Laudatio zur Hölty-Preisverleihung an Paulus Böhmer

Der Homer der Datenströme

Einladung, Paulus Böhmer zu lesen

Von Jan Röhnert

Es gibt zwei Arten, sich auf Paulus Böhmer einzulassen: entweder ganz oder gar nicht. Obwohl sein Werk seit einem Vierteljahrhundert kaum zu übersehen ist, so möchte ich doch die Kritiker in Schutz nehmen, denen als öffentlich ausgewiesenen Bücherbesprechern sonst keine Neuerscheinung unter den Fingern entwischt, die jedoch Böhmers Bücher mit von Mal zu Mal bewundernswerterer Beharrlichkeit übergingen, seinen Namen selbst dann noch verschwiegen, als seine Verse schon von den Lippen der jüngsten Generation widerhallten. Denn natürlich kannten und kennen ihn die ihn verschwiegen womöglich besser als die ihn zu lobpreisen suchten. Sie fürchteten ihn und fürchten ihn konstant. Weniger seine Person, auch wenn die Böhmer’sche Erscheinung in ihrer leiblichen und stimmlichen Imposanz gehörigen Respekt abnötigen, so ist es in erster Linie die Art seiner Gedichte, die den Buchsachverständigen so sehr Angst und Schrecken einjagt, dass sie lieber gleich den Mund halten.

Bei Gedichten – wie kann das sein? Über jeden anderen Autor, der wie Böhmer sein Lebtag nichts als Gedichte geschrieben hätte, wären sie entzückt gewesen, denn mit Wahrscheinlichkeit hätte das geheißen: ein kleines, überschaubares Œuvre, eine prestigereiche Gattung, Verse, die den hochkulturellen Zitatenschatz bereichern. Bei Böhmers Gedichten hingegen – was ist das? Die auf das Merkmal der Kürze eingeschworene lyrische Tradition gegen den Strich gebürstet, kein nach Hebungen und Senkungen zählbarer, sondern aus der natürlichen Atemfrequenz bezogener Rhythmus, zu maximaler Ausdehnung aufgeblähte, durch Mittelachsendruck zusätzlich auf Konventionen pfeifende Verse, die weder in der Abhandlung zur Lage der Bildungsnation noch im gepflegten Kaffeekranz mit Damen besonders zitabel wären – sie würden bloß einschüchtern und eisiges Schweigen provozieren. Von der amorphen Gleichzeitigkeit des Ungleichartigen in Böhmers Gedichten können Sie bei der ersten Begegnung nur hingerissen oder angewidert sein. Um die Probe aufs Exempel zu machen, zitiere ich auf gut Glück einmal aus Böhmers letztem Band, der Trilogie Am Meer. An Land. Bei mir. Das letzte Stück, Bei mir, enthält u.a. einen Katalog von Dingen, die dem Ich „wundersam“ erscheinen:

Wundersam sind:
Verkleinerungen, Vergrößerungen – was wären Abende, was Nächte ohne sie –,
Ticks, die einen zwingen, nur noch nach links zu blicken,
Paradiesvogelfüße, Nazarenernieren, die Schläfenlappen des Walroß’,
Analrasuren, Penelopemücken, uralter Roquefort,
der Seeknollen Bodensaft, Wirbelschwanzträger,
die um Felsblöcke huschen, melchiesedechgleich,
Detailobsessionen, Variantenentfaltungen, Einführung obskurer Arzneimittel,
der ruhmreiche Behang der Kadaver,
und daß kein Traum ‚Ja’ oder ‚Nein’ kennt.
Durchsichtig, flüchtig wie Musik, Musik
aus Wahrheitsgefühlen und Wasser,
die knabenhaften, ephemeren Bewegungen der Träume,
die aus den Weiten der Vorhölle auftauchen, abtauchen,
mit Glanzstreifen, Lendenstich, Danke.
(Liebe ist, wenn wir Fett von den Händen streifen,
hochschauen zu Wolken, wenn sie vorbeizieh’n, für Augenblicke
nicht an Staub oder Schädlinge denken, sondern an Dich, Herzlieb, an Dich.
Und manchmal an uns, Nacht unserer Seele, als hätten wir alles verloren.)
Wenn ich Gott wäre, würde Artaud
jetzt mit gelber Zunge aus seiner Höhle schnellen,
wär ich das Feuer, das mich verbrennt,
wär ich das Feuer, das das Feuer, das mich verbrennt, verbrennt,
würde ich, wenn mich dürstet, mich tränken,
wie Oglalla, wie Leew, wie Buffa / wie Indrin, wie Ezech, wie Okh
streiften Arme, Bein, Haut, Augen, Mund
den Stern, die Pflanze, das Tier
wie
ArmBeinHautAugeMund
nach tausendmaltausendmal noch tausendmaltausendmal mehr.

Woran erinnert die Art von Böhmers Gedichten? Vielleicht hilft ein Blick in die Reihen seiner Bewunderer, die es seinen Verschweigern zum Trotz auch immer gegeben hat. Doch ist den Bewunderern, und wer sollte es ihnen und uns allen, soweit wir uns zu seinen Bewunderern rechnen, verdenken, eine gewisse Hilflosigkeit in der Zuordnung dieser langen Gedichte gemein. Im Erstaunen, das Böhmers Verse provozieren, haben die angetanen Kritiker gern gleich zu Superlativen gegriffen. „Jahrhundertwerk“, „interessantester Autor der Postmoderne“, der „in einer einzigen, wunderbar vielfältigen Sprache“ schreibe, sind einige solcher Attribuierungen; auch Adjektive wie „rauschhaft“, „atemberaubend“, „gigantisch“, „furios“, „fulminant“, „überwältigend“ werden gern in den Mund genommen, um den Eindruck seines Œuvre zu fixieren.
Im Grunde geht es seinen Bewunderern nicht viel anders als dem Namensgeber des Preises, Ludwig Heinrich Christoph Hölty und seinem Freundeskreis vor knapp 250 Jahren in der Bewunderung für Homer. Seit Johann Heinrich Voß seine Ilias-Übersetzung präsentiert hatte, kannte die Euphorie für den antiken Sänger im Hölty-Kreis keine Grenzen mehr. Homers epische Gedichte sind lang und ausschweifend und bündeln zugleich die geschichtsmythischen Stoffe der griechischen Antike, den Krieg um Troja und die ‚Weltumsegelung’ des Odysseus. Seine Hexameter bannen mehrere Jahrhunderte politischer, kultureller und sprachlicher Entwicklung im Zeitraffer, seine zeitlupenartigen Beschreibungen von Waffen, Rüstungen, Gewändern und Verhaltensmustern sind ein Wissensspeicher seiner Epoche, seine Schiffskataloge, an denen sich Hölty und Freunde berauschten, zu Gesang transformierte Geographie.
Im Zeitalter der Massenkommunikation, des täglich sich vervielfachenden Wissens, den an unseren Sinnen vorbeiziehenden Orgien von Waren, Bildern und Nachrichten beginnt man sich nach einem neuen Homer zu sehnen, der all diese Unmengen im Rohzustand unverdaulicher Information poetisch aufzuheben verstünde. Bereits 1928 hatte sich Walter Benjamin in Einbahnstraße Folgendes gefragt – ich habe seinen Worten im Hinblick auf Homer hier lediglich ein „wieder“ hinzugefügt: „Wann wird man wieder so weit sein, Bücher wie Kataloge zu schreiben?“
Hinsichtlich der Rezeptionsweise dieser Kataloge empfiehlt Benjamin den Modus des Rauschs: „Ist doch Rausch die Erfahrung, in welcher wir allein des Allernächsten und des Allerfernsten, und nie des einen ohne des andern, uns versichern.“ Heute, ein Menschenalter nach Benjamin, doch nach wie vor Zeitgenossen seiner Erfahrung medialer und technischer Beschleunigung, können wir seine Frage nach dem Dichter, der Bücher wie rauschhafte homerische Kataloge, nur eben mit den Wissensbeständen unserer Zeit bestückt, zu schreiben imstande wäre, beantworten. Die Bücher können nichts anderes sein als das Vielfältigste akkumulierende, Nächstes und Fernstes stets neu paarende Lang- oder Längstgedichte, und der Dichter, der diese Kataloge des Gegenwartsgedächntisses aufschreibt, heißt Paulus Böhmer. Böhmer ist „unser“ Homer, der Homer der Datenströme.

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Mögen Name, Leben und Werk eines Dichters mehr oder weniger zufällig sein, so ist es doch keineswegs beliebig, was genau einen Dichter zu dem Dichter macht, der er ist, und wie er dahin gekommen ist, so zu schreiben, wie er es tut: die Biographie, das Wissen über Initiationen, Inspirationen und Obsessionen nicht als Fundus für Neugierige, sondern im Dienst der Werkerkenntnis, zum besseren Verständnis des Wahrhaftigsten, was einen Dichter auszeichnet, seiner Literatur.

Von Paul Klee gibt es in der Sammlung Berggrün ein Öl- und Aquarellgemälde mit dem Titel Wissen, Schweigen, Vorübergehn. Ein Mädchen, aus geometrischen Formen komponiert, streckt dem Betrachter ihr betörend nacktes Profil entgegen wie eine aufblitzende, uns im alltäglichen Aufblitzen immer neu heimsuchende Idee der Verführung. Man könnte das Bild in Verbindung mit seinem Titel aber auch als Anweisung nehmen, wie man den Dichter in seinen eigenen Werken aufzusuchen habe, wie man, um es mit Goethe zu sagen, „in Dichters Lande“ zu gehen habe.

Im Vorübergehen an den verschiedenen biographischen Stationen Böhmers lässt eines sich erkennen: die erstaunliche Vielseitigkeit seines Lebensentwurfs, die direkt mit seinem poetischen Entwurf vom ‚elastischen’, flexibel verform- und dehnbaren Langgedicht zu korrespondieren scheint. Da ist nichts von vornherein Festgelegtes, Fixiertes, das die Möglichkeit anderer, gleichrangiger Entwürfe auszuschließen genötigt gewesen wäre. Was sich an Böhmer beobachten lässt, ist vielmehr eine Art von gleichwertigem Neben- und Miteinander verschiedener Optionen, ein sich Offenhalten für Neues und Überraschendes, eben ein waches Vorübergehen an den Möglichkeiten, die sich auftun im Leben des Einzelnen. Die Bandbreite des Wissens, das er sich in verschiedenen Tätigkeiten und Professionen hatte aneignen können, kommt hinzu. Oft hoben die ihm gewidmeten biographischen Notizen immer wieder diese Vielfalt hervor; da finden wir in einer Aufzählung den Stauden- und Ziergraszüchter mit dem Handelskaufmann, den Literaturstudenten bei Walter Höllerer mit dem Aktivisten beim März-Verlag, den Maler traumartiger Obsessionen mit dem genauen Übersetzer, den Lieferanten von Erotika mit dem Werbetexter und Juristen, den langjährigen Leiter des Hessischen Literaturbüros mit dem Dichter in Personalunion vereint – natürlich hat er all dies nicht gleichzeitig ausgeübt.

Schweigen wir von den spontanen Beweggründen für seine einzelnen Aktivitäten, denn ihre unmittelbare Evidenz für die Art seiner Poesie ist gering. Von den familiären Dispositionen dieses Proteus wäre noch zu sprechen – dem im Ruhrgebiet und v. a. in Oberhessen aufgewachsenen Berliner Halbadelsspross –, von der zeitgeschichtlichen Bewegung, der er sich wie alle seiner Generation anschloss, die wussten, dass mit dem Muff von tausend Jahren kein Staat mehr zu machen sei, schließlich auch von Lydia, seiner Frau aus dem Gelobten Land, die nach dem Krieg ausgerechnet nach Deutschland gegangen war – um dort zu bleiben und das Genie zu heiraten, von dem ihre Mutter ihr prophezeit hatte. Die Kombination all dieser privaten und öffentlichen Konstellationen klingt schon wundersam genug, noch wundersamer jedoch, wie sie sich seiner Poesie anverwandelt haben. In Böhmers Lyrik haben sie alles biographisch Zufällige verloren und sind zu Lebensschrift kristallisiert – jenseits ‚prosaischer’ kausal-linaerer Zusammenhänge, jenseits der Bekenntnishuberei, wie wir sie von Autobiographen gewohnt sind. In Böhmers Gedichten ist das Ich ein durchlässiger Resonanzkörper für alle Arten von Stimmen und Bildern, die am Leben vorübergehn und aus denen sich eine so fragile wie ständig changierende Größe wie „Identität“ heranbildet. Dies alles tut Böhmer freilich nicht, um zu zeigen, wie avanciert seine Gedichte die Theorie des postmodernen Subjekts oder den Stand der aktuellen Hirnforschung ästhetisch wiederzugäben – all dies ereignet sich nebenbei.

Lange entging seinen Interpreten, dass seine Gedichte nicht einfach wahl- und ziellos Material auflesen, um es neu zusammenzufügen, sondern dass sie eine fest gefügte Struktur besitzen, die sich freilich in die Länge spannt und auffächert wie ein Pfauenrad. Die unendliche Anstrengung, die nach Valéry der Künstler aufbringen muss, um zu einem endlichen Ergebnis zu gelangen, in Böhmers Langgedichten ist sie transparent. Was treibt ihn zu diesem nie im Leben endenden Kraftaufwand? Eng mit der Kunst, mit dem Bestreben, die Schönheit in ihrer nie festzunagelnden Gestalt, in ihrer viele Gestaltwerdungen, auch das Hässliche, Obszöne, Kitschige, Banale oder Sprach-lose streifenden Substanz zu bannen, ist das Moment der Liebe. Kunst, die ohne die der Liebe eigene Hingabe ans Leben entstünde, bliebe steriles Kunsthandwerk. Böhmer geht sogar noch einen Schritt weiter: Für ihn ist Liebe der einzig mögliche Aufstand.

Und all den Menschen, die ihm lieb waren und die, wie es jedem von uns bevorsteht, hatten sterben müssen, sind die auf siebenhundert Seiten ausgebreiteten, im Doppelband versammelten 21 Langgedichte gewidmet, die den Kern seines Werks ausmachen, der Kaddish-Zyklus: Sie preisen die Gestorbenen durch absolute Hingabe ans Leben in all seinen Erscheinungsformen. Dadurch wird der Tod selber aufgehoben, zumindest für die Dauer des Gedichts. Das verfließende, amorphe Strukturprinzip seiner Gedichte lässt den Tod keine eigene Domäne erobern. Und auch Böhmers Vorliebe für das Erotische, meinetwegen frivol Pornographische, für alle Aspekte von Zuneigung, Sex, Lust und Hingabe wird unter dieser Prämisse klar: Im wollüstig mäandernden, nie endenden Katalogisieren der Lust zeugt sich die mit dem An- und Abschwellen der Zeilen ein- und ausatmende Lebensschrift ad infinitum fort, so dass der Tod immer wieder neu überschrieben werden kann.

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Böhmer mutet seiner Dichtung das Schwierigste zu und doch kommt sie ganz leicht daher, immer wieder auch mit liedhaften Einsprengseln, die einfach wie ein Hölty-Gedicht sind: „Manchmal sind wir kleine Fische, Hering, Kabeljau, / manchmal auch ein Wal in Blau. / Manchmal lassen wir die Schafe schlafen, / manchmal schneiden wir den Schafen, wenn sie schlafen, / auch den Hals entzwei. // Manchmal lassen wir / den Beter beten und den Schläfer schlafen. / Manchmal stehen wir auf Speed und Crack. / Manchmal sind wir frei von Schuld und Strafen, / manchmal sind wir nur der letzte Dreck. // Manchmal ist der Tod ein Selassie, / manchmal nur ein Puderant. / Manchmal gehen wir noch einmal Gassi, manchmal / finden wir als Proviant / endlich in der Erde zueinand’.“ („An Land“)
Und auch die einfach nur komischen Passagen sind ein notwendiges, zwerchfellerholendes Luftschöpfen im Fluss der vielen Bilder: „Die Eiderente treibt’s noch toller, / wenn zu Johannis blüht der Holler. // Kurz danach, auf Norderney, legt die Eidernt’ ein Ei. // Die Eiderente lebt zum Schluß / nur noch mit offnem Reißverschluß.“ Damit reicht Böhmer auch noch an die Verse eines Robert Gernhardt, mit dem er gut bekannt war, heran. Wo aber hat der ganze Böhmer’sche Kosmos seinen Platz in der deutschen Literatur?
Böhmers Anfänge reichen in die Zeit des späteren Paul Celan zurück. Ich möchte damit jedoch nicht auf das hinaus, was naheliegt, aber hier ausgespart bleiben muss, die Auseinandersetzung beider mit dem Holocaust. Vor dem Horizont seines Lebensthemas versuchte Celan, die bisherigen Entwicklungen der lyrischen Avantgarden, etwa den Kubismus eines Apollinaire oder den Surrealismus eines Desnos, durch extremste Verknappung und Verdichtung bei gleichzeitiger Erhöhung der sinnlichen Reizdichte zu überbieten – analog zur Fülle der medialen Verstärkungen und Beschleunigungen seiner Gegenwart.
Es ist als geradezu heroisch einzustufen, dass Celan im Bewusstsein einer informationstechnisch hochfrequenten Lebenswelt versuchte, die Wirklichkeit auf so etwas wie eine „Formel“ zu bringen. Diese Sisyphosarbeit musste nicht nur für ihn persönlich im Schweigen enden. Celans Weltverdichtungsformeln bezeichnen das Ende einer ästhetischen Entwicklung, die noch in Konkurrenz mit dem technischen Stand ihrer Epoche hatte treten und die Exlusivität ihres Kunstwillens in Opposition zu den Expertenkulturen der Wissenschaftler und Techniker hatte behaupten wollen.
Seit dem Siegeszug der us-amerikanischen Popkultur im Nachkriegswesteuropa setzte sich jedoch ein anderes, auf lange Sicht produktiveres dichterisches Selbstverständnis durch. Rolf Dieter Brinkmanns Person und Werk werden immer vehement mit dieser Entwicklung verbunden bleiben. Durch sein Sicheinlassen auf die Angebote des Pop hat Brinkmann den Spielraum der Lyrik enorm erweitert. Allerdings liegt die Gefahr des allzu reibungslosen, allzu wirkungslos verpuffenden Zirkulierens im Orbit der Pop- und Modezitate, im Universum des Angelesenen, Eingespielten und Durchgesampelten nah: Das Widerständige, Andersartige, die Differenz zu den die Lebenswelt konfigurierenden Massenmedien geht verloren, wenn die Poesie nur noch das Spiel mit ins Spiel bringt, nicht mehr jedoch die ganze leibliche Existenz des hinter seinen Gedichten stehenden Lyrikers aufs Spiel setzt – letzteres war bei Brinkmann zweifellos noch der Fall.

Paulus Böhmers Angebot für die Lyrik eines neuen Jahrtausends ist ein selbstverständliches Zirkulieren in allen Bereichen seiner Lebenswelt, ohne den widerständigen Impuls seiner ihm in Fleisch und Blut sitzenden Gattung Gedicht aufzugeben. Mit anderen Worten: Das, wovon er schreibt, das, was er, ohne sich auf metaphorische Formeln zurückzuziehen, nennt, aufzählt, umschreibt, was er faktenversessen akkumuliert, um es wie eine datenverarbeitende Station wieder auszuwerfen, kennen wir eigentlich alle oder wir wissen davon, können ihm in diversen Fachsprachen nachspüren; während andererseits die Art, wie er schreibt, die Art, in der er aufzählt, benennt, paraphrasiert, die Struktur, die er seinen Streifzügen gibt, selbst sogenannten „Kennern“ der Gattung Gedicht noch fremd und inkommensurabel anmutet. Die Dinge aus Lebenswelt und Expertenkulturen, die er in fortlaufenden Rekursen neu miteinander kombiniert ins Spiel bringt, erscheinen dadurch selbst wie völlig neue, fremde Dinge von einem anderen Stern, denen alles Selbstverständliche abgeht. Die gewöhnlichen oder obszönen Dinge werden zu Evidenzen eines über uns hinausragenden Zusammenhangs, den man „Liebe“ nennen mag, während das hochkulturelle Pathos, die edlen, ‚moralischen’ Gefühle zu eitlem Mummenschanz zusammenschrumpfen. Die in die Jahre gekommene Kategorie des Erhabenen erhält durch Böhmers Innovationen neues Futter, und gegenüber dem Vorwurf der Beliebigkeit sind seine Zyklen im Hinblick auf den leitmotivischen Variationscharakter, die musikalische Fugenstruktur seiner Digressionen, die Überraschungen geradezu programmatisch herausfordernde Poetik des Vielfältigen in Schutz zu nehmen.

Im Gespräch mit Studenten äußerte Böhmer einmal, dass es ihm schlicht und einfach um Welterkenntnis geht. Was er aus dem Schutt unserer alltäglichen Zerstreuungen zutage fördert, das sind blitzartig aufleuchtende Erklärungen für unsere Anwesenheit auf dem blauen Planeten – vielleicht auch für unser Verschwinden. Und für unseren Aufstand gegen Raum und Zeit. Hans Blumenberg sprach unter Bezugnahme auf ein Diktum Paul Klees einmal von der Funktion der modernen Kunst als der „Verwesentlichung des Zufälligen“. An Böhmers wundersam schönen, wundersam langen Gedichten bliebe zu studieren, wie in der Kombination des Zufälligen immer wieder neu Sinn entsteht. In einer Zeit, in der das Wesentliche vom Beiläufigen nicht zu trennen ist, kommt der Kunst neue Bedeutung zu. Indem sie sich wie Böhmer nur lange und lang genug dem Magnetismus des Zufälligen aussetzt, wird dem Zufälligen der Stachel alles Sekundären genommen und es, im Gegenteil, zur notwendigen Bedingung für die Freisetzung von Erkenntnis und Sinn – des einzigen Sinns, den wir in unserem „sekundären“ Zeitalter finden können.

Freilich bedarf es dazu eines unablässig rotierenden Generators, einer haltbaren poetischen Versuchsanordnung, die das Zufällige in Sinn auffangende Strukturen gießt, ohne dass die Art des ‚Sinns’ dabei bereits vorgegeben wäre – eines poetischen Bioprogramms, das, wie es im Titel eines seiner Gedichte heißt, „Zucker in die Weltmaschine“ streut. Als Homer der Datenströme gewinnt Paulus Böhmer einer Informationen und „Wissen“ unverdaut vor sich her schiebenden Zivilisation Gesänge ab, die erschauern machen ob der Möglichkeiten, die uns offenstünden, würden wir uns von Poesie nach der Devise von Rilkes „Archaischem Torso Apollos“ ansprechen lassen: „Du mußt dein Leben ändern.“ Welterkenntnis ist nichts anderes als dieses Offenhalten für den Anstrom des Zufälligen, das uns mit seinen plötzlich aufschießenden Sinnzusammenhängen zu überwältigen vermag.

erstellt am 16.10.2010

Das Hauptwerk von Paulus Böhmer erscheint bei Schöffling & Co.

Paulus Böhmer
Fuchsleuchten
Gedichte. 144 Seiten. Gebunden.
Schöffling & Co.
ISBN: 978-3-89561-127-8

Mit FUCHSLEUCHTEN schreibt Paulus Böhmer sein Werk fort, ein lyrisches Werk, das ein einziges großes Buch Gedichte bildet, alle Gedichtbücher ein einziges Buch, alle Gedichte ein einziges Gedicht. Das nicht enden will. Paulus Böhmers Gedichte sind nicht genügsam, sie sind lang. Gern über zehn Seiten hinweg fließt der Wortstrom und wird zu einer „Form des Atmens“ (Thomas Hettche). Und er wird zu Klang: Böhmers Gedichte sind nach musikalischen Vorgaben konstruierte symphonische Gefüge. In ihnen findet sich tiefste Trauer und immer Trotz und Zärtlichkeit. Paulus Böhmer: „Wenn ich mir einen Gott aussuchen könnte, wäre es Eros. Und wenn es ihn gäbe, wäre er in meinen Gedichten: In der leidenschaftlichen Zuwendung an die Welt (und die Menschen, so furchtbar sie oft auch sind).“ „Was diese Lyrik im deutschsprachigen Raum so einzigartig macht, sind eben nicht Weltverneinung und Depression, sondern ihre wenn auch oft bittere Hingabe ans Leben. Dem entspricht auf der Materialseite ein entschiedener Zug zur Fülle. In der Ästhetik nennt man, was uns Lust verschafft, Schönheit. Die Böhmersche Lyrik ist ein langer, sicherlich wütender, gewiß auch trauriger, stets aber massiv strömend-schöner Gesang. ›Die Götter wirken Ungemach, damit die Menschen etwas zu singen haben‹, heißt es bei Homer.“ (Alban Nikolai Herbst)

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Paulus Böhmer
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Schöffling & Co.
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Kaddish II

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340 Seiten. Gebunden.
Schöffling & Co.
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