Der freie Handel ist ein ökonomisches Kräftemessen, daran hat sich bis heute nichts geändert. Im 18. und 19. Jahrhundert war ganz Europa verrückt nach den Kostbarkeiten aus China. Im Gegenzug schickten indische und englische Händler Opium aus Indien nach China. Von der Sucht nach Reichtum und dem Elend der Opiumsucht mit all seinen Folgen für China handelt Amitav Ghoshs Roman »Der rauchblaue Fluss«. Clair Lüdenbach hat das Buch gelesen.

Buchkritik

Opium fürs Volk

»Der rauchblaue Fluss« von Amitav Ghosh

Von Clair Lüdenbach

„Der Ort war eine geologische Besonderheit – eine Höhle, von Wind und Wasser in den Kalkstein gegraben“. Dort, in luftiger Höhe, erzählen Wandmalereien die Familiengeschichte der Colvers, deren Vorfahren einst aus Indien flohen. Eine alljährliche Pilgerfahrt zum Familienschrein in diese Felsenhöhle auf Mauritius ist die Keimzelle einer Fortsetzungsgeschichte, die der bengalische Schriftsteller Amitav Ghosh aus umfangreichem Archivmaterial verdichtete. „Erst wenn das Festmahl verdaut war und die Gaslampen angezündet wurden, wanderten die Kinder allmählich wieder in die äußere Kammer des Schreins, um die bemalten Wände der Höhle zu bestaunen, die Ditis „Erinnerungstempel“ genannt wurde.“ – Es begann alles mit der Schiffspassage einer Gemeinschaft ungleicher Menschen von Kalkutta nach Mauritius. Nun, Generationen später, nimmt der Autor von hier aus den Erzählfaden auf und führt über viele schicksalhafte Wendungen die indische Flüchtlingsgemeinschaft aus dem ersten Band seiner Trilogie im nun erschienen zweiten Buch „Der rauchblaue Fluss“ wieder zusammen. Wer den ersten Teil „Das mohnrote Meer“ kennt, der liest viele der Lebensläufe und frühere Begebenheiten noch einmal. In einer verwirrenden Rückblende wird die Vergangenheit erklärt, bis Amitav Ghosh endlich die neue Geschichte ihren Lauf nehmen lässt. Die Hauptperson Bahram, ein reicher Händler, ist auch ein alter Bekannter, jedoch nicht einer der Boatpeople. Er hat in der Heimatstadt Bombay sein Schiff mit 3000 Kisten Opium beladen und sich auf nach Kanton in China gemacht. In einem Taifun verliert er einen Teil seiner kostbaren Ladung. Und damit beginnt das Drama, das sich in der Stadt am rauchblauen Fluss, in Kanton, abspielt. Bahram Moddie ist Parse und der ungeliebte Schwiegersohn einer erfolgreichen Schiffsbauer-Familie. Seit Jahrzehnten pendelt er, ausgestattet mit dem Geld seiner angeheirateten Familie, als inzwischen erfolgreicher Händler zwischen China und Indien hin und her. Nun ist der Schwiegervater gestorben, und die Schwäger wollen alles verkaufen, inklusive Bahrams Außenhandelsgesellschaft. Um seine Unabhängigkeit vom Familienclan zu erhalten, will sich Bahram Moddie selbständig machen. Deshalb investiert er sein gesamtes Vermögen und das seiner Freunde in eine riesige Ladung Opium. Allen Warnungen und schlechten Vorzeichen zum Trotz sticht er in See. Auch nachdem im Sturm ein Teil der Ladung verloren geht, schmälert dieses dramatische Ereignis nicht Bahrams Optimismus, letztlich mit hohen Gewinnen in die Heimat zurückzukehren. Längst ist ihm auch Kanton mehr Heimat als Bombay, denn in der Ausländerenklave Fanqui Town ist er der erfolgreiche, tatkräftige und gastfreundliche Geschäftsmann, der hochgeachtete Mr. Barry Moddie. „In Kanton war Bahram, der vielfachen Umhüllungen von Heim, Familie, Gemeinde, Pflicht und Schicklichkeit ledig, zu einem neuen Menschen geworden, einem, der bis dahin unbemerkt in ihm geschlummert hatte.“ Amitav Ghosh verbindet geschickt ganz verschiedene Handlungsstränge. Und der Leser lernt das komplexe Miteinander zwischen den reichen Ausländern und den vielen Dienstleistern im Umkreis der Enklave kennen. Kommuniziert wird in der Fanqui-Town-Sprache, einer Mischung aus Englisch, Hindi, Gujarati und Chinesisch. Ghosh lässt die chinesischen Mittler, die Händler, Boten, Spione, Waschfrauen, Geliebten in diesem lokalen Idiom sprechen. Die beiden deutschen Übersetzer Barbara Heller und Rudolf Hermstein haben dafür eine hervorragende pidgin-deutsche Entsprechung gefunden.

Neben der düsteren Entwicklung, die der Opiumhandel für den Parsen Bahram und die vielen englischen Kaufleute in Kanton nimmt, führt Ghosh zwei Botaniker zusammen, die ganz andere Schätze in China suchen. Das Mädchen Paulette gehört zu den Bootflüchtlingen auf Mauritius. Sie trifft dort auf einen Engländer, der im Auftrag von Kew Gardens nach einer geheimnisumwitterten Kamelienart sucht. Obwohl der Opiumhändler und die Botaniker so unterschiedliche Interessen verfolgen, bereichern und erhellen sie wie zufällig das Zeitgeschehen. Dank korrupter Beamter und regionaler Fürsten verwandelt sich China langsam in ein Land der Opiumsüchtigen. Trotz aller Verbote gelangen die riesigen Ladungen aus Indien ins Land. Hingegen hüten die Chinesen streng ihre botanischen Geheimnisse. Nur mit einer Genehmigung dürfen Pflanzen exportiert werden. Vor allem sind die chinesischen Botaniker den Engländern in der Pflege und Vermehrung der Pflanzenwelt weit voraus. Mr. Penrose und seine Gehilfin Paulette haben nur ein Bild der Pflanze, nach der sie suchen. Es stammte von dem englischen Botaniker James Cuningham, der Jahrzehnte zuvor China besucht hatte. Damals waren Samenkörner und seine Zeichnungen der chinesischen Flora die ersten grünen Botschafter aus dem Reich der Mitte. „Manche sagten, die abgebildeten Blumen seien die botanischen Entsprechungen mythischer Wesen wie Phönix oder Einhorn. Aber sie irrten natürlich: Mit der Zeit erkannten alle, dass Cuninghames Sammlung viele der bemerkenswertesten Blumen enthalten hatte, mit denen China die ganze Welt beschenkte – Hortensien, Chrysanthemen, Strauch-Pfingstrosen, die ersten öfterblühenden Rosen, Kamm-Schwertlilien, Gardenien, Primeln, Lilien, Taglilien, Astern und Azaleen.“ Während die beiden Botaniker nach der goldenen Kamelie suchen, wartet Bahram in seinem bequemen Haus in Fanqui-Town, dem Ausländerviertel, auf eine Gelegenheit, sein Opium zu Höchstpreisen abzusetzen. Doch die Lage der englischen und indischen Händler wird immer unsicherer. Dass letztlich dem Opiumhandel mit Armeegewalt ein Ende gesetzt wird, lag nicht am Nationalstolz der Chinesen, sondern am riesigen Außenhandelsdefizit. „Gewissenlose Kaufleute aus Guangdong schicken in Absprache mit dem Militär schnelle Boote aus, sogenannte ‚Scrambling Dragons’ und ‚Schnellruderer’, um Silber aufs Meer hinauszubringen und Opium ins Reich zu schmuggeln. Auf diese Weise verliert das Land jährlich Silber im Wert von mindestens dreißig Millionen Tael“ (1 Tael = 37,49 Gramm).

„Der Wert des legalen Handels, also die Einfuhr von Wollsachen und Uhren sowie die Ausfuhr von Tee, Rhabarber und Seide, beläuft sich auf weniger als zehn Millionen Tael pro Jahr. Dieser Abfluss von Wohlstand aus China hat sich zu einer gefährlichen Krankheit entwickelt, und ihre Minister sehen sich außerstande vorherzusagen, wohin das noch führen wird.“ Diesen Brief eines hohen Beamten an den Kaiser von China liest der Privatsekretär dem Kaufmann Bahram Moddie vor. Von diesem Lagebericht bis zum Eingreifen der chinesischen Ordnungsmächte vergehen noch Monate. Es wird gehandelt und gefeilscht um den „Freihandel“, wie es die Engländer nennen – wohlwissend, dass ihre eigene Regierung diese Art von Freihandel nie zulassen würde. Der aufrechte Parse, der so verbissen an sein Recht auf freien Handel glaubt, begreift allmählich, dass seine Sehnsucht nach Eigenständigkeit ihm den realistischen Blick auf politische Entwicklung verstellt hat. Bahrams Hoffnungen versinken im „Rauchblauen Fluss“. Ebenso entlarvt sich der Traum der Botaniker als Trugbild: Die goldene Kamelie war die Erfindung eines englischen Botanikers, um mehr Fördergelder zu bekommen. Zwischen den beiden großen Handlungssträngen hat Amitav Ghosh viele der Schiffbrüchigen sich wiederfinden lassen. Sie sind die Zuträger der vielen Informationen und Geschichten rund um das Geschehen im Fanqui-Town von Kanton.

Am Ende des Romans beginnt der erste Opiumkrieg, den die Engländer gewannen. Danach ging der Opiumhandel in noch größerem Umfang weiter. Davon wird Amitav Gosh sicher in seinem nächsten Buch berichten, denn es gibt ja noch den illegitimen Sohn des Parsen Bahram mit seiner Geliebten, einer Wäscherin auf dem Perlfluss.
Mit diesem historischen Roman erzählt Amitav Ghosh einen Ausschnitt aus der britischen Kolonialgeschichte. Gleichzeitig verbindet er einen Teil der großen Weltgeschichte mit den Lebensverläufen von Menschen, die weit auseinandergetrieben wurden und doch wieder zueinander finden. Diese kleinen Geschichten stehen für ein Weltreich, indem auch ohne Internet alles mit allem vernetzt war, sich Freund und Feind immer wieder fanden. Das Buch basiert auf einer Vielzahl historischer Quellen, die so viele Geschichten enthalten, dass sich Amitav Ghosh fast darin verliert. Es ist ein packender Roman und ein Geschichtsbuch, doch leider fehlt diesem Band eine klare Struktur, weil nicht eine Geschichte mit vielen Beteiligten erzählt wird, sondern viele Berichte, Briefe und Erzählungen das Geschehen vorantreiben. Vielleicht wäre weniger mehr gewesen. Und dennoch ist es lesenswert.

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erstellt am 26.3.2013

Amitav Ghosh

Amitav Ghosh
Der rauchblaue Fluss
Aus dem Amerikanischen von Rudolf Hermstein, Barbara Heller
Blessing Verlag, München 2012
720 Seiten, geb. mit Schutzumschlag
ISBN: 978-3-89667-360-2
Blessing Verlag
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