das Auditorium nicht in Betracht.

„Der Aufsteh-Aufstand richtet sich gegen die Horizontale“, behauptet Sabine Waibel als Sabine Waibel im Zustand der-schlechter-als-männliche-Kollegen-entlohnten Schauspielerin. Sie bezahlt dreißig Euro pro Monat für ihr gutes Gewissen infolge übernommener Patenschaft. Das Subjekt der Patenschaft entbehrt seinen Namen im Gedächtnis der Patin.

Unklar bleibt ferner, was „Babalabubi“ vulgo „Paparapupi“ bedeutet. Ein Engel mit Flossen, dem die Federn ausgehen, gibt seine Geheimnisse nicht preis. „Paparapupi oder Der Aufstand der Sprache“ kommt als „Slapstick-Projekt“ von Antú Romero Nunes an. Es geht um Missverständnisse, die Fremdsprachen mit sich bringen, um Hunger und um „Paparapupi“ nach Art eines ungastlichen Hauses und der Commedia dell’arte. Aenne Schwarz und Paul Schröder spielen sich die Bälle an ihre vortrefflichen Köpfe, so es kracht und wummert. „Paparapupi“, das ist in dieser Besetzung ein Geniestreich im Vorübergehen.

„In der Schlangengrube“ (Armin Petras/ Jan Kauenhowen) versammeln sich dann letzte Worte. Kauenhowen hat mit auf den Tod Kranken gesprochen und ihre Retrospektiven konzentriert. Was dem Sterben abgelauscht wurde, verwandelt sich im Zusammenspiel von Wilhelm Eilers, Johann Jürgens und Regine Zimmermann in etwas rasend Komisches. Auch die Finanzmärkte kriegen ihr Fett weg. Sie wirken auf Gesellschaften dem Vernehmen nach wie der Biobomber Tumor auf den menschlichen Organismus sich auswirkt. Ich lerne: „Der Tumor zerfällt von innen“.

David Marton schickt die Leute zum Hören von „Radio Ohne Frequenz Berlin Budapest“ vor die Tür. Armin Petras´ Abschied fällt im Freien aus wie ein Fest, obwohl der staatliche ungarische Antisemitismus Gegenstand einer vernichtenden Betrachtung wird, mit einer Rolling Stones Cover Band und Ursula Werner (vocal) als Sidekicks. Ich nehme noch den „Hofmeister“ von Jakob Michael Reinhold Lenz mit, Regie Armin Petras. Es spielen Robert Kuchenbuch, Peter Kurth, Svenja Liesau, Anja Schneider, Holger Stockhaus und Lara Strautmann vor und zwischen einem kauernden Publikum. Theologe Läuffer verdingt sich als Hofmeister beim Major von Berg, kriegt in den Schädel seines Zöglings Fritz aber nichts hinein. Statt dessen versenkt er sich bei stetig sinkendem Salär in Gustchen, seines Herren „Herzen einziger Trost“ und Tochter, das kann nicht gut gehen. Blut spritzt, der Läuffer hat sich an erheblicher Stelle amputiert. Holger Stockhaus spielt den gebildeten Tropf in permanenter Atem- und Ausweglosigkeit. Svenja Liesau gibt ihm als aristokratisches Früchten Saures. Das rast und rempelt und spricht falsch antiquiert und ist im Ganzen so apart anzusehen wie im Einzelnen Fritz, den Lara Strautmann am Rand der Ereignisse spielt, ganz unverbunden mit einer hochgeborenen Allgemeinheit außer Rand und Band.

14.6.2013

Sakina und ihre Streicher

Kurdische Beach Boys reden über eine Revolution mit Stil

Kurdische Beach Boys reden über eine Revolution mit Stil

Es riecht nach Gras und Aufstand im Hof der Berliner Volksbühne. Jeunesse dorée ist am Start, Protagonisten einer neuen Gesellschaft, beschleunigt in der Zukunftsschleuse. Sie wollen Sakina und ihre Streicher im Roten Salon erleben, ich habe keinen Schimmer von klassischer Musik.

Jeder türkische/kurdische Termin hat zurzeit die Dramatik, die man bei Büchner liest. Organisationschefin Yonca Tül sagt geschafft von einem langen Tag und ganz viel Aufregung an sämtlichen Fronten des Daseins, sie habe das Publikum aus diversen Demonstrationen herausgefiltert. Sie hat ganze Arbeit geleistet und den Salon voll bekommen … mit Leuten, die so aussehen als sei von Brecht ihnen das geläufig: „Wendet euch um und/verwandelt den krieg der Völker in/den krieg der klassen.“

Alle Kunst ist politisch, meldet der Star des Abends durch die Blume eines Hinweises auf den türkischen Genozid an Armeniern. Sakinas Streicher nennen sich „Anadolu Quartet“ und gehen sonst von Sakina getrennte Wege. Klingt genial, was sie zum besten geben, aber wie gesagt, Ihr könnt von mir keine Kunstkritik erwarten. Ich kann nur sagen, ich will nicht weg, ich hör das gern, diese Fusion von „Klängen Mesopotamiens“, so steht es auf dem Beipackzettel, mit klassischer Musik. Tradition und Moderne, Abend- und Morgenland, Hiphop und Bebop … nein, heute Abend kein Hiphop und nicht Bebop, sondern Verschmelzung von Tradition und Moderne, von Euphrat und Tigris und Hänsel und Gretel in der alevitischen Variante. Gespielt werden Lieder, die „der alevitischen Philosophie nahestehen und von der Suche nach Gerechtigkeit handeln.

Können Lieder handeln? Jedenfalls kann Sakina sehr schön singen, ab und zu gibt es auch Hall auf die Ohren und etwas Griechisches. Das fällt aber nicht auf. An der Bar werden harte Sachen geordert, für manch einen dürfte es nicht ganz einfach sein, aus diesem Abend eine Story zu machen, die sich einwandfrei verbreiten lässt. Ist schon alles sehr gefühlvoll … wie das Klagelied „für ein Mädchen, das während des Völkermords in Dersim 1938 in den Fluten des Munzur ertrank“.

Viehhaltung in Kurdistan ist ein Thema, der Schal als kurdisches Liebesversprechen taucht auf wie auch Asik Veysels Verse in Vertonung. Zum Schluss hören wir „Welate me Kurdistane“. Es spielen Ahmet Tirgil (Geige), Utku Baris Andac (Geige), Ozan Nabi Akin (Viola) und Ismail Kaya (Cello).

11.6.2013

Ein Geburtstagsgruß an Peter Kuzeck im »Kurzeck-Ton«

Ich kam dann auch nach Frankfurt und man sagte mir, der Peter Kurzeck ist da und da, war ja eine dunkle Stadt, war immer Nacht, wenn einem so was gesagt wurde, und der Peter Kurzeck war mein Vorgänger. Ich glaube, der Wolfgang Zimmermann ist mit mir über den Alleenring gefahren, der Ring war für mich nur eine Straße, Allee sowieso nicht, ich war von Bäumen verwöhnt als Kernhesse direkt aus den Kasseler Bergen und von Rübezahl & Rotkäppchen so gut wie abstammend. Dann kamen wir dahin, in so eine Frankfurter Wohnung, du weißt schon, dreißig Leute in vier hellen Räumen, wo noch geraucht wurde, der Wolfgang Zimmermann und die Renate Chotjewitz, die ich aus „Rom Blicke“ kannte, das ärgerte sie, sie übersetzt, hieß es, und sie redete auf mich so insistierend und irgendwie auch vorbeugend ein, als müsste ich mir von ihr was Bestimmtes merken, und dabei wurde ich durch Räume geschoben und plötzlich hielt die Bummelbahn vor zwei Männern und der eine Mann von den beiden war Peter Kurzeck und der andere hieß Harry Oberländer. – Und das waren meine ersten Autoren, die mir je leibhaftig vorkamen, der Harry und der Peter in dieser Frankfurter Wohnung, könnte in Bockenheim gelegen haben, doch für mich war nur Nacht und Nebel in Frankfurt, ich kannte mich überhaupt nicht aus.

Siehe auch: Harry Oberländer gratuliert Kurzeck zum Geburtstag

10.6.2013

Das ist erst der Anfang

Taksim Solidarität im Berliner Ballhaus Naunynstraße

Foto: Jamal Tuschick

Deutschland von Istanbul aus zu denken, ist schon lange keine große Sache mehr. In der westlichen Perspektive sind solche Denker trotzdem kaum zu sehen: diese neuen Türken. Sie kommen aus einer Kultur, die sich schneller verändert als Westeuropa. Eben waren sie noch Protestanten am Bosporus der blutenden Nasen, jetzt sind sie wieder hier in ihrem Revier, das heißt Kreuzberg. – Um zu berichten.
„Es geht nicht um drei Bäume in einem verwahrlosten (Gezi) Park“, sagt ein Delegierter der Initiative #direngeziparki im Ballhaus Naunynstraße vor zweihundert Leuten. Die Anspannung ist mit Händen zu greifen. Das ist eine Szene wie von Sergej Eisenstein. Da ist Drama drin.
 
„Es geht gegen die repressive AKP-Regierung und um mit Füßen getretene Menschenrechte“, führt der Delegierte aus. „Das ist erst der Anfang unseres Widerstands“.
Ein Steg wurde im Saal verlegt. Gesetzte Männer und Frauen tragen ernste Mienen wie Pokale zur Schau. Das junge Volk ist ihr Dekor, es kleidet sie geradezu floral ein. Ursprünglich sollte das Singspiel „Die Saison der Krabben“ Premiere haben, doch hat eine Sängerin im Istanbuler Tränengasnebel ihre Stimme verloren. Der Abend gehört der – nach einem zentralen und nahe dem Gezi-Park gelegenen Platz benannten – Taksim – Solidarität, man will aber auch Krabben-Stücke vortragen und das Singspiel skizzieren.
 
„Wir haben uns auf der Straße vereint, ihr habt unsere Macht gesehen, wir haben unsere Macht gesehen: Ihr wisst, dass wir siegen werden“.
Dem Fanal folgt das Eröffnungslied, Özgür Ersoy bespielt Saiten als sei er bei Deep Purple unter Vertrag. „Ex Oriente Lux“ steht über allem.
„Unsere Rebellion heißt Kunst“, sagt Sängerin Sesede Terziyan. Sie ist mit einem Mundschutz angetreten, den trägt sie als Apachenstirnband.
 
„Wir wollen euch unsere gute Energie für eine hoffnungsvolle Zukunft geben.“
Sagt das Sinem Altan an ihrem Flügel? Ich weiß nicht, ich bin auch aufgeregt, Sinem Altan kündigt ein Lied aus dem Herzen Anatoliens an, nein, das haben wir schon gehört. Jetzt ist Schubert, Franz, gleich kommt ein Schwarzmeerküstenblues: „Gelevera Deresi/Verlassen hast du mich ohne zu zögern/möge Gott dich dafür in den Arm nehmen“. – Oder so ähnlich. Ich bin auf ein Kraftfeld geraten und habe Gänsehaut.
„Aus Gründen der Internationalität“ wird „I can only be me“ gesungen. Augen schwimmen, die Künstler deklamieren: „Wir sind alle Taksim“. Ich fühle mich wie am Vorabend einer Revolution und soll auch einen ganz guten Eindruck von Haka Savas Micans Singspiel gekriegt haben.
 

6.6.2013

Abgeklärter Linksradikalismus

Die Berliner Tucholsky Buchhandlung wird drei

Foto: Jamal Tuschick

„Früher wollten wir mit Büchern die Revolution einläuten, heute kämpfe ich um das Überleben im Einzelhandel.“
Vom „Wir“ im hessisch-ländlichen Kollektiv zum urbanen „Ich“ des Berliner Buchhändlers als Einzelkämpfer vollzieht sich exemplarisch für eine Generation die Biografie des 1959 in Sinn bei Wetzlar geborenen Jörg Braunsdorf. Vor drei Jahren eröffnete Braunsdorf die Tucholsky Buchhandlung in der Straße gleichen Namens. Die Anschrift war für die Namensgebung nicht entscheident, Braunsdorf hätte auch bei einer Anschrift Unter den Linden Tucholsky zum Paten gemacht. Er will, dass aus drei Jahren dreißig werden – dreißig Jahre reger Geschäftstätigkeit mit „Buy Local“-Engagement, raumgreifenden Belustigungen für Kinder, inklusive einer Lesehölle – und jeder Menge Lesungen, manchmal bis morgens um eins.

Braunsdorf ist ein süchtiger Leser, zuletzt faszinierte ihn Lisa Kränzlers im Verbrecher Verlag erschienener Roman „Nachhinein“ so sehr, dass er eher mit seiner Müdigkeit Schluss zu machen bereit war als mit der Lektüre. Während der Buchhändler aus Leidenschaft die Schote publikumswirksam verbreitet, verkauft er linkerhand Helmut Kuhns „Gehwegschäden“ einer Korrespondentin der Süddeutschen Zeitung als „den besten Berlin-Roman im historischen Augenblick.“
Die Kollegin belädt sich wie in Trance mit Titeln, gleich muss sie wieder wieder nach Brüssel: „Der Flieger geht um vier.“
Es findet das übliche Geht-Berlin-noch-und-wie-geht-Berlin-Kurz- & Kotzgespräch, offenbar kann man nicht einfach in der Gegend wohnen und gut ist.

Schon klar, diese Buchhandlung liegt prima in Mitte und in Mitte läuft der Hase so und so. Braunsdorf macht einen kleinen Rummel auf den Allgemeinplätzen, da hat jemand seinen Platz im Leben gefunden auf der Flur zwischen Fußballbegeisterung, abgeklärtem Linksradikalismus und Bock auf Bier. Seinen Anfang nahm das alles und noch mehr im Wetzlarer Kinderbuchladen „Rote Zora“, in Hessen einst weltberühmt. Büchners „Krieg den Palästen“ stand als Ansage über der Ladentür, wie gesagt, damals dachte nicht nur Braunsdorf: die Revolution träfe demnächst aus der Zukunft ein. 1980 ging Braunsdorf nach Hamburg, um bei den Alten Herrn von St. Pauli mitzuspielen. Nebenbei leitete er den „Arche“-Verlagsvertrieb, es kam dann auch Köln noch als Station hinzu. Das 21. Jahrhundert brach für Braunsdorf in Berlin an, im Lichthof des Auswärtigen Amtes zog er seine erste Buchhandlung in der Hauptstadt auf.

1.6.2013

In der Prosa bleibt die Sprache auf der Strecke

Nora Bossong, Jan Wagner und Björn Kuhligk – Ein Hochamt der Poesie im alten Westen von Berlin

Foto: Jamal Tuschick

Es ist schwül in Charlottenburg, fast tropisch. Die Leute tropfen in die Autorenbuchhandlung. Sie dient einer S-Bahn als Untergrund und wird ständig erschüttert wie eine Blues Brothers-Absteige. Der alte Westen findet sich ein mit seinen siebzigjährigen Jungfrauen in Miniröcken.
Hanser Berlin-Chefin Elisabeth Ruge macht den Abend auf mit launischen Bemerkungen, in denen Erinnerungen an Vertreterkonferenzen abgeschöpft werden. Sie sagt: „Die Vorauszahlungen für Lyrikbände sind beschämend“.

Sie erinnert an ihren Vater, der zu Gedichten als etwas Auswendigem riet. „Wenn du denn ins Gefängnis kommst, Kind,“ so sagte der Vater zur Elisabeth, „wird dir das nutzen“. – Zur geistigen Druckbetankung.
Die Elevin hörte Richard Burton Thomas Dylan aufsagen, die Konserve war noch Schallplatte, sie prägte sich ein auf einer Rille im Gehirn.

Elisabeth Ruge ist ja nie ins Gefängnis gekommen – und jetzt sitzt sie so da in dieser Buchhandlung als seien die Dichter ihre dürftig alimentierten Zöglinge. Nein, so sehen die Dichter nicht aus. Sie sehen gut aus, so wie Motoren der Poesie aussehen müssen, so ein bisschen ausgefallen, aber nicht zu sehr. Jan Wagner beschwört die lyrische Potenz einer Nase, er weiß: „Die Grille kratzt kein Krieg“.

Ja, Gedichte machen glücklich. Sie sind Grund für Festivals. Man könnte mit Gedichten noch einmal von vorn anfangen – und Nora Bossong sagt: „Es gibt keine Gedichte, es gibt sie nur zufällig“. In ihrem „Hügelgewächs“ „füllen sich Täler mit Dorffesten“. Sie liest auch ein Auberginengedicht, Obst und Gemüse in einem Raum, der bebt unter seiner Bahn. Eine „vergreiste Putte war so grau, als hätte Luther selbst sie noch gekannt“.

„In der Prosa bleibt die Sprache auf der Strecke“, sagt Nora Bossong.
„Es gibt keine Grabenkämpfe mehr zwischen narrativ und abstrakt“, sagt Jan Wagner.
„Vielleicht fehlen die, sonst kriegt man doch nur Lyrikminestrone“, sagt Björn Kuhligk. Elisabeth Ruge sagt ihm eine „Rebellion beim Besingen der Apfelblüten“ nach. Björn Kuhligk schreibt jetzt Naturgedichte, als Entdecker erdgeschichtlicher Selbstverständlichkeiten. Er versendet Grüße aus dem Hochmoor, erzählt von „schnellen Ameisen“, die sich als „rasende Blätter“ tarnen.

„Von einem deutschen Acker darf nie wieder ein Wie-Vergleich ausgehen“ meldet Björn Kuhligk in „Die Stille zwischen null und eins“. Darin wird Müll auf den Mount Everest geschafft, Tote, so wie „der blaue Bill“ markieren den Weg zum Gipfel.

Die Natur als Reservat für den späten Kuhligk – und Jan Wagner hantiert mit bäurischen Begriffen. Er bringt Wörter in Umlauf, die aus unserer Zeitzone geglitten sind. Im Sortiment erfundener Dichter finden sie eine neue Heimat: Gickel, Gosche, Wamsen, aber mit Schmackes und ohne zu Zimpern. – „Ich Muse und Melkerin“ heißt eine ausgedachte Biografie: „Der Vater wurde noch gewamst/ das Schulbuch war seine Rechte“.

Jan Wagner nötigt „den sanften Zwang zur Form:“ ihn zu befreien. Andere streben zur Formlosigkeit.
„Alles geht“, sagt Björn Kuhligk. Der Dichter fährt fort: „Es gibt keinen Markt und kein Publikum, dessen Erwartungen erfüllt werden könnten“. – Als Einladung zur Korruption. Jan Wagners Sonettunterwanderungen koinzidieren mit Kuhligks Wanderungen in der Mark Brandenburg und dem subtropischen Schenkelfleisch an Ort und Stelle.

Wie tanzt man ein Vorurteil?

Kultursprünge zu Meeresgrundgeräuschen im Ballhaus Naunynstraße – Eine optimistisch stimmende Augenweide von Modjgan Hashemian

Ausführlichkeit und Zuspitzung kann jeder, aber wie tanzt man ein Vorurteil? Das weiß ich nach einem Besuch der alten Dame „I love I“ im Berliner Ballhaus Naunynstraße. „I love I“ – dieser die Eigenliebe anzeigende Titel eines Tanzstücks von Modjgan Hashemian führt in die Irre. Die deutsch-iranische Choreografin rückt „I“ an die Stelle einer Identität, die sich in Frage gestellt sieht von einer anderen. Einem anderen „I“ – wie Israel. Sie wirft die Motoren der Feinschaft im Verhältnis der Staaten Iran und Israel an und gibt im Leerlauf der Gegnerschaft Gas.

Getanzt wird das von einem israelischen und einem iranischen Paar zu Meeresgrundgeräuschen und vielen Anspielungen auf entweichende Luft. Auf der Ballhausbühne sind Shiran Eliaserov & Kaveh Ghaemi so wie Michael Shapira & Maryam Zaree zu bewundern. Sie äußern sich in einem apokalyptischen Aufbau zu einer mitspielenden Lichtchoreografie. (Auch das Licht tanzt.)

Man denkt bei abstrakter Artistik zuerst immer an in der Schwebe gelassenem Sinn und einer Ambiguitätsproduktion. Doch hier gelingt eine Verwandlung von Bewegung in Zeichen, die konkret ist. Die Sprache der Körper wird vernehmbar wie im Vortrag. Die Verständigung bleibt Störungen ausgesetzt, die Tänzer stutzen und verwahren sich zum Schutz ihrer Identität – und gehen dann doch ins Offene der Verständigung als einer Möglichkeit, die im Tanz „gedacht“ wird. Ein Witz findet Verbreitung, er geht so: „Die Zeit der Bomben ist perdu, wir leben in Zeiten des kulturellen Austauschs“.

Zur Konzept der Inszenierung gehört die Dokumentation lebensfeindlicher Wirklichkeit: „The holder of this passport is not entitled to travel to the occupied Palestine.“ – Die Reise in das besetzte Palästina ist dem Halter dieses Passes verboten. So sieht staatsbürgerliche Realität für Iraner seit der islamischen Revolution von 1979 aus. „Landen Sie trotzdem in Tel Aviv können Sie sich nur auf Schikanen verlassen“, sagt die Choreografin in ihrem sehr sehenswerten Stück.

28.5.2013

Konzessionierte Augenblicke

„Berlin bei Nacht“ feiert die verdichtete Unterschiedlichkeit in gebundener Form

In Berlin leiden Alleen unter ihrer Anschlusslosigkeit. Deshalb täuschen sie Verbindungen vor und suggerieren Achsenmacht. In Wahrheit hängt nichts zusammen, alles schwimmt auf einer Linse und endet in der Weitläufigkeit von Plätzen. Der Alexanderplatz ist „ein bloßgestellter Leistenbruch“, um wieder einmal Hanns Zischler zu zitieren. Schon Vlad Nabokov wusste, dass Berlin polyzentrisch gedacht werden muss. Dirk Knipphals kommt dann auch auf diesen topografischen Punkt: „Was ich vielleicht also damals schon gelernt habe, ist, dass Berlin aus so heterogenen Elementen besteht, dass man seinen eigenen Film mitbringen muss, um sie zu etwas Ganzem zusammenzusetzen“.

Geschrieben steht das in „Berlin bei Nacht“, erschienen im Suhrkamp Verlag als Anthologie. Knipphals´ „damals“ bezeichnet einen biografischen Allgemeinplatz. – So universell wie universitär und provinziell. Damals kam man von sonst wo nach Berlin – und ging da Annett Gröschner „als Heliummann“ (eine fabelhafte Anspielung auf die hellen Stimmen der gedimmten Westmänner) auf die Nerven. In einer der schönsten Geschichten des Bandes erzählt die Autorin von der Verwandlung des Prenzlauer Bergs/Arbeiterbezirk in eine liebliche Anhöhe. – In das Habitat für eine perverse Kreuzung aus bourgeois und bohémien, kurz Bobo.

Einem in seinem ursprünglichen Verbreitungsgebiet marginalisierten Milieu gilt Annett Gröschners Zuneigung. Sie ist so parteiisch wie man nur sein kann, wenn man sich als Nabel von Verhältnissen erlebt. Von ihrem Balkon der Betrachtung gibt es keine Aussicht auf (sozialen) Ausgleich.

Annett Gröschner beschreibt namenlose Lebensstile und nicht konzessionierte Augenblicke. Kerstin & Sandra Grether beschreiben gängige Stile und konzessionierte Augenblicke: „Was hier abgeht ist nicht gerade das, was sie im Ausland unter „Berlin“ verstehen“, thront als Befürchtung in ihrer Geschichte „Spiel mir das Lied von Berlin-Mitte“ .

In Berlin scheint jeder seinen persönlichen Fuchs zu haben. Der taucht dann in Episoden auf und kreuzt Erinnerungen an Hormontornados und Blutwurst-Gangbangs im Berghain, mit „dem Echsenmann“ an der Tür. – Und seinen Vasallen, die von Marc Fischer in „Vorm Berghain“ durch die Blume des Bösen für Hardcore-Ostberliner mit faschistischen Vorlieben gehalten werden. Mir gefällt diese jugendliche Note einer heimlichen Furcht auf fremdem Territorium. Dieses Leck in der Zivilisation, aus dem der Dschungel seine Zungen streckt. – Und Spaß macht den little savages so wie jenen, die ihren Schweiß riechen dürfen. In der Nacht sind alle Katzen blau.

Bleibt Jörg Sundermeier zur Erwähnung. Dieser Berliner aus Bielefeld weiß: „Man kann nicht zurück, wenn man oben oder unten angekommen ist. Man muss dann woanders hin“. Ist in Berlin kein Problem. Jörg Sundermeier weiß außerdem dem Sinn nach, dass man gar nicht dabei war, wenn man sich erinnern an. Er imaginiert „Nächte am Tag“, die an diesem oder jenem Ort besonders waren. Die Namen der Orte klingen nach grandioser Vergangenheit. Die kann einem egal sein in „vom Tod her gedachte Wohnungen“, so Annika Reich, wenn man aufrückt und nachkommt, so wie vielleicht Jenni Zylka, die in der Verwandlung eines anderen Ich nachts mit Mehl und Grieß Killer-Portionen „bastelt“. Unter Wasser gesetzte „Gemüseschnitzel“ verdampfen dann förmlich in Prozeduren mit „selbst angesetztem Kräuteröl“. Da braten Minutensteaks tagelang und ein Mann wie Gary Cooper fährt mit seinem Taxi geradewegs um zwei Ecken der Annäherung ins Bett der Erzählerin. Das finde ich gut, so wie viele Betrachtungen in diesem Berlin-Band gut zu Bier im Park passen, ob nun in Pankow oder gleich in Neukölln, wo andere Geschichten losgehen.

26.5.2013

Permanent Vacation auf dem Zauberberg

»Seymour oder Ich bin nur aus Versehen hier« am Deutschen Theater Berlin

Jede Sozialisation ist eine Manipulation moralischer Fähigkeiten. Macht weiß: man muss nicht verstehen, was man tut. Es reicht, eine Möglichkeit zum Funktionsstolz zu haben. Darum trägt Shalev Sheffer als Erik seinen Bademantel wie den promovierten Kittel für die Visite. Deshalb sagt Erik: „Ich vertrete Doktor Bärfuss in seiner Abwesenheit.“

Dies verkündet er „dem Neuen“ auf einer Bühne des Deutschen Theaters: in „Seymour oder Ich bin nur aus Versehen hier“. In diesem Stück von Anne Lepper mündet jede Rede in einer Beschwörung: „Wir müssen uns unter allen Umständen darum bemühen richtig auszusehen und dann wenn es soweit ist und wir richtig aussehen“.
So äußert sich die Not von Jugendlichen, die von ihren Erzeugern aussortiert wurden, in einer Hoffnung. Übergewicht ist die Chiffre für einen Mangel, dessen Sanktionen in „Seymour“ zu besichtigen sind. Seymour bezeichnet das ideale Kind und kommt folglich nicht vor. Zum Glück verzichtet die Inszenierung von Birgit Lengers auf einen Sturmlauf der Rollmöpse. Es auch viel lustiger, wenn eine Ranke bei der Anamnese meldet: „Ich heiße Anouk und wiege 126 Kilo.“

Ja, viel erscheint erst einmal drollig in dieser Geisterbahn einer Zuspitzung. Die Jugendlichen sind interniert, ihre Situation spielt den „Zauberberg“ an, die Felsen malen sie mit Kreide an die Wand. Eine malerische Kulisse malen sie so aus, wie sie sich ihre Zukunft „in der Normalität“ von Elternhäusern ausmalen. Normalität ist ihre Passion, eine Leidenschaft wie Fußfetischismus. Zugleich leben sie in einem protegierten Raum und im Permanent Vacation-Modus. Am Beispiel des „Neuen“, pfiffig gespielt von Oleg Tornau, erfährt das Publikum, was an Abrichtung vor Ort ständige Praxis ist – in ständiger Abwesenheit des Doktor Bärfuss. Die einzige Verbindung zur Außenwelt verspricht ein Münzfernsprecher vergangener Tage, allein es fehlen die Münzen. Während die Internierten vorderhand zu guter Laune und mitternächtlichen Umzügen gemeinschaftlich Zuflucht nehmen, erflehen sie in heimlicher Vereinzelung ihre Entlassung. Sie ziehen sich in Schlafsäcken zurück.

Es geht also um Entzug von erwachsener Zuneigung in der Konsequenz einer kindlichen Abweichung. Es geht um Segregation bis zur Apartheid. Interessant finde ich die gruppendynamischen Auflösungen des Absonderung-Stresses und der Lagerkoller in Ritualen. Die fünfzehn Jugendliche zwischen zwölf und sechzehn Jahren beten das Deckenlicht an. Sie zelebrieren ihren Alltag. Sie sind Echos füreinander.

Sie reiben sich an Standards, die sie aufreiben. Als Seegurken wollen sie wiedergeboren werden in maritimer Gleichgültigkeit. Bis dahin halten sie den Tod für ausgeschlossen. Denn sterben ist etwas für Erwachsene.

Doch dann stirbt ein Internierter und mit ihm noch eine Illusion. Wie in „Herr der Fliegen“ greift Grausamkeit um sich. Nun sind Messer im Spiel. Der Gewalt folgt die Einsicht: für immer eingeschlossen zu sein.

Es spielen mit:
Mauri Bachnick, Lina Bookhagen, Antonia Debus, Joel Guiness, Jannika Hinz, Antonia Lind, Adele Matzat, Edna Osterkamp, Delphine Pinkowski, Paul Pinkowski, Lucie Rudolph, Shalev Sheffer, Rojin Tekin, Anna Lena Gutierrez Toca, Oleg Tornau

22.5.2013

Heute keine Heimsuchung

»Floh im Ohr« in großartiger Besetzung am BE

Georges Feydeaus „Floh im Ohr“ ist eine Klamotte. Das weiß wohl jeder, der sich am Abend der Premiere im Berliner Ensemble eingestellt hat – doch scheint kaum einer von der Vorstellung angeführt worden zu sein, dass diese Klamotte aus dem frühen 20. Jahrhundert auch als Klamotte auf die BE-Bühne im 21. Jahrhundert kommen könnte. Die Enttäuschung ist mit Händen zu greifen. Der rustikal rasierte Routinier zu meiner Rechten in Reihe vierzehn vereist. Nach vierzig Jahren Theatererziehung kann er beim besten Willen nicht mehr auf seine Schenkel klopfen. Die aufgerüscht bis zu den Locken zu meiner Linken erschienene Ick-habe-seinerzeit-die-Bomben-mit-bloßen-Händen-vom-Himmel-geholt-und?-hat-et-mir-etwa-beschädigt?-wa!-Berlinerin fällt aus den Wolken ihrer hochfliegenden Erwartungen. Heute keine Heimsuchung des Herrn Generaldirektors und seiner Geiselnehmer des Geistes. Ihre Freundin seit Kindertagen und Kriegswintern sitzt wie vom Donner gerührt nebenbei. Die schlechte Zeit noch in den Knochen.

Wofür hat man sich denn fein gemacht? Hätte man bequem auch in den vier häuslichen Wänden zum zwölften Mal „Dinner For One“ oder den neunzigsten Geburtstag von Miss Sophie gucken können – und zwar ohne Zeugen. Vor mir gastiert Rolf Hochhuth wie ein erbitterter Napoleon (und Gerhart Hauptmann in Personalunion). Ab und zu beflüstert er ein geneigtes Ohr, ich vernehme immer noch den thüringischen Zungenschlag seiner niederhessischen Heimat im verdammenden Wispern.

In Frankfurt habe ich Klamotten am laufenden Band gesehen, außer mir wollte sie nämlich keiner besprechen. Im Fritz Rémond-Theater, in der Komödie und im Volkstheater saß ich alldieweil zwischen Hugo Müller-Vogg, manchmal von Frank Lehmann gespielt, und der Liesel Christ von den Rodgau Monotones – und studierte die Genügsamkeit des Frankfurter Bürgertums. Es schüttete sich förmlich aus.

Berlin ist anders. In der Stadt des schnellen Witzes lacht kein BE-Besucher über klassischen Klamauk, das es dröhnt. Es geht rasant um Hosenträger am Berliner Ensemble. Um Hosenträger im Hause Peymann – in einer Inszenierung von Philip Tiedemann. Verwechslungen und Verfolgungen hängen an Hosenträgern. Zentraler Schauplatz ist ein verrufenes Hotel. Da begegnen sich ein niederträchtiger Arzt, ein rammelnder Amerikaner und ein säuselnder Alkoholiker – außerdem zwei Ehe- und ein Liebespaar.

Uli Pleßmann spielt den Arzt ohne Gewissen als Klinken putzenden Doktor Finache an den Türen der Macht und Freudenhäuser. Glanzvoll und überlebensgroß spielt Joachim Nimtz den Helden der Posse, der heißt Victor-Emmanuel Chandebise. Außerdem spielt er das Faktotum Poche in jener Absteige der Verwicklungen. Die Doppelrolle wurde vom Autor angelegt. Sie zeigt an sich zwei Endstationen des Verhaltens: absolute Dominanz und restlose Inferiorität. Joachim Nimtz bleibt aber als Poche ein Imposanter, der seine Puffmutter Ursula Höpfner-Tabori alt aussehen lässt – mit gefährlich schlauer Nachgiebigkeit.
Die Chandebises dieser Welt halten Personal zu ihrer Verfügung, den Diener Etienne Plucheux spielt Gerd Kunath wie einen anderen Poche, nur versandeter. Er spricht auch so, als habe er Sand im oralen Getriebe. Er ist mit der untreuen Zofe Antoinette, von Larissa Fuchs erhobenen Hauptes und allezeit modellesk ausschreitend gespielt, verheiratet, während sein Herr mit Madame im Ehegefecht steckt. Swetlana Schönfeld spielt die Alpha-Gattin resolut und durchtrieben und von jungfräulichen Sehnsüchten verwüstet. – Als virginale Matrone. Sie stellt Victor-Emmanuel auf die Probe und fällt dabei auf Poche herein. Und eben so rattert ein Carlos Homenidès de Histangua in das Verderben seiner Eifersucht und so fort. Als Sprachfehler auf zwei Beinen kommt „der Neffe von Monsieur“, so wird seine einzige Qualifikation exponiert, ins Spiel. Camille kann keine Konsonanten, Monsieur Chandebise kann nicht mehr an die Liebe glauben. Er hat Potenzprobleme, das macht ihn seiner Frau besonders verdächtig.

Bertolt Brecht sagt: Die Grundfrage lautet, wer frisst wen? Georges Feydeau fragt: wer fickt wen (mit und ohne Berechtigungsschein)? Die Frage wird auf der BE-Bühne in einem bemerkenswerten Bett entschieden, in dem alle landen.

Feydeau war ein Betrachter des 19. Jahrhunderts. Ihm stieß die bourgeoise Frivolität seiner Klasse auf, der indiskrete Charme von Besserverdienenden im Fin de siècle. Er starb umnachtet. Wenn ich noch ein Weilchen seinem Floh im Ohr auf den Grund gehe, wird die Begeisterung für die Arbeit am BE sich gewiss einstellen. Am Ende überwiegt die Einschätzung: dieser „Floh“ gibt so viel zu sehen und zu denken, das ich ihn immer noch im Ohr habe.

18.5.2013

Ubik et Orbi

Im Boxhagener Kiez hat die Zukunft schon begonnen

Ich habe Vera Schmidt in verschiedenen Rollen erlebt und dabei Metamorphosen beobachtet. Zum ersten Mal sehe ich ihr „privates Gesicht“, es ist schon wieder ganz anders.
„Ich spiele, seit ich neun bin“, verkündet Vera. Heute Abend spielt sie im TiK (Theater im Kino), das ist eine Jugendstil-Einrichtung im Boxhagener Kiez. Die Gegend wurde verfilmt, man kann sie rockig finden. Ich versuche mich sattzusehen bei der Gelegenheit eines Vergleichs zwischen Veras Bühnenpersönlichkeiten und den Angeboten, die sie ihrer Umgebung an der Bühnenbar macht. Gleich wird sie mit ihren Komplizen das Fass einer fantastischen Welt aufmachen – die Vision einer Zukunft ohne Freiheit der Gegenwart in den Raum stellen. Ich frage: „Warum Science Fiction?“
„Theater ist Science Fiction“, entgegnet Vera Schmidt. „Man erschafft immer etwas Irreales.“

Das Stück heißt „Ubik“ nach einem Roman von Philip K. Dick. Der Autor erzählt im Futur von einer Realität des Psi. Solche Phänomene gehören in seinem Universum zu den Gegebenheiten – nicht zuletzt für die Agenten von Runciter Associates. Das von Glen Runciter gegründete Unternehmen versteht sich als Dienstleister auf dem Sektor der Neutralisierung sogenannter „Talente“. Es beschäftigt Kapazitäten, die Personen und „Telepathen“ mit Psi-Potential identifizieren und ausschalten können. Dies als Skizze einer Villa Kunterbunt der bizarren Einfälle, die sich allerdings kaum sortieren lassen.

Die Inszenierung von Katarzyna Noga und Lisa Maria Bauer ist ultra-dicht, sie findet in einer kosmischen, schwarz ausgeschlagenen Hutschachtel statt. Ihr „Ubik“ ist ein Spiel mit Zeitebenen. Mit Trash. Mit Klischees und übergroßen Charakteren, übrigens in „feministischer Regie“. Den Feminismus erkenne ich nicht, Vera Schmidt flittert & flirtet als fabelhafte Fahnderin Pat Conley weibchen-artig bis zum Anschlag und so auch bis zum Mond.

Ihr Boss, der coole Glen Runciter, sieht aus wie Horst Buchholz in den „Glorreichen Sieben“. Felix Schaefer spielt ihn als gedopten High Potential. Sein SUV ist ein Raumgleiter, er streitet mit Herrn und Fräulein Vogelsang: in Personalunion gespielt von Lena Milde, die wie ein wachgeküsster Gartenzwerg auf- und abmarschiert. – Und da ist noch Joe Chip, hartmäulig von Nico Birnbaum auf die Bühne gestemmt. Joe ist der Loser im Stück und Nico bringt seinen Verdruss überzeugend. Etwa, wenn eine Tür droht, ihn zu verklagen. Joe sucht die menschliche Nähe einer Kaffeemaschine – in einer vollkommen erkalteten Welt. In dieser Welt machen nur noch „homöostatische“ Maschinen Karriere. Die wollen von keinem Joe was, es sei denn, Joe lässt ihre Kassen klingeln.

Achtzehn Romanfiguren werden von vier Schauspielern verkörpert. Als Jorgy Miller frisst Lena Milde zum Beispiel die Gedanken anderer Menschen, man befindet sich schließlich „im Halbleben“, vorübergehend aber auch tatsächlich auf dem Mond. In einer summarischen Auffassung erscheint das alles wie bei einem Tanz-Marathon in wechselnden Kostümen – und mit vielen pervers aufgezogenen Werbepausen. Beworben wird „Ubik“ – und „Ubik“ kann alles sein, im Zweifelsfall dann aber doch nur Wasser aus der Büchse.

Zehn Jahre kookbooks

Sabine Scho dichtete: »SOS – save our Seel«

16.5.2013

Wurst in der Windjacke

Berlin am Abend

1. Für eine Handvoll Laubthaler

Jean Paul, die Weimarer Bier-Mafia und Kirsten Reinhardt

Bier kam und wurde getrunken – für eine Handvoll Laubthaler. Bald schrieb man „aus dem Geist des Rausches“, so sagt es Jean Paul, schleunigst ein wenig Weltliteratur, da doch kein Mangel herrschte an Talent.

Johann Paul Friedrich Richter nannte sich Jean Paul nach Jean-Jacques Rousseau und Jean Paul Marat – zu Ehren der Französischen Revolution. Goethe hingegen erschien ihm kalt. Jean Paul nahm Bier zu jeder Tageszeit ein und steigerte sich bis zum Furor Teutonicus, ging es denn zu Neige, ohne Nachschub in Aussicht. Doch das geschah kaum je, den ankommenden Bierkutschern kam der Dichter mit der Kelle entgegen, so groß war alldieweil der Durst. Sah Jean Paul Grund zur Beschwerde, hieß das: „Man kauft mehr Glas als Naß ein“. Notiert am 17.Sept. 1798. Am 1. August 1799 musste Jean Paul feststellen: „Das Reisen zerstört mich wie das englische Bier hier“.

Englisches Bier bezeichnete eine ungenügende Brauart. Jean Paul hatte Bierknechte zu seiner Verfügung, es gibt aber auch Weinbriefe und -beschwerden. Eine gelungene Trinität ergab sich für Jean Paul aus „Tieck, Fichte und Bier“. Eine Weimarer Bier-Mafia „verpestete seine Nerven“, es halb dagegen nur wieder Bier. Jean Paul musste nach Berlin – und „litt da unter dem Berliner Bier“. Die Gattin bemerkt: „Bei der Einfahrt eines Bierfasses läuft er seliger auf und umher als bei der Ankunft eines Kindes“.

In Jean Pauls literarischem Universum bleiben Frauen blass bis durchscheinend. Sie sind stets kurz vor einer Ohnmacht, so war Ehefrau Karoline nicht. Der Gatte hielt sich einen Wetterfrosch, er bedauerte die Fliegen, die dem Frosch zum Wohle daran glauben mussten. Jean Paul gönnte ihnen schöne Momente vor ihrem Ende. Er setzte sie ans Fenster und sprach zu ihnen. Gut zu ihm war Fichte, „obwohl wir nur so lange Waffenstillstand halten wie wir trinken“.

So könnte man in einem fortfahren, allein der Abend will mich vor der Tür und unter Leuten haben. Das ist seine Kur für meine Marotten, von denen das laute Selbstgespräch vielleicht die auffälligste Eigenart ist. Ich unterhalte mich schlenkernd auf meinem Fahrrad, mir einredend, die Leute stünden im Begriff zu glauben, ich sei im modernsten Telefongespräch. Mir ist allezeit nach Literatur und Theater, doch wie erscheine ich an einer Kasse je anders als befremdend.

Was will der denn hier? Kann der überhaupt lesen? Sieht nicht so aus.

Ihr Schlingel der Anpassung, vermeide ich zu sagen, ich lese euch in Grund und Boden. Wie gesagt, ich sage nichts, sondern argumentiere mit dem Presseausweis. Das bisschen Plastik befördert mich. Hach, der hat einen Presseausweis, das ist ja ein richtiger Mensch von der Sorte unwesentlicher Journalisten.

Mit dem Presseausweis bin ich die marschierende Öffentlichkeit. Die Öffentlichkeit marschiert erst einmal an die Bar, die Bar weiß Bescheid. Früher hätte sie mich angestrahlt, heute streicht sie eiskalt drei Euro ein. Ich wünschte, Jean Paul wäre unter den Lebenden und ich nicht allein.

Wie sieht denn die Autorin aus? Sie hat sich Gäste eingeladen und ihrer Buchpremiere den Rahmen eines nachmittäglichen Kaffeerausches in alten Möbeln verpasst.

Wie heißt die Autorin noch mal? Sie heißt Kirsten Reinhardt und sie sieht sehr ordentlich aus – und nicht etwa nach improvisierter Erscheinung. Frei nach Fallada: Stil muss warten können.

Kirsten Reinhardt liest im Quartett mit Leuten, deren Namen ich zwar aus Gewohnheit notiert habe und die auch von sonst wo angereist sind, doch unterliege ich nicht mehr dem Zwang zur Repetition des bürgerlich-rechtlichen Was-von-wem-wer-woraus. Ich bin ein sehr freier Journalist.

Mich wurmt, was suchen die Leute bei einer Lesung? Sind das Freunde der Autorin? Wollen die oder haben sie schon veröffentlicht? Gibt es unter den Anwesenden einen Medizinisch-Technischen-Assistenten? Übt überhaupt noch jemand einen normalen Beruf aus? Wem ist jetzt mal am langweiligsten zumute?

Kirsten Reinhardt liest aus „Die haarige Geschichte von Olga, Henrike und dem Austauschfranzosen“. Ein Tier mit Speckfalten taucht in einem Traum auf. Das Tier ist in den Pop-Feminismus verstrickt. Es lagert Leichenteile und alte Spex-Ausgaben in seinen Zotteln und Falten. Es endet mit dem Schlaf. Jemand erwacht in adoleszenter Agonie. Vermutlich ist das Olga.

Ich verliere den Erzählfaden, eingenommen von der plötzlichen Gegenwart einer verspäteten Person. Dabei will ich doch gar nicht mehr, ich habe den Frieden gefunden an der Unerschütterlichkeit meines Schreibtischs. Aber die Person guckt, was ich mache, als könnte das interessant sein. Nein, das kann nicht sein.

Im Vortrag geht es weiter um Henrike. Sie arbeitet in einer Apotheke und darf da, ihrer schönen Handschrift wegen, Etikette schreiben. Sie gelangt ferner zu dem Kolonialwarenladen einer Miss Moneypenny. In der Zwischenzeit badet der Austauschfranzose nach Belieben. Das klingt nach einem Roman voll gestauter Opulenz, in der sich „Die Flora des Himalaya“ gefällt. Eine sedierende Lektüre ist „Die Flora“ für Henrike. Eine Anspielung bringt Bob Dylan an den Rand des Geschehens. Auch Kleist kreuzt auf in diesem eklektizistischen Fuhrwerk mit seiner Anspannung aus Geschichte, Pop, Krieg, Unterhosen, Pubertät und wenigstens einer Großmutter. Das ist eine Party der retardierenden Elemente, die für mich in der Unerreichbarkeit in Gang kommt.

Ich bin nahezu blind und taub vor lauter Sturm und Drang. Doch dann geht das Licht an, denn Kirsten Reinhardt zählt in ihrem Roman jeden Mann auf, der bei der Zwillingsschlacht Jena-Auerstedt 1806 getroffen wurde, sei es von einer Kugel oder einem Hieb. Da war Bonaparte groß, der Austauschfranzose hüllt sich förmlich in die Trikolore. Jemand flüstert: „Da sitzt die Justine Electra.“ Ihre Klasse hat sie mir gleich angesehen.

2. Wurst in der Windjacke

Immer noch schnappt ein alte Reflex des Erstaunens, etwas oder jemanden nicht zu kennen, obwohl das/der gut ist. Dass die Guten jetzt gut ohne mich auskommen, bleibt mir seid vielen Jahren neu. Das war doch immer das Schönste: eine Begabung vor ihrem Eintritt in die Umlaufbahn schon gesehen zu haben … die ersten Druckfahnen und Aufnahmen und das leise Lachen am Ohr eines anderen, vernommen von jenen, die zwar ganz genau wussten: wie es geht, es aber niemals selbst hinkriegen würden. Die dann den ersten Artikel über Feridun Zaimoglu oder Silvia Szymanski oder Katharina Franck veröffentlichten, weshalb man sich auch einmal ein Stadtmagazin kaufen musste. Die dann auch umsonst hier und da sich einstellten (in ein Bild der ausholenden Gegenwart) und bemustert wurden in ihren Privathaushalten mit maximal zwei Zimmern – und dann wunderte jeder sich doch, wieso redet eine fabelhafte Frau mit dem. Der sieht doch dürftig aus.

Das ist der Rezensent, schlagt ihn tot. Wahr ist – und das wird mir im Berliner Ballhaus Ost wieder klar, dass man als so genannter Kritiker aus der Rolle des ehrgeizigen Zuschauers nicht herausfindet. Man ist die Wurst in der Windjacke.

„Does anybody know my new album?“ fragt Justine Electra. „Softrock“ heißt das Debüt.
Ihre Erscheinung schließt sich der Lesung an und reißt mich hin. Justine Electra ist kräftig, ihre Arme sind rot vor Aufregung und Anstrengung. Sie arbeitet auf der kleinen Bühne in der bewirtschafteten Bucht des Ballhauses wie ein Veranstaltungstechniker. Es fehlt nur ein Leatherman am Gürtel, passend zur Heimwerkerin als Vorstellung vom Leben wie auch im Himmel und auf Kanzeln. Justine Electra verkörpert die Verbindung aus Monstertruck und Ziselieren. Es gibt wuchtige Einspielungen in ihren Liedern und in der Performance, es gibt Zitate in verschwenderischer Hülle und die persönliche Note mitunter bloß als Gag. Da hat jemand nicht viel nötig.

Mumm zur Musik: so kommt mir das vor. Die Australierin Justine Electra könnte mit Willie Nelson genauso auftreten wie mit Lemmy Kilmister. Ihre Lieder wirken wie Kurzfilme, in denen Zufälle zu Wort kommen. Sie haut die Filter raus und dreht rough ab. So ergeben sich poetische Gelage. Kaum zu erkennen und doch super plausibel: eine verschrägte Version von „Autumn Leaves“. Wie mit der Säge spielt sie auf, die unbedingt bemerkenswerte Justine Electra.

12.5.2013

Wo ein Volk das Schöne liebt

Hölderlin auf der Schaubühne

Ich habe so viel Theater gehabt in Berlin, ich denke, mich kann nichts mehr überraschen. Dann bin ich doch wieder überrascht, als wäre ein Ufo gelandet und die Nachbarschaft ausgestiegen.

Das „Festival Internationale Neue Dramatik“ eröffnet an der Berliner Schaubühne mit „Hyperion. Briefe eines Terroristen“ . Das Auditorium hat sich schon versammelt, man sitzt nicht gerade behaglich auf der Tribüne, doch mit gebotener Innerlichkeit. Bildüberschrift: „Wer Hölderlin nicht kennt, ist für Deutschland verloren“.
Viele sitzen so manieriert in der Unbequemlichkeit wie bei Udo Walz auf dem Kurfürstendamm, ich gehe jetzt auch zum Udo. Er meint, das sei gut für sein Geschäft.

Das ist eine Romeo Castellucci-Veranstaltung, sie hängt per se im Bühnenhimmel. Neben mir schreibt einer mit, obwohl es noch gar nichts zu sehen gibt. Das regt mich auf. Obwohl ich ständig alles aufschreibe, denke ich, was für ein Gestörter. Ich sehe mich selbst im Spiegel und finde das Ergebnis nicht akzeptabel. Dann erscheint die Polizei mit der Aufforderung: „Verlassen Sie den Saal“. Zur Begründung: „Hier gibt es nichts zu sehen.“

Das ist eine regelrecht hoch mobile Spezialeinheit, die in Reihen pflügt, die Bühne hat sie schon zerlegt. Wie stets wollen vor allem Frauen nicht glauben, was der Fall ist, nämlich, dass auch sie den Arsch hoch kriegen sollen. Hier haben nicht nur Männer der Macht aus Gewehrläufen zu gehorchen.

Alle werden vor die Tür getrieben, frank und frei hochmütig ist keiner mehr. Die Unterwerfung hat stattgefunden, ihre Widerhaken spannen das Fleisch. Wie nun lächelnd zur Tagesordnung übergehen? Ist noch verdammt hell. Ältere greifen ihre Telefone und vertiefen sich in intensive Zwiegespräche. Jüngere beginnen Camping, sie belegen die Bordsteine extensiv mit ihren elastischen Extremitäten. Bier und Wein müssen außerdem sein.

Die Unterbrechung vor jedem Anfang zieht sich. Ich frage mich, ob die Szenen der Ratlosigkeit und der Umwidmungen des Abends aufgezeichnet werden. Sie könnten, hineingeschnitten in einen Katastrophenfilm, Verwendung finden.

Die Leute dürfen wieder in den Saal, die Bühne ist eine weiße Box. Darauf vollbringt ein Hund so erstaunliche Sachen, dass ich ihn erst einmal für einen Apparat halte. Doch kann das Tier tatsächlich ein Ohr aufstellen, während das andere schlapp macht. Tolles Tier. Es reagiert auf Anweisungen, die sozusagen im Dunklen bleiben. Schließlich taucht die Hundeführerin auf, männlich im Habitus. Ein Kreuzberger Klischee, das lobt und mit der Leine wedelt. Der Hund ist zudem blind.

Soll sich das Publikum im Hunde wiedererkennen? Ist die Dompteuse demnach mit der Polizei funktional verwandt? Ja, wir haben als Publikum genauso pariert wie die Kreatur, keine Frage. Kein Aber. Einfach nur genau so.

Hölderlin kommt zum Zug, in der Gestalt von Frauen. Sie deklamieren: „So kam ich unter die Deutschen. Ich forderte nicht viel und war gefaßt, noch weniger zu finden. … Barbaren von Alters her, durch Fleiß und Wissenschaft und selbst durch Religion barbarischer geworden, tiefunfähig jedes göttlichen Gefühls, verdorben bis ins Mark“.

Das ist Rock und Gudrun Ensslin: „Ich kann kein Volk mir denken, das zerrißner wäre, wie die Deutschen. Handwerker siehst du, aber keine Menschen, Denker, aber keine Menschen, Priester, aber keine Menschen, Herrn und Knechte, Jungen und gesezte Leute, aber keine Menschen – ist das nicht, wie ein Schlachtfeld, wo Hände und Arme und alle Glieder zerstückelt untereinander liegen, indessen das vergoßne Lebensblut im Sande zerrinnt?“

Fünf Schauspielerinnen wechseln sich darin ab, Hölderlin zu spielen. Gehen von Stadium zu Stadium. Gehen von Freundschaft zu Tatkraft und Überzeugung. Kommen an in der Niederlage. Sie beginnt in der Jugend, da spricht Amelie Brettschneider wie ein vorzeitig kluges Kind des Genius Worte. Luise Wolfram zeigt Hyperion bewandert in der Kunst, ein Schwert zu ziehen. So schlank und ambivalent wie ein Geist spielt sie ihn. Angela Winkler spielt Hölderlin wie aus dem Grab und zugleich ganz anders und zwar schamanisch. Eva Meckbach und Rosabel Huguet spielen ihn auch, Eva Meckbach spielt ihn mit Pornoperücke. Sie darf sagen: „Ein Gott ist der Mensch, wenn er träumt, ein Bettler, wenn er nachdenkt“. Sie sagt das nackt, da ist Wehmut erlaubt.
Sie sagt auch: „Ich bin hier, und ich bin bewaffnet“.
Ihre Waffe ist ein Dildo. Die Aufführung hebt das nicht. Noch ein Wort zum Sound im Original. Bedenke, Kunstfreund, ein nackte Frau, die nicht schlecht aussieht, sagt Folgendes: „O Bellarmin! wo ein Volk das Schöne liebt, wo es den Genius in seinen Künstlern ehrt, da weht, wie die Lebensluft, ein allgemeiner Geist, da öffnet sich der scheue Sinn, der Eigendünkel schmilzt, und fromm und groß sind alle Herzen und Helden gebiert die Begeisterung“.

10.5.2013

N. Gomringers Gesellschaftsgesänge

Violett verraucht

Raffiniert und skeptisch – die Lyrik der Nora E. Gomringer

„Die Gleichgültigkeit, mit der unser Zeitalter auf die Spiele der Musen herabsieht“, um gleich einmal Schiller abzuwandeln, scheint keine Gattung empfindlicher zu treffen, als die lyrische. Es gäbe so viele Möglichkeiten, die Gesellschaft für Poesie aufzuschließen, man könnte Busse mit Gedichten bemalen und Dichter in Bundestag und -liga vorlaut werden lassen. Man könnte jederzeit einen Sturm entfachen, allein aus einem politischen Willen zur Poesie. Doch gibt es diesen Willen nicht.

Es gibt auch keine Erklärungen, auf die man gedanklich zurobben könnte. Es geht kein Licht an in der Theorie. Ein Gedicht kann leuchten, sein Deutung leuchtet selten ein. Schiller glaubte, dass in Berufstätigkeit und anderen Intrigen zur Vereinzelung forcierte Geisteskräfte mit Dichtkunst (gebunden) wieder einig würden. Er rief „Scharfsinn und Witz, Vernunft und Einbildungskraft“ als Geschwister im Geiste eines jeden dazu auf: von Separation zu lassen. Von den Erfahrungen verlangte er, Leben im Gedicht zurückzugewinnen.

Das heißt, Erfahrungen müssen in Schwung gebracht werden. Ein Dichter, in Form gebracht von seinen Erfahrungen, bringt die Erfahrungen in Form. Das nehme ich wahr in „Monster Poems“ der Nora E. Gomringer, bebildert von Reimar Limmer. Erschienen bei Voland & Quist als der Vulkane Lieder.

Ja, zuerst denke ich mehr träumend als lesend an erdgeschichtliche Tätigkeiten, daran, dass Gedichte einfach entstehen können – sich selbst kalkulierend und gar nicht gemacht. Auch das Dekor und die erhabene Schrift kommen dann aus dem Schiefer und einer Grube Messel.

Ja, die Form ist das Ziel, „zeig Füße, Hände, den stirnflachen Schädel/ und lass dich berühren, dich gar beschreiben“.

„Es sprach der Rabbi Löw“ heißt das Gedicht zu diesem Vers. Es ist eine Selbstermächtigung, das lyrische Ich stellt sich zu Gott und stößt ihm Bescheid. Es fordert: „Sorge für Ruhe im Viertel“ und „hol mir die Töchter aus den Betten ihrer Schänder“. Es endet in biblischer Blasphemie: „Ich dein Schöpfer, du am Schopf“ … meiner Ratlosigkeit, könnte man ergänzen. Es erinnert daran, dass Gott in den Worten wohnt. Sonst kennt man ihn nicht.

Ohne Eifer, Zorn und Rücksicht bricht Nora Gomringer in ihrem Rabbi-Gedicht die Siegel. Das Gedicht ist morgenländisch frisiert, sein Atem transportiert Rauch. Rauch über Hütten, fern der Paläste. In Brunnen faulen Pferde mit schon lange geplatzten Bäuchen. Folglich ist violett die Farbe des Gedichts. Violett wie die Flügel der Schmeißfliegen. Der ganze Monotheismus steckt in dieser violett verrauchten Angelegenheit.

Jedem Gomringergedicht (GG) kann man sich so widmen, egal, ob E. oder N. E. Gomringer unterschrieben haben – und weil das so schön ist, siebe ich den Sand der Einzelheiten am nächsten Beispiel.

„Jäger

Du bringst Kuchen und Wein, triffst den Wolf./ Der macht seine Hose auf und sagt:

Fass hinein.“

Die Brüder aus Hanau also, wie sie sich von hessischen Hausfrauen grimmige Märchen erzählen lassen. Auf dem Grund des Eingesammelten kristallisiert der nordische Götterhimmel. In diesen Schoten für den niedrigen Hausgebrauch entgingen die Götter ihrer Christianisierung. Die Angesprochene wird per Du erst einmal zum Rotkäppchen erklärt. Zur Jungfrau. Der Wolf ist Wotan in einer vulgären Auffassung, er hat natürlich Ansprüche.

Gomringers Rotkäppchen fährt einen „roten Ford“, das Modell lässt sich schlecht sichern: „So fängt diese Ehe an, denn du bleibst“.

Gatte Wolf mutiert zum Hausschwein in seiner Bescheidenheit, far away from Walhalla. Ein Liebhaber ergreift seine Chance, „es dauert Jahre bis einer kommt“, doch dann dauert es nicht mehr lange, bis Folgendes geschieht: „Kuchen und Wein“ werden dem Wolf gestrichen. Der Wolf wird bald mit Kugeln bestrichen. Die Moral des Jäger-Gedichts: Das Ballistische zirkuliert wie Yin und Jan. Du wirst erhoben von der Begeisterung und zu Fall gebracht von der Enttäuschung in ihrem Schlepp.

Was sonst noch geschieht:

Ein Mann trägt die Sachen seiner Frau, sie reicht die Scheidung ein, „als sie in den Schränken Schuhe findet, die eindeutig getragen, aber nicht ihre sind“. Das erzählt Nora Gomringer so wie ein Mensch aus einiger Höhe fallen könnte, mit einer Drehung vor dem Aufschlag. Ein paar Jahre zuvor ist „Richard The Gere“ alt geworden, auf halbem Weg „von Debra Winger zu Julia Roberts“ … dazwischen Elisabeth Fritzl und die Frage nach dem Wetter und nach Frauen „mit Namen wie Ikeagestelle“. King Kong geht das blond aus und der Weiße Hai unterrichtet method acting an der Steven Spielbergschule.

6.5.2013

KAUFT SCHNELLER, GENOSSEN LESER

Kein Terror steckte hinter dem Großfeuer in einem Lager voller Bücher bei Leipzig

Ich treffe Verbrecher-Verlagschef Jörg Sundermeier im „L“, angeblich war das „L“ einmal eine chinesische Verschwörung, eine Opium-Höhle fürs Volk sowie das Wohnzimmer von Chuck Norris.

Das „L“ ist lediglich noch ein gastronomischer Fingerhut unter dem Niveau der Lausitzer Straße (Kreuzberg). Man kann es kaum betreten. Schon gar nicht gemessen. Die Wahrnehmung des Einstiegs dreht sich wie eine Kapriole. Rasant erzählt, taucht man kopfüber ein und schlägt hart auf Terrakotta. Zwischen einer antiken Registrier- und einer modernen Espressomaschine klemmt Sundermeier und füllt den Raum völlig beinah aus. „Nein“, erklärt er in des Bosses Bass, „Terror war das nicht.“
Kein Terror, dann kann ich ja wieder gehen. Für was bin ich denn in die Hauptstadt gezogen? Doch geht es auch ohne Terror um 13.000 beschädigte Paletten voller Bücher aus 150 Verlagen.

In einer Halle der Spedition Hellmann in Naunhof bei Leipzig brach am 5. April ein Feuer aus und zerstörte Werte, die mit einer Million Euro zu Buche schlagen. Die Brandursache wird zurzeit als „technischer Fehler“ buchstabiert. Kein Mensch kam zu Schaden. Wohl aber eine Menge von des Menschen besten Gesellschaftern. Allein der Verbrecher Verlag beklagt einen gesicherten Verlust von 25.000 Exemplaren in einer Bandbreite von wenigstens fünfunddreißig Titeln. Antje Kunstmann soll 50.000 und der Eulenspiegel Verlag noch mehr Bücher an Feuer, Ruß und Löschwasser verloren haben.
Das Außenlager war für den Verbrecher Verlag ein Reservat seiner Backlist. Es enthielt 65.000 Bücher, die jüngsten sind im Frühjahrsprogramm des letzten Jahres erschienen; so wie die komplett untergegangen Titel von Enno Stahl, der zuletzt mit „Winkler, Werber“, dem Komma im Titel zum Trotz, kurz vor dem Durchbruch stand. Nun kann der Nachfrage erst einmal nicht mehr entsprochen werden.
„Natürlich drucken wir sofort nach“, verkündet Sundermeier, inzwischen hat sich die Bedienung verdrückt. War auch kein Platz mehr für sie im „L“. „Aber damit kommen Kosten auf uns zu, mit denen wir bis eben nicht rechnen mussten. Die Neuauflagen kosten Geld, bevor Geld von der Versicherung kommt.“
Dass sich da kein Verlagssterben anbahnt, rät Sundermeier den Genossen an der Leserfront zum Schnellkauf. „Kauft schneller, Genossen“, lautet seine Aufforderung mit dem Zusatzartikel, „das, was ihr an Büchern sowieso haben wolltet, nur eben erst später“.

Jetzt gibt es kein später mehr. Sundermeier erinnert an die Unentbehrlichkeit gewisser Bücher, etwa des ersten Bandes der Erich Mühsam-Tagebücher, „die allein aus ethischen Motiven lieferbar zu sein haben“.
Die ersten Druckaufträge sind schon vergeben, die Bestände passabel versichert. Es besteht also Hoffnung, wenn auch nicht für jeden. Sundermeier schiebt einen Ellenbogen in das Fach über der Registriermaschine und erzählt, was ihm vorschwebt in der Zukunft des Verbrecher Verlags, warum denn nicht, denke ich zu meinem verbrecherischen Vergnügen, mit Suhrkamp als Imprint.

30.4.2013

Gefrorene Grazie

Peter Pan im Berliner Ensemble: Robert Wilson zaubert weiter

James Matthew Barrie´s Peter Pan ist eine Figur der Belle Époque, eine Jugendstil-Ikone nach dem Geschmack von Oscar Wilde. 1904 stürzte er zum ersten Mal auf einer Bühne und ist seither in vielen Gestalten „der Junge (geblieben), der nicht erwachsen werden will“. Peter Pan weiß, wie man Wolken auf den Rücken steigt, um fliegend in das Land (Neverland) der kleinen Jungen (Lost Boys) zu gelangen, deren Leben in Regression noch schöner wäre, gäbe es für gewisse Stunden eine Mutti. Robert Wilson inszeniert nun „Peter Pan“ zu der Musik von CocoRosie in einem texanischen Traum von Blau am Berliner Ensemble.

Wilsons Bühnenblau bleibt ein Phänomen. Er behauptet, es dem Himmel über Waco (Bleu du ciel) entzogen zu haben. Doch sieht es eher aus wie das Ergebnis einer Kollaboration mit den Koordinaten: Kurz nach Alamo in San Antonio: verkünden Yves Klein und Max Ernst das Manifest des magischen Blau. Es steckt auch die Côte d’Azur dahinter, als wolle sie dem Rio Grande das Wasser abgraben, um selbst Grenzfluss unter mexikanischem Einfluss zu sein.

Die Inszenierung folgt den Linien der Erzählung. Peter Pan trifft die wendige Wendy, die mit ihren Brüdern John und Michael zur Gefolgschaft antritt. Anna Graenzer spielt Wendy großzügig krächzend und im Stil einer niedergeschlagenen Aufzieh-Angelegenheit. Sie hat etwas von verbeultem Blechspielzeug. Sabin Tambrea spielt Peter Pan als An- und Verführer ohne Reue. – Mit dem Erstaunen, dass das Leben so ist. – Da er doch so anders. – Vielleicht vielmehr wie ein Gott. – Zu sein verstehen. – Geliebt vom „Glöckchen“ Tinkerbell. Die Fee hat ein Rad ab. Deshalb tritt sie zum Schutze des Superben ataktisch auf. Christopher Nell spielt das Glöckchen als sei es Big Ben. Da bleibt die Spucke weg. Auf der anderen Seite spielt Brad Pitt als Stefan Kurt Captain Hook. Sein Arm hat einst einem Krokodil so gut getan, das es seither Jagd auf den Piraten im Ganzen macht. Doch Captain Hook hört „das Vieh“ stets kommen, tickt es doch nach dem Belieben einer Uhr im verschluckten Bauch.

Wilson bildet die Geschichte voll der gefrorenen Grazie ab. Alle Mythen werden Märchen in seinen Haute Couture – Arrangements. Sie sind unheimlich einnehmend. Das ist Präzisionstheater mit akustischen Sensationen. Der Punkt am Ende eines Satzes wird oft von der Technik gesetzt. Er ploppt wie auf einem Rummel im Cyberspace.

Das Krokodil hat elektrische Augen und vertraut seiner Gefräßigkeit ein böses Gelächter an. Captain Hook trägt einen technischen Hilfsdienst am Stumpf. Der Wecker wartet schon lange darauf in seinem Reptil. Das ist so zum Spaß. Im Ernst illuminiert Wendys Mutter das Haus, geht sie aus: „Die Lichter sind die Augen, die die Mutter, wenn sie fortgeht, daheim lässt, damit sie die Kinder beschützen“, sagt sie in der Übersetzung von Erich Kästner. Dabei wurden die Kinder vielmehr zu Grabe getragen als zu Bett gebracht. Schafsköpfe sind ihnen Kissen und Aussicht auf Alpträume. Nixen ziehen sie im Schlaf auf den Grund. Maritim und lunar sind die Szenen in der Surrealität des Peter Pan-Imperiums. Das Märchen soll seinen Mythos finden, doch wie gesagt. – Aus allen Mythen werden Märchen, werden entrückende Bilder. – Wird ein fabelhafter Prospekt geklopft, eine Magistrale der Moderne meinetwegen mit Magritte bis zu Peterchens Mondfahrt. Das indes schöner als schön.

27.4.2013

Das hat Gott nicht gewollt

Über »Zement« zu reden, bedeutet, an große Namen zu erinnern

1927 schreibt Walter Benjamin: „Fjodor Gladkow hat in Rußland Epoche gemacht. Sein Hauptwerk „Zement“ war der erste Roman aus der Periode des Wiederaufbaus. Alsbald wurde die Umwelt, die er darin aufstellt, Schauplatz; von der Prosa aus eroberte sie die Bühne, auf der „Zement“ sich nun seit Monaten behauptet“.
Eine Spekulation auf das Epochale ergibt sich in einer „Zement“-Inszenierung nach Heiner Müller auf der Bühne der Ernst Busch-Hochschule für Schauspielkunst (bat). Das dritte Studienjahr führte die kollektive Regie ein.

Die Schauspieler treten liturgisch vor Kreuzen auf. Sie liefern eine Prozession ab, amtieren dramatisch als hochroter Klerus. Die neue Nomenklatura der siegreichen Bolschewiki stiftet eine neue Religion. Darum geht es: Gläubigkeit zu verlangen und Kritik unter Kuratel zu stellen.

Wie stets in utopischen Märchen des sowjetischen Anfangs: zeigt sich in „Zement“ ein zur Rückständigkeit tendierender Mann aus dem Volk, für den macht sich Schlosser Gleb Tschumalow gerade. Er kehrt heim aus dem Krieg und findet seine häuslichen und beruflichen Verhältnisse verwandelt. Das Zementwerk seiner zivilen Existenz liegt still und seine Frau hält sich für eine Person mit Rechten. Die Alte hat den Nerv zu argumentieren: „Wenn doch der Besitz abgeschafft und Gott tot ist“.

Es ist nicht zum Sagen. Gleb dringt in die Frau, sie eines Besseren zu belehren: „Soll ich dir zeigen, wozu Gott dich gemacht hat? Gleichberechtigung hatte er jedenfalls nicht im Sinn.“
Felix Maria Richter spielt den Gleb Tschumalow solvent und intensiv – zur unentwegten Tüchtigkeit bereit. Wenn die neue Gesellschaft nur ein Einsehen hätte. – Da er nun wieder da ist in seinem Revier. Als Gattin pariert Lucie Thiede seine Ansprüche. Sie verkörpert den Widerstand und die Entwicklung der rückständigen Landbevölkerung mit effektiver Widerborstigkeit.
Gleb dringt zudem in den großen Vorsitzenden (des Exekutivkomitees) Badjin wegen Wiederaufnahme des Zementbetriebs. David Schellenberg spielt Badjin mit der Merkel-Geste, diesem sardonischen Dreieck aus der Hände Glieder vor dem Bauchnabel. Seine Lippen munkeln, sie merkeln auch. Badjin spricht von größeren Gremien und übergeordneten Interessen – wie ein Vertreter des Vatikanischen. Der Staat als sowjetische Kirche – der sowjetische Kirchenstaat gegen das Volk. Das Volk aber auch noch nicht so weit. Dazu Hunger.

Das Stück erzählt u.a. von den Tücken des Überbaus, dem marxistischen Regal für Intellektuelle. Die internationale Attraktivität des Marxismus für Theoretiker wurde von Marx nicht vorausgesehen, gehörte der akademische Komplex doch seinem dekadenten Wesen nach zum Überlebten der Bourgeoisie. Nun bildete der Überbau sich parasitär aus, die Zementproduktion als Fortsetzung der Wirtschaft steht erst einmal nicht auf Badjins Liste. Heiner Müller zitierte Feuchtwanger, um sein Interesse an „Zement“ zu begründen: „Was mich an der Geschichte interessiert, ist das Feuer, nicht die Asche. Ich wäre froh, wenn „Zement“ begriffen würde als ein Beitrag gegen die politische Weltverschmutzung durch antisowjetische Propaganda; die Darstellung der Kämpfe und Mühen von gestern als eine Ermutigung im heutigen Klassenkampf; die Helden des Stücks als Vorbilder, die nicht in allem vorbildlich sind: Man kann von ihnen auch noch lernen, das und das besser zu machen als sie“.
Müller äußerte sich so 1973. Vierzig Jahre später scheint es für alle kommunistischen Utopien zu spät. Nur auf der bat-Bühne geht der Klassenkampf weiter: als einer ästhetischen Kategorie. Da die Bilder über die Köpfe entscheiden, ist das subversiv.

23.4.2013

Les Champignons hallucinogènes du Mexique

»To be really wortkarg one most know every Wort«. Samuel Beckett im genauen Wortlaut des Originals seines Tagebuchs

Die Blumen des Bösen verduften im Bahnhofsviertel, hier steht alles auf Anfang und ist auch gleich zu Ende. Die Gier macht Tempo und Sucht ist nur ein anderes Wort für Leben.
 
Türen schwingen auf oder drehen durch. In den Gassen finden Dramen statt, alle könnten zum Roman werden und jeder Blick das erste Wort. Kairo sagt: „Manchmal wünscht man sich einen Schließmuskel im Ohr.”
Er klemmt die Wangen in die Zange seines sanierten Gebisses. Sein Spezialgebiet ist die Conquista, nun stehen wir im Regen auf der Kaiserstraße. Wir kennen uns aus der Schule, The brilliant career of Inigo Jones (1573 – 1651) bot sich an als Hausarbeit für Überflieger, Kairo spricht verächtlich von der biografischen Buchhaltung (der beachteten Autobiografie) eines gemeinsamen Freundes.
„Buchhaltung“ als Reizwort und Signal der Gleichrangigkeit: einem sozial Kleinwüchsigen käme Kairo damit nicht, sagt der verlogene Subtext. Kairo hat es zum Professor gebracht. Er sieht wohl, was los ist. Ich notiere Kairos Kommentare:
Der Thorsten hat die Sanne damals nur gerührt (dies in einem spielerischen Zusammenhang mit nicht geschüttelt).
Das Leben in unseren Jahren: „der Bonusdreck“. (Drei Gläser später ist das Leben in unseren Jahren: unvergleichlich viel besser als. Da man nun bewusster.)
Vor längerem war etwas für jemanden: wie eine grausame Kinderlandverschickung.
Das sind doch: Fluglärmheulsusen. (Das sagt ein Pendler, der Frankfurt beruflich viel verdankt, aber immer lieber im Vogelsberg lebte.)
 
Wochen später sehen wir uns in Berlin, Kairo ist feudal abgestiegen. Er folgt einer Kongresseinladung, wir reden in der Lounge seines Hotels über Halluzinogene und kommen auf Pilze. Erste Europäer in Amerika hatten dafür das Wort „Chose diabolique“. Später hieß es dann: „Les Champignons hallucinogènes du Mexique“.
 
In unserer Jugend wuchsen Psilocybe mexicana in rauen Mengen auf Weiden, die Kahlköpfe gediehen unter Kuhfladen besonders prächtig. Wir wunderten uns über indianische Empfindungen und verwechselten in den Betrachtungen der Rauscherlebnisse eingetrichterte Skepsis mit Intelligenz. (Die den Entgrenzungen entgegen gesetzten Reden rotierten in einer Trommel der Skepsis. Da half kein Walter Benjamin.) Ich suchte Wörter, die sonst kein Mensch im Umlauf hielt, und fand Myriade, Idiosynkrasie, Devination.
Ich löste mich schnell vom Drogenbund und wurde Zweiter bei Hessischen Meisterschaften. Kairo blieb länger der Sache verhaftet, das war ungesund. Schülerinnen (unserer „Jahrgangsstufe“) organisierten einen Lotsendienst, der Kairo auf Kurs hielt bis zum Abitur. Seit langem denke ich einmal wieder an die Mädchen, mancher Freund hatte einer bis zur Penetranz den Hof hartnäckig gemacht, ohne deshalb zur Fahndung ausgeschrieben zu werden. Die Bedrängten wiegelten ab, so ergaben sich ferner Verhältnisse. Rätsel sind auf diesen Höfen der Erinnerung geblieben, die ich nicht mehr lösen werde.
Kairo löst zurzeit die zweite Ehe, ich sah das schon in Frankfurt an seinem Schritt. Eine wissenschaftliche Mitarbeiterin ist in Kairos Begleitung, gerade erscheint sie im Bild. Das Gespräch kippt in Säure. Doch kriegt sich Kairo wieder ein, selbst bei schwachem Licht tauge ich nicht zum Rivalen.
 
Kairos Begleiterin heißt Rosine, ihr Spezialgebiet ist die christliche Seefahrt zu Zeiten der Conquista. Man ergänzt sich ideal, Kairo bringt es fertig, in der Dritten Person zu seufzen: „Dass sein Glück ein halbes Leben lang ihn schmachten ließ.“
Das verspricht er sich also: noch fünfzig Jahre, die letzten zwanzig dann als emeritierter Methusalem im Viagra-Wunderland. Rosine kichert verwöhnt, wer zuletzt mahlt, mahlt am besten. Das Narrativ vom unverwüstlichen Kairo ist bloß Leihgabe aus ihrer Bibliothek, ich verhehle meinen Neid, so gut es eben geht. Kairo geht zum Klo. Seine maritime Rosine am Tisch meint in der Zwischenzeit so zutraulich wie unverfroren: „Ich weiß, was Sie denken. Sie denken, ich sei sein Greisen-Glück. Aber da täuschen Sie sich: I-c-h brauche Kairo genau so wie er mich.“
Glück scheint lachhaft, wenn man es nicht hat: „Wollen wir uns nicht duzen?“ frage ich aufgeschlagen von der Einsicht, dass ich in den Augen einer Jungen um den Greis auch mit Geld und Jobcenter-Qualitäten nicht herum käme.
Rosine leuchtet auf: „Perfekt, mein Zukünftiger hat ja auch gesagt, dass Sie ein ganz ausgefallener Mensch sind. Ich meine du.“
So nennst du einen Idioten, denke ich friedlich – und heiter gestimmt von allen Verminderungen, die sich zu erkennen geben. Es ätzt: Ein im Saft stehender Kairo würde keine Rosine heiraten. Sie wäre ihm nicht ausgefallen genug. Keine Vorgängerin war so vollblütig und derart kompakt, keine hätte von „meinem Zukünftigen“ gesprochen. Er kehrt in die Bäckerei seiner Eltern zurück und ein in den Erbgang, denke ich.
 
Kairo hat nicht gezeugt. Er ist auf seinem Posten inzwischen, geschmeidig, aber nicht gefällig an der Bar, die Kollegen schwirren international in seinen Kreis, ich frage Rosine: „Wollt ihre Kinder?“
Sie prüft mich mit einem Blick kurz vor Rügen. Nicht, dass das Thema ein heißes Eisen wäre. Ich stehe nur schon als unzuständig im Handelsregister. Rosine überlegt ohne Theatralik. Sie wägt und bedenkt das Gewicht ihrer Antwort.
„Ich will es gar nicht mehr wissen“, sage ich entnervt. So bin ich zum Ärger meiner Zeitgenossen. Ich wende mich ab, ihr könnt mich jeder zweimal kreuzweise. Da fasst die Rosine meinen Ärmel, im Kleid der schwurbelnden Vorgesetzten: „Ich würde es mir schon wünschen, weißt du. Aber du weißt ja selbst. D-u kennst Kairo besser als ich. Er redet so oft von d-i-r.“
Offensichtlich erscheint ihr Kairos Zeugungsverweigerungsrecht so fragwürdig wie ein närrisches Treiben. Er könnte nun endlich nicht mehr die Kraft haben, sich zu widersetzen. Schau an, bringe ich mir bei, so spielt die Natur mit dem effektiven Manne. Wenn ihm für seinen Eigensinn am Ende das Holz der Schranken ausgeht, rollt gleich eine Rosine über die rote Linie. Die Zukunft steht schon (im Rahmen menschenmöglicher Voraussicht) zum Besten der Brut. Ich erhebe mich, um gelöst meiner Wege zu gehen, so egal bin ich den Rosinen zu meinem Glück.

21.4.2013

Der Geruch meiner Oma

Nachrichten aus der Zukunft im Deutschen Theater

Junges Theater

„Wir wollen, dass die Zukunft sich an uns erinnert“.

Mit dieser steilen Ansage starten neun Zeitreisende in der Box des Deutschen Theaters einen theatralischen Ausblick – mit Anflügen eines Ausflugs zum Mond im Jahr 2035. Sie werden dann auch im richtigen Leben höchstens vierzig sein, auch wenn man zurzeit dreizehn ist.

Vollzieht sich die Zeit wie aus scheinbar unbegrenztem Vorrat. Das ist ein zentrales Motiv dieser Jugendtheaterarbeit in der Regie von Willem Wassenaar und unter der Überschrift „2035 oder Mit 40 eröffne ich ein Hotel auf dem Mond – The future belongs to those who tell the best stories about it“. – Dass bis dahin die Welt sich zum Hologramm umgestaltet – und die Mensch-Maschine in symbiotischer Harmonie ihrer disparaten Aspekte den Mond wie einen Vorgarten der neuen Spezies besiedelt haben könnte. Zugleich dementiert das Stück die Preisgabe des menschlichen Maßes als dem Ur-Meter aller Bestimmungen. Am Ende, um es vorwegzunehmen, geht es wieder um Teenager-Themen im Spektrum zwischen Liebe und Freundschaft und jede Menge Marzipan für die Seele. Der letzte Satz lautet seinem Sinn nach: Wir wollen niemals auseinandergehen. Das heißt doch, selbst die separatistischen Konsequenzen des finalen Schulschlusses in ein paar Jahren sind bereits unfassbar utopisch im Programm der Protagonisten.

Sie haben sich auf ihrer Bühne einen Raumzeittunnel als Wurmloch gebaut, um aus der Epoche zu hechten. Mit viel Hausmusik und Bewegung – und Begabung. Da spielt keine® mit, die/der man abraten müsste, Schauspieler(in) zu werden. Die Voyageurs comme si stellen sich brisante Fragen der Gegenwart: „Werden Menschen im Jahr 2035 nur noch ausgedruckt?“ – „Kommt man gleich bei der Geburt zu einem Facebook-Konto?“ – „Erwartet uns eine Online-Diktatur?“

Die Debütanten nehmen das Publikum in die Pflicht, mit eigenen Überlegungen die Inszenierung abzubremsen. Zuschauer werden befragt, was denn ihnen unentbehrlich vorkäme bei einer Zeitreise. Der eine sagt Rotwein, der andere Weißwein, aber sonst ist man sich einig. Ein Buch muss mit. Vermutlich sind das pädagogische Antworten für digital natives, persönlicher werden die Einlassungen im Bälle-Bad, ich habe leider vergessen, wozu das Bad Raum einnimmt. Unter Bällen geht Saskia Bauske vokal vehement aus sich heraus, doch wie gesagt, alle sind fix & fabelhaft, wie sie nun heißen und hinreißend rappen so wie Anselm Bresgott, Jan Bülow, August Carter, Jannika Hinz, Maike Knirsch, Philomena Köbele, Antonia Münchow und Timothy Stachelhaus.

Dies noch, der fromme Wunsch einer Elevin: „Ich möchte den Geruch meiner Oma in die Zukunft retten“. Stattdessen will ein Kollege mit Pornos ins Wurmloch steigen.

20.4.2013

Ein Teller gebratener Finger und Verbrecher im Monarch

Ein Abend zwischen Mitte und Kreuzberg/zwischen Barbara Aschenwald und Jörg Sundermeier/zwischen mäßiger Prosa und astreinen Gedichten

Jörg Sundermeier

„Fünftausend rosa Slips bejahen nicht das Leben“. HM

Katharina Thalbach spricht. Das Reibeisen ihrer Stimme schmirgelt Täler und Höhen in die Prosa von Barbara Aschenwald. Ein Zug fährt durch das Vernehmen, eine alte Eisenbahn, die auf den Schienen knirscht. Katharina Thalbach liest im Pavillon des Berliner Ensemble aus „Omka“, einem Romandebüt – erschienen bei Hoffmann & Campe. Eingerührt noch von dem gerade ausgeschiedenen Hoca – Geschäftsführer Günter Berg. Ich erinnere mich gut daran, wie Berg als letzter von Siegfried Unseld bestellter Geschäftsführer bei Suhrkamp demontiert wurde. Die Schliche, Touren und Manöver zu seiner Entfernung boten Einsichten. Also so ging Macht vor sich.

„Es war einmal ein Mädchen mit einer Seele aus Wasser“, heißt es in „Omka“. Das Mädchen macht sich ihre Geschichte „aus Luft und Phantasie“. Omka könnte Opfer eines Badeunfalls geworden sein, vielleicht hat sie aber auch einen Selbstmordversuch überlebt. Jedenfalls kommt sie frei von allen Lasten des Gedächtnisses zu sich, sie findet sich wieder in der Obhut des Architekten Josef. Im Gespräch mit dem moderierenden „Welt“-Mann Richard Kämmerlings bestand die Autorin auf einen biblischen Zusammenhang. Omka wird mit abgetragenen Sachen eingekleidet. Sie sieht sich als Ergebnis „einer unglücklichen Schwangerschaft“. Sie will nicht unter die Räder „fremder Überlegungen“ geraten. Sie erwägt, verheiratet zu sein. Sie dreht einer Möwe den Hals um und schlägt ihren Wohltäter. Josef wiegelt ab: „Wenn man alles umbringen würde, was einen ärgert, wäre man bald allein auf der Welt“.
Omka hält dagegen: „Ich will nicht reden, sonst hätte ich dich nicht geschlagen.“
Josefs Verständnis macht sie rasend. Dafür erscheint ihm ein Teller gebratener Finger im Traum.

„Was ist die Liebe?“ fragt Barbara Aschenwald, um sich zu entgegnen: „Etwas ganz dringend zu brauchen von einem anderen Menschen.“
Omka braucht ganz dringend was von Josef. Im Übrigen sei der Roman „von vorn bis hinten gemacht. Eine Konstruktion.“
Das reicht doch, um gleich mal zu gehen.

Glücklich in Gugging

Selbstbewusstsein
Wenn man raucht/erübrigt es sich. Ernst Herbeck

Jörg Sundermeier nimmt sich Ernst Herbeck vor. Der Verbrecher-Verleger sieht gerade aus wie Jim Morrison im letzten Jahr von Paris. Die korrekte Wortwahl kollabiert inzwischen. Trübsinnig scheint das Spelunkenlicht auf den Schauplatz einer Verbrechervollversammlung im Monarch. Wo immer es hell sein will, wird entschlossen dagegen angeraucht. Ich erfahre: „Der Hase ist ein kühnes Tier“. So sah ihn Herbeck (1920 – 1991), er war ein gekürztes halbes Jahrhundert lang in der österreichischen Nervenklinik Gugging zur Unterbringung. Angeregt von dem massiv lyrisch interagierenden Psychiater Leo Navratil, schrieb Herbeck Gedichte auf Zuruf.

Die Herbeck-Gedichte bieten Snake Sundermeier eine Gelegenheit zum Hochamt. Ich glaube, wäre Morrison mehr Zeit gegeben gewesen, hätte er sich zum Priester umgebildet. Herbeck litt unter der Gestaltung einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte, das Emblematische des Hasen gewinnt von der Scharte her biografische Anschauung. Sundermeier spricht sogar von einer prä – existenziellen Traumatisierung. Das Bewusstsein der Hasenscharte als Makel unweit des Muttermundes: darüber wurde geschrieben, zumal von Navratil, dem Herbeck Muse und Einfallstor der Erkenntnis war.

Herbeck neigt dazu, sich von jungen Mädchen hypnotisiert zu fühlen. Sie verkehren mit ihm nach den Regeln des Morsealphabets. Sie sind über sämtliche seiner Handlungen ständig informiert, indes ohne Zugangsberechtigung in den intimen Arealen des schizophrenen Dichters.
Nichts erscheint dem ausgemachten Junggesellen rätselhafter als das Eheleben, es läuft hinaus ganz klar auf die Hervorbringung eines Hasen. Der Hasenbraten auf dem Tisch des Hauses rechnet Herbeck zu den Familienverbrechen, zu den finsteren Machenschaften unter dem Deckmantel bürgerlicher Solidität.

Herbeck inspiriert viele, wie Sundermeier dem Auditorium versichert. Er berichtet vom „eigentümlichen Zwang“, sich als Hase Herbeck selbst zu ohrfeigen. Herbeck wird gegen den Vater tätlich, „der Vater denkt so scharf, davon krieg ich Kopfweh“. Beim Essen „muss ich unanständig sein“. Der Sohn nennt den Vater einen gemeinen Hund und schüttet die Suppe unter das Bett. So kommt Ernst zum Glück endgültiger Internierung.

Ja, Herbeck ist gern in Gugging. Navratil erzählt er „von zu viel Elektrizität in seinem Körper“. Er behauptet, „am liebsten in der Tischlerei zu arbeiten“, das stimmt nicht. Vielmehr operiert Herbeck, so Sundermeier, „mit geheimer Ironie“. Er macht sich subkutan lustig über Ärzte, baut Widerstände auf „in sprachlichen Schrullen und orthografischer Exzentrik“. Dazu zählt ein freimütiger Einsatz des Buchstaben H. Herbeck schwant: „Die Lyrik ist nur vorübergehend beim Menschen – Umsonst der Mut und das Geschick – Es werden die Künstler wie Semmeln gebacken, Preis sechs Groschen“.

„Wie der Adler fliegt der Rauch der Zigaretten“, beobachtet Herbeck. Das muss ein anderer Rauch (gewesen) sein als der den Monarch bewölkende. Das ist vor Ort der verzweifelte Rauch seines Reservatszeichens. Herbeck hat seine eigene Poetologie entwickelt, doch nichts geordnet und jeder Edition zugestimmt in Gleichgültigkeit. Der heraldische Hase tummelt sich in einem lyrischen Bestiarium, das sich ergibt aus Vorsagen des Psychiaters. Womöglich bringen die Hausaufgaben Herbeck zu der Einsicht: „Die Poesie lernt man vom Thiere aus/ das im Walde wohnt“.

19.4.2013

Thorne als Beaumarchais und Christoph Meckel als Christoph Meckel

»In der Poesie kommt die Welt an die richtige Stelle.« C.M.

„Gedichte sind Gegenstände, die alles aufnehmen können“, sagt Christoph Meckel bei Thorne im Turm zu Gast. Die Danziger Straße legt sich zur Nacht hin. Sie zerschneidet lauter Parallelen, die dem Zentrum zulaufen, bleibt selbst aber eine Randerscheinung mit typischen Auswirkungen. Es reiht sich die Spätkaufgelegenheit auf wie der Nachwuchs einer Baumschule, es geht immer nur um das Notdürftige. Würde die Straße sich zwei, drei Meilen westlicher einstellen, sähe sie anders aus.
Ihre Leuchtfeuer und Spruchbänder. Das Geschrei von Brunst und Frustration. Etwas steigt davon auf Turmhöhe, ein Destillat der Einfachheit. Mir stellt sich die Frage, welcher Wein passt dazu. Noch ist Lawina so aufmerksam, sich für meine Wünsche zu interessieren. Sie schreibt jetzt auch.

Autoren sind wir in erster Linie: Thorne und ich – und wer sonst den Weg findet, da er eine Einladung erhalten hat. Zurechtgemacht im Stil des späten 18. Jahrhunderts, begleiten wir Meckel zur Literaturwerkstatt. Mit achtzehn dichtete er Bilder hart „am Rand des Sagbaren“. Ein halbes Jahrhundert später sortieren sich seine beiden Biografien wie geschmiert: „Wenn ich Gedichte mache, kann ich nicht zeichnen“.

„Ich habe zwei Hauptberufe“, erklärt Christoph Meckel. Der Grafiker kultiviert ein Handwerk und dafür eine begreifbare, in jedem Fall auch vom Terpentin angenehm gereizte Umgebung, der Dichter hat sein Atelier im Kopf. Darin entstand ein Gedicht, das Erich Fried aus suizidaler Verzweiflung half. So falsch wie aus dem Gedächtnis: „Grind, Jubel, Irrsal … Ich werde noch ein Mensch auf der einzig möglichen Seite des Todes … wenn Geschichte erzählt wird als Märchen am unheiligen Morgen“.

Woher kommt der erste lyrische Impuls? – Aus dem inneren Ohr oder aus dem inneren Auge? Wissen will das Christian Lehnert von Meckel, die Antwort geht im Einverständnis unter. – Dichter unter sich in dieser Werkstatt, die Rede ist von „einer Sternstunde der Literatur“ – unter einem Vollmond über den ruhenden Essen im Revier, postalisch Prenzlauer Berg. Der Sachse Lehnert war Pfarrer in Müglitztal und ist noch Theologe – so wie Meckel außerdem Zeichner und Grafiker. „Drei Generationen“ trennen den einen vom anderen: nach den Berechnungen des Jüngeren. Der Ältere kennt keine Generationen „in den Rechnungen der Poesie“. Für Meckel war einmal „jeder Schriftsteller möglich als Freund“, gern mit holzigem Mangelwirtschaftspapier auf der Walze einer Schreibmaschine. Kurze Reminiszenz an Trümmerberlin, der junge Meckel schaut bei Johannes Bobrowski vorbei. „Ich ging einfach hin“, ihn zu besuchen. Achtung auf beiden Seiten.

Lehnert bewundert bei Meckel „die Synästhesie der Mittel – Klang und Bild verbinden sich in seltener Weise. Das Ineinandergleiten von Spiel und hohem Ton … die leise Autorität des schlicht Ergreifenden“.

„Der Morgen von Tau und Asche kalt“ … Meckel, 1935 geboren in Berlin, trägt vor, er steht da wie ein vergessenes Bild, wie aus einer anderen Gesellschaft, in der Uwe Johnson erst in der DDR aus der Reihe tanzt und sich dann in die erste BRD-Reihe setzt. Alle Männer tragen solche Jacken, die an Mandelstam im Winter erinnern, nur Uwe Johnson trägt eine Geheimdienstlederjacke. Die Pfeife: ein Geschenk von Phil Marlowe.
„Meckels Gedichte sind nie ironisch“, meldet Lehnert. Denken lassen sie ihn „an Findelkinder ohne Herkunft und Namen, verstörende Wesen in ihrer nackten Existenz“. Er spricht die Engel bei Meckel an, der Dichter gibt zurück ihnen ihre „Leichtigkeit“. Sie haben kein Selbst, deshalb können sie lachen“.

Die ersten Kirschen nach dem Krieg in Erfurt, da ist Thüringen noch amerikanisch. Ein Fest findet statt, „von so viel Herrlichkeit hatte ich nichts gewusst. (Die Russen kamen demnächst um die Ecke.) Sechs Jahre später schrieb ich mein erstes Gedicht“. Meckel schrieb es über den Erfurter Kirschbaum. Thorne zieht mich auf die Knaackstraße, er geht als Beaumarchais, ich glaube, ich vergaß, dies zu erwähnen.

Thorne als Beaumarchais vor der Currywurstbude. Beaumarchais im nächtlichen Spätkauf. Doch schreit das Volk nicht Revolution.
Beaumarchais´ „Figaro“ hatte seine Uraufführung 1783 als Privatveranstaltung mit dreihundert Gästen. Nach Sainte-Beuve „klatschten sie dem Beifall, was sie zugrunde richtete“.
Die Dichter Meckel und Lehnert sind noch in ihrer Werkstatt, Beaumarchais bitte Lawina um die Deutung des Abends. Sie erstaunt mich mit einer praktischen Beobachtung: „Die Skizze“, sagt Lawina, um noch einmal anzusetzen: „Die Skizze ist auf dem Kunstmarkt ein Wert, nicht jedoch die zwanzigste Fassung eines Gedichts, das siebzig Fassungen erzwang.“
Beaumarchais (jubelnd): „Genau. Kein bildender Kunststil geht ad acta, so lange er zu Geld gemacht werden kann. Der behauene Stein verschwindet im Tiefbau so wie Bilder in Tresoren verschwinden … wie die Säule im Meer seit neunhundert Jahren. Dagegen lässt sich nichts einwenden. Kulturpessimismus ist was fürs Bürgertum.“
Lawina weiß, was von ihr erwartet wird: „An die Laterne mit dem Bürgertum“, ruft sie aus vor dem Spätkauf. Sie verwundert Passanten in der allgemeinen Einfallslosigkeit. Sie konnte zu keiner Verkleidung überredet werden. Ihre Maske ist gemacht aus der unsinnigen Hoffnung auf Verschonung.

16.4.2013

Kampf der Flöten

Die Thalbachs lasen und lobten Brasch über den grünen Baal im Foyer des Berliner Ensemble, sie stritten mit Freund Thorne in der Kantine

I.

Sie baut eine Wohnung aus Worten, in der ist er immer noch da. Die Wohnung liegt am besten in der Berliner Brunnenstraße (Klo halbe Treppe, Miete 27.50 ,- Ost) und fast alles fällt ein bisschen lausiger aus als jetzt. Aber die Gespräche sind gut, man schöpft aus dem Vollen. Man ist sich eine Leidenschaft – und wenn man zu Bett geht, legt sich ein Genie zum anderen. Kein Einfall muss auf seine Veröffentlichung warten, nie muss das Begreifen und die Intuition herbei gebetet werden. Das Kind spricht mit, vom Frühstückstisch bis um Mitternacht. Es ist initiiert von jeher.

Das ist die Geschichte, die Katharina Thalbach wie mit Luftzeichen und toten Fliegen erzählt, wenn sie das Publikum an den Mann ihres Lebens, den Dichter Thomas Brasch (1945 2001) erinnert. Erweitert wird dieser Text aus lauter Texten von der Thalbach-Tochter Anna. Die Familie trat nun im Foyer des Berliner Ensemble mit der – den Stimmungen des Abends kurz zuvor in der Kantine angepassten – Anthologie „Der Zweikampf“ auf. Der Titel spielt den Marsyas-Mythos an, der Mythos handelt von einem Kampf mit Flöten. Apoll gewinnt den Wettbewerb gegen den Satyr Marsyas. Brasch deutete das sagenhafte Duell in einer Erzählung. Daraus las Katharina Thalbach, man vernahm ihr Vergnügen am groben Ton („aus dem Stall“) Marsyas´. Die Kassiber staatskritischer Nachrichten wurden von der Geschichte kassiert, zu registrieren bleibt die narrative Geschicklichkeit im Aufbau einer Auseinandersetzung, in der Marsyas es darauf anlegt: zu unterliegen.

Bei Brasch kennt der Tod sämtliche Berliner U-Bahnstationen. Es zieht ihn endlich zum Theater, angesichts „der Würdelosigkeit“ menschlichen Vergehens.

„Früher haben es die Leute gemacht wie die Tiere und sind einfach mitgegangen“, stellte Katharina Thalbach als zermürbter Freund Hein fest – und sah in ihrer monumentalen Winzigkeit aus wie eine Mischung von der Promenade aus Henry Hübchen und Reich-Ranicki. Sie las ihm Wechsel mit der Tochter, die im weiteren nur für sie geschriebene Gedichte und Geschichten zum Besten gab. Am Schönsten war die Marilyn Monroe-Geschichte, wie Marilyn lacht und stirbt und wiederaufersteht – und unter dem Meer hindurch zwangsläufig nach Ostberlin gelangt, wo sie die beste Freundin von Anna Thalbach geradewegs in der Kantstraße wird. Die Rampenbachen rieben sich bacchantisch auf der Bühne über Tag und Stunde, jedoch nicht über den Anlass der zum Geburtstagsgeschenk gemachten Geschichte. Man geriet überein, dass es bestimmt erst nach Marilyn zur gemeinsamen „Umsiedlung vom Braunkohle- ins Steinkohle-Deutschland“ gekommen sei, „bleiben will ich/ wo ich nie gewesen“ – am 12.12.1976 nämlich morgens um sechs. Das Wetter gab sich dramatisch. Aber das ist eine andere Geschichte. In einem ihrer Kapitel kommt Christoph Waltz unter Katharina Thalbach zu Schaden, es geschah dies exakt am 05.11.1983 im Schauspielhaus Zürich. – Kurz nachdem die Schauspielerin auf dem Klo die Idee verworfen hatte, den Schweizer Spielplatz anzuzünden/ Wegen eines Monologs, der ihr erst eine halbe Stunde vor der Premiere bekannt gemacht worden war/ Von Thomas Brasch/ Der Dichter meinte: „Du schaffst das“.
„Hab ich dann auch.“

II.

Stumpf oder noch schärfer werden: das sind die Möglichkeiten in einer großen Stadt.

„Wir leben in unbedeutenden Zeiten“, klagte Thorne. Begleitet wurde die Klage von einer wegwerfenden Bewegung. Wir saßen, aßen, vor allem tranken wir mit den Thalbachs in der Kantine des Berliner Ensemble – und Thorne stemmte sich in unbritischem Trotz gegen die Künstler-Dynastie am Tisch. Gerade hatte Katharina Thalbach etwas über das elisabethanische Theater gesagt, Brasch konnte mit Shakespeare viel anfangen. Thorne regte sich völlig daneben auf: „Das intensivste Theater des viktorianischen (Wieso jetzt viktorianisch? Katharina sprach doch gerade von elisabethanisch. Anmerkung des Verfassers.) Zeitalters waren Hinrichtungen. Das Publikum parodierte populäre Weisen aus Übersee, die Negermusik jener Epoche, nur ersetzte man zum Beispiel „Susanna“ mit dem Namen der Delinquenten. Man drosch aufeinander ein, da war kein Marsyas, der einen Sieg einfach zu verschenken die Selbstvergessenheit besessen hätte. Die Gauner organisierten sich gemäß der Zunftordnung. Englische Gauner waren die letzten, die auf Zünftigkeit Wert legten. Das Proletariat lag zerlegt am Boden, der Arbeiter hatte sich für Gin dem Kapital ergeben.“

Katharina Thalbach legte eine Hand auf mir ab. Sie hielt sich an mich, als sei ich zur Aufsicht bestellt und dazu verpflichtet, Thornes Ausführlichkeit zu sanktionieren. Das aber wollte ich partout nicht. Ich erzählte lieber von meiner Absicht, mit Thorne zusammen einen Spionageroman zu schreiben, auf Inseln siedend, „wo die weißen Westen zu changieren beginnen“. Ich brachte so Ernst Jünger ins Spiel, K.T. war im Bild und amüsiert.
„Thorne hatte von uns allen die interessanteste Berufstätigkeit“, erklärte ich mich solidarisch mit dem Freunde. Er war ein James Bond seiner Zeit – ein Meister der Farben in der Beleuchtung des Bösen – und was habt ihr so gemacht indessen? Nun gut, die Frage erübrigte sich. Sie erübrigt sich fast stets. Wer hat schon die Lizenz zum Töten erworben und liebt außerdem das Theater so wie Thorne?

Katharina zog mich aus dem Trubel, sie wollte nicht allein vor die Tür, um zu rauchen. Sie kannte Brasch noch aus ihrer Schulzeit. Seitdem habe er sich mit dem Braunschweiger Mädchenmörder Karl Brunke in Gedanken und Versuchen abgegeben, sagte sie in der Kälte vor der Kantine. Der Winter wollte kein Ende nehmen. Um zu zeigen, wie sehr ich zu kuscheln verstehe, verbreitete ich etwas aus dem Band „Der schöne 27. September“. „Möglich der 3. Krieg ist längst ausgebrochen/aus dem nächsten Kapitel der Legende/Er hat sich in den Mietwohnungen verkrochen/Dort tötet er lautlos bis zum endgültigen Ende“.

Brunke glaubte mit seinen Morden dem Verlangen der Mädchen nachgekommen zu sein, „dicker als Zettel´s Traum“ (in Arno Schmidts Schreibweise) sei Braschs Brunke – Konvolut und noch kaum gesichtet.
„Willst du mal sehen?“ fragte Katharina in einer Rauchwolke von gefrorenem Atem. „Ich habe auch noch ein Exposé für eine TV-Serie, für das ich einen Abnehmer brauche.“

Die Kantine hatte sich nun bis auf den letzten Platz gefüllt, es war an der Zeit auf eine andere Bühne zu wechseln. Ich schlug den Club der polnischen Versager in der Ackerstraße vor, doch plädierte eine Mehrheit dagegen. Heldin der ungeschriebenen Serie ist übrigens „ein Fräulein Kuckuck“, im Hauptberuf Berliner Gerichtsvollzieherin (mit Stammbaum). Brasch führte sie „als unbemanntes Raumschiff“ ein. Also, wer damit starten möchte, soll sich hiermit aufgerufen fühlen. Ich gebe das dann weiter.

Vorstadt des Gemüts

»Der Geschmack von Rost und Knochen« im Prenzlauer Berg

9.4.2013

Mit einem Satz aus der FAZ ziehe ich los, dem Abend ein Gesicht zu geben: „Bei Audiard“, dem Regisseur von „Der Geschmack von Rost und Knochen“, „geht es nicht um Versöhnung, weder im sozialen noch im sexuellen Sinn, sondern darum, das Gewicht des eigenen Daseins auszuhalten“.
Existenzialismus und starke Naturen im 21. Jahrhundert, die Alternative wäre eine Lesung von Linus Reichlin im Charlottenburger Buchhändlerkeller gewesen. – Die Geschichte des Moritz Martens, sie fasst Fuß oder nimmt Fahrt auf in Kreuzberg. Nun muss ich nur ins Acud, das Kino weidet halbwegs auf der Rosenthaler Höhe (im Prenzlauer Berg). Es füllt sich mit ziemlich besten Freundinnen und Leuten, die zu ihrem Nachteil dem Vernehmen nach jung geblieben sind. Noch gibt es den Typus des passionierten Alleingängers, die Reklame soll bei einem konsumkritischen Publikum Wirkung zeigen. Alle tun so, als wären sie gerade für immer im Erlebnisurlaub „Leben“, das Wort „Spiegelneuronen“ fällt zwischen das Geräusch einer reißenden Tüte und das forcierte Gemunkel alter Mädchen. Der Film fängt trist an, ein Vater, der kaum den Namen seines Sohnes kennt, ist auch nicht in der Lage, ihn vernünftig zu ernähren. Auf Schleichwegen der Armut führt er ihn durch eine südliche Abfallzone in das surreale Blau der Côte d’Azur, das Kind bleibt erschreckend geduldig. Die abgängige Mutter hat es als Drogenkurier eingesetzt, jetzt könnte seine Geschichte erzählt werden.
Doch geht es vielmehr um den explosiven und verödeten Ali Baba (Ali heißt er, Baba/Papa – ich weiß, man soll keine Sprachspiele machen, die so bedürftig sind) gespielt von Matthias Schoenaerts. Ali gibt den muskulösen Strolch als Objekt weiblicher Begierde in Antibes. Er parkt den Sohn bei seiner verhärmten Schwester und ihrem vom französischen Chauvinismus zum Keks geklopften Maghrebiner, arbeitet als Türsteher und in der Sicherheitsbranche – stets am Rand oder jenseits der Legalität. Er absolviert verbotene, von nahezu allen Regeln erlöste, von Sinti organisierte Kämpfe und schlägt sich gut mit seinen Knien und Ellenbogen.

Ali ist „ohne Plan“. Ein auf Lebenszeit Verirrter übt Bodenkampf auf der fortgeschrittenen Evolutionsstufe des Brazilian Jiu Jitsu, er steigert seine Ausdauer mit Läufen in den Sperrgebieten überlasteter Straßen. Er nimmt jede sexuelle Gelegenheit wahr, ohne Ansehen der Person. – Immer mit der gleichen leeren und so leer auch begrüßten Intensität, während alle Nähe zu seinem Sohn in Katastrophen abbricht. Mit diesem Zusammenhang wird man nicht leicht fertig. Ali verweigert dem Jungen nicht seine Empathie, er scheint keine Empathie zu haben. Er wirkt benommen.

Ali bewegt sich wie unter Wasser, er hilft einer Orca – Trainerin aus der Patsche einer Schlägerei. Stéphanie (Marion Cotillard) verliert dann die Beine bis zu den Oberschenkeln bei einem Unfall im Vergnügungspark ihres Arbeitsplatzes. Die Szene nimmt einen förmlich auseinander, auch was dann kommt: Wie sich Stéphanie erhalten bleibt.

Sie wirbt um Ali, er geht mit ihr schwimmen, seine Raubeinigkeit entzückt sie. Marion Cotillards Gesicht erzählt viele Geschichten des Films. Ihr Gesicht ist überwältigend und so erfüllt von Lebenshunger. Stéphanie verliert auch versehrt nicht ihren Kurs, sie lebt mit einer Selbstgewissheit, von der Ali nichts weiß.

Das Sujet wurde in „Ziemlich beste Freunde“ bereits eingekreist. Der Film geht von Philippe Pozzo di Borgos gleichnamigen Roman aus. Darin „zähmt“ ein schwerreicher Schwerbehinderter einen arabischen Muskelverbrecher. Ich habe Di Borgo und seinen „Schutzteufel“ Abdel Sellou einmal erlebt, er sagte mit so einem halbem Lächeln: „Abdel ist furchtlos, verfügbar und sehr stark“.
Für Sellou erschien im Gegenzug nur ein Vergleich mit Gott passend, als er die Bedeutung des Mannes zur Sprache brachte, der aus ihm „das Beste herausgeholt“ habe. Di Borgo weiter: Abdel „ist unerträglich, eitel, stolz, brutal, unzuverlässig, menschlich. Ohne ihn wäre ich zugrunde gegangen. Er hat mich gepflegt wie einen Säugling.“

Diese Konstellation wiederholt „Der Geschmack von Rost und Knochen“ ohne die pathetischen Aufschläge „Bester Freunde“. Ali bietet sich Stéphanie an, „kein Problem“, sagt er und erklärt damit sein Verhältnis zu ihrer Behinderung und ihren Bedürfnissen. Stéphanie fordert „mehr Stil“. Sie konfrontiert ihn mit seiner hohlen Form, Ali drückt sich vor Einsichten. Er brüskiert Stéphanie, verrät seine Schwester, versagt als Vater – und haut ab. Wieder einmal. Das ist sein Muster. Für Ali sieht die Welt überall gleich aus. Sie sieht aus wie der vermüllte Parkplatz hinter einem Supermarkt. Sie besteht aus gewalttätigen Männern, die ihn achten – und aus Frauen, die männliche Kraft anziehend finden. Sonst besteht keine Verbindlichkeit. Noch einmal will Ali in dieser Vorstadt des Gemüts das Glück der Gleichgültigkeit auskosten. Sein Ehrgeiz richtet er auf ein sportliches Ziel, sein Schwager überlässt ihm den Sohn für ein paar kalte Stunden. Ali und das Kind spielen auf dem Eis eines gefrorenen Sees, in einem achtlosen Augenblick bricht das Kind ein.

Zierlicher Vorschlaghammer

Fröhliches Morden in Florida: »Spring Breakers«

6.4.2013

Spring Breakers

Kreuzberg. Ich bin auf dem Weg zu einer Lesung, in einem Stimmungsumschwung kommt der Autor des Abends für mich nicht mehr in Frage. Ich sehe mich um, da sind Spielhöllen, irrsinnig leuchtende Grills, orientalische Familienrestaurants – und ein Kino namens Babylon. „Spring Breakers“ läuft schon, im Foyer liest eine Greisin den „Tagesspiegel“. Ich suche nach einem Vergleich für das Bild mit Zeitung und unwillkürlich auch nach Zeichen der Abweichung. Ich betrachte die Frau so wie ich selbst ständig betrachtet werde.

Ich platze in eine Szene mit drei Extremistinnen des Vergnügens. Sie stehen im Regen, fahren mit einem Pritschenwagen, hören Musik und schreien vor Lebensfreude. Bei alldem geht es um Mut, den sie sich einreden.

„Stellt euch vor, dies sei ein Videospiel“, verlangt eine. Dabei treibt Hunger nach körperlicher Unmittelbarkeit die Mädchen an. Der Widerspruch zwischen virtuell und wirklich ist aber auch egal. Cotty, Candy und Brit rauben Gäste in einer Rastplatzschwemme aus, ihre Bewaffnung erschöpft sich in einem zierlichen Vorschlaghammer und einer Wasserpistole. Damit zwingen sie Männer auf die Knie und das erleben sie so sehr als Triumph, dass sie daraus ein Märchen ihrer Macht machen.

Cotty, Candy und Brit beteiligen Freundin Faith an ihrem unverdienten Reichtum. Damit sind sämtliche Heldinnen in „Spring Breakers“ beim Namen genannt. Dargestellt werden sie von Selena Gomez, Vanessa Hudgens, Ashley Benson und Rachel Korine. Wer wen spielt, spielt erst einmal keine Rolle. Wie in einer aktuellen Eis-am-Stiel-Klamotte stürmen die vier eine mehrtägige Semesterferien-Party in Florida – Spring Break. Sie tanzen und baden (auch in ihrer Beute, den vielen Franklins) und fahren auf Mietrollern und nehmen Drogen und genießen massenhaft männliche Aufmerksamkeit.

Regisseur Harmony Korine startet dafür psychedelische Bilder und Anspielungen einer hysterischen Erotik. Da toben sich Jungfrauen als Bikini-Atolle mit atomarer Wucht aus. Sie limitieren den Körperkontakt an einer prä-koitalen Erregungsschwelle – zum Leidwesen heißlaufender Studierender. Der Witz dabei ist die Erforschung des weiblichen Marktwerts. Darüber gehen die Freundinnen pleite. In diesem Zustand werden sie verhaftet – ein Gangster, der sich Alien nennt, stellt Kaution für sie.

Erst mit Alien (James Franco) kommt „Spring Breakers“ aus der schieren Animation. Man ahnt seine Geschichte in der Skizze, die der Film von ihr zeichnet. Alien wuchs als Weißer unter Schwarzen auf, er behauptete sich gegen übermächtige, ethnisch gestraffte Konstellationen. Seine hervorragende Stellung in der Unterwelt bleibt für ihn erstaunlich – er staunt sich selbst an – in der schönsten Szene zählt er begeistert bramarbasierend seinen Besitz auf. Am liebsten besitzt er seine Waffen. Mit ihnen posiert er vor den bürgerlichen Gästen, diesen „Spring Break Bitches“. Am besten gefällt ihm Faith, die im Gegenteil am wenigsten von Alien wissen will. Sie reist ab, er lässt sie nicht ohne subtile Drohungen ziehen. Man sieht den üblen Ausgang, den Faith nicht nehmen muss. Übrig bleiben drei Freizeit-Gangsterbräute, affiziert von Geld, Gesang und Gewehren. Sie verschmelzen in einem Taumel der Überschreitungen – bis Cotty angeschossen wird und nach Hause will. Die schließlich verbliebenen Desperada-Mädchen Candy und Brit, von Alien liebevoll „Hühnchen“ genannt, haben den musikalischen Florida Boy im Griff, er frisst ihnen aus der Hand, vollkommen unterworfen. Er ist förmlich weggetreten vor lauter Hingabe an seine „Seelen-Schwestern“.

Alien ist der einzige Romantiker im Spiel. Mit Scheuklappen könnte man die Geschichte so sehen, als ob er Candy und Brit in die schwere Kriminalität zieht. Tatsächlich bestimmen die Mädchen aus Neigung den immer härteren Kurs. Sie fordern Alien heraus – und er geht ihnen auf den Leim. Nun spielen sie auch erkennbar als Charaktere mit – Ashley Benson und Vanessa Hudgens. Sie führen Alien über seine Grenze, da bleibt er tot liegen.

Paradigmenwechsel der Staraugenbraue

Gina Henkel kann dreißig Liegestütze und beweist das auch im Berliner Ballhaus

5.4.2013

„Brenne“ – da gibt es dieses Bild von Kurt Cobain aus dem Jahr 1993. Es zeigt ihn auf der West 42nd Street in Manhattan vor einem Kino. Die Tafel (das Menetekel) meldet „Men Don't Protect You Anymore“. Der Satz taucht bereits in den „Survival Series“ (1983–1985) der Konzeptkünstlerin Jenny Holzer auf. Er betitelt nun ein Stück von Anne Schneider – Gina Henkel verkörpert es auf der Bühne des Berliner Ballhaus Ost. „Brenne“ dreht sich wie am Spieß um Heros, Eros und Mythos – am Beispiel der Johanna von Orléans, die sich in Ingrid Bergmans paradigmatischen Augenbrauen reinkarniert. Gina im O-Ton: „Paradigmenwechsel der Staraugenbraue“.

Die Solistin wird von den Musikern Christian Wisch und Stephan Zunhammer verstärkt, die dezidiert vom Blatt lesen und das ungelenke Element in doppelter Ausfertigung darstellen. Das gelingt gut, insofern Gina Henkel auf diesem Hintergrund enorm zur Geltung kommt. Sie scharrt förmlich mit den Hufen und bläht die Nüstern jenes Rosses, das der „von Gott gesandten Heerführerin aller Franken“ unbedingt besorgt und zur uneingeschränkten Verfügung gestellt werden muss – auch wenn der Hof ob Johannas Anmaßung zwischen feudalem Gelächter und herrschaftlicher Gereiztheit changiert. Wie gesagt, das macht Gina Henkel alles allein: (sich) den Hof, die Naive vom Ort, den Hundertjährigen Krieg, ganz Vaucouleurs und einen gediegenen Robert de Baudricourt, seines Zeichens Hauptmann des Königs, der sehr gern zu geben bereit ist, um des Vergnügens willen, glauben zu dürfen, etwas auch sehr zu wollen. Doch beschwert „ein solcher Grad an geschlechtlicher Reizlosigkeit“ die Minne, das Zeitgenossen „von einem Wunder“ sprachen – vom Wunder der Reizlosigkeit.

Es gebricht Johanna der Schönheit Schmuck – darunter leidet sie – und dem Auditorium geht Johannas Leiden nah als eklatanter Beitrag zum Gender Swing. Es stellt sich die Frage, ob Johanna im falschen Körper womöglich zur Welt kam. Was, wenn unter dem Harnisch „ein männlich Herz schlägt“? Die Frage geht davon aus, Frauen seien an sich weniger gewalttätig als Männer. Warum heißt es dann aber „Erschießt die Frauen zuerst“? Es heißt so in der Konsequenz der statistischen Einsicht, dass die zur Tat entschlossene Frau das männliche Zaudern gar nicht kennt. (Zitiert nach Eduard Zimmermann.)

Bekanntlich folgte die französische Armee dem Bauernkind, bekanntlich spielte Ingrid Bergman zweimal die Johanna „als natürliche Schönheit“ mit gewöhnungsbedürftigen Augenbrauen. Auch sie wird in ihren Tagträumen Ovationen (gleichsam vorab) erlebt haben, so wie Gina Henkel in ihrer zum Schreien komischen, mit Liegestützen verifizierten Dekonstruktion eines Mythos plus Heroine. Johanna wird von sich selbst darauf hingewiesen: dass ihr die militärische Ausbildung fehlt und sie in Anbetracht ihrer Absichten – in ihrer unwissenschaftlichen Betrachtungsweise – auch eher von zweifelhaftem Geschlecht ist. An die Engländer verraten und verkauft, brennt Jean d'Arc schließlich (für ihren Glauben/Wahn), womit wir wieder beim Titel wären.

Friedfertige Käfighaltung

Tom Schulz und Mirko Bonné in der Literaturwerkstatt

4.4.2013

„Das Gedicht als Park in der Sprache“ kam auf als Einsicht und Möglichkeit in der Literaturwerkstatt. Tom Schulz und Mirko Bonné unterhielten sich da mit Maike Albath – über Gedichte. Bei Bonné heißt das „Im grünen Maul des Sommers“, bei Schulz „Friedfertige Käfighaltung“. Die Differenz im Tonfall – der direkte Vergleich gehörte zu den Gewinnen des Abends. Bonné findet im hohen Gras von Gettysburg ein halbes Ohr, in etwa wo „die Zerfetzten lagen“. Bonné reist viel und übersetzt auch und hat mit Trakl einen Lieblingsdichter. Dem geht er nach von Rio bis Innsbruck in den „Traklpark“, so der Titel seines jüngsten, von Schöffling vorgelegten Bandes. Darin dichtet Bonné Braunschweig einen Strand an, dazu angeregt von alten Fotos, die seines Großvaters Eiswagenfahrer-Biografie beglaubigen.

Bonné trat mit schönem Ernst und äußerst frisurbewusst auf. Zu seinem Œuvre zählt das poetische Tagebuch einer Kreuzspinne. Ihm begegnet ist ferner ein Fink mit den Augen von Emily Dickinson.

In der Lyrik geht es darum, sich in Widersprüchlichkeit akkurat zurecht zu finden. Der Dichter ist sein eigener Resonanzraum, in dem er sich selbst so fremd wird, dass er als kritische Instanz für die eigenen Verse in Betracht kommt. Schulz hält das für gelegentlich: in Gedichten der Wirklichkeit sprachlich etwas hinzu zu fügen. Zuletzt in „Innere Musik“ (Berlin Verlag). Der Titel kam schnell, nur die Lektorin war dagegen. „Tausend Mal habe ich den Sommer zum Herzen gedreht“, lautet eine Zeile. Ich glaube, darüber steht „Hölderlins Holunder“.

Schulz erinnerte sich in der Literaturwerkstatt an eine „feindliche Realität“, die den Siebzehnjährigen zur Aufrüstung zwang – an eine ideologisierte Sprache, gegen die Schulz sich immunisierte. Er ging stiften in bildreiche Unmittelbarkeit, „geschockt von Beckett“. In Mexiko geriet er in die Nähe von zwanzig – Buchmesse nah – abgelegten Leichen, da ging ihm ein Licht der Literatur auf. Plötzlich verstand er, was sie kontert „als Kassiber“. Im „friedfertigen Käfig“ des Prenzlauer Bergs las Schulz heimspielerisch: „Ich sah sie gern durch Kirchentüren laufen/ Sie war reine Poesie ohne Sprache/ …/ Ich schwieg die Zeit zu Ende“.

„Jetzt interessiert mich, was ich morgen schreiben werde“, sagte Schulz souverän zu der angenehmen Maike Albath.

„Der (Traklpark-) Band ist ein Bindegewebe“, sagte Bonné. Er verriet: „Manche Gedichte gelingen in Stunden“.

Er las eine Ipanema-Variation vor, mit Favela und Fregattvögeln – und Reihern, „die in sicherer Dunkelheit fischen“. Da hörte man eine Neigung zur Blendung und Dekoration – die Machenschaften extremer Begriffspaarungen.

Schulz hielt dagegen, wie er einst an einem post-modernen Ende angelangt, beschloss Anschluss zu suchen an einer Stelle der Literatur, „die nicht en vogue ist“. So gelangte er zur Barockdichtung … „in einer Nacht gleicher Länge wie Breite“. „Flogen ihm Gedicht-Titel auf einem Fahrrad zu“. Es geschah so im Wendland.

Belletristisches Dasein

Robert Schindels neuer Roman »Der Kalte« im Berliner Ensemble

2.4.2013

Robert Schindel und Hermann Beil
Robert Schindel und Hermann Beil

Wie ein Fuchs schnürt er um die Ecke. Claus Peymann erinnert mich in seinen – den Habitus bezeichnenden – Fluchtbewegungen und anderen Vermeidungen an Enzensberger, der dem donnernden Zugriff seiner Bewunderer auch noch nie etwas Erfreuliches abgewinnen konnte. Solche Leute versprechen sich ganz einfach nichts vom direkten Umgang mit Publikum – sie sind auf ihrer eigenen Umlaufbahn – sie schaffen sich ihre Orte an heimlichen Peripherien in jedem Trubel. Der zweite Blick sieht sie im Zentrum. Wird das Zentrum ungebührlich frequentiert, zerfällt es von selbst, um nebenan neu in einer verlagerten Sicherheitszone zu entstehen. Man identifiziert seine Schwerkraft an Zeichen wie aus einem Bestimmungskatalog für Parasiten. Immer findet sich jemand zur gesonderten Bewirtung bereit, da ist stets eine Schleimspur. Da sind die sich vorbeugenden Rücken, wie Rüssel auf das Besondere gerichtet. Das Besondere sitzt und hat vor sich Flaschen stehen.

Peymann sieht nach den Rechten in seinem Haus. Der Spiegelsaal im Berliner Ensemble ist heute Abend Schauplatz der Premiere eines Romans von Robert Schindel, in dem sein Hausherr vorkommt. „Der Kalte“ spielt in Wien, in „der Welthauptstadt des Vergessens“ zu Zeiten von Claus Peymann, Kurt Waldheim, Thomas Bernhard und Alfred Hrdlicka. Die Herrschaften stehen auf Schindels Liste mit eigenen Namen.

„Insgeheim“ sei er „trotzdem sehr gern in Wien“, verrät Schindel. Er verdanke der Stadt sein „belletristisches Dasein“. Ansonsten ist der Autor mehr Lyriker und weit davon entfernt, sich und sein Werk selbst zu deuten. Er zitiert Goethe: „Die Form, ein Geheimnis den meisten“.

Schindel sieht aus wie ein mit Geistern vertrauter Indianer, ganz Seelenführer ins Reservat. Die Kriegshäuptlinge sind schon lange tot und der Stamm besteht nur noch aus Greisen und Waisen.

„Der Kalte“ ist Edmund Fraul, ein Überlebender der spanischen Internationale und der Internationalität von Auschwitz. Man versteht ihn auf Anhieb, er weiß, „das Schlechte ist gleich gut verteilt“ (Botho Strauß). Die Guten sind bloß anders übel als die anderen oder nicht rechtzeitig zum Zug gekommen. Das Leben ist zum Speien für Fraul, den dann in aller Gemütlichkeit und mit viel List und Lust an der Heimtücke die Honoratioren wie hinkende Hyänen beschleichen.

„Es braucht dreißig Jahre, bis sich die Geschichte gesetzt hat – und man sie erzählen kann“, erklärt Schindel. „Schon wegen der erzählerischen Gerechtigkeit“. Gleichwohl sei es nicht möglich gewesen, dem Bildhauer im Roman eine liebenswürdige Art zu geben. Die hätte sich der Hrdlicka hoffentlich verbeten. Frauls Sohn spielt Paraderollen am Burgtheater, zum Geburtstag des Vaters gibt es Tafelspitz. Ein vormaliger SS-Mann sucht das Verständnis seines Opfers auf Spaziergängen mit viel Wetter. Der Bürgermeister streitet betrunken mit dem Bildhauer um den besten Platz für ein Antifaschismusdenkmal. „Tun wir es halt hinter die Secession in den Garten, da sieht es wenigstens keiner“.

Die Beisel-Boheme schaut gerührt von der Gewöhnlichkeit ihrer Großköpfe zu und beiseite. Sie weiß, mit vollen Hosen ist leicht stinken.

Bo und Ben und die Zimtziege

Erinnerungen an den irischen Bürgerkrieg in Bill Monroe´s Grünem Salon – Außerdem berichtete Rainer Merkel im Roten Salon der Volksbühne aus Monrovia

21.3.2013

Rainer Merkel
Rainer Merkel
I.

Monroe wartete bei der letzten britischen Tea Party im Prenzlauer Berg mit der Geschichte auf, ich glaube, um Gastgeber Thorne herauszufordern. Im philippinischen Urwald ginge mancher bis auf den heutigen Tag „zur Erleichterung seines Herzens“ indigene so wie notfalls jedwede Köpfe abschneiden, behauptete er. Er erwähnte einen präparierten Kopf in Thornes Haushalt. Thorne gab kaum zu erkennen, dass er zuhörte. Monroe unterhielt seine Freunde im Stil eines koksenden TV-Verkäufers, bei Gelegenheit hebe man den abgeschnittenen Kopf in die Luft, um ihn fallen zu lassen. So fiele die „schwere Last der Mordlust“, auf den Philippinen sei das ein anerkanntes Leiden, außerdem rituell ab.

Ich sah einen Kopf im Grass, dann sah ich mich auf einem Wehrturm über der See – im Rebel County Cork mit seinen Palmen und einer mediterranen Leichtigkeit. Man spürte keine Gravitation einer Ortschaft auf dem Turm.

Die Bilder passten nicht, der Turm, gefügt aus unbehauenen Steinen, war eine antike Totalität am steilen Strand. In einem Ensemble grauer Findlinge, die naive Darstellungen keltischer Häuptlinge ermahnten. – In ferner Nachbarschaft der Ruine Moher O´Ruan.

Mein Totengräber-Onkel kreuzte die Erinnerung: Sean O´Connor, genannt „das Kinn“. Kantig und krumm wie eine Karikatur. Dieser Onkel hatte angeblich einen Papst aus nächster Nähe gesehen. Er stank notorisch nach Schaf und Stall, der Turm stank nach menschlicher Notdurft, aber auf dem Wehrgang war die Luft wie eine Kur aus Salz und Torf.

Die Engländer im Prenzlauer Berg bezeichneten gewisse berufliche Angelegenheiten als „troubles“; so hatten die Iren ihren Bürgerkrieg genannt. Ich dachte an die Küche meiner Großtante, an den gemauerten Herd, die geborstenen Fliesen und Blumenstöcke zu beiden Seiten erblindender Fenster. Solche Küchen gab es sonst nur noch in Filmen und Schlössern.

Ich beobachtete Thorne. Er war von vulkanischer Natur, kolossal schroff. Er war an der Verhaftung von Marian und Dolours Price in Heathrow beteiligt gewesen. Die kaum zwanzigjährigen Schwestern ergaben sich als erste weibliche IRA-Soldaten. In die Geschichte gingen sie als Old Bailey Bombers ein. Sie schworen nie ab. Ich bin um ein paar irische Ecken mit ihnen verwandt. Mein Onkel schmorte in Long Kesh. Seine Mutter und ihre Schwestern waren in Cumann na mBan organisiert gewesen, sein Großvater hatte gemeinsam mit John MacBride im Burenkrieg gegen die britische Armee gekämpft. Er war nach dem Osteraufstand von 1916 hingerichtet worden. Thorne buchstabierte IRA so: „I ran away“. Mein Interesse an ihm deprimierte mich.

Thorne ist enorm stolz auf seine Clubmöbel. Niemand sonst wohnt so in Berlin, in kastanienbraunem, mit Goldknöpfen und Wappen appliziertem, jede Bewegung kommentierendem Leder – und in Kassetten aus Kirschholz.

Thorne wohnt so noch einmal – in Devion. „In Devion steht die Zeit still“, heißt es in der Lokalchronik. Die erdgeschichtlichen Formationen der Gegend sind für Geologen besonders interessant. Die Sedimentschichten setzen sich so spektakulär voneinander ab, dass auch Laien sie beachten. Manche Stellen rosten dramatisch.

Der Rost blendet im Sommer wie von der Sonne erfasste Spiegel in einer Western-Canyon-Glutrot-Stimmung. Devion-in-the-valley-below (nach alten Einträgen) war ein römisches Fort und ist nun ein unterbelichteter Klecks in der Moränenlandschaft. Die Leute sitzen da ein wie übriggeblieben wenigstens aus dem elisabethanischen Zeitalter. Das sind Fellini-Typen, fette Zwerge und ungeschlachte Hünen mit Fistelstimmen und schrillen Einfällen. Romanisches England, man kennt dich kaum auf dem Kontinent.

Knarrend kehrte Ruhe ein, nur Monroe sprach noch. Er erzählte von dem – in Amerika aufgewachsenen Sohn eines afrikanischen Potentaten. Eines Tages kommt der Sohn den Papa in Monrovia besuchen. Er übernimmt eine Staatsgang namens „Anti Terrorist Unit“, zieht in den Busch und mischt die Bevölkerung so auf, dass man ihn aus dem Verkehr ziehen muss. Ohne Vorlauf gleich mal ärger als die Altvorderen.

„Wie kann das sein? So ein Popcorn-Boy aus Massachusetts, der in den großen Ferien und zu aktuellen Liedern Leute lyncht?“ fragte Monroe in abgedroschenem Erstaunen.

II.

Die Rede war an jenem Abend im längsten Winter seit Menschengedenken von Charles McArther Emmanuel, geboren 1977 in Boston, der sich als Roy McArthur Belfast bekannt machte und berüchtigt wurde als Charles „Chuckie“ Taylor junior. Er stammt aus dem Genpool des ehemaligen liberianischen Präsidenten Charles Taylor. 2008 verurteilte ihn ein amerikanisches Gericht zu siebenundneunzig Jahren Gefängnis. Thorne und ich hörten wieder von ihm bei einer Buchpremiere im Roten Salon der Volksbühne. Rainer Merkel erinnerte an Chuckie T. als einem nicht weit verbreiteten Synonym für den zeitgenössischen Zivilisationsbruch. Einerseits die abwaschbaren Oberflächen der saturierten Plastikwelt und andererseits und doch gleichzeitig die paradiesischen Verhältnisse einer erst einmal ruchlosen Folter- und Verstümmelungspraxis, die wir, nicht unbedingt mit guten Gründen, älteren Epochen zuordnen. – Ein ganzes Land als Ballerspielplatz. Die Befreiung basaler Brutalität aus der Virtualität von World of Warcraft.

Rainer Merkel ist Psychologe. In Monrovia arbeitete er für Cap Anamur in einem psychiatrischen Krankenhaus und fand da „keine Zeit für den gepflegten Roman am Abend“. Merkel fragte sich, ob er unbedingt Schriftsteller sein müsse. Das ist eine kompetente Frage. Wer die Wahl hat: ist aus dem Spiel. Merkel machte das Land befreiter Sklaven – Liberia – zum Schauplatz eines Romans, der so heißt wie ein blinder Junge im Text: „Bo“. Bo „sieht mit den Ohren“, er „beobachtet“ Leute mit den Händen unverfroren bis zum Exzess. Er hört und ertastet, was andere noch nicht einmal sehen können.

Bo hält die Fäden nicht allein seiner Existenz in den Händen. An ihn gerät Ben, Sohn eines deutschen Ingenieurs, aufgeschmissen in einem Desaster ohne Papiere. Er landet in Monrovia, in Erwartung seines Vaters – der nicht auftaucht. Ben sucht Anschluss bei Brilliant Hope Gwenigale-Johnson. Die herrliche Zimtziege gehört zu jener hauchdünnen Oberschicht in Liberia, die in Generationenfolge seit der Staatsgründung Tuchfühlung zu den afroamerikanischen Eliten gehalten hat – und der ursprünglichen Bevölkerung fern geblieben ist.

„Die sind in Afrika in hundert Jahren nicht angekommen“, behauptete Thorne grimmig. Er konnte sein Jackett nicht ausziehen wegen des Artikels unter der Achsel.

„Man erneuert sich in jeder Mission“, sagte Merkel, irritiert von Thornes traumatisierender Taktlosigkeit in der ersten Reihe. Er erzählte eindrucksvoll aus einer Parallelwelt der Hilfsorganisationen. – Und von Gespenstern der Nacht.

Die Protagonisten der Hilfsorganisationen gehen in den Ministerien ein und aus und suggerieren einen Master of the universe-Status. Für Ben sieht Monrovia anders aus, er teilt mit den Einheimischen das Schicksal der Inferiorität. Straßen lösen sich in Regenzeit auf – und europäische Standards in Heart of darkness-Exotik. Der Autor bringt Joseph Conrad als Gewährsmann der afrikanischen Finsternis an. Im Roman oszillieren Szenen zwischen Psychiatrie, Bürgerkrieg und den javanischen Bewegungen der Initiierten. Thorne polterte zum Tresen, sein Afrika wurde von Graham Greene erzählt. Basta. Thorne war das Gespenst aus einer Geheimkammer der britischen Botschaft am Arsch der Welt, der Zivile mit der Maschinenpistole auf dem Dach, in Erwartung des Special Air Service. Er hatte nichts verloren in der Harmlosigkeit des Roten Salons. Sie stieß ihn ab. Er wünschte der Harmlosigkeit das Vergnügen einer aktiven Geschichte. Die Geschichte sollte auf der Stelle vulkanisch ausbrechen und ihre Steine ins Rollen bringen.

Kommentare


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Anton Heyboer - ( 08-08-2013 11:06:48 )
Grandios bis Geschwätzig

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erstellt am 31.3.2013