Zehnseiten-Video: Michail Schischkin liest aus Briefsteller

Noch gilt Michail Schischkin im deutschsprachigen Raum als Geheimtipp unter den russischen Autoren. Während er international mit seinen Werken längst präsent ist, wurden ins Deutsche bisher erst zwei Romane übersetzt. Für den ersten, Venushaar, erhielt er 2011 allerdings sogleich den Internationalen Literaturpreis, der im Haus der Kulturen der Welt in Berlin verliehen wird. Und auch der neue Roman Briefsteller, der im Herbst 2012 in Übersetzung von Andreas Tretner in der DVA erschienen ist, findet bereits großen Zuspruch. Im frühen Buchpreisreigen tanzt er bereits mit und startet die Saison 2013 auf der Nominierungsliste für den Leipziger Buchpreis in der Kategorie Übersetzung.
Über mangelnde Beachtung kann Schischkin – jetzt – also nicht klagen. Doch scheint ihm solcher Art Anerkennung auch nicht zu wichtig zu sein. Bei Lesungen oder im Interview gibt er freimütig menschliche Schwächen preis, erlaubt ungewohnte, natürliche Nähe. Spürbar wird ein nachdenklicher Mensch, der sich, sein Werk und Leben überhaupt immer wieder mit tiefem Zweifel betrachtet. Grundiert ist dieser dunkle Ton mit Humor und einer Sprache, der zu lauschen sich lohnt. (pol)

Faust-Gespräch mit Michail Schischkin

Schreiben war meine Arche Noah

Was bedeutet Schreiben für Sie?

Schreiben ist eine Krankheit, allerdings eine gesunde Krankheit, mit der du lange leben kannst. Schreiben beginnst du in der Kindheit. Du hast keine Freunde, nur Bücher. Irgendwann beginnst du, die Bücher zu spielen oder selbst zu schreiben und schon bist du drin, bist Schriftsteller. Du hast noch nichts veröffentlicht, aber dein Bewusstsein funktioniert schon als Schriftsteller, du hast diesen Filter in dir, der fragt, wie kann ich das, was ich erlebe, in meinem Buch erzählen. Leben besteht jedoch grundsätzlich aus Vorgängen, die man nicht in Worte fassen kann. Als ich fünfzehn war, wollte ich zum Beispiel eine Liebeserklärung machen. Ich kam zu meinem Mädchen und war plötzlich wie gelähmt. Mir wurde bewusst, dass ich das, was ich fühle, nicht in Worte fassen kann. Die Worte sind tot, die Sprache ist zu Ende. In diesem Moment beginnt das Leben eines Schriftstellers. Er muss die toten Worte lebendig machen und mit den auferstandenen Worten über die Liebe sprechen.

Sie sind 1961 in Moskau geboren worden und haben schwierige Zeiten der Unterdrückung miterlebt. War Schreiben für Sie ein Instrument des Überlebens?

Schreiben ist ein Schutzschild gegenüber allen Grausamkeiten und Erniedrigungen, es hat Vor- und Nachteile. Wer Schriftsteller sein will, muss sich fragen, was ihm wichtiger ist: eine normale Laufbahn in der Gesellschaft oder das Schreiben? Diese Entscheidung muss nicht so extrem sein, aber irgendwann stehst du vor dieser Frage: Was bist du bereit zu opfern, dein Schreiben oder deine Familie? Für einen Schriftsteller gibt es keine Wahl, er muss die Familie opfern. Damals, als ich 16 Jahre war, wurde für mich das Schreiben meine Arche Noah.
Mit sechzehn Jahren hat man Angst zu sterben und fragt sich, wie man dem Tod entgegenwirken kann. Als Schriftsteller hast du ein Privileg, du kannst dir deine Arche Noah bauen. Deine Texte sind dein Schiff, das Dich zum Ufer der Unsterblichkeit bringt. Alles scheint wunderbar und klar zu sein. Mit den Jahren verstehst du jedoch: Das Schiff kann vielleicht ans Ufer der Unsterblichkeit gelangen, aber du selbst bleibst hier am Ufer. Das Schiff nimmt dich nicht mit. Über Nacht ist es weg. Deine Bücher werden erwachsen und verlassen dich, sie gelangen vielleicht irgendwohin, aber du bleibst und die Angst des Todes ist auf keinen Fall gelöst.

Welches gesellschaftliche Umfeld hat Ihre Jugend geprägt?

Die Jugend ist unabhängig von der politischen Lage die schönste Lebenszeit. Du bist voller Hoffnung und fühlst dich plötzlich verraten, wenn du realisierst, dass deine Eltern Sklaven sind und dich in diese Gesellschaft als Sklaven hineingeboren haben. Als Jugendlicher hatte ich zwei Träume: Ich wollte schreiben und reisen. Mir wurde jedoch schnell klar, dass meine Texte in dieser Gesellschaft nicht publiziert werden konnten. Auch der zweite Traum, zu reisen, konnte nicht in Erfüllung gehen. Ich begriff, dass ich ein Leben lang in diesem Gefängnis bleiben musste, das war keine besonders schöne Erfahrung. In diesem Zusammenhang muss ich meinem älteren Bruder Sascha danken. Er war sechs Jahre älter und bereits Dichter. Er gehörte zu einem Netzwerk, das Bücher austauschte. Seine Freunde sprachen über verbotene Dichter, während ich in der Ecke saß und zuhörte. Durch seinen Einfluss wurde ich Teil einer Art von Bürgerkrieg, das war kein großer Bürgerkrieg, sondern ein kleiner individueller Krieg zur Erhaltung der persönlichen Würde in dieser verlogenen Welt. Ich fühlte mich wie ein Sklave. Das einzige, was mir gehörte, waren meine Gedanken und das, was ich gelesen hatte, das konnte man mir nicht nehmen. Lesen war in dieser Zeit in Russland ein Kampfmittel gegen die Maschinerie der Seelenvernichtung. Nur weil man den verbotenen Nabokov las, fühlte man sich schon wie auf den Barrikaden. Nabokov wurde für uns zu einem Symbol des Kampfes. Hier im Westen war er ein Bestseller-Autor, der die sexuellen Leidenschaften des Lesers ausnutzte, in Russland spielte er hingegen eine ganz andere Rolle. Dort las man vor allem die russischen Romane, in denen es nichts Politisches gab. Das Nicht-Politische war für Nabokov jedoch sein politisches Kampfmittel gegen alle Systeme der Welt. Obwohl er also nichts Politisches gegen die Russen und nichts Grundsätzliches gegen Stalin geschrieben hat, wurde er verboten, er war der Feind Nummer 1. An der Haltung für oder gegen Nabokov, ob man ihn gelesen hatte oder nicht, konnte man die Zugehörigkeit erkennen, er war das Kennzeichen unserer „Sekte“.

Nicht nur Ihr Bruder, auch Ihre Mutter hat in dieser Zeit eine klare politische Haltung vertreten.

Sie sprechen die Haltung meiner Mutter gegenüber Vladimir Vyssozky an. Er war Dichter und Schauspieler und starb 1980 während der Olympiade. Für uns war er sehr wichtig. Er war immer halb verboten, denn die Lieder, die er sang, waren echt. In der verlogenen Welt war plötzlich etwas echt und glaubwürdig, deshalb hat das Regime ihn gehasst. 1982, zwei Jahre nach seinem frühen Tod, starb Leonid Breschnew und Juri Andropow, der ehemalige KGB-Chef, kam an die Macht. Alle hatten Angst. Es wurde grau im Land, die Schrauben wurden wieder angezogen. Leute, die vorher ruhig Bücher oder Videos ausgetauscht hatten, wurden jetzt verhaftet. Meine Mutter war damals im Zentrum Moskaus Direktorin einer Schule. Die Schüler dieser Schule hatten einen Abend zu Ehren von Vyssozky geplant, doch bekam man nun Angst. Entgegen dem Rat von Freunden hat meine Mutter die Veranstaltung jedoch nicht abgesagt, sondern dafür die Verantwortung übernommen. Es folgten Denunziationen der Eltern beim KGB, meine Mutter wurde aus der Schule entlassen, später, 1984, wurde auch mein Bruder verhaftet. Erst während der Perestroika im Sommer 1989 kam er nach Gefängnis und vier Jahren Lager und einem Jahr in der Verbannung in Sibirien wieder frei, drei Tage nach seiner Heimkehr starb meine inzwischen schwer erkrankte Mutter.

Wie können sich solche Erfahrungen auf das Schreiben auswirken?

Die Verbindung zwischen einem totalitären System und der Kunst ist ein unerklärliches Phänomen. In der Zeit der Diktatur hat beispielsweise Andrej Tarkowski, mein Lieblingsregisseur, Meisterwerke des russischen Films erschaffen. Auch die besten Prosawerke kamen aus den Straflagern.

Mit welchen Mitteln aber kann man Ihrer Erfahrung nach existentielle Erlebnisse in Sprache übertragen?

Alles, was wichtig ist auf dieser Welt, passiert auf einer Ebene, auf der es keine Worte gibt. Beim Schreiben geht immer etwas verloren. Ein Weg ist, die Wörter in einer Art zusammenzustellen, dass sie von der Norm abweichen. Das ist die einzige Möglichkeit, Wörter auferstehen zu lassen und über Emotionen zu sprechen. Die Kunst des Schreibens besteht in dieser Abweichung von der Norm, in dieser Grauzone, deshalb kann ich auch nie in einer Fremdsprache schreiben. Wenn man in einer Fremdsprache anders schreibt, ist es einfach falsch geschrieben, diese Grauzone der Abweichung von der Norm kann man sich nur in der Muttersprache erlauben.

Welche Themen wollen Sie in die Sprache der Literatur übersetzen?

Es gibt nur ein Thema, mit dem sich die ganze Kunst beschäftigt: Wie kann man dem eigenen Tod entgegenwirken? Dabei spielt es keine Rolle, wie existentiell bedroht die Person ist. Der Sinn der Kunst besteht darin, Unsterblichkeit zu teilen. Wenn ich beispielsweise in einem Konzert bin und unsterbliche Musik höre, werde ich in diesem Moment selber ein bisschen unsterblich. Wenn ich zum X-ten Mal Tolstois „Krieg und Frieden“ öffne und in diesem unsterblichen Buch lese, werde ich mit diesem Buch in diesem Moment unsterblich. Darin besteht der Sinn der Kunst. Du teilst die Unsterblichkeit, die sowieso in dir ist.

Warum haben Sie für Ihr neues Buch „Briefsteller“ die klassische Form des Briefromans gewählt?

Tradition ist mir wichtig ist. Was aber kann noch traditioneller sein, als ein Briefwechsel? Der Brief ist grundsätzlich eine Beichte, wir können darin mitteilen, was sehr intim ist, ein Brief ist immer auch an Dich selber gerichtet. Er ist eine Schnittstelle zwischen Vergangenheit und Zukunft. Ein Brief bleibt auch dann, wenn Du schon weg bist. Er existiert bereits, wenn Du ihn abgeschickt hast. Du bist da oder nicht mehr da, das spielt keine Rolle, der Brief existiert und bildet eine andere Zeitebene.
Briefsteller ist ein Roman über die richtige, über die echte Zeit, während wir alle in einer falschen unechten Zeit existieren, der Journalistenzeit. Nur das, was Journalisten für wichtig halten, kommt morgen in die Zeitung. Alles, was Journalisten für wichtig halten, wird also auch nur bis morgen existieren. Die Zeitung von gestern ist das Symbol für den Tod, die Nichtigkeit. Der Autor hat die Möglichkeit, das Wichtigste aus dieser falschen Zeit, die sowieso in einer Sekunde weg ist, in die richtige echte Zeit mitzunehmen. Auf dessen Zeitebene passiert alles gleichzeitig und immer. Es gibt keinen Tod. Das ist die Zeit der Kunst.
Auch im Roman fängt die Handlung in einer falschen Zeit an, in einer Zeit aus der gestrigen Zeitung. Diese Zeit verändert sich in dem Moment, in dem der Briefschreiber, der beim Militär die Aufgabe hat, den Angehörigen von Gefallenen den Totenbrief zu schreiben, seiner eigenen Mutter mitteilt, ihr Sohn sei gefallen. Der Autor dieser Zeilen lebt jedoch weiter, in diesem Moment fängt die echte Zeit an, darum geht es in diesem Buch. Indem der Text jetzt aus der Zeit zu fallen scheint, fällt er aus der falschen Zeit in die richtige Zeit.

In Ihrem Roman gibt es Zeitebenen, die miteinander verbunden sind, ohne dass sie chronologisch zusammenpassen. Der Geliebte Wolodenka gibt nicht nur vor, tot zu sein und schreibt dennoch fleißig weiter Briefe, er ist auch Soldat in einem Krieg, der bereits vor rund hundert Jahren stattfand. Warum haben Sie ihn in einen Krieg ziehen lassen, der zur Zeit des Boxeraufstands um 1900 in China stattfand?

Wir leben in einer Zeit, die nicht ohne Kriege auskommt. Ich wählte mir aus den geschehenen Kriegen stellvertretend diesen chinesischen Krieg aus. Er ist also eine Metapher für alle zukünftigen Kriege. Über den Boxeraufstand weiß man in Russland nicht viel, er wurde in der Schule nur als ein Krieg der imperialistischen Staaten erwähnt. Während einer Chinareise war es für mich eine große Überraschung zu erfahren, dass auch russische Soldaten damals Beijing eingenommen hatten. In Amerika und Deutschland war der Konflikt vor allem wegen der berühmten „Hunnenrede“ Wilhelms II. bekannt, in Russland ist es ein unbekannter Krieg. Ich habe darum dann alles gelesen, was ich über den Krieg an Memoiren, Tagebüchern und Briefen fand. Der Krieg, in dem alle späteren Erzfeinde gemeinsam auf einer Seite kämpften, wird in meinem Roman zum Symbol aller Kriege, vor allem der zukünftigen Kriege. Damals versuchte man, ein Volk mit Waffen zu lehren zivilisierter zu sein. Vergleichbares haben wir in den letzen Jahren überall erlebt, es werden Zivilisation und Demokratie hervor gebombt, das haben wir in Afghanistan erlebt, im Irak, in Afrika, in Libyen und bald in Syrien oder eventuell auch Tschetschenien.

Wie authentisch sind die Geschehnisse, die sie aus diesem Krieg schildern?

Wenn ich gefragt werde, ob ich das moralische Recht habe, über einen Krieg zu schreiben, an dem ich nicht teilgenommen habe, bin ich der Meinung, ich habe k e i n moralisches Recht, etwas zu beschreiben, was ich nicht gesehen habe. Andererseits glaube ich, dass ich diesen russischen Soldaten und Offizieren, die dort waren und vor ihrem Tod einen Brief geschrieben haben, ihre Wunden, ihren Schmerz, ihren Tod und ihr Leben zurück geben kann. Wenn man das Buch liest, versteht man: Das kann man nicht erfinden, es bleibt jetzt für immer echt. Ich habe hier im Historischen Museum in Berlin ein Manuskript gefunden, das von einem deutschen Arzt stammt, der Briefe aus China geschrieben hat. Ich konnte die Buchstaben nicht entziffern, darum hat das Museum eine Abschrift angefertigt. Ich habe darin wunderschöne Details gefunden, die sonst verloren gegangen wären. Der Leser spürt sofort, dass das nicht erfunden ist. Auch die Beschreibung der Krankenschwester Lucie ist echt, sie entstammt den Kriegsnotizen eines russischen Journalisten, der damals vor Ort bei den Soldaten war und alles mitgeschrieben hat. Diese Briefe wurden in einer Zeitung im Osten Russlands publiziert. Briefsteller ist auch meine Hommage an ihn, denn er wurde in den Dreißigern verhaftet und erschossen.

Im Briefsteller werden nicht nur verschiedene Zeitebenen und Lebenswirklichkeiten beschrieben, die Charaktere sprechen auch in grundverschiedenen Tonlagen, warum?

Es geht darum, an die einfachen Weisheiten zu gelangen, dafür gibt es zwei Möglichkeiten: durch den Alltag oder durch die Erfahrung des Krieges. Wählt man den Alltag, muss man lange Jahre leben, heiraten, Kinder in die Welt bringen, Kinder verlieren, sich scheiden lassen, die Mutter zu Grabe tragen und allerlei Enttäuschungen erleben. Im Briefsteller kommt Saschenka über den Alltag zu diesen einfachen Weisheiten. Der andere Weg ist eine Abkürzung, diesen Weg haben die Männer im Krieg kennengelernt, sie haben dort die Erfahrung des vorgeschobenen Todes gemacht.
Anhand dieses Weges habe ich eigentlich meinen Vater beschrieben. Als ich Kind war, war mein Vater für mich mein größter Held. Er war im Zweiten Weltkrieg 18 Jahre und kam 1944/45 als Marine-Soldat an die Ostsee auf ein U-Boot. Ich war stolz auf die Orden und Medaillen, die er in dieser Zeit erworben hat. Erst später realisierte ich, wofür er diese Orden bekommen hatte. Die Schiffe der Flüchtlinge aus Riga und Tallin, die gegen Kriegsende über die Ostsee fliehen wollten, wurden durch U-Boote torpediert. Mit jedem Schiff fanden 500, 1000, 2000 Leute in der Ostsee ihren Tod. Dafür hatte mein Vater die Orden bekommen. Ich bin heute nicht stolz auf ihn, ich will ihn weder rechtfertigen noch anklagen, denn das war der Krieg.
Diese Erfahrung, mit 18 Jahren über drei Monate in einem U-Boot gefangen genommen zu sein, bleibt für das ganze Leben. Man wird schnell weise und weiß, was im Leben wichtig ist. Ein Mann will normalerweise erst Kinder, wenn er 30 Jahre ist, Wolodenka will jedoch schon mit 18 Jahren Kinder, er kennt bereits die Weisheit der einfachen Dinge, er weiß, wie wichtig menschliche Wärme ist und das menschliche Licht, das wir alle ausstrahlen, wenn unsere Körper weg sind. Es ist diese Wärme und dieses Licht, das bleibt.

Über die Briefe erschließt sich eine ganze Lebensgeschichte wie in einem Entwicklungsroman.

In allen meinen Büchern versuche ich immer zwei Fragen zu beantworten, die für mich wichtig sind, sie betreffen den Sinn der Kunst und den Sinn des Todes. Wenn ich meine, diese Fragen beantwortet zu haben, geht der Roman zu Ende und ich fühle mich glücklich bis ich verstehe, ich habe ja eigentlich nichts beantwortet! Im Briefsteller beantworte ich also für mich diese Fragen nach dem Sinn der Kunst und des Todes über diese Ebenen der richtigen Zeit. Bevor ich diesen Roman schrieb war ich sicher, der Tod ist unser Hauptfeind gegen den man kämpfen muss. Ich glaubte, man muss ihm Bücher, Kunst, Schreiben, Familie oder Kinder entgegensetzen. Irgendwann aber habe ich verstanden und in meinem Roman zu erklären versucht: Der Tod ist nicht unser Feind, man muss gegen den Tod nicht kämpfen, man muss dem Tod vielmehr dankbar sein! Vor allem durch den Tod von Nahestehenden begreifen wir, was wichtig ist und warum wir auf der Erde sind. Erst durch den Tod wird verständlich, was Liebe ist.

Das Gespräch führte Andrea Pollmeier

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erstellt am 10.3.2013

Michail Schischkin
Briefsteller
Roman
Aus dem Russischen von Andreas Tretner
Gebundenes Buch mit Schutzumschlag, 384 Seiten

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Michail Schischkin zählt zu den wichtigsten russischen Autoren der Gegenwart. Er wurde 1961 in Moskau geboren, studierte Linguistik und unterrichtete Deutsch. Seit 1995 lebt er in der Schweiz, Moskau und Berlin. Seine Romane wurden national und international vielfach ausgezeichnet, u.a. erhielt er als Einziger alle drei großen Literaturpreise Russlands. 2011 wurde ihm der Internationale Literaturpreis Haus der Kulturen der Welt in Berlin verliehen. Für seinen neuesten Roman Briefsteller, der weltweit in über 20 Ländern erscheint, bekam er den hoch dotierten Bolshaja kniga („Das große Buch”) zum zweiten Mal.

Offen nimmt Michail Schischkin auch zu politischen Themen Stellung. So sagte der mit den wichtigsten russischen Literaturpreisen ausgezeichnete Autor gerade seine Teilnahme an der russischen Schriftstellerdelegation für die New Yorker Buchmesse Book Expo America 2013 ab. Er könne, zitiert die FAZ Schischkins Schreiben, keinen Staat repräsentieren, der aus einer Pyramide von Dieben bestehe, wo Gerichte nicht dem Gesetz, sondern der Obrigkeit dienen, der politische Häftlinge halte, das Fernsehen zur Prostituierten erniedrigt habe und mittelalterliche Verordnungen erlasse, die ruinös seien für das Land und des Volkes und seiner großen Kultur unwürdig.

Schischkins Brief gibt es hier ungekürzt in Deutsch, Russisch und Englisch

Seit 1995 lebt Michail Schischkin in der Schweiz. Dort arbeitete er auch als Übersetzer in einer Schweizer Behörde und half, Asylanträge von Flüchtlingen aufzunehmen. Die hier gesammelten Beobachtungen fanden Eingang in Schischkins Roman “Venushaar”. Kritisch nüchtern beschreibt er eine erschütternde Realität. Zum Thema “Asyl” hat Schischkin jetzt zusammen mit Andrea Meier für 3sat eine Kulturzeit-Extra-Sendung moderiert. Für den selben Sender äußert er sich auch zur politischen Situation in Russland. Auch in dem auf „Kulturzeit” veröffentlichten Blog nimmt der Autor kein Blatt vor den Mund und kritisiert dezidiert das mittelalterliche feudale Machtsystems Russlands.

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