Vierteljährig erscheint eine neue Weltempfänger-Bestenliste, aus der die Chefredakteurin der Zeitschrift LiteraturNachrichten, Anita Djafari, ihren favorisierten Buchtitel auswählt und den Faust-Lesern vorstellt.

Lese-Entdeckung

Anita Djafaris Buchtipp

Weltempfänger 18Hiromi Kawakami »Bis nächstes Jahr im Frühling«

Stumme Szenen einer eigentlich noch jungen Ehe. Nouyri erfährt durch einen anonymen Anruf, dass ihr Mann Takyua eine Affäre hat. Doch es gibt kein Gezeter, keine Anklagen und Beschuldigungen, keine Diskussionen oder gar handgreiflichen Szenen. Kurz: hier spielt sich kein Drama ab. Im Gegenteil. Die Beziehung, das Zusammenleben der beiden Menschen erschien mir beim Lesen wie ein ruhiges Gewässer, das hinplätschert, wobei plätschern schon beinahe zu geräuschvoll wäre. Vielleicht ist ein leichtes Kräuseln auf der Oberfläche dieses Sees zu bemerken, als Nouyri die „Nachricht” erhält. Der Leser begleitet sie, ist gewissermaßen stets an und damit auf ihrer Seite. Aber auch unter der Oberfläche bleibt es verhältnismäßig ruhig. Nouyri war auch vorher nicht recht zufrieden mit der Eintönigkeit und Leidenschaftslosigkeit ihrer Ehe. Sie hatten immer schon wenig miteinander gesprochen, und wenn doch, hatten sie sich vielleicht gar nicht so recht verstanden? Auch der Sex mit ihrem Mann bedeutete ihr nicht viel. Aber jetzt? Jetzt bemerkt sie, dass sie an diesem Menschen hängt, dass sie nicht bereit ist, diese Ehe aufzugeben. Auch nicht, als sie erfährt, dass die Geliebte ihres Mannes schwanger war, das Kind abgetrieben hat. Plötzlich sieht sie sich mit ganz und gar existenziellen Fragen konfrontiert. Am Ende lässt sie sich auf einen Ausflug mit Takuyu nach Fukushima ein – lange vor der Atomkatastrophe ein besonderer Ort. Ob das zur Versöhnung, zu noch größerer Verstörung, zur Katastrophe oder zur Emanzipation führt, das wird hier auf keinen Fall verraten. Ich empfehle die Lektüre dieses stellenweise poetischen Romans, der in einer glasklaren Sprache, in wunderbarer Übersetzung, nicht nur die Sprachlosigkeit, sondern die ganz großen Fragen menschlichen Zusammenlebens auf unaufgeregte Weise thematisiert.

Hiromi Kawakami liest

Auszug aus »Bis nächstes Jahr im Frühling«

Heumond

»Heute Abend muss ich mit Taku reden«, dachte Noyuri zum x-ten Mal, seit sie aus Okinawa zurück war.
Die Affäre mit Satomi ging jetzt schon ein halbes Jahr. Die Jahreszeit, in der man in Tokio kurzärmlige Kleidung trug, war angebrochen. Kopfschüttelnd verschränkte Noyuri die Arme. Ihre Wangen glühten, aber ihre Arme waren kühl.
Heute Abend, heute Abend auf jeden Fall, ganz bestimmt
heute Abend.
Um ihren Entschluss nicht zu vergessen, hatte sie von dem Notizblock für die Einkaufslisten, der in der Küche lag, ein Blatt abgerissen und mit blauem Kugelschreiber »Reden. Bestimmt!« darauf geschrieben. Das »Bestimmt« hatte sie zwei Mal durchgestrichen und stattdessen »Unbedingt« geschrieben.
Ich bin noch immer wie ein Kind, dachte sie und umschloss ihren Körper mit beiden Armen. Das »Un« von »Unbedingt« war etwas schief geraten.
Langsam löste sie die Arme und legte sich das Blatt so vorsichtig auf die Handfläche, als wäre es ein kleiner Vogel. Nach kurzem Zögern ballte sie die Hand und zerknüllte das Papier.

Als sie aus der kleinen Kanne einschenkte, vergoss sie etwas Tee.
»Entschuldige«, sagte sie. Takuya nickte nur stumm.
Kaum hatte er sich an den Esstisch gesetzt, als aus dem Fernseher lautes Gelächter ertönte. Er wandte seine Aufmerksamkeit kurz dem Fernseher zu, richtete den Blick aber dann sofort wieder auf seine Teeschale.
»Also«, sagte Noyuri.
Takuya schwieg und blickte auch nicht auf. Noyuri unterdrückte das Gefühl, abgewiesen zu werden, und fuhr fort.
»Also, es gibt etwas, das ich dich fragen möchte, Taku.«
Takuya blieb weiter stumm. Noyuri starrte auf seinen gesenkten Kopf. Er hatte zwei Wirbel. Menschen mit zwei Wirbeln seien stur, hatte Makoto einmal gesagt.
»Schon die ganze Zeit will ich dich das fragen.«
Takuya schaute immer noch nicht auf. Wenn er sich den Kopf gewaschen hatte, wirkten seine Haare weich und verstrubbelt, aber wenn er wie jetzt aus der Firma kam, waren sie hart und störrisch.
»Wann hättest du es mir gesagt ?«
Takuya hob seinen Kopf wie etwas sehr Schweres. Er öffnete halb den Mund. Aber er sprach nicht. Dann blickte er kurz wieder nach unten. Sein Scheitel, der am Morgen nicht scharf gezogen war, bildete jetzt eine präzise Linie von seiner Schädelmitte bis zur Stirn.
»Ich hasse diese Anrede«, nuschelte Takuya und hob nur halb den Kopf.
»Welche Anrede ?«, fragte Noyuri.
»Eben, wie du mich anredest.«
»Du meinst, dir gefällt nicht, dass ich ›Taku‹ sage?«
Takuya nickte langsam.
Noyuri wurde verlegen. Sie hatte geahnt, dass ihre Aussprache mit Takuya schwierig werden würde. Aber dass sie gleich zu Anfang an so etwas scheitern würde, hatte sie nicht erwartet.
»Gut. Wie soll ich dich nennen ?«, fragte Noyuri, während
sie sich selbst gut zuredete, nicht aufzugeben und durchzuhalten.
»Takuya oder so, ganz normal eben«, sagte er so leise, dass sie ihn kaum verstand.
»Gut, ganz normal, Takuya«, wiederholte Noyuri, während sie ihr Unwohlsein unterdrückte. »Ich kann ganz normal Takuya zu dir sagen.«
Takuya nickte schwach. Wieder senkte er den Blick.
Noyuri biss die Zähne zusammen. Durchhalten und nochmals durchhalten, wiederholte sie in Gedanken.
Doch sooft Noyuri den Namen Takuya aussprechen wollte, schien ihre Zunge ihr den Dienst zu verweigern.
Natürlich wusste sie, dass ihr Mann Taku eigentlich Takuya hieß, aber sie dachte so gut wie nie unter diesem Namen an ihn. Der Mann, der da vor ihr saß und mit dem sie zusammenlebte, war ihr Taku. Nur so dachte sie an ihn.
Beim Klang des Namens »Takuya«, veränderten sich die Umrisse des Mannes, der eigentlich Taku sein sollte. Zuerst wurde sein Kinn ganz kantig. Dann fielen seine Schultern herab. Die Linie seiner Lider wurde dicker, seine Beine wurden von den Knien an länger und die Oberschenkel kürzer.
Takuyas Gestalt veränderte sich, als wäre sein ganzer Körperbau ein anderer.
»Hat dich das die ganze Zeit gestört ?«, fragte Noyuri.
»Am Anfang hat es mir gefallen«, antwortete Takuya nachdenklich.
Ein Gesicht, das ich nicht kenne, dachte Noyuri.
»Du hättest mir das früher sagen sollen.«
»Ich dachte, es wäre unhöflich.«
Unhöflich ? Was soll das denn ?, schrie es in Noyuri.
»Ich glaube, irgendwann, als wir in Tsukiji Tempura gegessen haben, habe ich zu dir gesagt, dass ich dich auch jetzt noch liebe«, sagte Noyuri sehr leise und ohne Luft zu holen.
Sie saß sehr aufrecht und korrekt da, als würde sie jemandem eine Predigt halten. Bei dem Namen Takuya verhaspelte sie sich ein wenig, aber alles andere äußerte sie präzise. Nur ihre Schultern fühlten sich kraftlos an.
Takuya verfiel wieder in Schweigen. An seiner veränderten Gestalt hatten nur die beiden Wirbel auf seinem Schädel ihren ursprünglichen Zustand bewahrt.
»Irgendwann hast du mal gesagt, ich hätte Augen wie ein Fisch, Taku. Das stimmt nicht. Überhaupt nicht.«
Noyuri merkte gar nicht, dass sie ihn schon wieder Taku nannte. Takuya schwieg. Er hob den Blick, dann sah er wieder nach unten. Dann blickte er erneut auf.
»Ich verdiene deine Liebe nicht«, sagte er.
Noyuri musterte ihn.
Ergeben fing er ihren Blick auf. Aus seinen Pupillen starrte Noyuri ihr eigenes Spiegelbild entgegen.
Taku, komm zurück, flehte Noyuri in Gedanken. Ausdruckslos fuhr Takuya fort, Noyuri in seinen Pupillen zu spiegeln.
Schließlich hatte Noyuri an jenem Abend dreißig Minuten mit Takuya verbracht.
Stets aufs Neue hatte Noyuri wiederholt, dass sie Takuya noch liebe. Takuya hatte genickt oder nicht genickt und nur »aha« gesagt.
Vielleicht hat er ein schlechtes Gewissen, dass er keine Reaktion zustande bringt, dachte Noyuri, während sie sich selbst als unverbesserliche Optimistin verhöhnte.
Zuletzt konnte sie es nicht mehr ertragen und stand auf, um das Bad anzuheizen. Während Noyuri die Wanne ausspülte, war sie dankbar, dass es auf dieser Welt so etwas wie Hausarbeit gab.
Takuya ließ ihr den Vortritt. Als sie nach einem hastigen Bad herauskam, telefonierte Takuya gerade auf dem Handy.
Mit Satomi? Noyuri erstarrte.
»Gut, dann als Erstes morgen früh«, hörte Noyuri ihn sagen. Stocksteif stand sie da.
»Das Bad ist jetzt frei«, sagte sie leise.
Warum sage ich ihm das überhaupt, er weiß doch, dass ich nicht mehr im Bad bin. Ich stehe ja hier. (Aber man sagte ja auch »ich fange jetzt an« vor dem Essen und »das hat gut geschmeckt«, wenn man fertig war. Oder »ich bin wieder da«, wenn man nach Hause kam, und »gute Nacht«, wenn man zu Bett ging. Sagte man nicht sogar bei der Hochzeit etwas Ähnliches wie »ich verspreche, dich ewig zu lieben«?)
Auch wenn Begrüßungen und Ehegelöbnisse nicht ganz das Gleiche waren, wurden doch beide irgendwann sinnlos. Ihre Bedeutung ging verloren.
Ohne etwas zu sagen, ging Takuya ins Bad. Er schloss geräuschvoll die Tür, und sogleich begann die Dusche zu rauschen. Fünf Minuten später kam er ins Zimmer zurück. Sein Haar tropfte.
Er hat nur geduscht. Er will nicht das gleiche Badewasser benutzen wie ich. Tränen stiegen ihr in die Augen. Aber ich muss durchhalten, unbedingt. Ich muss Taku entgegentreten.
Takuya kehrte ihr den Rücken zu. Leichter Dampf stieg von ihm auf. Sie wäre gern zu ihm hingelaufen und hätte ihre Wange an seinen Rücken geschmiegt. Aber natürlich tat sie es nicht. Plötzlich sah sie Eiji vor sich. Er war nicht hier, aber an seinen Rücken hätte sie ihre Wange ohne Weiteres legen können. Wieso konnte sie das bei Takuya nicht?
Takuya trocknete sich ausgiebig ab. Zahlreiche Tropfen fielen auf den Boden. Sie bildeten kleine Pfützen. Wenn er darauf trat, verloren sie ihre Oberflächenspannung und liefen großflächig auseinander.
Noyuri starrte auf die Wasserflecken wie auf etwas sehr Unheilvolles.
Ein Mensch, der zu Hause ist, wird vom Telefon beherrscht, dachte Noyuri mitunter.
Seit dem Morgen hatte drei Mal jemand angerufen. Einmal war es die Stellenvermittlung des Instituts, an dem sie den Buchhaltungskurs belegt hatte. Der zweite Anruf kam von einem neuen Nagelstudio am Bahnhof. Beim dritten Mal war es Takuyas Mutter Eiko.
»Entschuldige den Überfall«, sagte sie zur Einleitung.
Noyuri versuchte, ihrer Aufregung Herr zu werden, indem sie den Hörer ein wenig von ihrem Ohr entfernt hielt.
»Stimmt es, dass Takuya versetzt wird ?«
Das kam unerwartet. Noyuri stockte kurz der Atem.
»Versetzt ?«
Eiko merkte, wie überrascht Noyuris Stimme klang.
»Weißt du noch gar nichts davon ?«, erkundigte sie sich hastig.
Noyuris Atmung setzte wieder ein.
»Er war gerade erst bei uns und hat es uns erzählt«, sagte Eiko.
Takuya hatte in der Woche zuvor bei seinen Eltern vorbeigeschaut. »Er lässt sich ja selten blicken, und wenn, dann redet er nur von sich«, sagte seine Mutter in scherzhaftem Ton.
Die Schwiegereltern mochten Noyuri. Im Gegensatz zu Takuya war sein Vater Ikuya ein gesprächiger Mann. Als Noyuri zum ersten Mal bei ihnen zum Essen eingeladen war, hatte Ikuya sich schrecklich betrunken und mit knallrotem Gesicht ihre Hand gedrückt.
»Passen Sie gut auf Takuya auf, Fräulein Noyuri«, hatte er immer wieder gelallt.
Eiko hatte ein sehr unkompliziertes Wesen.
»Ich habe so viel zu tun, ich glaube nicht, dass ich euch beim Umzug helfen kann, aber im Notfall sagt ihr mir Bescheid, ja?«
Eiko war Mathematiklehrerin an einer städtischen Oberschule.
»Kaum hat man sich an die Schüler gewöhnt, wird man an eine andere Schule versetzt.« Auch wenn sie sich über solche Dinge beklagte, unterrichtete Eiko sehr gern.
»Meine Mutter liebt ihre Schüler mehr als mich«, hatte Takuya einmal gesagt. Und obwohl Noyuri ihm empört widersprochen hatte, hielt sie das durchaus für möglich.
Eiko pflegte über tausend Neujahrskarten zu bekommen. Die Absolventen aller möglichen Oberschulen teilten ihr mit, wenn sie nach dem Examen eine Anstellung gefunden, wenn sie geheiratet hatten und manche auch, wenn sie sich scheiden ließen oder die Stelle wechselten. Als Noyuri und Takuya am ersten Neujahr nach der Hochzeit die Eltern besucht hatten, war sie völlig verblüfft über den turmhohen Stapel von Neujahrskarten gewesen.
»Ja, vielen Dank für das Angebot«, antwortete Noyuri.
»Na dann«, sagte Eiko unbekümmert und legte rasch auf. Ohne noch ein wenig zu plaudern oder über das Wetter zu reden.
»Versetzt«, murmelte Noyuri, nachdem sie aufgelegt hatte.
Die Ratlosigkeit, die von ihr Besitz ergriffen hatte, wollte
lange nicht weichen.

© Carl Hanser Verlag, München 2013

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erstellt am 20.3.2013

Platz 5 der litprom-Bestenliste
Weltempfänger

Hiromi Kawakami
Bis nächstes Jahr im Frühling
Roman
Übersetzt aus dem Japanischen von Kimiko Nakayama-Ziegler, Ursula Gräfe
Fester Einband, 224 Seiten
ISBN 978-3-446-24128-2
Hanser Verlag

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Hiromi Kawakami, 1958 in Tokio geboren, studierte Naturwissenschaften und unterrichtete Biologie, ehe 1994 ihr erster Roman erschien. Ihre Bücher wurden mit zahlreichen japanischen Literaturpreisen ausgezeichnet, und sie zählt zu den populärsten Schriftstellerinnen Japans. Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß (2008) war ihr erster Roman auf Deutsch, es folgten Herr Nakano und die Frauen (Roman, 2009) und Am Meer ist es wärmer (2010).