Faust-Kultur gehört als unabhängige, nichtkommerzielle Autoren- und Künstlerplattform zu den wenigen Qualitäts-Portalen im Netz. Trägerin ist die Faust-Kultur-Stiftung. Wir arbeiten daran, dass www.faustkultur.de weiterhin eine »Kultur-Oase« im Internet bleibt. Sie können uns dabei unterstützen. Spenden sind willkommen!

Bankverbindung der Faust-Kultur-Stiftung:
Nassauische Sparkasse, IBAN: DE89 5105 0015 0159 0420 01, BIC: NASSDE55XXX

Ich möchte für Faust-Kultur spenden


La casa de Thomas Bernhard 1984

Die Erzählung »Kalkwerk«, die Thomas Bernhard 1970 veröffentlichte, wurde bearbeitet, erweitert, überschrieben, von Helmut Oehring mit Musik versehen, auf die Bühne gebracht und dort nicht gerade simpel inszeniert. Das braust in Echtzeit am Zuschauer vorbei, und von der Feinstruktur der künstlerischen Arbeit ist kaum etwas bei ihm angekommen. Deshalb hat der Korrektur Verlag eine Art Arbeitsbuch herausgebracht, das Bernd Zegowitz studiert hat.

Buchkritik

Vorhölle des Lebens

Thomas Bernhards »Kalkwerk« als Libretto

Von Bernd Zegowitz

Dass Thomas Bernhard wirklich an der Wiener Hochschule für Musik und Darstellende Kunst studiert hat – er selbst hat das behauptet -, dafür fehlen die Beweise. Dass die Musik in seinen dramatischen und erzählerischen Texten eine immense Rolle spielt, darüber gibt es keinen Zweifel. Und damit ist nicht nur gemeint, dass einer der Protagonisten in den „Alten Meistern“ Musikphilosoph ist oder dass die Musik Mozarts, Schuberts oder Bruckners immer wieder zum Gesprächsgegenstand seiner Figuren wird, sondern dass die Bernhardsche Sprache mit dezidiert musikalischen Formen arbeitet. Die Bedeutung der Wiederholung als konstituierendes Prinzip ist ebenso evident wie die Verwendung der Variationsform. Er selbst hat das so beschrieben: „Ja, was ich schreibe, kann man nur verstehen, wenn man sich klarmacht, dass zuallererst die musikalische Komponente zählt und dass erst an zweiter Stelle das kommt, was ich erzähle.“

Selten allerdings sind seine Texte bisher vertont worden, und das hat sicher damit zu tun, dass bereits viel Musik drin ist – in Bernhard. Und doch hat sich ein Team um den Komponisten Helmut Oehring an den frühen Roman „Das Kalkwerk“ gesetzt und ein „instrumentales Theater für Streichquintett, Zuspiele und Schauspieler“ geschrieben, das mit Gerhard Rhode eher als szenisch kommentiertes Musikhörspiel zu klassifizieren ist. Das Textbuch stammt von Albert Lang und Irene Rudolf, Mitgliedern des Theater- und Performancekollektivs Parallelaktion, und ist gemeinsam mit einem Gespräch des Produktionsteams, Auszügen aus der Partitur und zwei weiteren Texten aus der Entstehungszeit des Romans (der Büchner-Preisrede von Günter Blöcker und einer Rezension Urs Widmers aus der FAZ) in einer schönen Ausgabe im neu gegründeten österreichischen Korrektur-Verlag erschienen.

Oehring ist ein zurzeit höchst gefragter Komponist, der nicht nur durch seine eigene biographische Situation – er wuchs als Kind zweier gehörloser Eltern auf – ,prädestiniert' ist für eine Verarbeitung von Bernhards frühem Roman, sondern auch deshalb, weil er bevorzugt bestehende Stoffe weiterschreibt, sogenannte „Antwortopern“ komponiert. Gerade wurde in Düsseldorf sein „SehnSuchtMEER“ (siehe Video) uraufgeführt, Oehrings Antwort auf Wagners „Holländer“, verwoben mit Heinrich Heine und Hans Christian Andersen. „Das Kalkwerk“ kam im Februar in Berlin heraus, wurde im März bei der Salzburger Biennale wiederholt und auch in diesem Fall verwandelte Oehring Thomas Bernhard und Musik von Franz Schubert, um dem Text „durch Zitieren, Dekonstruktion, Überschreiben, etwa im Sinne eines Palimpsests,“ eine weitere Bedeutungs- bzw. Reflexionsebene hinzuzufügen, wie es im abgedruckten Gespräch heißt. Prädestiniert ist Oehring deshalb, weil ja der Protagonist des Romans an einer Studie über das Gehör arbeitet (und scheitert), während er permanent mit Tönen und Geräuschen experimentiert, von denen man nicht weiß, ob sie jenseits seiner Wahrnehmung überhaupt existieren.

Die Librettisten haben den Text auf wenige Sprechrollen verteilt, auch den Instrumentalisten Sprechgesang verordnet, Gebärdensprache eingebaut, zusätzlich werden Sound-Collagen und Hörspiele eingespielt: Vogelgezwitscher, Holzhacken.
Dass der Leser bei der Lektüre des Librettos den Überblick nicht verliert, ist der typographischen Gestaltung des Textes zu verdanken: Alle gesprochenen Partien sind in parallel angelegten Spalten abdruckt, sodass nicht nur der Sprecherwechsel markiert ist, sondern auch der Zeitpunkt, an dem eine neue Sprechpassage beginnt: zeitversetzt, gleichzeitig oder abwechselnd. In der ersten Spalte wird die Szene erläutert, in der letzten befinden sich die gesprochenen Texte der Musiker, in den vier mittleren Spalten diejenigen der Schauspieler. Auszüge aus der Partitur geben weniger einen Einblick in die Kompositionsweise des Gesamtwerks als vielmehr in die Verarbeitung von textlichem und musikalischem Material.

Wie wichtig die sinnvolle typographische Präsentation des Textes ist, weiß jeder der Richard Wagners Operndichtungen ohne die nötigen Verseinzüge lesen muss oder italienische Libretti des 19. Jahrhunderts ohne Gedankenstriche im Versinneren, die „entweder eine Gliederung in Sinneinheiten anzeigen oder auf Binnenreime“ (Albert Gier) verweisen. Die Edition des Korrektur-Verlags arbeitet aber nicht nur aus Sicht der Librettoforschung vorbildhaft, sondern erleichtert jedem Leser den Zugang zu einer neuen Bernhard-Vertonung durch die mitabgedruckten Produktions- und Rezeptionszeugnisse. Das ist der richtige Weg, sich mit dem zeitgenössischen Musiktheater lesend auseinanderzusetzen und nicht zuletzt mit Thomas Bernhard.

Kommentare

Kommentar eintragen









erstellt am 26.3.2013

SehnSuchtMEER oder Der Fliegende Holländer (UA) – von Helmut Oehring
Website Helmut Oehring

Helmut Oehring
KALKWERK
Musiktheater nach dem Roman »Das Kalkwerk«
von Thomas Bernhard
Textbuch – Partiturausschnitt – Materialien
Textbuch Albert Lang, Irene Rudolph
80 Seiten
Korrektur Verlag, Mattighofen 2013

Korrektur Verlag