Reihe: Lusophone Literatur II

Der Übersetzer und Literaturagent Michael Kegler betreut inhaltlich den Schwerpunkt »Lusophone Literatur« auf Faust-Kultur. Er stellt die Autoren und Autorinnen in einführenden Porträts, Gesprächen und Textauszügen vor. Hier lesen Sie einen bisher noch nicht auf Deutsch publizierten Text des angolanischen Autors Ondjaki.

Ondjaki und Michael Kegler bei einer Lesung in Frankfurt
Ondjaki und Michael Kegler bei einer Lesung in der Buchhandlung TFM - Centro do Livro ; Foto: Petra Noack (TFM)

Ondjaki war einmal das Wunderkind der angolanischen Literatur, als er zur Jahrtausendwende begann, Texte zu veröffentlichen. Seinen ersten Roman schrieb er auf Bestellung in nur wenigen Wochen und begründete damit früh seinen Ruhm: „Bom Dia, Camaradas (Dt. mit gleichem Titel, übers.: Claudia Stein, Nord-Süd 2006) – ein Roman über das Aufwachsen unter der Zeitenwende 1989/90, als auch in Angola die Uhren plötzlich anders zu schlagen begannen und für den Protagonisten, der weiter alle Leute mit „Guten Morgen, Genossen!“ begrüßt, eine Kindheit zu Ende geht.

Mit kaum 25 Jahren hatte er schon fast alles gemacht, was eine Schriftstellerkarriere begründet: Ein Studium der Soziologie abgeschlossen, Theater gespielt, Bilder ausgestellt und vor allem geschrieben: Gedichte, Erzählungen, eine Novelle, einen Roman und immer wieder Geschichten aus dem Angola (s)einer Kindheit, in der die Großmutter wichtiger war als die Weltgeschichte und ein Fahrrad durchaus einen Schnurrbart trägt …

Auch wenn ihm Neider gern vorwerfen, sein Werk sei „uneinheitlich“ (ein böses Wort für vielfältig!) und viele seiner Bücher (vor)schnell in die Jugendbuchecke gestellt (und als solche mit höchsten Preisen bedacht) werden, ist der inzwischen 35jährige Ondjaki mittlerweile einer der wichtigsten angolanischen Gegenwartsschriftsteller mit 15 veröffentlichten Büchern und Übersetzungen in diverse Weltsprachen. Sein jüngstes Buch „Os Transparentes“ (Dt.: Die Durchsichtigen) ist wieder ein Roman – sein dritter (zählt man die großartige Novelle „O Assobiador“ von 2002 mit), der mit seinen 425 Seiten das Zeug zu einem neuen Klassiker der angolanische Literatur hat.

Schauplatz ist ein heruntergekommenes Hochhaus in Luanda, in dem sich die unterschiedlichsten sozialen Schichtungen dieser turbulenten und von der Geschichte gebeutelten Stadt buchstäblich auf die Füße treten, während Luanda brennt, weil gierige Geschäftsleute und Politiker unter der Stadt Erdöl fördern wollten. Nur das Hochhaus wird noch verschont, weil seit Jahrzehnten die Wasserleitungen undicht sind, und das Wasser unaufhörlich die Treppen hinunterrinnt.

„Das in Os transparentes gezeichnete Bild des Nachkriegsluanda vereint sozialkritische und fantastische Facetten, ist zugleich tragisch und lebensbejahend. Lyrische Stimmung, Humor und scharfe Satire stehen in keinem Widerspruch zueinander“, schreibt Vera Kurlenina in ihrer vorzüglichen Rezension auf www.novacultura.de

Im vergangenen November wurde der Roman noch vor der offiziellen Premiere in der portugiesischsprachigen Buchhandlung TFM – Centro do Livro in Frankfurt vorgestellt.

Auszug

Maianga-Gebäude

              der Ton der Sirene war bis hoch in den sechsten Stock noch zu hören
              der Minister in seinem Auto sagte dem Fahrer, er solle anhalten, eine Runde um den Block fahren, wenn er abgeholt werden wolle, werde er anrufen
              nur dass der Minister gar nicht abgeholt werden wollte
              – sicher, dass es das Haus ist? – fragte er noch beim Aussteigen
              – es ist genau dieses hier, sehen Sie das Loch, Camarada Minister?
              – natürlich
              – das ist das Maianga-Gebäude mit dem Loch im Parterre, es ist schon sehr alt, dieses Loch, Chef, soll ich Ihnen die Geschichte erzählen …
              – jetzt nicht – unterbrach ihn der Minister und stieg aus
auch der Leibwächter machte sich bereit, doch der Minister schickte ihn sofort wieder zurück
              – aber Chef …
              – das ist ein Befehl, geht mir aus den Augen
              der Leibwächter stieg hastig ins Auto zurück, ohne sich umzusehen, die Straßenhändlerinnen staunten über die Kleidung des Ministers
              der Fahrer schaltete die Sirene aus, trat aufs Gas, es war Stau, die Autos kamen fast nicht vom Fleck. eine Runde um den Block, oder auch zwei, konnten länger als eine Dreiviertelstunde dauern. ein Polizist erkannte das Regierungsfahrzeug am Nummernschild und wollte ihn durchwinken
              doch der Fahrer verneinte mit den Augen, der Polizist wunderte sich
              der Minister erreichte das Haus und wischte sich erst einmal den Schweiß von der Stirn, stopfte sein gelbes Taschentuch zurück in die Tasche, drang hinein in die Dunkelheit, stieg die Stufen hinauf, horchte auf das Tropfen des Wasser und wartete, bis seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt hatten, er genoss mit den Händen die Kühle
              – bist du da?
              eine Art Stille antwortete auf die tiefe Stimme des Ministers, er ging weiter, seine Schuhe waren bereits durchnässt
              – und Jesus soll übers Wasser gewandelt sein!, einen Scheiß ist er gewandelt! – schimpfte er
              als er Geräusche im Treppenhaus hörte, suchte er sich seitlich an einer riesigen Säule zu verbergen, ein viel zu melodiöses Pfeifen ging dem voran, der da kam
              der Minister erschrak vor seinem eigenen Atmen, wurde sich plötzlich bewusst, dass er sich versteckt hatte, noch dazu an einem völlig unpassenden Ort für einen Minister in teurem Anzug, feiner Seidenkrawatte und in Paris gekauften Schuhen
              also beschloss er zu handeln, trat aus seinem Versteck heraus und erkannte durch das gräuliche Zwielicht hindurch eine Gestalt, die auf ihn zukam. er beschloss, etwas zu sagen, in herrischem Ton
              – wer da? Geben Sie sich zu erkennen, sofort!
              er hörte, wie die andere Gestalt innehielt
              und wartete
              die Gestalt stellte etwas auf dem Boden ab
              – ich wollte gerade gehen, ich bin der Briefträger ohne Fahrrad oder Motorrad, nur mit den Briefen
              – welche Briefe? – fragte der Minister
              – die ich geschrieben haben
              – schreibst du Briefe oder trägst du sie aus?
              der Briefträger kam näher, die restlichen Stufen hinab, roch das ekelhaft teure Parfüm des Ministers und erahnte seinen Anzug, wusste aber nicht, wer er war
              – entschuldigen Sie, Camarada, die Frage, aber wer sind eigentlich Sie?
              – Sie wissen nicht, wer ich bin? – der Minister bewegte sich langsam in Richtung des Ausgangs
              – nee, wirklich nicht
              – das ist auch besser so
              hastig stürzte der Minister ans Tageslicht, stolperte dabei über den Topf, den DieStarkeMaria dort abgestellt hatte, weil normalerweise dort niemand hinausging, die Kinder, die auf dem Bürgersteig spielten, machten sich lustig und ahmten sofort nach, wie er seine Kleidung glatt strich und sich seine dunkle Brille wieder aufsetzte
              nun hielt der Minister Ausschau nach seinem Wagen, der nicht da war
              der Verkehr staute sich immer noch, und sein Telefon lag im Auto, wieder spürte er Schweiß am Kragen und unter den Achseln aufsteigen
              – Geben Sie mir mal Ihr Telefon? – sprach er zur StarkenMaria
              – Guten Tag, Camarada
              – Jaja, guten Tag, leihen Sie mir nun Ihr Telefon?
              mit einer in ein breites Lächeln gebetteten Bewegung fischte DieStarkeMaria ihr ebenfalls schweißgebadetes Telefon aus ihrem Büstenhalter heraus
              der Minister stutzte, ließ die Hand der Dame einen Augenblick lang in der Luft hängen, der Briefträger kam hinzu, mit geschlossenen Augen, um sich wieder an die unglaubliche Helligkeit der Stadt zu gewöhnen, und der Minister zog aus seiner Tasche das Taschentuch, wischte das Telefon ab und wählte eine Nummer
              ich glaube, jetzt weiß ich’s – sagte der Briefträger nachdenklich
              - einen Moment, alles zu seiner Zeit
              die aufgereiht dasitzenden Frauen hielten in ihrer Tätigkeit inne, um den Mann in Schlips und Kragen zu beobachten, der das Handy der Straßenhändlerin mit einem gelben Taschentuch hielt
              - es ist ja gar kein Guthaben drauf, Frau!
              - Sie haben mich um mein Telefon gebeten. Wollen Sie auch Guthaben? Ich schicke die Kinder los, welches zu kaufen.
              - jetzt weiß ich’s – unterbrach sie der Briefträger – Sie sind ein Minister! ich weiß nicht, ob Sie mein Schreiben erhalten haben …
              - welches Schreiben?
              - über den Mangel an Transportmitteln im Bereich der zentralen Dienste der Postzustellung
              - guter Mann – der Minister schwitzte und schaute besorgt drein – haben Sie denn ein Telefon?
              - ja, aber eins wie diese Dame
              - wie meinen Sie?
              - wie das der Dame, ohne Guthaben
              - Scheiße!
              die Kinder standen inzwischen um den Briefträger und den Minister herum
              - könnte ich wohl mein Telefon zurückhaben, Camarada Minister? – sagte DieStarkeMaria ganz langsam
              - ja selbstverständlich, es ist ja nicht zu gebrauchen
              - noch einmal wegen vorhin, Herr Minister, könnte ich wohl um Beachtung meiner Eingabe zum Sachverhalt zweirädriger Transportmittel ersuchen
              - ich habe Besseres zu tun, guter Mann, sprechen Sie mit Ihrem Vorgesetzten
              - aber Sie sind doch Vorgesetzter des Ministeriums und damit meinem Chef vorgesetzt, damit sind Sie doch mein Vorgesetzter?
              - haben Sie in Angola je einen Briefträger auf einem Motorrad gesehen?
              - es gibt immer ein erstes Mal, Herr Minister, Sie erinnern sich sicher an meinem Brief, er war auf liniertem Papier geschrieben, frankiert, zugeklebt und in einer Handschrift von früher
              Die Augen des Ministers suchten immer noch nach seinem Auto, er schwitzte stark, und der Briefträger wühlte in seiner Tasche nach einer Kopie der versendeten Briefe, die er bestimmt eingesteckt hatte
              - und ihr, Kinder, habt ihr vielleicht ein blaues Auto gesehen, vom Ministerium? vielleicht parkt es ja hier irgendwo, wollt ihr nicht mal um die Ecke gehen, nachsehen?
              die Kinder grinsten und schauten sich an
              - wir dürfen hier gar nicht weg, Camarada Minister, das mögen unsere Mütter nicht
              - sind diese Damen dort eure Mütter?
              die Frauen schüttelten ihre Köpfe
              - deswegen dürfen wir ja nicht weg, Camarada Minster – sagte einer mit verschränkten Armen und spöttischer Stimme
              - die Frauen da verpetzen uns später an unsere Mütter
              dann kam das Auto und hupte, um die Zivilfahrzeuge zu verscheuchen, die nicht zum Ministerium gehörten
              - Camarada Minister – der Briefträger berührte den Minister am Arm, der ihn abschütteln wollte und weiter ging – ich wollte Ihnen nur diesen Brief geben, er muss hier irgendwo sein
              der Briefträger folgte dem Minister zum Auto, auf ihn einredend und in seinem Beutel wühlend, der Leibwächter tauchte auf und knallte, obwohl er davor dem Minister noch schnell die Autotür aufhalten musste, den Briefträger derart zu Boden, dass die Kinder später ihre Mühe hatten, die Szene nachzuspielen
              - bleib, wo du bist, und rühre dich nicht von der Stelle, bis das Auto nicht mehr zu sehen ist, verstanden? – sagte der Leibwächter und gab dem völlig reglosen Briefträger noch eine kräftige Ohrfeige
              das Auto fuhr los, ein paar Meter weiter hielt es noch einmal
              der Briefträger, der bereits stand, um sich den Staub von der Hose zu klopfen, warf sich sofort wieder auf den Boden, der Fahrer winkte ein Kind herbei, und der Minister persönlich reichte ihm aus dem Wagenfenster einen kleinen Umschlag
              - gib das der Frau, die das Telefon zwischen den Brüsten hat
              auf dem Rückweg half das Kind noch dem Briefträger, seine Briefe und andere Papiere aus einer schlammigen Pfütze zu fischen, und erwischte dabei ein blaues, liniertes Blatt
              - schöne Schrift hast du, sagte DieStarkeMaria
              - ich war mal ein Weilchen auf der Schule, in alter Zeit – lächelte der Briefträger mit geschwollener Lippe – für meine schöne Schrift hab ich viel einstecken müssen
              DieStarkeMaria öffnete den Umschlag, den ihr der Kleine gegeben hatte, er enthielt eine Telefonkarte mit 10 Dollar Guthaben
              sie zerriss die Karte und nahm dann den Brief mit der zerlaufenen Tinte und der triefenden Briefmarke
              - willst du eine Limonade, Camarada Briefträger?
              der Briefträger schaute zur Straße, von der das Auto des Ministers verschwunden war
              - nein danke, ich habe zu tun
              - kann ich den Brief hier behalten?
              - aber klar, ich hab genug davon. Bis morgen zusammen
              dann warf er seinen Beutel über die Schulter und entfernte sich in die dem Ministerwagen entgegengesetzte Richtung

Ondjaki: Die Durchsichtigen. Übers.: Michael Kegler – 28. November 2012

Michael Kegler

Siehe auch:
LUSOPHONE LITERATUR: BRASILIEN, PORTUGAL

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erstellt am 19.3.2013

Ondjaki
Ondjaki. Foto: Petra Noack (TFM)

Ondjaki ist 1977 in Luanda, der Hauptstadt von Angola, geboren. Er hat 2002 sein Soziologiestudium in Lissabon mit einer Arbeit über den angolanischen Schriftsteller Luandino Vieira abgeschlossen.
Ondjaki schreibt nicht nur Gedichte, Kurzgeschichten und Theaterstücke, er tritt auch selbst als Schauspieler auf, arbeitet an verschiedenen Filmprojekten und malt. Für sein Werk erhielt er bereits mehrere Preise: Vom Portugiesischen Schriftstellerverband wurde er mit dem Grande Prémio de Conto Camilo Castelo Branco 2008 ausgezeichnet. Im gleichen Jahr erhielt er den Grinzane for Africa Award für junge Autoren, 2010 wurde sein Roman Avó Dezanove e o segredo do Soviético mit dem bedeutendsten brasilianischen Literaturpreis Prêmio Jabuti in der Kategorie Jugendbuch ausgezeichnet.

Ondjaki
Os Transparentes
425 Seiten
Editorial Caminho, Lissabon 2012

Von Ondjaki ist bereits auf Deutsch erschienen:

Ondjaki
Bom dia camaradas
Ein Roman aus Angola
Übersetzt von Claudia Stein
Nord-Süd-Verlag

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Gedichtauswahl in:
Hotel ver mar
Hrsg.v. Michael Kegler
Gedichte aus Angola, Brasilien, Galicien,
Guinea-Bissau, Mosambik,
Portugal und São Tomé e Príncipe
TFM, Frankfurt am Main 2009

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Siehe auch:
Lusophone Literatur