Staatsopernchor Stuttgart, Foto: A.T. Schaefer
Staatsopernchor Stuttgart, Foto: A.T. Schaefer
Opernkritik

Aus der Nachbarschaft des Wolgalieds

Der Stuttgarter Opernchor glänzt in »Nabucco«

Von Thomas Rothschild

Die einfallsloseste Insprirationsquelle für einen Verlag, ein Feuilleton, einen Spielplan ist der Kalender. Wie soll der Zufall einer runden Zahl einen Zusammenhang stiften, eine Konzeption begründen? Trotzdem häufen sich in diesem Jahr landauf landab die Publikationen über und Inszenierungen von Verdi, Wagner und, nicht ganz so bereitwillig, Benjamin Britten, bloß weil jene vor exakt 200 und dieser vor 100 Jahren geboren wurden.

Nun lässt sich als Argument anführen, dass Verdi und Wagner, anders als Britten, ohnedies zum ständigen Repertoire der Opernhäuser gehören, es also keinen Grund gibt, sie ausgerechnet im Jahr ihres runden Geburtstags auszusparen. Trotzdem würde es die Programmgestaltung rationaler erscheinen lassen, wenn man wenigstens eine Begründung dafür angibt, warum man gerade dieses oder jenes Werk gewählt hat. Dass es seit soundsovielen Jahren nicht mehr auf dem Spielplan war, ist das schwächste Argument. Eine Aufführung ist oft schon nach einer Saison vergessen, und zudem kann es nicht schaden, wenn das Publikum am Ort von Stücken, bei denen es sich lohnt, unterschiedliche Inszenierungen vergleichen kann. Am Stuttgarter Schauspiel hat man, kürzer als ursprünglich geplant, aber immerhin, jährlich einen Woyzeck inszeniert. Das Projekt war sinnvoller, als es die Macher selbst offenbar wahrhaben wollten. Warum sonst wäre ihnen der Atem ausgegangen.

Nun kommt also auch die Stuttgarter Oper nicht um ihre Verdi-Neuinszenierung herum. Zumindest gibt Intendant Jossi Wieler eine Begründung für seine Wahl an, die jenseits der 200 Jahre liegt: Er hat sich für Nabucco entschieden, um dem mehrfach zum Opernchor des Jahres auserkorenen Chor die Möglichkeit zu geben, sich deutlicher als üblich zu präsentieren. Dafür, in der Tat, ist Nabucco ein vorzügliches Material.

Das war offensichtlich auch dem erst 29 Jahre alten Regisseur Rudolf Frey, der erstmals an einem Haus dieser Größe gearbeitet hat, und seiner Choreografin Beate Vollack klar. Schon während der Ouvertüre verschaffen sie dem Chor nach und nach einen virtuosen Auftritt mit exakt arrangierten Gängen und Bewegungen, die zugleich das Kollektiv wie Individuen profilieren. Im weiteren Verlauf bevorzugt Frey, nicht ganz konsequent, aber nachdrücklich eine antirealistische, stilisierte Chorführung. Auffallend die an manchen Stellen, aber wiederum nicht durchgängig abverlangten formalistischen Handbewegungen, ein zwar – man denke an Claus Guth oder Joachim Schlömer – nicht mehr ganz neuer, aber immer wirkungsvoller Einfall, der freilich in diametralem Gegensatz steht zu den Überzeugungen der Felsenstein-Schule. Aktuell gesprochen: dieser Frey ist ein Anti-Konwitschny. Beides hat am Haus Platz. Von einer Stuttgarter Einheitsästhetik kann also keine Rede sein. Bei dem berühmten Gefangenenchor, der über Jahrzehnte neben dem Wolgalied aus Lehárs Zarewitsch und Gerhard Winklers Mütterlein zum Repertoire der Wunschsendungen im Radio gehörte, positioniert Frey die Sänger zunächst statisch, mit Blick ins Publikum, an der Rampe, um die dann allmählich in Bewegung zu setzen und mit ihren Stühlen Verrenkungen auszuführen. Dass der Chor dabei perfekt das sentimentale Potential dieses Schlagers aus dem 19. Jahrhundert herausholt, versteht sich von selbst. Der Szenenapplaus, der in Verona rituell eine Wiederholung der Nummer fordert, blieb bei der Stuttgarter Premiere allerdings aus.

Frey und sein Bühnenbildner Ben Baur haben sich zum Glück gegen Ausstattungsfülle und spektakuläre Einfälle entschieden. Für einzelne Überraschungen sind sie dennoch gut. So inszeniert Frey die versuchte Inthronisation von Abigaille als Revue, und ihren Umgang mit dem gebrochenen Ziehvater Nabucco wie eine Konfrontation von Angela Merkel mit Helmut Kohl.

Atalla Ayan (Ismael), Foto: A.T. Schaefer
Atalla Ayan (Ismael), Foto: A.T. Schaefer

Sängerisch bot das Solistenensemble, allen voran die beiden Neuzugänge an der Stuttgarter Oper, Catherine Foster als die intrigante Abigaille und Sebastian Catana in der Titelrolle, nicht viel mehr als Mittalmaß. Auf höherem Niveau bewegte sich lediglich der Tenor Atalla Ayan, der mit Brille und Strickjacke, eher einem Studenten aus einem Tschechow-Drama als einem Prinzen gleichend, den Ismaele singt, klar, kraftvoll, aber ohne Schmalz.

Was die Musik angeht, standen sich die Verdi- und die Wagner-Anhänger bekanntlich lange unversöhnlich gegenüber. Was die Libretti betrifft, muss man gestehen, dass die germanischen Götter jedenfalls unterhaltsamer sind als der jüdische Gott, zu dem die Babylonier bekehrt werden sollen. Man muss schon manche Verrenkung vollziehen, um die Aktualität von Nabucco zu behaupten. Und dass auch die meisten historischen Angaben, die über diese Oper und ihren Komponisten kursieren, Legenden sind, weist Uwe Schweikert im Programmheft minutiös nach. Aber als Material für einen vortrefflichen Chor eignet sich diese Oper allemal. Er bekam auch bei der Premiere den stärksten Applaus.

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erstellt am 26.2.2013

Catherine Foster (Abigaile), Sebastian Catana (Nabucco), Foto: A.T. Schaefer
Catherine Foster (Abigaile), Sebastian Catana (Nabucco), Foto: A.T. Schaefer

NABUCCO
Von Giuseppe Verdi
In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Musikalische Leitung: Giuliano Carella
Regie: Rudolf Frey
Bühne: Ben Baur
Kostüme: Silke Willrett, Marc Weeger
Choreografie: Beate Vollack
Licht: Reinhard Traub
Chor: Johannes Knecht
Dramaturgie: Sergio Morabito, Patrick Hahn

Termine:

Oper Stuttgart