Seit März 2002 veröffentlicht Kornelia Koepsell ihre unvertrauten Gedichte in renommierten Literaturzeitschriften. Unvertraut sind sie trotz ihrer familiären oder mythischen Sujets, weil die Realität in die Artefakte einbricht oder, umgekehrt, die Poesie in den Alltag. Bei Kornelia Koepsell kommen profunde Bildung, Intuition, Formbewusstheit, Detailbeobachtung, feines Gespür und Qualitätsbewusstsein zusammen, um ein Gedicht hervorzubringen. Alte poetische Traditionen werden zu Brutstätten ganz gegenwärtiger Neuschöpfungen, die ihre Sachverwandtschaft mit den Anliegen der klassischen Meister nicht verhehlen. Im Gespräch mit Bernd Leukert thematisiert Kornelia Koepsell ihren Zugang zum Poetischen und ihren spielerischen Umgang mit der Suggestion alter Formen.

Faust-Gespräch mit Kornelia Koepsell

Mein Leben in dieser Welt der Dichter

Ich kenne von Ihnen ein paar Zyklen. Und die Zyklen sehen so aus, als wäre jedes Gedicht dafür gemacht, so dass sich die Frage stellt: Konzipieren Sie von Anfang an Zyklen oder sammeln Sie Gedichte, aus denen dann ein Zyklus werden kann?

Beides. Ich möchte gerne auch Stoff in einer ausreichenden Länge darbieten, so dass er gedanklich durchdrungen werden kann. Was der modernen Zeit fehlt, ist das Durchdringen. Wir leben in einer oberflächlichen Häppchen-Zeit. Und da habe ich gemerkt, die Gedichte drohten länger zu werden. Und ich mag keine Langgedichte. Das einzelne Gedicht soll noch die kompakte, in sich geschlossene, lyrische Form haben. Aber ich kann, indem ich sie in Serie setze, mir selber ausreichend Platz verschaffen, um komplexere Strukturen zu entwickeln. Das ist der Grund, warum ich irgendwann mal zu diesen Serien übergegangen bin. Und ich fange jetzt an, die Serien von vornherein als Serie zu komponieren.

In diesen Serien versuchen Sie, eine formale Art und Weise gewissermaßen zu deklinieren, durchzuspielen.

Ja.

Da ist kein Gedicht dem anderen gleich, sondern hier versuchen Sie das, da versuchen Sie das. Beim Lesen bemerkt man aber den Formgedanken. Was die älteren Formen angeht: Wie lösen Sie das Problem, dass die Form auch immer Inhalte vorgibt? Am deutlichsten ist das beim Sonett, das eine Argumentations- und Beweisform hat.

Es zwingt einen gewissermaßen dazu. Ja. Aber damit kann man spielen und die Anforderung umgehen.

Und ich denke mir, dass andere Formen ihre spezifischen Inhalte hervorbringen oder nahelegen.

Ich denke, dass sie Tendenzen nahelegen, sowohl durch die tradierten Inhalte wie auch durch ihre Form. Man kann das weiterentwickeln und auch in andere Bahnen bringen.

Wie begegnen Sie dem, da Sie nicht etwas Altes reproduzieren?

Einerseits greife ich diese alten Formen auf, andererseits mache ich aber auch neue. Ich bastle mir quasi aus den alten Formen neue, zum Beispiel Oden, – was ja auch Klopstock schon gemacht hat. Die alten Formen scheinen bestimmte Inhalte eher nahezulegen als andere – wobei ja nicht so klar ist, welche. Für mich ist das so wie beim Lied. Da geht es auch um Metrik und um eine Strophenfolge. Und die legt eine Gefühls- oder Welthaltung nahe, die auch sehr stark emotional geprägt ist. Zum Beispiel haben die Hexameter eine elegische Schwingung wegen der gleichförmig aneinandergereihten Daktylen, und dann kommt der Hebungsprall in der zweiten Zeile. Man kommt also in so einen schwingenden Rhythmus. Aber an bestimmten Stellen knackt es plötzlich oder blitzt es, und es gibt den Zeilenumbruch, und es gibt den Aufprall. Das passt sehr gut zu einer reflektierenden, aber auch traurigen Grundhaltung, wo dann etwas Widerständiges eine Spannung erzeugt. Der Inhalt ist nicht eindeutig vorgeprägt, eher die emotionale Grundstimmung. Das ist das eine. Das andere ist, dass man das auch konterkarieren kann. Ich habe auch mal eine ganze Serie über Alltag gemacht, also Staubsaugen, Wäsche Waschen mit Hilfe solcher elegischen Rhythmen. Und das gibt unglaublich interessante Effekte. Damit kann man spielen. Ich überlege mir auch sehr genau, wenn ich bestimmte Inhalte bearbeite, was für Formen ich dazu nehme, und welche dann passen.

Interessiert Sie die Reibung von zeitgenössischen Inhalten und dieser alten Form?

Ja, sehr sogar, – was man übrigens sehr schön mit Oden machen kann. In „Sinn und Form“ (Februar 2012) sind zwei Gedichte veröffentlicht, die heißen Ich spiele Weltkrieg und Ostfront, wo ich die Inhalte und Sprache eines Computerspiels eingefügt habe in eine klassische asklepiadeische Ode. Und die ist ja sehr spannungsgeladen. Also nicht: die alkäische, sondern die asklepiadeische. Das Computerspiel, wo quasi die Russen gegen die Deutschen spielen und man dann die Fronten wechseln kann, das gibt es wirklich. Und in so eine Ode umgesetzt knallt das richtig. Und das in der Tradition von Hölderlin, der ja eigentlich diese Odenform benutzt hat, um – man könnte sagen – Deutschland zu retten oder Deutschland in irgendeiner Form zu einem einig Vaterland zu machen.

Nach griechischem Vorbild.

Genau. Das finde ich reizvoll, dabei auch die Alten aufzuheben. Für mich ist das ein Stück mein Leben in dieser Welt der Dichter. Ich will die also nicht kaputt machen, weder überwinden noch sonst was, sondern ich will die eigentlich aufgreifen und für die moderne Zeit fortführen. Das wäre mein Anliegen.

Haben Sie auch mal umgekehrt versucht? Ich kann mir vorstellen, dass man von einer Idee ausgeht oder von einem Objet trouvé: Man findet ein, zwei Worte, die schon sozusagen brennen oder leuchten und versucht, die als Kern eines Gedichtes zu nehmen, das man fortspinnt. Und dieses Fortspinnen sucht sich eine Form.

Habe ich auch. Und das wird dann meistens etwas, wo sich eine auftauchende Wortfolge eine Form sucht, wo ich beispielsweise eine Strophe draus bastle aus bestimmten Abfolgen oder Klangfolgen, die in mir entstehen, wo ich dann aber meistens in der zweiten Strophe versuche, das Vermaß der ersten – was sich aber zufällig in mir gebildet hat – zu entschlüsseln und dann eine zweite Strophe dazu zu machen, die passt, so dass sich daraus eine neuartige Lied- oder Strophenstruktur ergibt. Ich arbeite aber auch mit ganz freien Rhythmen. Es ist nicht so, dass ich fixiert bin auf die Reproduktion oder Wiederholung oder auf das Spiel mit den alten Formen. Ich lese zum Beispiel auch gerne graphic novels, und dort findet man eine Ästhetik, die auch wieder bestimmte Inhalte nahelegt, wo ich beim Lesen auf sehr gute Einfälle komme, für die ich neue Formen erfinde, auch bruchstückhafte.

Woher wissen Sie, dass etwas gedichtfähig ist?

Das ist eine gute Frage. Da gibt es für mich keine Grenzen. Doch: Ich habe schon gelegentlich mal gedacht, ich müsste mal etwas ganz Verrücktes als Thema im Gedicht wählen, etwas, was noch nie jemand gemacht hat, abstruse Alltagshandlungen, weil ich mich auch mit dem Alltag auseinandergesetzt habe. Aber ich bin mittlerweile der Meinung, dass das langweilig ist. Da ist die Grenze. Das Schlimmste wäre für mich, wenn es langweilig ist.

Andere Dichter sagen, es muss immer etwas mit mir zu tun haben. Würden Sie das auch sagen?

Mir ist es primär nicht so wichtig, etwas von mir selbst im Gedicht auszudrücken. Das hängt vielleicht damit zusammen, dass ich die Literatur mehr in mich hinein hole als etwas Inneres aus mir heraus, was aber wahrscheinlich – psychologisch gesehen – so nicht stimmt.

Also eher gestalten, und nicht ausdrücken?

Eher das, was auf mich einwirkt, gestalten. Das hat natürlich auch etwas mit mir zu tun, bloß ist der Weg erst einmal anders herum.

Erinnern Sie sich an einen Punkt, an dem Sie wussten: Das interessiert mich, das Gedichteschreiben, das will ich machen?

Gedichte im engeren Sinne habe ich seit der Pubertät geschrieben. Aber es gab schon immer eine Begeisterung bei mir für den Klang der Wörter. Mit meiner Schwester habe ich vor dem Einschlafen stundenlange Spiele gespielt, wo wir lautmalerische Wörter für alle möglichen Dinge erfunden haben. Da waren wir fünf und sechs Jahre alt. Und wenn ich als Kind krank war, zum Beispiel als ich die Windpocken hatte, habe ich mir kettenlange Reime vorgesagt.

Das Gespräch führte Bernd Leukert

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erstellt am 11.3.2013

Kornelia Koepsell

Kornelia Koepsell, geboren 1955 in Giessen, lebt in Höchberg bei Würzburg. Soziologie- und Psychologie-Studium in Frankfurt am Main; während dieser Zeit zweijährige Teilnahme an der Städel-Abendschule in Frankfurt mit Ausbildung im Zeichnen; Promotion in Entwicklungs­psychologie. Leitende Psychologin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Universitätsklinik Frankfurt. Übersiedelung nach Würzburg; wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität Würzburg. Seit dem Jahr 1997 in eigener Praxis in Höchberg als Psychoanalytikerin tätig. Veröffentlichungen im Bereich von Wissenschaft und Lehre. Gedichte in verschiedenen Zeitschriften und Anthologien (Jahrbuch der Lyrik, Sinn und Form, Akzente, Der Literaturbote, die horen etc.). (poetenladen)