Die Geschichte über die Heldentaten des Gotenprinzen Beowulf ist in einem heute unverständlichen angelsächsischen Dialekt niedergeschrieben worden und wurde – und wird - immer wieder nicht nur  ins moderne Englisch, sondern auch ins Deutsche übersetzt. Stefana Sabin vergleicht die letzten zwei deutschen Übersetzungen.

Beowulf Illustration
Übersetzungsvergleich

Held gegen Held

Neue Übersetzungen geben das Epos von Beowulf in Versen und in Prosa wieder.

Von Stefana Sabin

Der Bericht über die Heldentaten des Gotenprinzen Beowulf hat denselben Stellenwert in der englischen Literatur wie das Rolandslied in der französischen, die Geschichte des Cid in der spanischen und das Nibelungenlied in der deutschen: ein Heldenepos aus uralten Zeiten, das eine nationale sprachliche und literarische Tradition begründet hat. Auch „Beowulf“ wurde mündlich überliefert; man nimmt an, dass das Epos jahrhundertelang eher gesungen als gesprochen wurde, bevor um 1000 jemand es niederschrieb.

Die einzige Handschrift galt lange als verschollen, wurde wiedergefunden, dann ignoriert, dann beschädigt, gelangte erst ins British Museum, dann in die Sammlung der British Library, wurde transkribiert, ediert, in modernes Englisch übersetzt, von der Romantik zum identitätsstiftenden Nationalepos erhoben, von der Moderne zur Schullektüre geadelt und schliesslich in einem großangelegten philologisch-elektronischen Projekt 1995 digitalisiert (ebeowulf).

Anders als das Rolands- und das Nibelungenlied, die auch wegen der geographischen Übereinstimmung zwischen dem Ort der Handlung und dem späteren Nationalstaat zur kulturellen Selbstfindung und -positionierung dienlich wurden, spielt „Beowulf“ weit von den britischen Inseln entfernt im Norden Europas, im heutigen Südschweden und Dänemark; von Schweden, Dänen, Friesen und Goten ist die Rede. (Der dänische Gelehrte Grimur Jonsson Torkelin hatte Ende des 18. Jahrhunderts das Manuskript transkribiert und wollte es als dänisches Nationalepos verstanden wissen.)

Tatsächlich kommen Dänen schon in der ersten Zeile vor: In der Übersetzung von Gisbert Haefs beginnt das Epos mit einer fast homerischen Beschwörung der „kühnen Taten der Speer-Dänen“ , deren König Hrothgar das prächtige Schloss Heorot bauen lässt und dort „ein fröhliches Leben“ führt, bis der „grimme Geist“ Grendel allabendlich „Verderben bringt mit wüstem Wüten, Hass und Gemetzel.“ In der Übersetzung von Johannes Frey wird von „Ger-Dänen vergangener Tage“ berichtet, die für ihren König „die größte der Hallen“ bauen und dort in „Frohsinn und Freude“ lebten, bis ein „Feind aus der Hölle / sein Treiben begann und Tücke vollbrachte.“ So kommt Beowulf übers Meer herbei, um König Hrothgar beizustehen – zu „Abwehrkämpfen und zur Hilfeleistung,“ so Haefs. Bei Frey will Beowul „dem Riesen allein im Gerichtssaal begegnen“ und mit ihm kämpfen: „Held gegen Held.“ Zuerst tötet Beowulf den Riesen Grendel, dann Grendels Mutter, wird als Retter gefeiert und reich beschenkt und kehrt mit den Schätzen heim zu König Hygelac; als zuerst dieser und dann dessen Sohn Heardred sterben, wird Beowulf selbst König. Fünfzig Jahre regiert er friedlich, aber als sein Reich von einem Drachen überfallen wird, muss er als alter Mann noch einmal in den Kampf. Zwar gelingt es ihm, den Drachen zu bezwingen, aber dabei wird er selbst tödlich verwundet. „Aus seiner Brust floh die Seele und suchte den Sitz der Gerechten,“ erzählt Haefs, und Frey: „Er selbst wusste nicht, / wie sein Abschied von Erden sein Ende aussah.“ Statt eines Happy End also der Tod des Helden im Kampf und seine feierliche Bestattung. Bei Haefs wird Beowulf von seinen Gefolgsleuten als „von allen Männern der mildeste und menschenfreundlichste“ betrauert, bei Frey „beklagten die Waisen das Weh ihrer Zeit, / den Tod ihres Fürsten,“ von dem es heißt: „Er wäre ein wahrhafter Held, / ein König auf Erden, und von allen der Beste: / gerecht und auch freigebig, freundlich und gütig / und zu ewigem Ruhm immer bereit.“

In einem heute unverständlichen angelsächsischen Dialekt geschrieben, wurde „Beowulf“ immer wieder ins Englische übersetzt – zuletzt 2000, als der Nobelpreisträger Seamus Heaney dem jahrtausendalten Epos einen poetischen Glanz verliehen hat, mit dem die altenglischen Verse dem Mief der Schullektüre in die Phantastik modischer Literatur entkommen sind. Heaneys Übertragung wurde ein literarischer Hit auf beiden Seiten des Atlantiks. Und auch Hollywood entdekte die handlungsreiche altenglische Saga und machte 2007 in einem großen Kinospektakel Beowulf zu einem globalen Halden.

Wie viele kanonische Werke wurde „Beowulf“ immer wieder auch ins Deutsche übersetzt, nachgedichtet und nacherzählt. Für eine neue Fassung gab es, wie Gisbert Haefs 2007 bekannte, verschiedene Möglichkeiten: „als Fantasy-Roman oder als lakonische Saga bis hin zur freien Nacherzählung oder gar einer Umdichtung in politisch korrekt pazifistische, geschlechtergerechte Sprache.“ Haefs, der als Erzähler ebenso geübt ist wie als Übersetzer und der das stilistische Register der Fantasy-Literatur ebenso beherrscht wie die Mittel der Gebrauchsliteratur, hatte sich für eine Prosafassung entschieden, die sich jedoch eng an die Versübertragung von Martin Lehnert von 1986 anlehnte. Syntaktische Normalisierungen und der Verzicht auf gattungsübliche Redundanzen verbesserten den Erzählfluss; unauffällig im Text eingebettete Erläuterungen machten die sagenhaften Verhältnisse nachvollziehbar, und schlichte, handlungsbezogene Kapitelüberschriften („Beowulfs Heimkehr“ oder „Beowulfs Tod“) verliehen der Geschichte, die in Rückblenden und Vorausdeutungen und in Nebenhandlungen voranschreitet, narrative Kohärenz. Ein hinzuerfundener Prolog über die Niederschrift des Epos fingierte die Quellenfiktion und gab der Geschichte einen historisch-kulturellen Halt. Beowulf, den schon Seamus Heaney zu einem Helden in menschlichem Format stilisiert hatte, wurde bei Haenfs ein „Krieger in der Not“, dessen kämpferische Energie nicht aggressiv, sondern defensiv war und dessen ungewollter Kampf mit dem Drachen die Unausweichlichkeit des Todes in einer von der Schicksalsmacht Wyrd regierten Welt suggeriert.

Wem Haenfs antiheldische Prosaübersetzung zu unspektakulär ist, kann nun zu Freys gereimten Version greifen. Haenfs hatte das Epos, in dem sich germanische Sagenstoffe mit christlichen Motiven vermengen, von Pathos befreit – Frey gibt es ihm wieder. Frey hat „Beowulf“ schon im Untertitel wieder zu einem „Heldenlied“ gemacht und will in Versen mit Stabreim die „literarische Schönheit und Wucht“ des Originals bewahren. Ob Haenfs modernes (Anti)Heldenepos oder Freys altmodisches Drachenmärchen – Beowulf ist eine tolle Geschichte!

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erstellt am 11.3.2013

Beowulf
Das angelsächische Heldenlied
Aus dem Altenglischen übersetzt von Johannes Frey
130 Seiten. Reclam, Stuttgart 2013

Beowulf
Die Geschichte von Beowulf und seinen Taten
Übertragen von Gisbert Haefs
135 Seiten. Insel Verlag, Frankfurt 2007
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