Nancy Hünger liest aus »Halt dich fern« (zehnSeiten)

Buchkritik

Bis Dinge und Menschen von selbst ins Schwingen geraten

Nancy Hüngers Erzählung »Halt dich fern«

Von Bernd Leukert

Wer von „verwahrlosten Gedanken“ schreibt und von „zerträumten Plätzen“, hat sich schon vom Allgemeinen entfernt. „Halt dich fern“ sollte also nicht als Anweisung für Leser aufgefasst werden. Im Gegenteil. Aber es ist vielleicht dienlich zu wissen, dass es um ein poetisches Buch geht, dessen Schönheiten diesen Lesern geradezu vor die Füße geschüttet werden. Für Nancy Hünger hat Weltbegreifen und Wahrnehmung immer mit Sprache zu tun. Und so sieht man die Sprache nicht verwendet als Medium, über das eine Story erzählt wird. Die Sprache nimmt sich zunächst einmal als Sprache war. Sie bleibt an ihren Wörtern hängen, die sie spielerisch untersucht; sie lässt ihre Begriffe metaphorisch auslaufen, und man folgt diesen Erkundungen mit Vergnügen. „Halt dich fern“ ist der mehrdeutige Titel einer Erzählung, denn sie führt in die Ferne Osteuropas und ist sogar, wenn man alles Wichtige weglässt, eine richtige Roadstory. Und oft führt sie auch nahe an Landschaften und Personen, wie im Russenwald-Kapitel (siehe ZehnseitenVideo) oder in dem mit dem toten Vater und der falschen Frau. Aber auch diese, die doch nebenbei leidvolle Geschichte mit auffädeln, beginnen und vermitteln sich über Wortreihungen, minimalistische Deklinationen und Reflektionen über Sprache und das Sprechen. Die Mitteilungen halten sich somit auch fern vom puren Geschehen. Aber warum muss denn so viel passieren, warum muss denn in einem Buch überhaupt etwas passieren, nachweislich vonstatten gehen? Damit wir sagen können: Ah, Handlung! Damit wir feststellen können, etwas und nicht vielmehr nichts passiert. Doch – das ist gleich zu Beginn als Versprechen, Warnung oder Einsicht zu lesen – es gibt immer eine Geschichte. Was die Protagonistin erlebt und die Autorin zu verstehen gibt, darüber ist irgendwo in diesem Buch auch nachgedacht, oft mit geradezu existenzphilosophischen Überlegungen, die mühelos in die Erzählung eingeflochten sind. Ich gehe also zurück in die Zustände, vielmehr in die Umstände, aus denen wir zusammengesetzt sind … Ich erschöpfe mich also im Rückgang, weil sich nichts findet, von dem ich mit Gewissheit sagen könnte, es sei so oder so, und auch meine Landschaftsentwürfe, meine Skizzen sind mir entsprungen, so aus dem Kopf entsprungen, habe ich mühselig aus dem Hirnsaum genestelt, umsonst, denn sie haben nichts mit den Orten gemein, denen ich diese Landschaftsentwürfe, meine Entwürfe aufzwinge. Das den Menschen Ausgeliefert-, uneingeschränkt Ausgesetztsein auf dieser Reise, das die Erzählerin in Gesellschaft „untauglich“ macht; die zunehmende Entfernung, die zeitgleich mit einer Entfernung von Freunden einhergeht, wenn sie bei ihnen anstelle von Wahrhaftigkeit „Ersatzgespräche“ und „Gefühlsprothesen“ vorfindet, also innere und äußere Veränderung bilden die Unterströmung des beschreibenden Nachdenkens und erzeugen eine stille Dynamik auch des Lesens. Und wer darüber schreibt, ist versucht, das ganze Buch zu zitieren, um seine Besonderheiten entdecken zu lassen, die darin überall herumliegen, auch in Siebenbürgen. Birthälm ist ein unbewegtes Dorf, ein lang angehaltenes Dort, keiner wird es je verändern. Zwischen den brachgeschundenen Weintrassen schlummern die bunten Häuser. Immer eine Etage, grundwasserhoch, für eine Familie, ob klein oder groß, sie wohnen in Schwimmbädern. Darüber trocknet das Heu, trocknet der Schlaf, wenn es Winter wird, nässen die Träume vor Fäule.
Weltbegreifen und Wahrnehmung, übersetzt in ein suggestives „Herumschreiben“, in einer bezwingende Sprache, die im Leser lange nachwirkt: Nancy Hüngers „Halt dich fern“ ist eben auch eine Geschichte, wie sie schreibt, der Unterlassung, der Verschwiegenheit, immer nur antippen, bis Dinge und Menschen von selbst ins Schwingen geraten, mehr ist nicht zu tun. Das muss man lesen.

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erstellt am 16.3.2013

Nancy Hünger
Halt dich fern
84 S., Hardcover
ISBN: 978-3-942375-06-1
Edition AZUR, Dresden 2012

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Nancy Hünger wurde 1981 in Weimar geboren und studierte an der dortigen Bauhaus-Universität Freie Kunst. Nach zwei in der Edition Azur veröffentlichten Lyrikbänden erschien ebendort 2012 der Prosatext Halt dich fern. Für ihr Werk erhielt Nancy Hünger zahlreiche Auszeichnungen und Stipendien, u.a. das Hermann-Lenz-Stipendium 2008 sowie das Stipendium der Kulturstiftung Thüringen, 2011 war sie Stadtschreiberin in Jena.