Jan Albers
Jan Albers
Ausstellung in Gießen

Das Werk von Jan Albers

Von Dagmar Klein

Es ist das Konzept der Gießener Kunsthallenleiterin, Dr. Ute Riese, unterschiedliche Positionen zeitgenössischer Kunst zu zeigen. Derzeit ist eine Variante der Konzeptkunst zu sehen, nach Gerhard Merz (2010) und Lori Hersberger (2012) die dritte. Es ist ein „Best of“ des Düsseldorfer Jan Albers (geb. 1971) geworden, wie er selbst mit einigem Stolz bei der Vorbesichtigung sagte. Die gut 30 Arbeiten in unterschiedlichen Formaten sind weitgehend Leihgaben aus Museen und Sammlungen.

Er hat die Hängung in der Kunsthalle im Rathaus selbst vorgenommen und dabei nichts dem Zufall überlassen. Für ihn gehört auch die Raumgestaltung zur künstlerischen Setzung, und dabei macht er einiges anders als es Kuratoren üblicherweise tun. Beim Betreten der großen Kunsthalle steht der Besucher etwa vor einer Wand, eine von zweien, die wie „Trennriegel“ im Raum stehen und eine Art Parcours entstehen lassen. Alle Längswände wurden mit einem mittelgrauen Anstrich versehen. Auch die Hängung der unterschiedlichen Formate ist eher ungewöhnlich: an die Ränder gerückt, seitlich und nach unten, klein hängt neben groß, und dann noch diese merkwürdigen Akzente durch in den Raum ragendes Rohrgestänge. „Behinderungskunst“ nennt er das. Auch die Plexiglaskästen, die über fast alle Arbeiten gestülpt sind, stammen vom Künstler selbst. Natürlich sind sie auch Schutz für die dreidimensionalen Arbeiten, bedeuten aber primär „eine deutliche künstlerische Setzung“.

„Meine künstlerische Haltung ist die der Anti-Malerei“, erklärt er. Seit der Akademie ist für ihn klar, dass das Malen auf Leinwand nichts für ihn ist. Er will mit dem Material arbeiten, will „Bilder bauen“. Das bedeutet, er stanzt und locht Papiere, biegt Rohre und presst Metall, Fahrräder etwa. „In meinem Atelier sind es oft chaotisch aus“, lacht er. Denn zunächst wird alles auseinander genommen, sozusagen zerstört (dekonstruiert), und dann neu zusammengesetzt (rekonstruiert).

Dieses Arbeitsprinzip begann mit großformatigen Zeichnungen, bei denen er Fehler durch Hinzufügen oder Wegnehmen beseitigte. Dann merkte er, dass die Bilder genau durch dieses Verfahren die Bilder interessant wurden, also machte er es zum Arbeitsprinzip. Er fertigte große Collagen, die zunehmend dreidimensional wurden. Er bog Rohre über dem Knie zurecht und arrangierte sie zu linearen Stukturen. Häufig ist der Bilduntergrund eine Art Schachmuster, das aus regelmäßig verflochtenen Papierstreifen besteht. Auf dieses Quadratraster bringt er verschiedene Materialien auf, seien es glasierte Keramikscherben oder Makramé ähnliche Schnürungen. Eine andere Version sind die aus Holz gearbeiteten Reliefs, auf der Farb sprüht nach dem Prinzip des fließenden Farbverlaufs.

Durch dieses Prinzip des „From Dusk Till Dawn“ (von der Abenddämmerung bis zum Morgengrauen) erhalten auch die abstraktesten Bilder landschaftsartige Anmutung. Das wiederum fasziniert ihn, denn er will Kunst „nicht nur zwischen den Ohren“, sprich konzeptionell machen, sondern immer den Bezug zur Realität erhalten. Aus dem gleichen Grund verwendet er Rundsticker (Badges) in den gebauten Bildern. Er macht die Anstecker selbst, nutzt dafür Illustriertenfotos und Symbole, etwa von Amnesty International oder der Anti-Atomkraft-Bewegung. Wenn in einem gepressten Geflecht aus schwarzen Rohren plötzlich Badges mit dem Gesicht von Nelson Mandela erkennbar werden, dann steht das Ganze für Unterdrückung in Südafrika. „Apartheid war ein wichtiges Thema in meiner Kindheit.“ Seine Eltern waren als Missionare in Namibia. „Das ist vielleicht ein verspätetes Echo meiner Biografie“, so seine Selbsteinschätzung. Doch funktioniert es auch unpolitisch, mit dem Rückgriff auf die Kunstgeschichte: Lochpapier mit voneinander abgegrenzten Farbflächen wird durch zwei Sticker mit Augen und einem mit Lippen plötzlich zum Gesicht. Und Kunstkenner fühlen sich an die abstrakten Gesichtsbilder von Jawlensky erinnert (siehe Museum Wiesbaden).

Jan Albers studierte an der Kunstakademie Düsseldorf, er erhielt diverse renommierte Auszeichnungen wie den Pollock-Krasner Award und das Goslarer Kaiserring-Stipendium, er stellt seit mehr als zehn Jahren auf internationaler Ebene aus. „Jan Albers gehört zu den zentralen Positionen des heutigen Diskurses abstrakter Kunst“, so Dr. Riese in ihrem Beitrag zum eigens entstandenen Katalog (Distanz Verlag). „Klare konzeptionelle Strategien und das witzig-intelligente Spiel mit unterschiedlichsten künstlerischen und außerkünstlerischen Kontexten“ faszinieren an seinen Arbeiten.

Dagmar Klein, geboren Mitte der 50er Jahre im Herzen des Ruhrgebiets, seit 1980 in Gießen/Mittelhessen, seit 1992 freie Kulturjournalistin und Buchautorin, Gutachterin im Denkmalschutz und Stadtführerin.

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erstellt am 21.3.2013

Jan Albers, Feed me
Jan Albers, Feed me

JAN ALBERS
UP & DOWN

Bis 31. März, im Rathaus am Berliner Platz in Gießen,
Di-So 10.30-17 Uhr. Eintritt frei. Führungen auf Anfrage.

Kunsthalle Gießen

Jan Albers, Gesicht
Jan Albers, Gesicht
Jan Albers, Holzrelieff
Jan Albers, Holzrelieff
Jan Albers, Rohre und Schattenwurf
Jan Albers, Rohre und Schattenwurf

Fotos © Dagmar Klein