Steffi Krautz © Lupi Spuma
Steffi Krautz © Lupi Spuma
Theaterkritik

Die arme Mörderin

In Graz verwandelt Anna Badora die Orestie zu Klytaimnestra

Von Thomas Rothschild

Heute wissen wir selbstverständlich, dass Frauen bessere Menschen und zur Gewalt nicht fähig sind. Noch vor fünfzig Jahren freilich wusste man das nicht und hielt es für möglich, dass die „Blutige Brygida“ oder die „Stute von Majdanek“ keine bösartigen Erfindungen, sondern Realität waren. Eben erst hat uns das Schauspiel Stuttgart mit einer Bearbeitung an den Film Was geschah mit Baby Jane? erinnert, in dem sich Bette Davis und Joan Crawford Dinge antun, die nur dem kranken Gehirn eines Mannes entspringen können. Aber schon lange davor, in der Antike, handelten Literatur und Theater von grausam mordenden Frauen. Derlei wird heute korrigiert. Christa Wolf hat, nicht als Einzige, Medea vom Makel des Kindsmords gereinigt, der ihr seit Euripides und entgegen der vorausgegangenen Überlieferung anhängt. Und diverse Regisseurinnen haben sich um eine Rehabilitierung Klytaimnestras bemüht.

Klytaimnestra hat ja tatsächlich eine plausible Entschuldigung für ihren Gattenmord: die Opferung der gemeinsamen Tochter Iphigenie durch Agamemnon. Das Problem ist nur: in dem Maße, in dem Klytaimnestra entlastet wird, wird ihre Tochter Elektra, die den Vater rächt, ins Unrecht gesetzt. So oder so: eine der Frauen verhält sich, wie sich nur Männer verhalten. Der Ausweg aus diesem Dilemma ist bekanntlich die Gendertheorie. Wenn eine Frau tut, was angeblich nur Männer tun, ist sie eben deshalb allenfalls dem Sex, nicht aber dem Gender nach eine Frau. Durch diesen tautologischen Trick behalten jene immer Recht, die – siehe oben – wissen, dass Frauen bessere Menschen und zu Gräueltaten nicht fähig sind. Je nach Interpretation muss dann eben Klytaimnestra oder Elektra gendermäßig ein Mann sein. Und schon ist die Weltordnung im Lot. Auf diese Art lässt sich die Wirklichkeit zurecht biegen und auch beweisen, dass es keine schwarzen Schafe gibt: Wenn etwas aussieht wie ein Schaf, läuft wie ein Schaf und blökt wie ein Schaf, aber schwarz ist, dann definiert man einfach, es sei zwar biologisch ein Schaf, sozial aber ein Hund.
In der (Theater-)Wirklichkeit freilich klaffen Programm und Ausführung oft auseinander. Auf der Homepage des Schauspielhauses Graz liest man folgende Deklaration:
„Die Frauen der Orestie erscheinen in dieser großen ,Staatsdichtung' des Aischylos als Opfervieh, Verrückte oder triebgesteuerte Mörderinnen. Wie sie wurden, was sie sind, erzählen andere Quellen und Stücke.

Gemeinsam mit Michael Köhlmeier, der gleichsam als Anwalt der Klytaimnestra auf Aischylos' Dichtung schaut, verfolgt Anna Badora in ihrer Bühnenversion die ungeheuerlichen Schicksale dieser Frauen – beginnend mit dem Tochtermord an Iphigenie, über die Versklavung der Troerinnen bis zur Verwandlung der Rachegöttinnen in die ,Wohlmeinenden' – die Eumeniden.“

Von all dem ist auf der Bühne wenig zu erkennen. Was in Graz unter dem Titel Klytaimnestra gezeigt wird, heißt bei Aischylos Agamemnon. Nun kann man, wenn man will, die Täterin anstelle des Opfers zur Titelfigur machen. Nur müsste dann analog die Iphigenie des Euripides Agamemnon heißen. Was bisher als Agamemnon in die Theater kam, läuft in Graz im Stück durch bis zur Ermordung des Königs von Mykene durch seine Frau Klytaimnestra und deren Geliebten Ägist. Nach der Pause wird der Rest der Orestie, werden die Choephoren und die Eumeniden radikal zu einer Art Inhaltsangabe zusammengestrichen. Weil die Leute doch wissen wollen, wie's weiter geht. In der Verkürzung freilich bleibt nicht viel von den komplexen Zusammenhängen übrig, auch die Verwandlung der Erinyen zu Eumeniden bleibt ebenso verborgen wie die dramatisch-mythologische Darstellung der Einführung der athenischen Gerichtsbarkeit.

Der überaus produktive Vorarlberger Schriftsteller Michael Köhlmeier wurde mit der mündlichen Nacherzählung klassischer Sagen im Radio weit über den Kreis literarisch Interessierter berühmt und populär. Diese Popularität nützt das Grazer Theater aus wie Klytaimnestra Ägist und Elektra ihren Bruder Orest, indem sie Köhlmeier als überdimensionales Videoporträt Bruchstücke der Story mit eigenen Worten und kurzen sozialgeschichtlichen Ergänzungen resümieren lässt, als sei sie ein gegenwärtiges Ereignis. Die Hintergründe des Trojanischen Kriegs werden so begreifbar. Aber die Projektionen wollen nicht so recht mit Anna Badoras nicht sonderlich origineller Inszenierung zusammenstimmen. Köhlmeiers lässig umgangssprachliche Erzählmelodie kontrastiert allzu scharf mit dem pathetischen Rezitationston und den klischeehaften Gesten, die die Hausherrin und Regisseurin den Schauspielern abverlangt. Wer verzweifelt ist, brüllt und hebt die Faust, als bewerbe er sich in Oberammergau um eine Rolle. Was stellenweise an expressionistischen Schauspielstil erinnert, kippt schnell in chargierende Provinzialität. Klytaimnestra (Steffi Krautz) im blauen Kleid (Kostüme: Werner Fritz) legt den Kopf selbstbewusst und ein wenig ironisch in den Nacken und belehrt wie eine Zahnarzthelferin aus einer Fernseh-Vorabendserie. Die Chöre werden größtenteils, wie das heute üblich ist, zu „natürlichen“ Dialogen zwischen Individuen aufgedröselt. Doch bei der Chorführung bedauert man einmal mehr, dass Peter Steins zu Recht legendäre Orestie nicht Schule gemacht hat.

Gespielt wird meist vor einer Wand wie aus Wellblech, die sich vorübergehend einen Spalt breit öffnet, um den Blick auf einzelne Szenen frei zu geben (Bühne: Raimund Orfeo Voigt). Bei der Ankunft Agamemnons mit Kassandra und einem Häufchen geraubter Frauen öffnet sich die Wand erstmals, um einen funktionalen hellen Raum zu zeigen, der den Auftritt und die Gegenüberstellung von Kassandra und Klytaimnestra unterstützt. Hier gewinnt die Inszenierung an Kraft und Spannung.

Nach der Ermordung Agamemnons (Stefan Suske) – hinter der Bühne, wie im antiken Drama üblich – taumelt Ägist (Jan Thümer) siegestrunken im Blutrausch herein und preist sich selbst als Anstifter des Mordes an. Er entlastet Klytaimnestra, sie scheint aber nichts gegen Ägist einzuwenden zu haben.

Nach der Pause schwört Elektra (Pia Luise Händler) Rache an den Mördern Agamemnons. Sie trägt die Bauchbinde ihres Vaters, während der Chor der Mägde in uniformen grauen Röcken und grauen Blusen daher kommt, mehr Aufseherinnen in einem NS-Internat als Begleiterinnen einer Königstochter. Der Tötungswahnsinn Orests (Christoph Rothenbuchner) findet dann, anders als der Mord an Agamemnon und anders als bei Aischylos, auf offener Bühne statt. Schließlich ist es ein Mann, der da mordet, ein Muttermörder, und die psychoanalytische Dimension wird, wen wundert's, mitinszeniert.

Das Erstaunliche an der Orestie ist ja, dass sie nach zweieinhalb Jahrtausenden immer noch „funktioniert“, dass sie an elementarer dramatischer Wucht nichts verloren hat. Dass sie das Denken einer historisch entfernten Epoche reflektiert, dass in ihr die Etablierung des Patriarchats zementiert wird, Spuren des Matriarchats aber noch aufzufinden sind, ist eine Binsenwahrheit. Wenn Anna Badora im Programmheft auf Klytaimnestras in der Aufführung von Michael Köhlmeier erzählte Vorgeschichte verweist, auf den Mord ihres ersten Gatten und die Vergewaltigung durch Agamemnon, und wenn sie hinzufügt, dass sie „ein starkes Motiv für Klytaimnestras Mord an Agamemnon“ gewesen sei, dann unterschlägt sie nicht nur, was Köhlmeier ausdrücklich in Erinnerung ruft, dass Klytaimnestra immerhin nach diesen Untaten Agamemnon gefolgt ist und ihm vier Kinder geboren hat, sondern sie denunziert auch noch die Begründung, der Gattenmord habe seine Ursache in der Opferung Iphigenies, als Ausrede. Es tut der Literatur nicht gut, wenn man, statt ihre historischen Bedingungen zu rekonstruieren, heutige moralische Maßstäbe an sie anlegt. Daran muss jede sinnliche Umsetzung scheitern. Das zeigt sich, unterm Strich, auch in Graz.

Das Gegenbeispiel bleiben Ariane Mnouchkines Atriden. Die große französische Regisseurin hat vorgeführt, wie man mit einem feministischen und einem sozialistischen Bewusstsein die historisch bedingte Essenz vergangener Kunst nicht nur bewahrt, sondern erfahrbar macht.

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erstellt am 17.3.2013

Klytaimnestra
nach der Orestie des Aischylos
Mitarbeit Michael Köhlmeier
im Schauspielhaus Graz

Besetzung

Regie: Anna Badora
Bühne: Raimund Orfeo Voigt
Kostüme: Werner Fritz
Video: Philipp Haupt
Musik: Dominik Strycharski
Licht: Paul Grilj
Dramaturgie: Regina Guhl

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