Die Gemeinheit der Kunstwerke besteht darin, dass ihnen nicht zu entnehmen ist, wie wir leben sollen. Sind wir darin unbelehrbar, so können wir aus ihnen nur das herauslesen, was wir zuvor in sie hineingelesen haben. Das nennt sich dann Deutung, im schlechtesten Fall Interpretation. Dass der nicht zu entgehen ist, heißt nicht, dass sie sinnvoll ist. Martin Lüdke hat in seinen Nachrichten aus dem ›literarischen Leben‹ über den Denkwiderspruch nachgedacht.

Winnie erwacht
Glosse

Gibs Auf!

Nachrichten aus dem ›literarischen Leben‹

Von Martin Lüdke

Eine weite, versengte Grasebene, die sich in ihrer Mitte zu einem kleinen Hügel wölbt. Genau in der Mitte des Hügels, sitzt Winnie, eine Dame um die fünfzig, vollbusig, blond, dick, bloße Arme und Schultern und so damit so ausgestattet, dass sich jedes Brüderle ein prall gefülltes Dirndl vorstellen kann, aber, das ist die erste wirkliche Überraschung, Winnie ist bis zur Taille im Sand vergraben. Sie schläft noch, erwacht, räkelt sich und beginnt zu sprechen: „Wieder ein himmlischer Tag“. Und kurz darauf sagt sie weiter: „wie lauten noch die wundervollen Zeilen – wischt sich ein Auge – weh mir, wehe – wischt sich das andere Auge – daß ich sehe, was ich sehe“. Wer diese wunderbare Winnie, aus Becketts Klassiker „Glückliche Tage“, 1961, einmal im Theater gesehen hat, im zweiten Akt ist sie dann bis zum Hals eingegraben, der wird diese lebenssüchtig fröhliche Frau sicher sein Leben lang nicht vergessen. Und sich trotzdem auch immer wieder fragen: warum wohl. Denn Winnie gibt nur Plattheiten von sich und ihr leicht bescheuerter Mann Willie, ein dürres Kerlchen mit blutbeschmiertem Hinterkopf, überhaupt nichts Nennenswertes.

Literatur will, wir wissen es alle, gedeutet werden. Dazu kann die Kritik dienen. Der „Geist der Kunstwerke“, so meinte einst schon unser alter Meister, gehe zwar im Begriff nicht auf, aber, so meinte er weiter, durch ihn, den Geist werden sie, die Werke, begriffsfähig, also dem Begriff kompatibel. „Indem Kritik aus Konfigurationen in den Kunstwerken deren Geist herausliest und die Momente miteinander und dem in ihnen erscheinenden Geist konfrontiert, geht sie über zu seiner Wahrheit jenseits der ästhetischen Konfiguration. Darum ist Kritik den Werken notwendig.“

Der Mann hat, auch wenn das kaum noch jemand (be-)merkt, sicher auch heute noch recht. Und das mag, wer weiß, ein Motiv sein, warum manche Leser zu Lesungen gehen. Dort deutet im besten Fall sogar schon der Autor, was er geschrieben hat, durch die Betonungen, überhaupt durch die Art seiner Lesung, und nicht zuletzt durch seine schiere Präsenz. Auf Bildern von Lesungen Thomas Manns sieht man einen stilvoll bürgerlich gekleideten distinguierten Herrn, meist inmitten von üppigen Blumenarrangements, zuweilen sogar von Gummibäumen umrahmt, an einem kleinen Tischchen sitzend, ganz jene herrschaftlich großbürgerliche Attitüde ausstrahlend, die Martin Walser (etwa in seinen Frankfurter Vorlesungen über Ironie) und zwar im Gegensatz zu Robert Walser, an seinen Texten abgelesen und ihm, Thomas Mann, dann übel angekreidet hat. Schon ein Bild einer solchen Lesung genügt, um zu erkennen, was Walser meinte. Wenn man etwas Glück hat, dann erlebt man bei einer Lesung auch noch einen Kritiker, der seine Aufgabe ernst nimmt und tatsächlich „kritische Anmerkungen“ zu seinem Autor liefert.
Aber hilft das wirklich weiter? Eine kleine Geschichte von dem großen Franz Kafka stimmt uns da nicht sonderlich hoffnungsvoll.

Gibs auf!

„Es war sehr früh am Morgen, die Straßen rein und leer, ich ging zum Bahnhof. Als ich eine Turmuhr mit meiner Uhr verglich, sah ich, daß es schon viel später war, als ich geglaubt hatte, ich mußte mich sehr beeilen, der Schrecken über diese Entdeckung ließ mich im Weg unsicher werden, ich kannte mich in dieser Stadt noch nicht sehr gut aus, glücklicherweise war ein Schutzmann in der Nähe, ich lief zu ihm und fragte ihn atemlos nach dem Weg. Er lächelte und sagte: ‚Von mir willst du den Weg erfahren?‘ ‚Ja‘, sagte ich, ‚da ich ihn selbst nicht finden kann.‘ ‚Gibs auf, gibs auf‘, sagte er und wandte sich mit einem großen Schwunge ab, so wie Leute, die mit ihrem Lachen allein sein wollen.“
Der Rat des Polizisten, auch wenn er sich von, ich sage jetzt, UNS abwendet, als wolle er sein Lachen nicht nur vor uns verbergen, sondern, ganz privat, für sich genießen, scheint ernst gemeint. Das heißt: es hat womöglich keinen Sinn mehr, gegen die offenkundige Widerständigkeit, auf Deutungen zu bestehen, die uns die Welt, oder bescheidener gesagt: auch nur den Weg zum Bahnhof, doch nicht mehr erklären können. Gibs auf und trotzdem wieder, siehe oben, Winnie hat schon Recht, ein himmlischer Tag.

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Romanfabrik

Kommentare


Florian Hauser - ( 30-12-2014 07:09:27 )
besten Dank!

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erstellt am 10.3.2013