Lesung und Diskussion mit dem Dramaturgen Sascha Kölzow und Studierenden der Folkwang Universität der Künste zu »Kinder der Revolution«

Foto: ZAK/Felix Grünschloß
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Karlsruher Gespräche

Kinder der Revolution

Zehn Schauspielstudenten aus Bochum identifizieren sich in einer szenischen Lesung mit Kindern der Revolution

Von Jennifer Warzecha

Identifikation ist das, wonach in einer Zeit der ständigen Selbstdarstellung jeder strebt. Ein neues Bild, ein „Gefällt mir“ verzückt die Freunde, die sich gegenseitig mit ihrem Facebook-Profil toppen möchten. In Zeiten der Revolution wird diese Sehnsucht nach Identifikation mitunter zu einer unglaublichen Kraftquelle, wenn es darum geht, seine eigene (Gegen-) Position zu finden und zu verstärken. „Kinder der Revolution“ hieß deshalb auch die szenische Lesung, die zehn Theater-Studenten der Folkwang Universität der Künste auf die Studiobühne des Badischen Staatstheaters gestellt haben. Zusammen mit Nuran David Calis (Regie), Sascha Kolzow (Dramaturgie) und Thomas Laue (Chefdramaturg) entwickelten sie die Szenerie, welche zugleich der abschließende Programmpunkt der vom Zentrum für Angewandte Kulturwissenschaften (ZAK) des KarIsruher Instituts of Technology (KIT) organisierten 17. Karlsruher Gespräche war.

Foto: ZAK/Felix Grünschloß
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Rebellion soll vielseitig sein, soll erschüttern. Die zehn Schauspieler sitzen an einem langen Tisch auf der Studio-Bühne. Sie blicken teils mit festem Blick in die Zuschauermenge, lesen aus ihrem Recherchematerial und erzählen im gleichen Sprachduktus davon, wie sie auf die Personen gestoßen sind, deren Geschichten sie jetzt erzählen. Während der Lesung überzeugen der feste Klang ihrer Stimmen und die, wenn auch schlichte, doch stimmige, Inszenierung. Immer wieder betonen die Schauspieler „Wir sind keine Terroristen.“ Diese wären viel zu laut, vergliche man sie mit der RAF. Terroristen bilden den genauen Gegensatz zu Personen wie „Anonymous“, der seiner Stimme allein über die Beteiligung an Internetplattformen Kraft verleiht. Schauspielstudentin Marissa Fajfer hat sich bei der Recherche mit dem Iran beschäftigt. Sie steht auf einmal auf und appelliert mit aufrührerischer Stimme ans Publikum: „Don’t give something on religion, think of the people and their pain.“ Immer wieder üben die Schauspieler mit ironischem Unterton Kritik an den gängigen Schlagzeilen, an „Ex-Doktor Schavan“ genauso wie am sagenumwobenen Pferdefleisch.

„Karim“ beklagt, dass einer seiner Bekannten nach zehn Semestern BWL-Studium keine Arbeit gefunden habe. Er schaut mit strengem, durchdringendem Blick umher und fragt „Wo sind die Leute auf die Straße gegangen?“ Nun, man weiß es nicht. Vielleicht sind sie, die Protestierenden, auf die Straße gegangen, vielleicht an den entlegensten Orten der Großstädte. Möglicherweise hat es einfach keiner der Journalisten für relevant befunden, darüber zu berichten. Medienkritik ist ein Teil der Szenerie. Sie erfolgt im Zusammenspiel mit einem Lob auf die Mitsprachemöglichkeiten durch die Medien. So werden die Schauspieler während der knapp einstündigen Lesung von einer Video-Leinwand unterstützt. Im „Democracy Now!“-Channel ist eine Frau zu sehen. Sie zeigt ihre Wunden an Brust und Ellbogen und blickt mit traurigem Blick in die Menge. Sie ist kein Opfer einer Vergewaltigung. Sie ist Occupy-Aktivistin. Die Medien dienen ihr als Anklagemöglichkeit gegen die Auswirkungen des kapitalistischen Systems. Die Medien sind es auch, die den „Revolutions-Kindern“ zugleich als Mittel der Agitation und Argumentation dienen. Denn „das Einzige, wogegen wir sind, sind Internetzensur und Scientology“, wie die Schauspieler gemeinsam betonen. Wie in der öffentlichen Wahrnehmung sind die Medien auch ihnen nicht ganz geheuer. „Ich bin kein Scheiss-Journalist“, sagt einer der Schauspieler. Am Ende könnte man sich beim anschließenden Nachgespräch fragen, ob die Journalisten ihrer Rolle der Aufklärung und Berichterstattung tatsächlich nachkommen. Die Jugendarbeitslosigkeit in Spanien entsetzt die Gastgeberin Caroline Y. Robertson-von Trotha, Direktorin des Zentrums für Angewandte Kulturwissenschaften (ZAK) am KIT Karlsruhe – beim anschließenden Nachgespräch mit Jan Linders, Schauspieldirektor des Staatstheaters. So könne man ihrer Meinung nach doch nicht mit Mitte Dreißig noch bei den Eltern wohnen. Zugleich fragt man sich im Publikum, ob es den deutschen Jugendlichen tatsächlich so gut geht, ob die Migranten wirklich mehr von Arbeitslosigkeit betroffen sind – oder ob auch hier die Medien einfach ihrer Rolle nachkommen – derer, einfach nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit abzubilden. Man kann sich nicht verhehlen, die Betonung der Leinwand und die gleichzeitige Kritik am Medium an sich als einen Widerspruch zu empfinden, der als Kritik an den Schauspielern selbst aufzufassen ist. So bleibt ihr Protest nur über die Medien mitzuteilen. Wegen dieses scheinbaren Widerspruchs sind die Plätze im Studio möglicherweise nur bis zur Hälfte besetzt. Gleichzeitig freut man sich auf die Premiere des ganzen Stückes im April dieses Jahres im Schauspielhaus Bochum, da die Begeisterung und das Engagement der Schauspielstudenten förmlich zu spüren sind. Während die Schauspieler sich erst sechs Tage im Voraus auf die Darbietung bei der szenischen Lesung vorbereitet haben, bleibt ihnen nun noch einmal Zeit, das Stück zu vollenden und vielleicht gar selbst herauszufinden, an welchen Ecken der Welt „die Kinder der Revolution“ noch versteckt sind.

Bereits vor eineinhalb Jahren hatte Regisseur Nuran David Calis die Idee, ein Stück über die Ereignisse des Arabischen Frühlings zu machen. Die szenische Lesung entwickelten Regisseur, Dramaturgen und Schauspielstudenten gemeinsam durch regelmäßiges Neuerfinden. Den Abschluss bildet ein Theaterstück, das am 12. April im Schauspielhaus Bochum Premiere haben wird.

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erstellt am 04.3.2013

KINDER DER REVOLUTION
von Nuran David Calis und Studierenden der Folkwang Universität der Künste
In Zusammenarbeit mit der Folkwang Universität der Künste
Uraufführung: 12. April 2013, 19.30, Kammerspiele, Schauspiel Bochum

Regie: Nuran David Calis
Bühne: Irina Schicketanz
Kostüme: Amélie von Bülow
Musik: Vivan Bhatti
Video: Geraldine Laprell
Dramaturgie: Sascha Kölzow, Thomas Laue

Schauspiel Bochum