Helon Habila gehört zu den international anerkanntesten Autoren der zeitgenössischen afrikanischer Literatur und ist bereits mit zahlreichen wichtigen Preisen ausgezeichnet worden. Sein erster in der deutschen Übersetzung beim Wunderhorn Verlag erschienener Roman Öl auf Wasser erzielte in Deutschland sofort große Resonanz. Der Titel gelangte umgehend auf diverse Bestenlisten, wie den Weltempfänger (Nr.16), die SWR-Bestenliste (Juli/August 2012) und die Hotlist 2012. In der internationalen Sparte des Deutschen Krimipreises 2013 erreichte er den 2. Platz. Habila ist jedoch nicht primär – wie die Krimi-Zuordnung vermuten lassen könnte – an Spannung interessiert. Vielmehr verbindet er ambitionierte politische Inhalte mit einem präzisen, realistischen Erzählstil, der komplexe Zusammenhänge prägnant und spannungsreich nachvollziehbar macht. Obwohl Helon Habila inzwischen in den USA lebt und an der George Mason Univerity in Virginia kreatives Schreiben lehrt, sind die Themen, die er vermittelt, eng mit seiner afrikanischen Heimat verknüpft. So schildert er in Öl auf Wasser die gesellschaftlichen Auswirkungen der Ölförderung auf Mangrovenwälder und Fischerdörfer im Nigerdelta. Als Wissenschaftler und Herausgeber bemüht er sich zudem, zeitgenössischen afrikanischen Autoren im westlichen Sprachraum Präsenz geben. Siehe auch Helon Habila: The Granta Book of the African Short Story. (pol)

Helon Habila, Foto: Lutz Berger
Helon Habila, Foto: Lutz Berger
Textauszug | 8. Kapitel

Öl auf Wasser

Von Helon Habila

»Es tut mir leid, dir sagen zu müssen, dass dein Freund sterben wird.«
Der Doktor war ein übergewichtiger Cherub, und wenn er atmete, dann mit schmerzvoller Anstrengung durch den Mund; das damit einhergehende keuchende und prustende Geräusch war laut und unangenehm. Er trug immer noch diese Tarnkleidung, diesmal fehlte aber die schmuddelige weiße Jacke, und jedes Mal, wenn er sich vorbeugte, drohten die Hemdknöpfe über seinem problembeladenen Schmerbauch abzuspringen. Unter den Achseln war das Hemd schweißnass. Er rauchte ohne Unterlass, und wenn er sprach, drangen die Worte in Zigarettenrauch gehüllt aus ihm heraus. Wie schaffte er es, inmitten dieser Trockenheit und Unfruchtbarkeit und dieses Mangels derart fett, derart unappetitlich auszusehen? Doch während er redete und ich zuhörte, vergaß ich seine körperliche Erscheinung schnell. Er war intelligent und anteilnehmend, beinahe philosophisch, seine winzigen Augen schienen sich tief in die Seele seines Zuhörers zu bohren und versuchten herauszufinden, was ihn bedrängte.
Aus einem vagen Taktgefühl heraus hatte er mich nach draußen geführt, fort von den fiebrigen Augen der Soldaten und fort vom schlafenden Zaq, um mir das zu sagen. Er bot mir eine Zigarette an, und als ich den Kopf schüttelte, nickte er zustimmend. Jetzt gingen wir am Strand auf und ab und schlugen unablässig nach den Fliegen und Mücken, die aus dem Gras zu unseren Füßen aufflogen.
»Was hat er eigentlich, Doktor?«
»Haben Sie schon mal vom Dengue-Fieber gehört?«
Hatte ich nicht.
»Das ist ein hämorrhagisches Fieber, sehr gefährlich. Es führt sehr schnell zum Tod, wenn es nicht sofort behandelt wird.«
»Und das hat er?«
»Nein. Es ist etwas Ähnliches, ziemlich neu, noch ohne Namen. Ich hab das hier in der Gegend erst ein oder zwei Mal erlebt. Bazillen und das Wasser, verstehen Sie?«
»Und Sie meinen, dass er sterben wird?«
Er wich meinem fassungslosen Blick aus und beschrieb mit der Hand einen Kreis, der das ganze sichtbare Universum in seiner Bewegung einschloss.
»Irgendwo in diesen von Gott verlassenen Gewässern muss er sich das aufgelesen haben. Hier gedeihen jede Menge Bazillen. Und er war sowieso nicht in bester Verfassung. Ich vermute, dass seine Leber schon hinüber ist.«
Er wischte sich die schweißnasse Stirn, und das erlaubte mir einen vollen Blick unter seine Achsel. Ich empfand einen irrationalen Hass auf ihn, und nichts hätte mir größere Befriedigung verschafft, als in seinen fett gefressenen Wanst zu stechen und ungerührt herausquellen zu sehen, was da an Innereien hineingestopft war.
»Also, da müssen Sie unbedingt etwas unternehmen.«
»Tut mir leid, das kann ich nicht. Nicht mit den Mitteln, die mir hier zur Verfügung stehen. Sie müssen ihn nach Port Harcourt zurück
bringen, in ein richtiges Krankenhaus.«
»Ich werde mit dem Major sprechen. Wir brauchen sofort eine Transportmöglichkeit.«
»Das können Sie gern versuchen, aber ich bezweifle, dass er Ihnen auf irgendeine Weise helfen wird. Er gehört nicht unbedingt zu den entgegenkommendsten Menschen. Tut mir leid, das sagen zu müssen. Wissen Sie, ich habe ihm mal das Leben gerettet. Dadurch bin ich als Arzt hier gelandet, und trotzdem kann ich mir seiner niemals sicher sein. Launisch ist er. Unberechenbar. Das liegt am Öl und den Gefechten. Das zieht auf seltsame Weise jeden in Mitleidenschaft. Irgendwann einmal schreibe ich ein Buch darüber. Seit fünf Jahren stecke ich nun in diesem Sumpf, und ich sage Ihnen, das ist ein toter Ort, ein Ort zum Sterben.«
Er zeigte zum fernen, orangefarbenen Himmel.
»Diese verdammten Abgasfackeln. Als ich hier ankam, waren es noch nicht so viele. Manchmal habe ich das Gefühl, als hätte ich mein ganzes Leben hier verbracht.«
»Also, was meinen Sie: Was soll ich tun? Mein Freund liegt im Sterben. Sagen Sie mir, was ich tun soll?«
»Ach, das ist nicht so einfach …«
Weil er froh darüber war, dass ihm jemand zuhörte, wurde er gesprächiger. Ich konnte mir gut ausmalen, wie er seine Tage hier zu gebracht hatte, über seine Bechergläser und Blutproben gebeugt, seinen spekulativen philosophischen Beobachtungen hingegeben, denen sich das Stöhnen und Jammern der Soldaten entgegenstellte.
Vor fünf Jahren, als er noch ein hagererer, idealistischerer Mensch als jetzt war, versetzte man ihn, frisch von der medizinischen Fakultät in ein unweit gelegenes Dorf. Der alte Arzt, der in den Ruhestand ging, holte ihn vom Boot ab und hatte einige Jungen dabei, die seine Sachen in das neue Quartier, eine geräumige Hütte nahe der Behandlungsstation, trugen. Der alte Mann führte ihn am nächsten Tag durch das Dorf und zeigte ihm die Behandlungsstation mit ihren zwei Räumen. Im Dorf wohnten kaum zwanzig Familien, und die Krankengeschichte jeder einzelnen hatte der Arzt mit seiner zittrigen, aber ordentlichen Handschrift sauber dokumentiert und abgeheftet, Akten in alphabetischer Reihenfolge, die im Hinterzimmer in zwei beeindruckenden eisernen Aktenschränken abgelegt waren.
»Es war ein kleines Dorf. Anfangs war ich einsam und dachte täglich an nichts anderes, als daran, wie ich hier wieder wegkommen könnte, aber bald wurde mir dieser Ort mit seinen Menschen lieb. Egal, bevor er sich zu guter Letzt zurückzog, klapperte der alte Arzt mit mir alle Türen ab, auch in den Nachbardörfern, und stellte mich den Leuten vor. Ich führte mobile Behandlungsstationen auf Booten, hielt in Schulen und Kirchen Vorträge zur Gesundheit, sprach mit Lehrern und Predigern und Dorfoberhäuptern. Doch bald schon stellte ich fest, dass es den Leuten nicht in erster Linie um ihre Gesundheit ging; sie waren tatsächlich bemerkenswert gesund. Eines Tages sah mich ein Ältester scharf an und sagte, Ich bin nicht krank. Ich bin einfach nur arm. Können Sie mir dagegen etwas verschreiben? Wir wollen das Feuer hier, das Tag und Nacht brennt. Das hat er mir ins Gesicht gesagt, streitlustig.
Dann wurde, als ob seine Bitte erhört werden sollte, zwei Jahre nach meiner Ankunft Öl im Dorf entdeckt. Man soll sich genau überlegen, was man sich wünscht, heißt es. Ja, genau am Dorfrand, wo die Küste verläuft, lagerte Öl in verwertbarer Menge. Die Dorfbewohner feierten wochenlang. Sie bekamen ihr orangefarbenes Feuer; stetig leuchtete es über dem Wasser am Rand des Dorfes. Es brannte Tag und Nacht, und die Dorfbewohner brauchten jetzt keine Kerzen oder Lampen mehr, sie mussten abends nur ihre Fenster und Türen aufsperren, und alles wurde hell erleuchtet. Einfach so. Schon bald ersetzte dieses Licht den Dorfplatz. Männer und Frauen standen abends da und schauten es stundenlang verwundert an, starrten unverwandt darauf, bis ihnen die Augen zu tränen anfingen und sie ganz benommen waren. Dorfversammlungen, die früher sonnabends am frühen Morgen in einem Klassenzimmer der Schule stattfanden, wurden jetzt auf den Abend und in den Schein des orangefarbenen Lichts verlegt: Die Ältesten mit ihren Umschlagtüchern und Gehstöcken stellten ihre Stühle im Halbkreis auf und schwangen ihre Reden. Ein Abendmarkt entwickelte sich zu Füßen dieses glimmenden Scheins, und die Frauen zogen jeden Abend mit ihren Waren dahin. Einige kamen sogar aus den Nachbardörfern, sie kauften und verkauften, sie stellten tragbare Eisenherde auf und brieten Akara und Fisch, die sie unter diesem Feuerschein an glückliche Kinder verkauften. Und als Brother Jonah, nachdem er drei Jahre fort gewesen war, aus der großen Stadt heimkehrte oder, wie er es ausdrückte, aus dem Bauch des Wals, versammelte sich seine Gemeinde jeden Sonntagabend unter eben diesem Schein. Sie tanzten, die Gesichter zu diesem nie erlöschenden Glast erhoben, sangen ihre Freude und Dankbarkeit, und ihre Stimmen schallten viele Meilen über das Wasser. Sie nannten es das Pfingstfeuer. Ich weiß nicht, was das genau bedeutet, aber es machte sie sehr glücklich. Sie sagten, das wäre ein Zeichen, die Erfüllung eines Pakts mit Gott.
Naja, ich tat meine Pflicht als Arzt. Ich wies sie auf die Gefahren hin, die dieses unauslöschliche Flackern birgt, aber sie hörten nicht auf mich. Und als dann ein Jahr später ihr Vieh zu sterben begann und die Pflanzen auf dem Halm verdorrten, nahm ich Trinkwasserproben und ermittelte in meinem Labor den Giftgehalt: Er stieg beständig. Innerhalb eines Jahres war er auf das Zweifache der Belastungsgrenze gestiegen. Natürlich hörten die Leute wieder nicht auf mich, sie waren immer noch diesem orangefarbenen Glast hörig. Als ich mich bei den Ölarbeitern beschwerte, boten sie mir Geld und eine Arbeitsstelle an. Der Direktor, ein Italiener, schrieb mir einen Scheck aus und meinte, nun befände ich mich auf ihrer Gehaltsliste. Er befahl mir weiterzumachen, doch sollte ich meine Ergebnisse ab sofort nur noch ihm mitteilen. Ich glaubte, dass sie etwas mit meinen Untersuchungsergebnissen anfangen würden, aber das geschahnicht. Deshalb nahm ich Blutproben, als die Leute zu sterben begannen, und analysierte die Gifte darin, nur schickte ich meine Ergebnisse diesmal an die Regierung. Man bedankte sich bei mir und begrub die Ergebnisse in irgendwelchen Aktenschränken. Weitere Menschen starben, und daraufhin schickte ich meine Ergebnisse an NROs und internationale Organisationen, die sie in internationalen Zeitschriften veröffentlichten und die Regierung drängten, etwas gegen die Abgasfackeln zu unternehmen, aber wieder geschah nichts. Noch mehr Menschen erkrankten, viele starben. Ich sah, wie der Nachtmarkt eingestellt wurde und die Ratsversammlungen aufhörten. Auch die Kirche ging ein, nachdem Brother Jonah Bote bei der Ölgesellschaft geworden war. Ich musste mit ansehen, wie das ganze Dorf gewissermaßen über Nacht verschwand, einfach so. Ich war ihr Arzt, ich hätte mehr tun müssen, als ich unternommen habe. Seitdem bin ich so eine Art Wanderarzt geworden. Ich ziehe von Dorf zu Dorf und versuche, ein Bewusstsein für die Gefahren zu wecken, die in den Ölquellen und der Luft darüber lauern. Und alle haben sie dieselbe Geschichte, dieselben Krankheiten. Ich tue, was ich nur kann.«
Während er sprach, schaute ich auf seine Lippen, beobachtete, wie seine Zigarette herunter brannte und sich der Rauch in Kringeln über ihn erhob und der vergifteten Luft weitere Schadstoffe zuführte, aber eigentlich versuchte ich die ganze Zeit zu begreifen, was er über Zaq gesagt hatte.
Er legte mir die Hand auf die Schulter.
»Das mit Ihrem Freund tut mir leid. Ich werde mit dem Major sprechen. Ich will versuchen, ihn zu überreden, Sie beide ziehen zu lassen, will Ihnen aber raten, nicht auf schnelle Antwort zu hoffen. Bringen Sie Ihren Freund zu einem anderen Arzt. Holen Sie ein weiteres Gutachten ein, auch wenn ich fürchte, dass das nicht viel nützen wird. Ich hab das hier in der Gegend oft erlebt. Ein Mensch bekommt ganz plötzlich leichte Kopfschmerzen, dann Fieber, als nächstes einen Ausschlag, und plötzlich versagt ein lebenswichtiges Organ. Und wen die Krankheit nicht umbringt, den tötet die Gewalt. Manchmal frage ich mich, was ich hier überhaupt mache; hier werden eher Totengräber gebraucht als Ärzte.«
Ich wollte den Doktor fragen, ob er glaubte, dass die Kämpfe bald aufhörten, wer im Recht war und wer Unrecht hatte, ob er wüsste, wo sich der Professor aufhielt, ob er von der entführten Frau gehört hatte, doch stattdessen drehte ich mich um und sah zu der Hütte hinüber, in der Zaq lag und sein Leben aushauchte.
»Danke Doktor. Ich muss jetzt zu meinem Freund.«
»Unbedingt. Gehen wir zusammen.«
Er ging voran, stieß Rauch aus, die dicken Arme waagerecht vom Leib abgespreizt, der fette Hintern platzte fast aus der Hose, und ich konnte seinen keuchenden, verschleimten Atem hören und wollte hinter ihm her rufen: Doktor, heile dich selbst!

Mit freundlicher Genehmigung des Wunderhorn Verlags, Heidelberg

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erstellt am 02.3.2013

Buchcover

Helon Habila
Öl auf Wasser
Roman
Übersetzung: Thomas Brückner
240 Seiten, Hardcover
ISBN: 978-3-88423-391-7

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Helon Habila, 1967 in Nigeria, geboren, studierte Literatur und lehrte an der Universität bevor er nach Lagos ging, um dort als Journalist zu arbeiten. Für sein erstes literarisches Werk Waiting for an Angel, welches in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde, erhielt er den internationalen Caine Prize for African Writing und 2003 den Commonwealth Writers’ Prize für die Beste Erstveröffentlichung. Measuring Time (2007), Habilas zweiter Roman, erhielt 2008 den Virginia Library Foundation Fiction Award und stand auf der Kandidatenliste für den Hurston/Wright Legacy Award 2008. Die Kurzgeschichte The Hotel Malogo gewann den Emily Belch Prize und wurde für die Anthologie The Best American Nonrequired Reading ausgewählt und veröffentlicht. Habilas dritter Roman Oil on Water (2010) ist der erste, der auf Deutsch erscheint. Habila lehrt kreatives Schreiben an der George Mason University und lebt in den USA und Nigeria. (Wunderhorn Verlag)