Eines der Argumente, mit denen die Frankfurter Stadtregierung einst die Nachbildung der alten Häuser zwischen Dom und Römer befeuerte, lautete, dass man den historischen Stadtkern, nach dem die Touristen bisher vergeblich fragten, weil er spätestens bei Luftangriffen im Zweiten Weltkrieg zerstört wurde, dann eben neu bauen müsse. Die Geschäftsidee, die dabei aufschien, trug auch die Planung eines Romantik-Museums neben dem Goethehaus – wofür mehr spricht, als die Erwartungen der Kostenrechner fassen können. Nun hat sich die Stadt Frankfurt unter dem neuen Oberbürgermeister Feldmann (SPD) aus der Finanzierung des Projekts entfernt. Ebenso ließ sie das Vorhaben eines Volkstheaterbaus in Alt-Sachsenhausen (für Nichtfrankfurter: das is dribdebach, also auf der anderen Seite des Mains) fallen, mit dem vor fünf Jahren der ‚Fliegenden Volksbühne’ des Michael Quast eine feste Spielstätte versprochen wurde. Quast, der aus guten Gründen von Theatergängern als grandioser Komödiant und Mundart-Künstler gefeiert wird, hatte mit anderen Beteiligten zwei Jahre Arbeit in die Planung und Vorbereitung des Theaters im Paradieshof gesteckt. Unmut und Empörung über das kulturpolitische Desaster macht sich nicht nur unter Kennern und Liebhabern Luft. Am 10. März 2013 fand im Schauspiel Frankfurt eine Sonder-Matinée für die „Fliegende Volksbühne“ statt. Neben den szenischen und musikalischen Beiträgen haben sich auf dieser Veranstaltung unter anderem Günther Rühle, der 1985 bis 1990 Frankfurter Schauspielintendant war, der Komödienschreiber Rainer Dachselt, der Mitbegründer der Verlags der Autoren, Karlheinz Braun, und die Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts, Anne Bohnenkamp-Renken geäußert. Für alle, die nicht dabei sein konnten, sind ihre Beiträge hier zu finden.

Manifest der Fliegenden Volksbühne

Avantgarde muss ned dheuer sein

Von Rainer Dachselt

Liebe Freundinnen und Freunde,

mir sinn angetreten, um ein modernes Volksdheader zu schaffe. Aber mir lebe in postdramatischen Zeiten knapper Kassen, da stellt sisch die Herausforderung neu: Mir müsse noch moderner werden, es derf abber niks koste.
Also enaus aus der Komfortzone und gefraacht: Was ist modernes Volksdheader? Heißt des: Bauernschrank in de Fundus, der nackische Nachbar kann sich aach inner Presspankist von Ikea verstecke? Unn wenn's klingelt, isses net mehr die Schwiechermutter, sonnern die Patchwork-Omma? Naa, des bringt uns äsdhedisch net wieder unn aach fast kaa Einsparunge.
Mir müsse uns statt dessen fraache: Sinn mir net radikal genug? Arbeite mir net noch immer viel zu dramatisch? Mit Handlung, Text, Stick unn dem ganze Kerschel? Die annern sinn doch alle schon postdramatisch unnerweechs. Schaffe mir doch das Postvolksdheader. Net so viel Gebabbel, mehr Volksballett: Tanz den Friedrich Stoltze. Warum net emal zehn Schwiechermütter uff der Bühne, gespielt vom nackische Nachbarn, wo sisch mit dem Publikum unnerhalde, ob mer noch bei Ikea einkaufe kann? Oder einfach en Videowürfel, wo e alde Hesselbach-Folge läuft? Des bringt Spass, Geleechenheit, über die mediale Verfasstheit der Inszenierung des Inszenierden zu schmunzeln unn – allerdings unbedeutende – Einsparungen.
Desweeche müsse mir uns fraache: Sinn mir immer noch net radikal genug? Arbetie mit net immer noch zu viel mit Schauspielern? Modernes Volksdheader wär doch, wenn vor unn uff der Bühne Volk is. Warum hole mer net vor der Vorstellung einfach e paar Leut von der Zeil unn lasse die uff hessisch den Kapitalismus kridisiern, oder ihre Schwiechermüdder? Des spart doch enorm Koste.
Die Fraache is nur: Is des radikal genug? Arbeit mir dadebei net immer noch zu viel mit Publikum? Des Dheader kann sich ja reformiern, wie es will, des Publikum bleibt bei der alden Anspruchshaltung: Spielt e Stück, mir wolle sitze unn es warm habbe. Abber das is von gestern. Modernes Volksdheader braucht des alles net: kaa Stück, kaa Schauspieler unn vor allem kaa Publikum.
Da fraache sich manche: Wie kammer denn da Dheader mache? Abber die denke net radikal genug. Die bildenden Künstler mache´s vor: Konzeptkunst heißt des. De Künstler hat e Idee, schreibt se uffen Zeddel und saacht zum Publikum: „Isch waaß, dass ich des mache könnt, ihr wisst es, abber wenn isch's mach, is es kaa Übberraschung mehr.“ Unn dann stellt er einfach de Zeddel aus.
Da gehd´s für ein modernes, kostenbewusstes Volksdheader wieder. Eschte Bühnenkunst braucht kaa Ufführung. Isch fordere alle Freunde der Fliegenden Volksbühne desweeche uff, ihre Ideen uffen Zeddel zu schreiben. Der kommt in eine Schublade unn fertich. Die Stadt Frankfurt kann ja großzüüchich die Schublad stelle. Schublade, wo Idee drin verschwinde könne, müsste ja vorrädisch sein. Es lebe die Allianz von Avantgarde unn Kostensenkung. Es lebe Konzept-Volksdheader. Vielen Dank.

Literaturwissenschaftler und freie Autor Rainer Dachselt schreibt für die Bühne seit den 90er Jahren – oft für und mit Michael Quast.

Der Glücksfall

Von Günther Rühle

Was is in Frankfort noch zum lache??
Mer hatte mal e Lachkultur!!
Im große Stadt-Projekte mache
Hielt sich bis jetzt der Quast hier nur!

Jetzt wolle sie aach den vertreiwe,
Der doch noch was uff Frankfort hält!!
Mir saache hier: der Kerl soll bleiwe!!
Denn aach e traurig Lewe kostet Geld.

Wir sind dabei, wieder ein alterprobtes Stück Frankfurt abzuschaffen. Wir sehen auf diese Stadt, die sich heute vor allem in ihren Banktürmen darstellt. Die Geldstadt ist dabei, das andere Frankfurt zu verdrängen und zu ersticken. Lange Zeit ist neben und mit den Handelsgeschäften ein sehr handwerkliches Frankfurt gewachsen, mit seiner eigenen Sprache, mit seinem eigenen Humor. Und der war so kraftvoll und deutlich, dass er ins Theater drängte. Der Mann, der das erste – noch von Goethe und Ludwig Börne gerühmte – Schauspiel in Frankfurter Mundart schrieb, Carl Malß, Architekt von Hause aus, war auch Theaterdirektor in der Stadt. Ich habe selbst noch erlebt, dass diese frühe Verbindung von Volkstheater und Städtischen Bühnen bis in die sechziger Jahre des letzten Jahrhunderts reichte. Mit Schauspielern und Schauspielerinnen wie Karl Luley, wie Anny Hannewald waren noch Alt-Frankfurt auf der Bühne, Autoren wie Toni Impektoven, auch er Theaterdirektor hier, war eine Volkstheaterfigur in Frankfurt. Als das Theater sich damals, in den sechziger Jahren so drastisch veränderte, ästhetisch und politisch, hat Liesel Christ ihr Volkstheater gegründet. Wir, die wir damals hier in diesem Theater Theater machten, haben sie immer als Partnerin, als die andere Seite unserer forcierten Kunstanstrengungen gesehen und begrüßt. In Wolfgang Deichsel wuchs der Stadt ein neuer Autor aus ihrer angestammten Frankfurter Sprache. Dass Michael Quast, ein Eingeplackter, wie die Frankfurter sagen, sich in diese Stadt verliebt hat und mit Lust und Energie die Tradition aufgenommen hat und weiterführt – die Sommerspiele im Bolongaro-Garten in Höchst sind deutliche Zeichen von Nachfrage und Erfolg – ist ein Glücksfall.
Ich sehe Michael Quast noch als den jungen Schmidt im „Datterich“ auf der Bühne stehen. Hilfsdorfs Inszenierung zeigte, was für ein Potential an Heiterkeit, an Menschenkenntnis, an Lebensfreude im Volkstheater steckt, und Wolfgang Deichsels „Bleiwe Losse“ hat es uns bestätigt. Verschenken wir diese Möglichkeit nicht. Kluge Kulturpolitik stärkt sie! Denn wenn wir sie verspielen, gibt es bald keine Deichsels, keine Autoren mehr, die aus diesem Fundus des Volkshumors, der Menschennähe schaffen; sie wachsen nur in einer lebendigen Spielkultur. Wenn wir sie verspielen, haben auch die, die neu zuziehen in diese Stadt, keine Möglichkeit mehr, in dieses volksnahe Frankfurt zu schauen, die heimische Sprache zu hören, die wärmer, freundlicher, heiterer, auch unfreiwillig humorvoller ist als jedes Geschäftsdeutsch. Frankfurt ist noch was anderes als ein Hochhausfestival. Die Stadt flieht in die Zukunft. Soll sie sich selbst vergessen? Kulturpolitik kann, darf das nicht wollen!
Ein Volkstheater zu führen ist heute eine schwere Aufgabe. Es kann nicht nur von den alten Stücken leben. Neue Stoffe, neue Ideen, neue junge Spieler und Stückeschreiber müssen gefunden werden. Das ist eine schwere Aufgabe. Michael Quast kämpft dafür, das zu können und dafür, was uns froh machen und etwas vom anderen Frankfurt erhalten soll. Unterstützen, helfen wir ihm. Der Mann braucht ein Haus!

Der Theaterkritiker Günther Rühle war Feuilletonchef der FAZ und Intendant des Frankfurter Schauspielhauses.

Die Gall lääft übber!

Von Karlheinz Braun

„Die Galll lääft übber!“, stöhnt Friedrich Stoltze in seiner Gruft auf dem Hauptfriedhof, und wir stimmen ein mit einer Bestandsaufnahme der Versäumnisse, die – von wem auch immer zu verantworten – zu der Situation geführt haben, deretwegen wir hier zusammengekommen sind.
Jetzt rächt sich, dass die Theaterleitung des Volkstheaters im Großen Hirschgraben nach Jahrzehnten erfolgreicher Arbeit versäumt hat, rechtzeitig für eine zukunftsweisende Nachfolge zu sorgen.
Jetzt rächt sich, dass weder Presse noch Kulturpolitik nach den inhaltlichen und ästhetischen Maßstäben fragten, wie denn ein Frankfurter Volkstheater für Jung und Alt im 21. Jahrhundert aussehen sollte.
Jetzt rächt sich, dass Michael Quast, der vor fünf Jahren vom Kulturdezernenten unter allgemeiner Zustimmung bereits als neuer künstlerischer Leiter des Volkstheaters vorgestellt wurde, in letzter Minute von der alten Leitung verhindert wurde. „Der will uns unser Theater wegnemme“, tönte es aus dem Hirschgraben.
Jetzt rächt sich, dass der Kulturdezernent diesen Affront zwar bedauernd, aber doch hinnahm, – anstatt darauf zu pochen, dass dieses Privattheater seine Existenz nur den nicht geringen städtischen Subventionen verdankt, also zumindest ein halbes Stadttheater ist.
Jetzt rächt sich, so ist zu vermuten, dass unsere Stadtregierung mit so viel Rücksicht vor allem die Klientel der konservativen Partei nicht vergrämen wollte.
Als Reaktion darauf entstand – um es allen zu zeigen! – die Fliegende Volksbühne von Michael Quast und Gleichgesinnten, gedacht als ein demonstratives Beispiel modernen Volkstheaters in hessischer Mundart, aber auch ein umher fliegendes Provisorium auf der Suche nach einem festen Platz, – das der Kulturdezernent tatkräftig unterstützte.
Aber es rächte sich, dass er vermied, die Fliegende Volksbühne auch als offizielle Nachfolgerin des Volkstheaters nach dessen absehbarem Ende einzusetzen, das hieße auch, dass die dann freiwerdenden Etatmittel der Fliegenden Volksbühne zuständen.
Es sollte sich aber dann auch eine geradezu wunderbare Idee aus dem Stadtplanungsamt rächen, mit der zum allgemeinen Erstaunen das Projekt eines neuen Theaters für nur 5 Millionen im Sachsenhäuser Paradieshof verfolgt wurde, und bei dem sich aber mancher fragte, ob denn Frankfurt zwei Volkstheater brauche. Und für was eigentlich? Keine Diskussion, die Kulturszene & das Feuilleton freuten sich über das unverhoffte Geschenk, die Politik schwieg. Ein diskretes Projekt fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit.
Denn es sollte sich bald rächen, dass man mit den 5 Millionen Baukosten eine politische Akzeptanz des Projekts erreichen wollte, (darüber hinaus mit dem guten Argument einer Verbesserung der Sozialstruktur Alt-Sachsenhausens) – was aber nach 2 Jahren Planung und dann mit 10 Millionen Kosten zum plötzlichen und ebenfalls nicht öffentlich diskutierten Aus des Projektes führte.
Es rächt sich für Michael Quast und die Fliegende Volksbühne, dass sie sich auf diese Pläne und damit auf jahrelange Vorarbeiten eingelassen haben, ohne eine sowohl die Stadt wie auch ihn verpflichtende vertragliche Sicherung, dass dieses Projekt auch realisiert wird. So genügte das Votum einer Haushaltskommission, und schon werden aus einen Theater Wohnungen. Nichts gegen Wohnungen. Aber am Paradiesplatz? Und nach den jahrelangen bereits kostenträchtigen Vorarbeiten für das Theater?
Es rächen sich inzwischen auch Versäumnisse bei dem zweiten Projekt im Zusammenhang mit einem Frankfurter Volkstheater: Die schönen Pläne des Kulturdezernenten, auf den durch den Umzug des Börsenvereins frei gewordenen Flächen am Großen Hirschgraben ein buchaffines Zentrum zu schaffen, erwiesen sich bald als unrealisierbar.
So rächt es sich – gerade seit den letzten Beschlüssen der Haushaltskommission, die auch das Aus für das geplante Romantik-Museum bedeuteten – dass die Stadt bzw. die städtische Baugesellschaft über keinerlei Alternativen nachdenkt – außer der von Luxuswohnungen, – nach Ansicht von Architekten am nicht geeigneten Ort. Wozu der Cantate-Saal so schnell wie möglich abgerissen werden soll.
Es rächt sich jetzt, dass (nur ein Beispiel) ein städtebauliches Konzept für den irrwitzig verbauten Goetheblock am Hirschgraben, das von der Frankfurter Architektur-Professorin Scheiblauer zusammen mit Studenten der Fachhochschule in monatelanger Arbeit entstanden ist, nicht weiterverfolgt wurde. Es hätte u. a. das geplante Romantik- Museum in einen symbiotischen Zusammenhang mit einem Volkstheater im zu erhaltenden Cantatesaal vorgesehen.
Und so wird es sich zuletzt rächen, dass bisher niemand von der Stadt auf die Idee kommt, den Cantate-Saal, in dem am 31. Mai die letzte Vorstellung von Liesl Christs Volkstheater stattfindet, und der ja ein vollständig funktionsfähiges Theater ist, statt abzureißen der Fliegenden Volksbühne von Michael Quast zur Verfügung zu stellen.

Die Liste der Versäumnisse ist lang und konnte hier nur skizziert werden. Sie hinterlässt ein Desaster. Eine perfekte Loss-loss-Situation. Es gibt nur Verlierer: Die Theatermacher. Die Kulturpolitiker. Die Planungspolitiker. Und nicht zuletzt: die Frankfurter, das Publikum einer Großstadt, die statistisch gesehen ihre Bevölkerung alle sieben Jahre austauscht und eine identitätsstiftende Institution wie ein Mundart-Volkstheater dringend benötigt.
Die Gall lääft übber!

Mit Goethe zu Quast

Von Anne Bohnenkamp-Renken

Guten Morgen, meine Damen und Herren,
als der Frankfurterisch sprechende Goethe als 16-Jähriger im sächsischen Leipzig erstmals in der Fremde der eigenen mundartlichen Prägung gewahr wurde, stellte er fest – so formuliert er diese Erfahrung rückblickend im 6. Buch von ‚Dichtung und Wahrheit‘:
„Jede Provinz liebt ihren Dialekt, denn er ist doch eigentlich das Element, in welchem die Seele ihren Atem schöpft.“
Ich plädiere heute mit Ihnen allen dafür, dass die Fliegende Volksbühne in Frankfurt ihre bleibende Spielstätte finden muss. Und ich folge gern der Aufforderung von Michael Quast, Ihnen in drei Minuten außerdem die wichtigsten Gründe zu nennen, warum Frankfurt trotz angespannter Haushaltslage nicht nur und zweifellos Michael Quasts „Fliegende Bühne“ braucht, sondern auch das Romantikmuseum.
Bei den Plänen zu diesem Museum geht es nicht darum „noch ein Museum“ zu bauen, sondern es geht uns hier um die Erweiterung und Vollendung des weltweit renommierten Frankfurter Goethe-Museums, es geht darum, das wiederaufgebaute Elternhaus Goethes am Großen Hirschgraben und die von Ernst Beutler konzipierte Gemäldegalerie der Goethezeit um ein literarisch-romantisches Zentrum zu ergänzen, für das vom Hochstift am Großen Hirschgraben seit über 100 Jahren Originale zusammengetragen werden:
In dem Keller neben dem Goethehaus befindet sich heute eine der weltweit wichtigsten Sammlungen von Dichtermanuskripten der Romantik; hier liegen die originalen Handschriften der großen romantischen Dichter – von Friedrich von Hardenberg (Novalis) über Clemens Brentano und seine Schwester, Bettine von Arnim, bis zu Joseph von Eichendorff und anderen. Originale, die hier der Forschung zugänglich sind, von denen das Publikum in Frankfurt, in Hessen, in Deutschland und in aller Welt bisher aber nichts weiß und nichts darüber erfahren kann.
Es bietet sich jetzt – und nur jetzt, im Jahr 2013 – die historische Chance, diesen Handschriften einschließlich der hochkarätigen Sammlung zur bildenden Kunst der Romantik ein Haus zu bauen, in dem diese Schätze auch dem breiteren Publikum zugänglich werden.
Ausgehend von diesen Schätzen soll ein Ort entstehen, der die Romantik als Schüsselepoche in der europäischen Geistesgeschichte in Erinnerung ruft – und erfahrbar macht, welche entscheidende Rolle sie für uns heute immer noch spielt.
Historisch zu nennen ist dieser Moment deshalb, weil vor wenigen Monaten der Börsenverein des Deutschen Buchhandels aus den Nachbargebäuden am Großen Hirschgraben in die Braubachstraße gezogen ist und das unmittelbar an Goethehaus und Goethegärten angrenzende Gelände neu bebaut werden soll.
Wenn wir es zulassen, dass dort jetzt ausschließlich Anwaltskanzleien, Bankbüros oder Wohnungen entstehen, ist diese Chance unwiederbringlich vertan. Und damit die Möglichkeit, der Romantik als einer entscheidenden, in die Moderne verweisenden Epoche der deutschen und europäischen Geistes- und Kulturgeschichte den bisher fehlenden Ort zu geben. Vertan wäre aber auch die Chance, dem Goethehaus endlich den seit Jahren fehlenden Raum für die immer dringlichere Vermittlungsarbeit zu verschaffen und die Angebote zur kulturellen Bildung auszubauen, und die Möglichkeit, Goethe in Frankfurt neu zu entdecken und der Welt vorzustellen: als einen Dichter, der in Deutschland oft als Gegner der Romantik, in internationaler Perspektive aber als der wichtigste deutsche Romantiker gilt. Als einen Kulturtheoretiker, dessen Idee einer „Weltliteratur“ bis heute weltweit diskutiert wird – eine Idee, die wir heute „interkulturelle Kommunikation“ nennen würden, die unmittelbar aus Goethes Beschäftigung mit den europäischen Romantikern entstanden ist und die in Goethes dichterischem Werk, z.B. im ‚Faust‘ Gestalt annimmt.
Romantik – das ist ein Begriff, der in der europäischen Literatur vieles bedeutet, der aber gar nicht denkbar ist ohne die Beziehung zu den sogenannten volkstümlichen literarischen Ausdrucksformen. Und damit bin ich wieder bei Michael Quast und unserem Plädoyer für das Volkstheater in Frankfurt: Mit Herder und den Romantikern war Goethe der Auffassung, dass „die Dichtkunst eine Welt- und Völkergabe“ ist, nicht „das Erbtheil einiger feinen gebildeten Männer“. Die Faszination für die Volkspoesie in aller Welt und Goethes Beschäftigung mit den serbischen, französischen, englischen, schottischen, dänischen, litauischen, neugriechischen, persischen, arabischen, chinesischen Volkspoesien: Sie stammen aus der gleichen Liebe zur Vielfalt der Erscheinungen wie das ausgeprägte Interesse an Mundart und Volkstheater, das für Goethe immer wieder eine entscheidende Quelle der eigenen dichterischen Produktion war. Auf eine kurze Formel gebracht: Ohne Volkstheater hätte die Weltliteratur auch keinen ‚Faust‘.
Meine Damen und Herren, kämpfen wir also für beides, für das Romantikmuseum und für ein Haus der „Fliegenden Volksbühne“!

Anne Bohnenkamp-Renken ist die Direktorin des Freien Deutschen Hochstifts in Frankfurt

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erstellt am 12.3.2013

Michael Quast, Foto: Alexander Paul Englert
Michael Quast, Foto: Alexander Paul Englert

Der Schauspieler, Kabarettist und Regisseur Michael Quast gründete mit Gleichgesinnten im Dezember 2008 die Fliegende Volksbühne Frankfurt.