Krabat, Foto: Stuttgarter Ballett
Tanztheater

Getanztes Jugendbuch

Von Thomas Rothschild

Als Reid Anderson, der Intendant des Stuttgarter Balletts, Demis Volpi beauftragte, ein Ballett auf der Basis von Otfried Preußlers Krabat zu choreographieren, konnte er nicht ahnen, dass der Autor des erfolgreichen Jugendromans noch vor der Uraufführung sterben würde. Volpi hatte in Stuttgart schon kürzere Arbeiten abgeliefert, die durch besondere Originalität und Fantasiereichtum auffielen. Dies aber ist sein erstes abendfüllendes Handlungsballett, und es wurde zu einem vollen, vom Premierenpublikum bejubelten Erfolg. Dass es bald anderswo nachgespielt wird, scheint mehr als wahrscheinlich.

Der märchenhafte Stoff, der auf eine sorbische Sagenfigur zurückgreift, auf die sich auch der bedeutende sorbische Schriftsteller Jurij Brězan in drei Büchern bezieht, bietet sich für ein Ballett geradezu an. Die Librettistin Vivien Arnold nützt die romantischen Elemente, um die Balletttradition des 19. Jahrhunderts herbeizuzitieren. Dazu kontrastieren die für Kinder fast zu brutalen Szenen in der Mühle, in der das Corps de ballet Säcke schleppt, halb an Fritz Langs Metropolis, halb an die perkussiven Choreographien von Stomp erinnernd.

Aus drei Akten besteht das Ballett, wobei Wiederholungen und Parallelismen für eine übergreifende Struktur sorgen. Im zweiten Akt steht ein Pas de deux im Zentrum, in dem sich der Meister (Marijn Rademaker) und Pumphutt (Angelina Zuccarini) in ständig sich auf offener Bühne verwandelnder Gestalt einen Zweikampf liefern. Im dritten Akt kommt es dann zur Revolte, die zum glücklichen Ende führt. Die Apotheose, das Schlussbild, in dem der fast nackte Krabat (David Moore) und die geliebte Kantorka (Elisa Badenes) nach hinten in die Freiheit schreiten, hinterlässt allerdings ein gemischtes Gefühl: hier hat sich der Kitsch, der an anderen Stellen vermieden werden konnte, doch durchgesetzt.

Tänzerisch kommt der dreistündige Abend, verglichen mit Volpis früheren Choreographien, eher bescheiden daher. Es zeigt sich, dass eine Handlung zwar der Spannung dient, der tänzerischen Freiheit aber Grenzen auferlegt. Krabat ist Tanztheater im engeren Sinn des Wortes, mit Betonung auf „Theater“. So werden auch allerlei Bühnentricks aufgefahren, die ein angepeiltes jugendliches Publikum faszinieren mögen, die aber von der Choreographie eher ablenken. Das gilt nicht für das Bühnenbild. Die bis unter den oberen Bühnenrand reichende Wand von Säcken, die Katharina Schlipf aufgebaut hat, ist ein großer Wurf. Sie wirkt schon beim Öffnen des Vorhangs in ihrer Monumentalität eindrucksvoll und ist sowohl für die Handlung, wie auch für den Tanz absolut funktional. Die Natur wird der Unnatur der Mühle als flatternder Vorhang entgegengesetzt, ein Paradox, das wiederum der Logik des Theaters gerecht wird.

An einzelnen Stellen scheinen doch die Konventionen des Balletts ihr Recht gefordert zu haben. So ermöglicht die eingeschobene Szene mit Tonda (Alexander Jones) und Worschula (Alicia Amatriain) einen Pas de deux zweier beliebter Solisten.

Einzelne Einfälle mögen überraschen. So wurde aus dem Herrn Gevatter eine Femme fatale, als welche die wunderbare Sue Jin Kang, die wir als atemberaubende Tänzerin kennen, lediglich mit ihren Händen agieren darf. Das allerdings macht sie zu einem Kabinettstück. Der Meister wiederum ist in Gestik und Bewegung mehr als Teufelsfigur denn als Magier gekennzeichnet, er könnte eine Anleihe von E.T.A. Hoffmann sein, der vom Ballett ohnedies geliebt wird.

Die Musik ist eine Montage aus mehreren Kompositionen. Den Auftritten der Dorfmädchen, die unter der Führung der Kantorka wie eine Reminiszenz an den Schwanensee im klassischen Schritt wiederholt die Bühne überqueren, ist das Lied Die Gedanken sind frei unterlegt. Das ist, mit Verlaub, platt oder unerklärlich. Dass diese Mädchen die Gegenwelt zur arbeitslagermäßigen Repression in der Mühle bedeuten, wird auch ohne diesen Hinweis deutlich. Überzeugender werden Krzysztof Penderecki und Phil Glass eingesetzt. Man könnte sich freilich auch fragen, ob es nicht sinnvoll (und kulturpolitisch verdienstvoll) wäre, einen Choreographieauftrag durch einen Kompositionsauftrag zu ergänzen.

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erstellt am 26.3.2013

Foto: Roman Novitzky

KRABAT
Ballett von Demis Volpi nach Otfried Preußler

MUSIK
Peteris Vasks, Philip Glass, Krzysztof Penderecki, Mühlenmusik

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