Der Revolutionär Victor Serge
Der Revolutionär Victor Serge
Buchkritik

Die Dialektik der Geschichte

Von Stefana Sabin

„Der Fall Tulajew“ ist ein Roman des belgisch-russischen Schriftstellers Victor Serge über die stalinistischen Säuberungen – es ist aber auch ein Roman über die universelle Feigheit, die totalitäre Systeme möglich macht. Nun ist dieser Roman, der 1948 postum erschienen war, wiederzuentdecken.

„Kostjas Hand erinnerte sich ganz allein des Colts, zog ihn hervor und…“ Der Schuss hallt in der einsamen Straße, während Kostja um die Ecke biegt und verschwindet. Es ist eine Gelegenheitstat: eine einsame Straßenecke in einer dunklen kalten Moskauer Nacht, ein Revolver in der Tasche, Hass im Herzen. Aber es ist auch ein politischer Mord, weil der, den Kostja erschießt, ein hoher Parteifunktionär und für unzählige Verhaftungen, Deportationen und Todesurteile verantwortlich war. Deshalb wird gar nicht erst versucht, den Mord aufzuklären, sondern es wird die Propagandamaschine angeworfen und der Mord zu einem politischen Fall gemacht. Der Fall Tulajew wird zu einer antirevolutionären Verschwörung von internationalem Ausmaß deklariert und als Vorwand für breite politische Säuberungen benutzt.

Es sind die späten Dreißigerjahre in der Sowjetunion: dunkle stalinistische Zeit. Scharenweise werden Verdächtige verhaftet, in nur zwei Wochen nach dem Mord wächst das Dossier Tulajew auf etwa 2000 Akten. Ins Raster der Behörden geraten ein Oberkommissar der Geheimpolizei, ein Regionalsekretär einer sibirischen Provinz, ein Gelehrter, ein Weggefährte und Intimus des Parteichefs. „Gestern ein Held, heute Abfall, das ist die Dialektik der Geschichte,“ subsumiert einer der Verdächtigen die Lage. Gerade sie, die Revolutionäre der ersten Stunde scheinen die Macht des Chefs besonders zu gefährden. Das durchschauen sie und leben in ständiger Angst.

„Ich habe Angst,“ sagt einer von ihnen, „und ich habe eine Art Migräne, die von der Medizin noch nicht registriert worden ist; ein leiser, feuerfarbener Schmerz pflanzt sich mir in den Nacken. Ich habe Angst, nicht so sehr vor dem Sterben, aber vor allem, versteht ihr, Angst, euch zu sehen, Angst, mit Leuten zu reden, Angst zu denken, Angst zu begreifen…“ Und die Freunde verstehen, weil auch sie Angst haben – zu Recht, denn sie werden verhaftet, zum Gestehen gezwungen, hingerichtet. Als das Dossier Tulajew abgeschlossen wird, findet der Vorsitzende der Untersuchungskommission einen anonymen Brief darin: ein Geständnis, das er beflissentlich ignoriert, denn der Fall ist vom Chef höchstpersönlich für beendet erklärt worden, nachdem alle realen und imaginären Gegner liquidiert sind.

Der Fall Tulajew, von dem der Roman von Victor Serge handelt, das ist der totalitaristische stalinistische Terror – die Geschichte der moralischen Verkommenheit eines hehren Ideals. Serge liefert ein Psychogramm politischer Enttäuschung: Jedes Kapitel erzählt eine Lebensgeschichte, die mit revolutionärer Hoffnung beginnt und in verzweifelter Angst endet. Die Angst, von der Serge erzählt, ist allgegenwärtig und hat viele Gesichter: das Gesicht von einfachen Beamten und hohen Parteiaktivisten, von Intellektuellen und Ingenieuren, von Landarbeitern in der sibirischen Steppe und von Partisanenkämpfern im fernen Spanien. Wie Psychokrimis wirken die einzelnen Kapitel, deren Handlungen parallel verlaufen und erst am Ende konvergieren.

Es ist ein großer Roman, der für einen unbeschreiblichen Terror eine moderne ästhetische Form gefunden hat. Indem er die Tragödie der Grossen Revolution vorführt, beschreibt er „l’universelle lâcheté“, die, so Serge, totalitäre Regimes möglich machen.

Die besondere Intensität des Romans rührt nicht zuletzt von der unterschwelligen Identifikation des Erzählers mit der Angst seiner Figuren. Serge schrieb aus dem Innern des Systems, denn er hatte den Stalinismus miterlebt und ist vielleicht der einzige Vertreter der sowjetischen Literaturszene, der den Säuberungen entkommen ist.

Serge, der eigentlich Wiktor Lwowitsch Kibaltschitsch hiess, wurde 1890 in Brüssel als Sohn russischer Emigranten geboren, ging mit 19 Jahren nach Paris, wo er sich anarchistischen Kreisen anschloss, dann nach Barcelona, von da nach Moskau. Bei aller Begeisterung für die Revolution blieb Serge, wie er sich inzwischen nannte, ein selbstständiger Denker und Dichter, der hinter die propagandistische Verblendung sah und sich moralisch und ästhetisch nicht korrumpieren liess. Trotz äußerster Armut, Schikanen der Geheimdienste und Zensur schickte Serge regelmäßig Manuskripte (historische und literarische Essays, politische Kommentare, ganze Romane) nach Paris. In seinen Memoiren erinnert er sich, wie ein sowjetischer Zensor zu ihm sagte: „Vous pouvez produire un chef-d’œuvre par an, mais tant que vous ne serez pas rentré dans la ligne du parti, pas une ligne de vous ne verra le jour!“ Schließlich wurde Serge im April 1936 verhaftet und in den Ural deportiert. Die sogenannte „Serge-Affäre“, die daraufhin entbrannte, beschäftigte prominente Schriftsteller – auf der einen Seite Gide, Rolland, Malraux, Giraudoux, Aragon und auf der anderen Gorky, Ehrenburg, Pasternak, Tikhonov and Koltsov – und französische, belgische und russische Politiker – Pierre Laval, Édouard Herriot, Émile Vandervelde und Stalin – und wurde zu einer beispielhaften Auseinandersetzung über die intellektuelle Unterdrückung im Stalinismus. Unter dem Druck des Auslands wurde Serge in April 1936 entlassen und konnte aus der Sowjetunion ausreisen. Er kehrte nach Brüssel zurück, ging gleich weiter nach Paris und floh nach der Niederlage Frankreichs 1940 nach Mexiko. Neben Trotzki und Sapronow gehörte Serge zu jenen innerparteilichen Oppositionellen, die nie vor Stalin kapitulierten. Auch deshalb halten sich bis heute Spekulationen, dass sein Tod an einem Herzinfarkt in November 1947 nicht ganz natürlicher Ursache gewesen ist.

Während der abenteuerlichen Flucht von Paris nach Marseille und dann über Martinique und Kuba nach Mexiko schrieb Serge immer fort an einem „roman révolutionnaire“ über die stalinistischen Säuberungen. Vielleicht auch deshalb besteht dieser Roman aus narrativisch eigenständigen Kapiteln, die wie Novellen wirken und die zusammengenommen ein dichtes Handlungsgewebe abgeben: Für den Fall, daß es das letzte sei, sollte jedes Kapitel für sich stehen können.

Serge verzichtete auf den Haupthelden bürgerlicher Romane und schuf viele Charaktere, die eine gemeinsame Erfahrung eint. Nicht das einzelne Schicksal, sondern die kollektive Befindlichkeit wollte Serge literarisch fassen und gestalten – er wollte eine neue Literatur schaffen, in der die emotionale Lage des Einzelnen und das Handeln der Massen nachvollziehbar gemacht wurden.

So fand er zu einer erzählerischen Montageform, in der französische und russische Tradition sich gegenseitig ergänzen: Flaubertsche Klarheit und Dostojewskisches Pathos angereichert durch psychologische und sozialpolitische Erkenntnisse der Zeit. Serges französische Romane lassen ahnen, schrieb Neil Cornwell, „was die sowjetische Literatur der 30er Jahre hätte sein können.“

„Der Fall Tulajew“ wurde posthum 1948 veröffentlicht. 1950 erschien eine deutsche Übersetzung, die den Untertitel des Originals, „Un Roman Révolutionnaire,“ wegliess, den Haupttitel zum Untertitel machte und dazu den neuen Haupttitel „Die Grosse Ernüchterung“ erfand. Dass diese merkwürdige Titel-Wirtschaft in der nun neu aufgelegten Ausgabe beibehalten wurde, ist bedauerlich und ob die „leicht überarbeitete“ Übersetzung eine Verbesserung ist zumindest fraglich. Dennoch lässt sich dieser große Roman der literarischen Spätmoderne nun neu entdecken.

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erstellt am 10.3.2013

Victor Serge
Die grosse Ernüchterung
Der Fall Tulajew
Aus dem Französischen übertragen von N.O.Scarpi. Die Übersetzung wurde für die vorliegende Ausgabe von Rudi Schweikert leicht überarbeitet. Schutzumschlag, Lesebändchen, fester Einband, geprägt, 512 Seiten

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