Zur literarischen Mode gehört auch die Aussage, dass man heute keine Gedichte mehr in überlieferten Formen schreiben „kann“. In der Moderne, in der angeblich alles zerfällt, alles fragmentiert, scheinbar aufgelöst und zerfließend ist, müssen auch literarische Formen dekonstruiert werden.
So gesehen, ist die Lyrikerin Kornelia Koepsell sicherlich keine literarische Avantgardistin. Eines ihrer für das eigene Schreiben entscheidenden Leseerlebnisse war Klopstock. Das stelle man sich einmal vor: Eine damals junge Frau, die in unserer Zeit Klopstocks Oden nicht nur liest, sondern auch allem Anschein nach liebt und, vor allem, versteht. Die das enge, komplizierte und komplexe Zusammenwirken zwischen formaler, „äußerer“, Strenge und gedanklicher, „innerer“, Stringenz konsequent verfolgt. Wobei die Strenge, die Konsequenz in den Gedichten erstaunlich modern und zeitgenössisch wirkt; nicht als handwerklich gelungenes Experimente am Korsett Sprache, sondern als intellektuell und künstlerisch verführerisches Parlando, dessen Fußangeln tief in die menschliche Existenz reichen.
Indes, nicht alle Gedichte der herausragenden Lyrikerin Kornelia Koepsell sind in überlieferten Formen verfasst. In ihrem Gedicht „Gymnastik mit Gottfried Benn“ schreibt sie: „Mich schreckt nicht, daß man Ratten beim Öffnen einer Leiche/ finden könnte./ In meinem Sessel, täglich, täglich, sitzt eine Sozialhilfeempfängerin,// die Fettpolster versteckt/ im grünen Pulli, in der karierten Hose. Aber ich,/ ohne ein Messer zu brauchen,/ sehe die Ratten.“
Nein, es sind nicht nur die Ratten, die sie sieht; es ist auch die Schönheit. Und tatsächlich, sie braucht kein Messer, um zu berühren. Werner Söllner

Kornelia Koepsell
Text und Audio

Kornelia Koepsell

Borgenzoll

Kennst du die Schneiderei Borgenzoll in der Unteren Gasse?
           Tolles Etablissement – kaum trittst du unter die Tür,
jene von müden Lüsterschatten befallene Grenze,
           siehst du den Schneider am Tisch, offenbar schläft er, vielleicht
tut er auch nur so mit seiner phrygischen Mütze, die Hose
           ist mit Pailletten besetzt, grün ist das pludernde Wams.
Auf dem Boden hämmern Armani-Männer, gewachste
           Schuhe schimmern, im Bett räkeln sich Nutten, die frech
Anarchisten betrachten beim Basteln von Bomben. Der Schneider
           lächelt mit schiefem Mund. Mensch, geh drei Schritte zurück!
Siehst du nicht, wer es ist, der so spöttisch die Mundwinkel spielen
           läßt, der dich längst durchschaut, während du da stehst und träumst?

Horus in Hanau

Horus, wackelst du nie auf dem klapperigen Gestänge
           unter dem Plastikhelm? Fällt dir das Auge nie zu,
während du auf Osiris’ Rückkehr wartest im Morgengrauen,
           wo aus der Müll-Wiederverwertungsfabrik Rauch steigt?
Die Lastwagen karren neuen Elektroschrott, Türen
           knarschen, ach, hätte ich jetzt, wenigstens diesen Moment
eine Zigarette zum Rauchen, die letzte wie früher,
           bitterer Tabakgeschmack, als ich die Götter noch nicht
selbst gesehen hatte, die schwarzen Augen, die Kräfte,
           die es sie kostet, den Tag wach zu durchstehen, niemals
durfte der Helm sich lockern oder verschieben, er fällt ja
           schon bei leichterem Wind oder bei Regen vom Kopf.

Die drei Säuglinge

Auf dem erdigen Boden sitzen drei Säuglinge. Siehst du,
           wie sie mit patschender Hand puhlen und Lehm in den Mund
stopfen? Hinter ihnen die grauen Blöcke umrahmen
           einen Hof, und kein Laut dringt aus den Fenstern, du frierst,
denn es geht ein Wind durch die ausgestorbene Siedlung.
           Bleibe ein wenig hier, bald sind die Säuglinge fort,
und du wirst sie vergessen, ihre ernsten Gesichter.
           Nimm einen Grashalm zur Hand, spanne ihn, blase darauf,
achte auf die Augen der Kinder, sie werden verstehen,
           daß du gekommen bist, wegen des Lochs in der Zeit,
wegen des untoten Jägers, wegen der eufeubekränzten
           Säufer, wegen der bleich badenden Göttin des Lichts.
Siehst du ihre Augen dunkler werden? Man schaufelt
           Gruben aus, laut übertönt alle Geräusche der Kran,
bald wird die Brache von Menschen wimmeln, von Alten und solchen,
           die im Supermarktmüll Wurstreste suchen und Brot.

Zurück in Tarnuk

Daß ich nach Tarnuk geschickt wurde, ausgerechnet nach Tarnuk.
           Düstere Stadt, man sieht überall rinnendes Öl,
hier und da kleine Brände an Häusern, auf dem Zentralplatz
           hat man den Lord General aufgestellt, ultra exakt,
ganz die moderne Richtung. Die Runzeln seines Gesichtes
           bilden Krater, der Hals windet sich unter dem Schwarz
der berühmten Kapuze von Koro. Jeder, der hochschaut,
           quetscht sich den Sauerstoff ab. Düstere, düstere Stadt.
Aber die Kafa erinnert mich an ein Bild von Toledo,
           schweres Gewitter, ein Grün, bleich wie das Leichengewand
eines Heiligen oder Gottes, vielleicht von El Greco.
           Deswegen komme ich her, deswegen werde ich krank.

El Sur

Hundert Jahre lebe ich im Süden, der Schatten
           gähnt mir entgegen, ich aß alles, was schwarz ist an ihm.
Aß das Gras, die Erde, verschlang den Mond, der genannt wird,
           zweifach über dem See Hängender, ich verschlang
Sonnen, von deren Hitze man sagt, sie gäben der Hölle
           einen unendlichen Schrei. Alles das aß ich, ich aß
Männer mit spitzen Hüten und Messern, die Frauen beim Füttern
           magerer Ziegen, ich aß Himmel, in denen das Licht
ununterschieden war, ich aß das Erstaunen der Wirbel,
           aß den aufsteigenden Staub unter den Hufen, der fern
vom Horizont herreitenden Horden, ich aß das Erstaunen
           eines kurzen Moments, den ich vergehen sah, ich
aß das Bett, auf dem ich liege seit Jahren, den Blick zum
           Patio gerichtet, zur Welt, aß meinen Schatten am Bett.

Aber ich habe nur im Zimmer gelegen, die Augen
fest auf ein Spinnengewebe oder den Baum
zwischen den Gittern gerichtet,
wo sich die Schatten kreuzen der Welt.

Gedichte © Kornelia Koepsell

erstellt am 11.3.2013

Kornelia Koepsell liest

Audio

AUDIOS © Bernd Leukert, Redaktion Faust