SACRE, Foto: Werner Kmetitsch
Jubiläum

In Graz feiert man Strawinsky, Ravel und Debussy

Von Thomas Rothschild

Vor hundert Jahren wurde in Paris von Sergej Djagilews „Ballets Russes“ eins der erfolgreichsten Balletts aller Zeiten uraufgeführt: Le sacre du printemps zur einprägsamen, rhythmisch aufreizenden Musik von Igor Strawinsky. Die Choreographie stammte vom legendären Waclaw Nijinsky. Die Grazer Oper gedenkt dieses für den Tanz historischen Ereignisses mit einem dreiteiligen Abend unter dem Titel Celebrating Sacre (Sacre feiern wäre den bekanntermaßen englisch sprechenden Steirern wohl zu profan). Neben dem Strawinsky-Klassiker werden zwei zentrale Werke des Impressionismus getanzt, die ebenfalls aus der Zeit unmittelbar vor dem Ersten Weltkrieg stammen: Ravels Daphnis et Chloé und Debussys Prélude à l'après-midi d'un faune mit seinem magischen chromatischen Flötensolo, das Film- und Fernsehmacher so gerne ausbeuten. Alle drei Stücke wurden neu choreographiert, Sacre von dem jungen Engländer James Wilton, Fauno von dem Portugiesen Vasco Wellenkamp und Daphnis vom Leiter der Grazer Compagnie Darrel Toulon.

Höhepunkt ist ohne Zweifel Le sacre du printemps, mit dem der Abend abgeschlossen wird. Der Skandal, den dieses Ballett bei der Uraufführung ausgelöst hat, ist heute nicht mehr zu erwarten. Es ist längst durch radikalere Provokationen überboten worden. James Wilton lokalisiert es in einer düsteren Umgebung, die an ein Gefängnis oder an eine Militärkaserne denken lässt, vielleicht an Abu Ghraib oder an Guantánamo. Heiter oder auch nur dionysisch jedenfalls wirkt diese Choreographie nicht. Seine Schönheit liegt in dem Wechselspiel zwischen Corps de ballet und Solisten. Das Ensemble wird ergänzt durch aus dem Bühnenboden hängende Strohpuppen, die am Ende plötzlich auf den Boden fallen. Danach stürzen auch die Rohre, die die Bühne begrenzt haben, wie Mikadostäbchen zusammen (Bühne und Kostüme: Vibeke Andersen).

Die anderen beiden Ballette konzentrieren sich stärker auf die Solisten, unter denen sich Bostjan Ivanjsic als Daphnis und als Faun besonders profilieren darf. Der Nachmittag eines Fauns kommt ganz ohne Corps de ballet aus. Für das intime Stück im Halbdunkel wurde ein eher romantisch-symbolistischer als ein impressionistischer Raum geschaffen, mit Vollmond und den Umrissen von Bäumen. Hier könnte auch Arnold Schönbergs Erwartung spielen. Daphnis hingegen, mit seinen wechselnden Konstellationen von Paaren und Solisten, ein ständiges Fließen von sich schlängelnder Annäherung und abrupter Abstoßung, findet auf einer Drehbühne statt, in deren Hintergrund eine segelförmige, steil ansteigende schräge weiße Fläche die reichlich genutzte Gelegenheit zum Hochhangeln und Abgleiten liefert. Sowohl Daphnis, wie auch Fauno beginnen stumm, mit unbegleitetem Tanz, einem schon beim Hochgehen des Vorhangs stolzierenden Pan im ersten und einem offenbar kopulierenden Liebespaar im zweiten Fall, ehe das Orchester zum Zug kommt. Wie denn überhaupt recht freizügig mit erotischen Anspielungen umgegangen wird: eine Erinnerung an ein Tradition, die vor hundert Jahren noch zu schockieren vermochte?

Dass Aufzeichnungen auch beim Ballett kein voller Ersatz für ein Orchester sind, wurde an diesem Abend einmal mehr deutlich. Das Grazer Philharmonische Orchester in großer Besetzung, für die der Graben nicht ausreichte und die sogar die Proszeniumslogen in Anspruch nahm, und der Chor der Grazer Oper bewiesen unter der Stabführung des Venezuelaners Domingo Hindoyan eine beeindruckende Präsenz und eine beachtliche Präzision, insbesondere bei den Bläsern, denen viel abverlangt wurde. Schließlich handelt es sich nicht um Gelegenheitskompositionen für Tänzer, sondern um Meilensteine der Musik des frühen 20. Jahrhunderts. Ihr in dieser Interpretation zuzuhören, sollte selbst Verächter des Balletts begeistern.

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erstellt am 22.3.2013

DAPHNIS, Foto: Werner Kmetitsch

CELEBRATING SACRE

100 Jahre »Le sacre du printemps«

Choreographien von Darrel Toulon, Vasco Wellenkamp und James Wilton
Musik von Maurice Ravel, Claude Debussy und Igor Strawinsky

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Oper Graz