ARMADILLO

Mehr und mehr wird man gewahr, wie man hörend seine eigenen Körperbewegungen einpasst in die suggestive Gestik, die von dieser Musik ausgeht. Robyn Schulkowskys CD »Armadillo«

CD-Kritik

Schöpfung und Tanz

Robyn Schulkowskys »Armadillo«

Von Bernd Leukert

Man wird gleich hineingeworfen in das vibrierende Räderwerk dieser Komposition für drei Perkussionisten. Und mehr und mehr wird man gewahr, wie man hörend seine eigenen Körperbewegungen einpaßt in die suggestive Gestik, die von dieser Musik ausgeht. Armadillo ist der Name eines Tanzes, der im Epos der Mayas, dem Popul Vuh, beschrieben ist und die Schöpfung, die Geschichte der Götter und vielleicht der Menschen nachvollzieht. Armadillo ist auch der Titel einer CD, die schon allein mit ihrem Cover, das einen Ausschnitt der Dresdner Maya-Schrift zeigt, darauf bezogen ist. Die Komponistin und Perkussionistin Robyn Schulkowsky hat „Armadillo“ als viersätziges Stück angelegt, wobei die drei letzten Stücke, genau besehen, eigenständig, also ohne thematische oder strukturell-methodische Bezüge zum ersten, klingen.

Tatsächlich sind es drei Beispiele dafür, wie mit reduzierten Mitteln musikalische Spannung erzeugt werden kann: eins breitet nur auf Fellen treibende Patterns aus, das nächste lotet den Klangraum zwischen den sprühenden Partialtönen des Tam-Tams und den Erdbeben-nahen Schallwellen der Baßtrommel aus, das dritte auf dieser vibrierenden Grundlage mit agitierenden Besen auf der Snare. Das sind etwa fünfminütige Pretiosen, die allein eine gute Stereoanlage zur Hochleistung animieren. Das starke Stück ist aber der über 42 Minuten dauernde erste Teil. Eingerahmt von knapp gehaltenen Intro und Finale bauen sich aus anfänglich zart getupften Dialogen Strukturen auf, die, sich verdichtend, zu kraftvollen rhythmischen Einheiten sich verzahnen, sich überlagern und immer wieder zu neuen Strukturen fortschreiten. Robyn Schulkowsky hat 17 Jahre an diesem Stück gearbeitet. Mit ihren Trio-Partnern hat sie immer wieder Fragmente erprobt und verändert – „Armadillo“ ist das Resultat eines langen, selbstkritischen und skrupulösen Arbeitsprozesses. Daran beteiligt waren zwei Schlagzeuger, mit denen Schulkowsky seit langem zusammenarbeitet.

Der vielseitige Fredy Studer, der in Luzern lebt, mit Jazz, Rock und freier Improvisation eine beträchtliche Anzahl von Platten und CDs veröffentlicht hat, spielte 1987 im Robyn Schulkowsky Ensemble mit und lernte die Musik von Charles Ives, Steve Reich, Edgard Varèse und John Cage kennen. Er zählt zu den internationalen Koryphäen seiner Zunft wie der New Yorker Schlagzeuger Joey Baron, der mit John Zorn, Steve Kuhn, Bill Frisell oder John Abercrombie spielte und für die phantasievolle Erweiterung des instrumentalen Ausdrucks bekannt ist. Beide sind hervorragende Musiker, die ihr Instrument souverän beherrschen und fähig sind, einen solch dezenten, zärtlichen, ja intimen Austausch perkussiver Signale zu gestalten, die zu den wunderbaren Momenten dieser Musik gehören. Robyn Schulkowsky, die bekannte, daß sie erst durch die „magical combination“ von Fredy Studer und Joey Baron in der Lage war, „Armadillo“ zu komponieren, ist nun selbst eine herausragende Musikerin in der an Perkussionisten nicht armen Musikszene. Geboren ist sie in South Dakota, hat nach klassischer Ausbildung als Solo-Perkussionistin gearbeitet und nicht nur in Deutschland, wo sie seit Anfang der 8oer Jahre lebt, eine Vielzahl von Kompositionen der Neuen Musik uraufgeführt. Sie tritt auf fünf Kontinenten auf und hat mit Sofia Gubaidulina, Karlheinz Stockhausen, Christian Wolff (der den informativen und einfühlsamen Booklet-Text verfaßt hat), John Cage, Morton Feldman und Iannis Xenakis zusammengearbeitet. Mehr und mehr ist sie mit eigenen Kompositionen aufgetreten, etwa mit „Dinosaur Dances“ zusammen mit Joey Baron. Wer das hervorragend produzierte „Armadillo“ mit seinen gegeneinander sich verschiebenden rhythmischen Schichten hört, ahnt vielleicht, daß es nur mit der „magical combination“ dieser drei Künstler möglich war, die progressiven Patterns so präzise in eine dynamisch differenzierte Balance zu bringen. Das Volk der Maya würde tanzen.

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erstellt am 20.3.2013

Robyn Schulkowsky
Armadillo
Robyn Schulkowsky, percussion; Fredy Studer, Joey Baron, drums.
CD New World Records 80739-2
2013 Anthology of Recorded Music, Inc.

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