Im Krankenhaus geschrieben, nur an Freunde im Privatdruck gereicht, hat dieser Text seine Runden gemacht. Erst kürzlich ist im Verlag Peter Engstler „Am Meer. An Land. Bei mir“ erschienen, eine wundersame Trilogie des lange verkannten und jetzt auch preislich gewürdigten Paulus Böhmer. Konkrete Bilder, Zustände, Atmosphären – sein Gesang über alles, was endet, ist so archaisch, unablässig und packend, dass man diesem Immer vorwärts! ohn’ Unterlass begeistert und erschüttert bis zum Ende folgt. Wenn man den Autor anlässlich der Vergabe des Hölty-Preises in Hannover, einmal selbst hat lesen hören, kommt die Stimme des Dichters beim eigenen Lesegenuss immer wieder in den Kopf. (flo)

I.

Am Meer

Von Paulus Böhmer

Alle Physik
ist reine Erfindung.
(Saul Cechy)

Eben noch habe ich die Geier auffliegen gesehen,
mit anzüglich gestrecktem Hintern, mit glühenden Federn,
glühendem Bart.
Jeder Geier ein Mogul, ein Ahab, ein Kaiphas,
ein Innocenz, ein Verweser, aus dem Irrsinn und Ekel tropft.
Eben noch habe ich Dich, Herzlieb, gespürt, hüte Dich!,
ein Sich-Zeigen, ein Sich-Verbergen, etwas,
was lächelt und was, wenn es nicht lächelt, lächelt. So
schlägt die Gegenwart ihr Wasser ab
in die Vergangenheit und die Vergangenheit vergißt.
Eben noch hörte ich die schweren Schwingen am Himmel,
hörte in meinem Kopf die Arbeit des Lufwiderstandes,
spürte in meinen Adern, gefüllt mit Luft, Lust, Heuwärme,
Luft, Lust und Heuwärme und den Einspruch der Trombosen &
das Toben kleiner, fetter Fleischer & die Wehen in den Pflanzen
– manche von ihnen waren über eine helle Elle hoch,
manche noch höher, manche reichten stracks bis zum Himmel, ihnen
allen wohnte im Reich des Taumels große Stärke inne –,
und das Wasser der Aller, es färbte sich rot vom Blut aller,
färbte sich Rot.
In den Abwegen der Gelenke
versalzten Zeit, Ursprung, Untergang, Auferstehung,
die Gehäuse der Mythen, der Gottesbewegungen und -lästerungen.
Die Schatten bewegten sich in andere Richtungen
als die Körper, aus denen sie geworfen,
strichen über die Brücken und Statuen von Kaisern und Knechten,
Frauen und Männern, Wollust und Macht, und einer
von ihnen schwoll an, reckte sich, streckte sich, wetzte sich:
Schaut her, ich bin da! Ich bin es!
Ein Meteorit besiegelte das Aussterben der Sanftmut.

Das plötzliche Wissen, daß wir Punkte sind,
zwischen denen ein umherirrender Sinn zuweilen
auftaucht, über uns herfällt, uns wieder fallen läßt
– wir sind ihm, wie alles im Universum, einfach zu alt,
Bruchteile von Bruchteilen zu alt.
Irgendwann, später, als das Fleisch in den Wasserlöchern wie immer
zu Atomen zerrieben wurde, wie immer vom Wind verstreut und vertrieben,
kichert spöttisch ein Evangeliar, keilt sich ein verwirrter
alter Herr ein Kissen zwischen die Beine, ranken sich Frauen
in hochmütigen Zöpfen, in rhythmischen Worten und Bewegungen
und sterben wie Kanaaniter, wie Wespen,
wir aber hielten sie für Planeten, gefüllt
mit unsterblichem Licht. Wir würden unsere Arme
nach ihnen ausstrecken, die Arme würden leer bleiben, leer.
Und während sich unser Inneres, den Bewegungen
des nahen Meeres folgend,
hob und senkte, senkte und hob, wüßten wir, daß all das,
was wir noch Augenblicke zuvor für köstlich und sinnvoll,
für unsterblich gehalten hatten, nicht wichtiger war
als Einwegflaschen, Hamburger, Devisenkurse,
korrekte Sätze, nasse Kissen, Gott oder die Geschichte von Kain.
Vielleicht macht uns erst der süße Anblick von Toten zu Menschen.
Vielleicht gehen wir langsam eine Treppe hinunter und sind plötzlich
im Freien. Vielleicht sind die ersten Augenblicke unseres Lebens
auch die letzten Augenblicke unseres Lebens. Und jemand spitzt
den Mund zu einem verzweifelten Pfeifen, nur, um zu sagen,
– und es dauert nur paar Sekunden – daß alleine im Traum
die Liebe, weder physikalischen noch metaphysischen Gesetzen
unterworfen, möglich sei,
wie alles Wesentliche ohne Zweck
aus der Leere entstanden.
Vielleicht war es so,
daß die Tränen, daß die Verwünschungen
– zusammen mit einem Anbeter, dem verwirrten Vilfan –
noch einmal mit uns bis zum Morgengrauen
durch die Straßen der Altstadt zogen, vom Geist Garwickers sprachen,
von Tötungsbolzen, ungefüger Liebe, von den Unmengen
x-beliebiger Sterne,
die uns unentwegt um die Ohren flögen, von Mondfürzen, von
Planetengeplapper.

Vielleicht, daß wir auf den Dubliner stießen,
in einem Stehlokal, am Fuß einer Brücke, ihn wieder verloren,
denn es graute schon der Morgen, und alle, die Nacht für Nacht
in den Bunkern erstickten, wären jetzt schon wie niemals gewesen
und erschienen den Überlebenden nur wie Verwünschungen und Tränen,
vielleicht, daß wir Vilfan erklärten, warum
der Pfau Rad schlage und was Religion sei und daß
Odysseus von seinem Sohn als Namenloser abgestochen werde
(Vilfan widersprach, er war stockbesoffen).
Vielleicht, daß es die kosmische Hintergrundstrahlung war,
daß wir schlotterten, war kalt, so kalt.
Vielleicht, daß wir bei einem letzten Espresso
– denn es drängte schon der Morgen, und es dauerte nur noch
Jahrzehnte, bis Joyce, verwandelt in reine, fast reine Musik der Worte,
am Vorabend des Zweiten Weltkriegs erlosch –
auf den Dichter Turowski trafen, der von der Schüchternheit sprach,
von der Freundschaft, von der Zahl auf dem Grund von allem
(Vilfan verstand, er war stockbesoffen),
und daß das All, vielleicht, dem Herzschlag vergleichbar,
in Abständen kosmischer Art pulsiere, und daß alles Feste
entschieden in sich zusammenstürze und alles Amorphe
entschieden in andres Amorphes übergehe und daß es,
wenn der Pfaffe die Wandlung beschwöre „. . . das ist Dein Leib . . . Dein Blut“ . . .
so sei, als habe man einen kranken Zahn und müsse ihn
ständig betasten – Vilfan verstand.
Es war Morgen. Joyce schon verstummt. Rousseau und Max Ernst
küßten sich und verschwanden.
(Der Dichter Turowski aber weinte bitterlich.)
Es ist schwer, tapfer zu sein. Wir sind
dafür nicht gemacht.
Bevor wir nicht wissen, was los ist im Leben, was
dran ist am Tod, können wir nicht lieben, sagt
meine Braut, die Füchsin. In den Dünen
die beunruhigende Gleichzeitigkeit aller Dinge,
das Geräusch eines tropfenden, mit Blut vollgesogenen Kissens,
das eklige, unentrinnbare, vage Gefühl der Schuld am Tod
weit entfernter, unvorstellbarer Wesen – als ob Sein oder Nichtsein bei
uns lägen.
Weit draußen die Bezirke der Finsternis und der Vergessenheit,
Weit draußen das Geheul der Gespenster,

die nichts mehr zu sagen haben, weit draußen
die Zärtlichkeit der Sandbänke. Und kein Gott, sagt die Füchsin, die Braut.
Wellen brechen sich. (Niemand hat je eine Welle sterben gesehen.)
Über dem Kern der Erde liegt ein Mantel aus Samen.
Die Scheunen im Hinterland sind voller Gerste und Emmer.
Zugvögel fallen ein, heben ab, voll unverbrüchlicher Treue.
Strandräuber brechen auf, zu jung,
um schon ein geschütztes Gesicht zu haben.
Jahre später schweben sie am Galgen, for ever young.
Und die Gegenwart schlägt ihr Wasser
in die Vergangenheit ab und die Vergangenheit vergißt.
Nichts gilt. Weder Unschuld noch Schuld.
Keine Beknirschung, kein Zähneknirschen, kein Knirschen entbeilter Köpfe.
In den Mannschaftsquartieren unter der Erde
dampfen die Kollatschen. Berber und Berserker mampfen
an Isidorenwurzeln, strudelwärts. Abseits,
in den Gehäusen aus Isenheimer Wonne, die Herzandaluse, die Milzlatsche,
der Suffohrbrocken. Dummenwärts der Herzensklumpatsch.
In einer Furche aus Sanskrit und Open-Air-Kristallen
ein Menschenleib, gehüllt in Mutterblase,
aus dem die Muhme, die berühmte Schlange, sich einst wand
in Schauern des Entzückens: Cremige Fette
und silbrige Öle, die besten Freudinnen der Belles,
und Fleisch und frisches, kühles Wasser, und eben noch
hatte ich die Geier auffliegen gehört. Weit weg
heulte ein Granitlöwe um sein verwundetes Weibchen,
und die Schlange biß sich in den eigenen Rücken, und es gingen daraus
drei Blumen hervor: die weiße der Rachsucht, die rote des Hasses
und die blaue für das Kindergeschrei aus der Grundschule
jenseits des Stacheldrahtzaunes.
Das Weltall lächelt. Nachts
klingen die Kontinente nach nassem Pflaster, nach Hurlie-Girlie,
nach Pop, und es flutschen die Schnurstracksströme
der Quanten durch das Fleisch. Quer durch das Fleisch. Quer.


Auszug aus: Paulus Böhmer, Am Meer. An Land. Bei mir., Trilogie, Verlag Peter Engstler, 2010

erstellt am 16.10.2010

Am Meer. An Land. Bei mir.

Paulus Böhmer
Am Meer. An Land. Bei mir.
Trilogie. 148 Seiten.
Verlag Peter Engstler
ISBN 978-3-941126-06-0

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