Buchkritik

Existentialismus im Schnee

Wsewolod Petrows Novelle Die Manon Lescaut von Turdej

Von Franziska Lüdtke

1946 schrieb der eben aus dem Krieg heimgekehrte Leningrader Kunstwissenschaftler Wsewolod Petrow (1912 – 1979) eine Novelle mit dem Titel Die Manon Lescaut von Turdej. Petrow versuchte zeitlebens nie, das Manuskript einem Verlag anzubieten, holte es aber gelegentlich aus der Schublade, um Freunden daraus vorzulesen. Die erstaunte Öffentlichkeit bekam das Werk erst sechzig Jahre später zu lesen, als es 2006 in der russischen Literaturzeitschrift Novyj Mir erschien.

Sechs Jahre später liegt Die Manon Lescaut von Turdej in einer Übersetzung von Daniel Jurjew nun auch in deutscher Sprache vor.
Das Erstaunen galt weniger der Tatsache, dass Wsewolod Petrow eine Novelle geschrieben und sie nie veröffentlicht hatte, sondern viel mehr der Tatsache, dass überhaupt jemand an diesem Ort und zu dieser Zeit so schrieb wie er. Denn obwohl die Novelle während des Zweiten Weltkrieges in einem sowjetischen Lazarettzug spielt, der scheinbar ziellos durch die mittelrussische Winterlandschaft fährt, hat sie absolut nichts Sowjetisches an sich. Anders als den sozialistischen Romanhelden der Zeit geht es den Figuren des Romans nie darum, «der Sache» oder «dem Kollektiv» zu dienen und ihre individuellen «Schwächen» bzw. Eigenschaften oder Interessen zu Gunsten des großen Ganzen zu überwinden und einfach zu funktionieren. Vielmehr interessiert sich Petrow dafür, wie seine Figuren unter den gegebenen Umständen versuchen, sich individuelle Freiräume zu erhalten, ihre persönliche Vorstellung vom Glück wenigstens für den Augenblick zu verwirklichen oder überhaupt herauszufinden, was ihnen im Leben wichtig ist. Ideologie kommt in dieser Novelle nicht vor. So erscheint der Krieg nicht als patriotische Herausforderung, sondern lediglich als Status quo, der die Bedingungen der Existenz wenigstens für den Augenblick bestimmt. Der Krieg ist dennoch mehr als eine Kulisse. Er ist die Voraussetzung dafür, dass die Figuren einander auf engem Raum begegnen, gezwungen sind, sich gegenseitig zu beobachten und sich irgendwie zu einander zu verhalten. Wsewolod Petrow ist das seltene Kunststück gelungen, sich völlig von den strikten literarischen Vorschriften seiner Zeit zu lösen, so weit zu lösen, dass er es nicht einmal nötig hatte, dagegen anzuschreiben, auf exotische Schauplätze auszuweichen oder seine Geschichte in der fernen Vergangenheit oder Zukunft anzusiedeln. Er suchte sich seine eigenen Fragestellungen, seine eigene Perspektive. Er schrieb über das, was ihn interessierte, so wie er es für richtig hielt und ließ kompromisslos nur seine eigenen Maßstäbe gelten. Damit seine Leser das mühelos nachvollziehen konnten, ließ er seine Geschichte in der unmittelbaren Vergangenheit mitten in Russland spielen, an einem Ort und zu einer Zeit also, die der damaligen Leserschaft vertraut war und über die auch andere Autoren zu dieser Zeit schrieben. Für heutige deutsche Leser schaffen Olga Martynovas Anmerkungen und Oleg Jurjews Nachwort den Zugang zum historischen und intellektuellen Kontext.

Die Manon Lescaut von Turdej ist die Geschichte einer Liebe ohne Zukunft, die nur in der besonderen Situation des scheinbar jenseits von Raum und Zeit herumfahrenden oder auf Abstellgleisen obskurer Bahnhöfe herumstehenden Zuges denkbar ist. Der namenlose Ich-Erzähler ist Offizier, ein Leningrader Intellektueller, aus nicht genannten Gründen zu der Lazaretteinheit abkommandiert. Im ofenbeheizten Güterwaggon teilt er sich eine Pritsche mit einem Kollegen, zwei Ärztinnen und dem Apotheker, und «unter den Pritschen lebten die Krankenschwestern. Das waren einfache Mädchen, überwiegend etwa achtzehn, zwanzig Jahre alt. Sie stritten sich lautstark und verspotteten die Bewohner der oberen Etage. Danach griffen sie zur Gitarre und sangen alle möglichen Lieder. Auf den Stationen begannen sie blitzschnelle Romanzen mit den Militärs der anderen Züge.» Gesellschaftlicher Mittelpunkt des Waggons ist der Ofen, um den herum man sich zum Essen, Reden, Singen und Streiten versammelt. Unterdessen beobachtet der Erzähler das Treiben von seiner Pritsche aus, führt ernsthafte Gespräche nur mit der Ärztin Nina Aleksejewna, liest Goethes Werther auf deutsch und kämpft nachts gegen angstbedingte Erstickungsanfälle. Bis er sich eines Tages in die Krankenschwester Vera verliebt, in der er etwas Besonderes sieht, etwas, das sie aus der Masse der Mädchen heraushebt: «Vera ist vom Stamm der flammenden Menschen, die außerhalb der Form leben.» Solche Menschen «lodern» nach Ansicht des Erzählers, «mit Fehlschlägen und Abstürzen, aber sie zerreißen irgendwie die Form und brechen zur Zukunft durch. (…) Auch Manon Lescaut zerreißt fortwährend die Form.» Vera ihrerseits ist fasziniert von dem intellektuellen Außenseiter, der nicht-russische Bücher liest, ihre Träume vom Ruhm zu verstehen scheint und sich damit so sehr von ihren zahlreichen anderen Liebhabern unterscheidet. Sie wünscht sich von ihm anregende Gespräche ähnlich denen, die sie ihn mit Nina Aleksejewna führen sieht und ist offenbar enttäuscht, dass auch dieser Mann letztlich nur eine ungewöhnlich reizende, kapriziöse Geliebte in ihr sieht. Immer wieder fragt Vera ihn, warum er nie mit ihr rede. Und bekommt jedesmal ausweichende, unbefriedigende Antworten, die in der Behauptung gipfeln: «Vera, du bist mir so nahe, dass ich mit dir nicht zu sprechen brauche. Denn das wäre genauso, als würde ich laut mit mir selber reden.» Je mehr sich der Erzähler in Vera verliebt, desto mehr verliert er ihre Persönlichkeit aus dem Blick und sieht nur noch seine eigenen Projektionen: die Ähnlichkeit mit Marie Antoinette, mit Porträts von Watteau und natürlich Manon Lescaut. Er sieht nicht mehr den «flammenden Menschen», sondern kommt zu dem Schluss: «Veras wahre Berufung ist die Liebe. Es handelt sich um eine Metempsychose: Sie ist eine lebende Manon Lescaut.»
All das lässt Petrow seinen Protagonisten mit fast dokumentarischer Sachlichkeit und gelegentlicher ironischer Distanz erzählen, die die ganze Geschichte vor jeglichem Melodrama bewahrt und immer wieder für komische Momente sorgt. Dabei schildert er die Räume, in denen seine Figuren leben und sich bewegen mit so plastischer Klarheit, dass man als Leser nicht nur durchkomponierte Filmbilder vor sich sieht, sondern auch die Geräusche und sogar Gerüche wahrzunehmen meint.

Die Manon Lescaut von Turdej ist zwar nur 97 Seiten lang (Stellenkommentar und Nachwort nicht mitgezählt), aber dennoch von zeitloser Vielschichtigkeit. Wer will, findet einfach eine bittersüße Liebesgeschichte. Man kann die Novelle genauso gut als Hommage an die Freiheit des Individuums und der Kunst lesen oder als existentialistische Studie der Geschlechterbeziehungen. Wie auch immer – es lohnt sich auf jeden Fall.

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erstellt am 16.3.2013

Wsewolod Petrow
Die Manon Lescaut von Turdej
Roman
Nachwort von Oleg Jurjew
Aus dem Russischen von Daniel Jurjew
128 Seiten
fadengeheftete Broschur
ISBN: 978-3-938803-48-6
Weidle Verlag

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