Die längste Zeit seines Lebens blieb dem Dichter Paulus Böhmer die öffentliche Anerkennung versagt. Nun, jenseits der 70, bekommt er den angesehenen Hölty-Preis für Lyrik, wird ihm ein Symposium gewidmet, wird er thematischer Schwerpunkt in den „Horen“ (Nr.247), bekommt er für sein Lebenswerk die Goethe-Plakette des Landes Hessen und jetzt die Goetheplakette der Stadt Frankfurt am Main. In den „Horen“ hatte man schon einige Aspekte des Böhmerschen Schaffens bedacht: Körper, Technik, Unsterblichkeit im langen Gedicht; die Tradition des langen Gedichtes; das Musikalische darin; die Technik des langen Gedichtes; des Dichters lyrische Weltkarte; die Erfahrung von Zeit in den Kaddish-Gedichten, aber auch Bild und Organik in der Lyrik Paulus Böhmers. Nun hat Harry Oberländer, selbst Lyriker und heute Leiter des Hessischen Literaturforums im Mousonturm, in seiner Festrede eine elegante Verbindung Böhmers zu Goethe aufgespürt.

Goetheplakette an Paulus Böhmer

Brüche und Dissonanzen

Laudation von Harry Oberländer

Goethe, dessen Namen die Plakette trägt, mit der die Stadt Frankfurt am Main heute Paulus Böhmer ehrt, wusste, woher er kam, er hat es nie verleugnet, obwohl er diese Stadt verlassen musste, um sein Lebenswerk zu schaffen: „Wenn mich jemand früge, wo ich mir den Platz meiner Wiege bequemer, meiner bürgerlichen Gesinnung gemäßer oder meiner poetischen Ansicht entsprechender denke, ich könnte keine liebere Stadt als Frankfurt nennen.“
Frankfurt im Jahr 1749, Goethes Geburtsjahr, war eine freie Reichsstadt inmitten eines prachtvollen Chaos absolutistisch regierter Herzog- und Fürstentümer mit unfreien Residenzstädten, die die Geometrie ihrer Gärten Schlösser und Seen prunkvoll in Szene zu setzen wussten. Ihre despotischen Strukturen haben lange Zeit den mainstream der deutschen Kultur geprägt.
Nicolas Boyle weist in seiner großen und großartigen Goethe-Biographie darauf hin, dass nach dem dreißigjährigen Krieg, die Residenzstädte und die merkantilistischen Investitionen ihrer absolutistischen Fürsten die zusammengebrochene Wirtschaft in Deutschland wieder ankurbelten und zur Blüte brachten, dabei zugleich aber auch die ursprüngliche Handwerker- und Kaufmannsordnung durch das System einer höfischen Dienstleistungsgesellschaft ersetzten. Diese hierarchische Formierung der Gesellschaft mit ihren feudalen und korrupten Strukturen findet man anschaulich und sprachgewaltig noch in Büchners und Weidigs hessischem Landboten von 1834 beschrieben. Für die Kunst und für die Künstler bedeutete dies, dass sie weitgehend abhängig wurden von fürstlichen Gönnern und Mäzenen, die vor allem an der Verherrlichung ihrer Kleinstaaten und ihrer eigenen Person interessiert waren. Dadurch blühten die darstellenden Künste, Baukunst, Theater und Oper, aber die deutsche Literatur, die im Barock noch eine blühende Literatur war, geriet sozusagen unter die Räder. „Denn“, so schreibt Boyle, „der Mittelgrund war nun verschwunden, den einst Bürger und Humanisten eingenommen hatten; jetzt tat sich eine Kluft auf zwischen der populären und der höfischen Literatur, zwischen den am laufenden Band produzierten, schlecht gedruckten Liebesromanen auf der einen Seite und den Prestigeproduktionen der Hofdruckereien.“ Und so trat für die deutschen Mittelschichten an die Stelle der Literatur die religiöse Erweckung. In Frankfurt, wo damals die Katholiken die Kirchen, die Calvinisten das Geld und die Lutheraner die Macht hatten, stand mit Phillip Jakob Spener (1635-1705) eine der geistigen Leitfiguren des Pietismus an der Spitze der lutherischen Kirche. Die Macht der religiösen Erweckung führte damals zu dem Phänomen, dass die Frankfurter Bürger um 1690 bereit waren, als Preis für eine strengere religiöse Zensur auf einen wesentlichen Teil ihrer Buchmesse zu verzichten, dieser Teil wurde an Leipzig abgetreten.
Goethe, wie wir wissen, hat sich in seiner Jugend eine zeitlang in diesem Pietismus bewegt und er hat sich aus ihm herausbewegt, sich von der Religion emanzipiert, wobei, so hat er es selbst dargestellt, das Erdbeben von Lissabon eine Rolle gespielt habe. „Durch ein außerordentliches Weltereignis,“ schreibt Goethe in Dichtung und Wahrheit, „wurde jedoch die Gemüthsruhe des Knaben zum ersten Mal im Tiefsten erschüttert. Am ersten November 1755 ereignete sich das Erdbeben von Lissabon, und verbreitete über die in Frieden und Ruhe schon eingewohnte Welt einen ungeheuren Schrecken. […] Ja vielleicht hat der Dämon des Schreckens zu keiner Zeit so schnell und so mächtig seine Schauer über die Erde verbreitet“.
Das Erdbeben von Lissabon markiert im kulturellen Gedächtnis Europas eine Zäsur. Bis heute ist es bedeutsam durch die Geschichte seiner Wahrnehmung, an deren Anfang Voltaires „Poème sur le désastre de Lisbonne“ steht, auf das Rousseau mit der Sichtweise erwiderte, dass mit Lissabon der Optimismus der Aufklärung erschüttert worden sei. Goethe indessen konnte durch die glückliche Fügung seiner Herkunft und seiner Erziehung auf die tiefen Umwälzungen in den Grundlagen des Offenbarungsglaubens im 18.Jahrhundert mit bemerkenswerter Freiheit reagieren. Frei von Furcht, frei von Heuchelei, frei von Verzweiflung, frei von Fanatismus. So konnte er Goethe werden.

Des Menschen Seele
Gleicht dem Wasser:
Vom Himmel kommt es,
Zum Himmel steigt es,
Und wieder nieder zur Erde muss es,
Ewig wechselnd.

Strömt von der hohen,
Steilen Felswand
Der reine Strahl,
Dann stäubt er lieblich
In Wolkenwellen
Zum glatten Fels,
Und leicht empfangen,
Wallt er verschleiernd,
Leisrauschend
Zur Tiefe nieder.

Ragen Klippen
Dem Sturz entgegen,
Schäumt er unmutig
Stufenweise zum Abgrund.

Im flachen Bette
Schleicht er das Wiesental hin,
Und in dem glatten See
Weiden ihr Antlitz alle Gestirne.

Wind ist der Welle
Lieblicher Buhler;
Wind mischt vom Grund aus
Schäumende Wogen.

Seele des Menschen,
Wie gleichst du dem Wasser!
Schicksal des Menschen,
Wie gleichst du dem Wind!

Goethes Gedicht „Gesang der Geister über dem Wasser“ wurde 1789 veröffentlicht, im Jahr des Sturms auf die Bastille. Geschrieben hatte Goethe es bereits 1779. Im September nach seinem 30. Geburtstag, als der Herzog in Weimar seine Beförderung in den höchsten offiziellen Rang des Geheimen Rats angekündigt hatte, war er, zusammen mit Carl August, in die Schweiz gereist. Goethe, der sich in der zurückliegenden Zeit viel mit Landschaftsmalerei beschäftigt hatte, konnte im Verlauf dieser Reise keine Linie mehr zeichnen und musste die Eindrücke, die die Landschaft auf ihn machte, dichterisch gestalten. So also den Wasserfall des Staubachs bei Lauterbrunnen auf der Wanderung von Thun nach Grindelwald.

ich sehe taufrisches fleisch ich sehe
überhelle pupillen ich sehe abbildungen der gurgel unter den haut
gegenstände des hasses die ich verzückt umkreise
ich verordne mir doppelte organe ich stranguliere mich
mit dem gedächtnis das sich selber
vom schwanz her auffrisst in gedichten die
niemals enden die faschistisch sind
wie alle fleische aller träume die das fleisch gebiert
ich knete fleisch zu posen die sich stets gleichen die
sich vorfabrizieren ihre mechanik einimpfen den
worten von denen ich niemals annahm sie gehörten mir
ich spiel zunge ertrunken im speichel
ich spiel schluß im zungenkuß die blaue blume tief im fleisch
ich spiel agonie die
die bewegung überwuchert die
sie gerinnen lässt zu jenem
weiß –

Ein Gedicht aus einem anderen Jahrhundert, ein Auszug aus einem Gedicht von Paulus Böhmer. Es heißt „Du bist schön wie einen Million Waggons“.
In ihrem Buch „Das Böse denken“ (2002) schreibt die Moralphilosophin Susan Neimann: „Das 18. Jahrhundert verwendet das Wort Lissabon etwa so, wie wir heute das Wort Auschwitz verwenden“. Hinsichtlich des 18. Jahrhunderts mag das eine unzulässige Übertreibung sein, aber die Katastrophe des 20. Jahrhunderts, an der wir, die nachgeborenen Autorinnen und Autoren nicht vorbeikommen, war Auschwitz, war die Shoah zweifellos. Paulus Böhmer beschäftigt diese Katastrophe zutiefst und bis in die nach außen gewendete Intimität seiner Liebesgedichte hinein.
Der provokative Satz Adornos aus dem Jahr 1949, nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch, wurde zum wichtigsten Drehpunkt des ästhetischen Diskurses der Nachkriegszeit und es ist wichtig, sich diesen Satz immer wieder zu vergegenwärtigen. In Paulus Böhmers umfangreichen lyrischen Werk ist das Bewusstsein immer präsent und nachweisbar, das kein Gedicht nach Ausschwitz, das ernst genommen zu werden verdient, von einem dichtenden Subjekt kommen kann, dass die irreversible Beschädigung seiner Stellung in der Welt nicht erkannt hat. Wo der Götterliebling Goethe sich noch in einer gewissen, wiewohl auch in seinem Fall schon nicht mehr prästabilisierten Harmonie sehen konnte – auch er lebte erkennbar nicht mehr in der besten aller mögliche Welten – sieht sich der Dichter Böhmer zu Recht als der Hausherr eines „Palais d’amorph“. Es ist eine Lehre des Zerfalls, eines vitalen und ins Kosmische erweiterten Chaos, das er zu beschreiben, zu gestalten und umzugestalten hat. An die Stelle der großen Harmonien, der Sphärengesänge, sind Brüche und Dissonanzen getreten. Die Seelengleichheit des Wassers und des Windes, das schöne pantheistische Aufgehobensein in der Welt findet sich durch Zuströme bestialischer Flüssigkeiten gestört, durch Sperma, Eiter und Blut.

Und dennoch: alle Flüssigkeiten, alle Ströme kommen auch bei Paulus Böhmer in ganz bemerkenswerter Weise zu einer Einheit von Seele und Landschaft. 1997 veröffentlichte er einen seiner schmaleren Bände „Die Ohm.“ Die Ohm ist ein kleiner Fluß in Oberhessen, der im Vogelsberg entspringt und bei Marburg in die Lahn mündet. Bei Homberg fließt sie auch an Niederofleiden vorbei und damit durch Böhmers Kindheitslandschaft. Es widerspricht zwar der Geographie, aber eine höhere Wahrheit ist: Die Ohm mündet schließlich in den Main. Lassen Sie mich zum Schluß aus dem langen Gedicht „Die Ohm“ ganz kurz zitieren:

Ferne Börsen diktieren die Getreidepreise und
eine Königin tritt in den Bauch
der Erbin und hundert Blitze blitzen, jeden Augen-
blick, und mandelgroß, sela, mandelgroß
ist die Seela, zittert
in faltigen Gängen, in Nährzellen, in
den Lehmufern der Ohm und die Vogel-
jungen hören den Tutorgesang des Vaters und
in den Umgruppierungen des Wassers lauschen
die Feten den Lautmustern der Mutter-
sprache und die Plazenta wird gegessen
in vielen Dörfern, mandelgroß, sela,
ist die Seela, immer
findest du sie, wenn du sie findest,
mit Speichel in den Mundwinkeln, später
versinkt sie in Qualmmänteln, Aschenregen, in
Vulkanregen und Eidechsenfang und fortwährend
Entstehen komplexe Haufen von Seelen-
Molekülen, zerfallen, vergehen, entstehen
die Seel ist wie Wasser.

Meine Damen und Herren, soviel aus Anlass der Verleihung der Goetheplakette als Dank an die Stadt Frankfurt am Main, eine Stadt am Fluß, eine Stadt der Türme und der Literatur. Wir leben und arbeiten gerne hier, da spreche ich – und darum hat er mich ja gebeten – auch für Paulus Böhmer, und wir möchten ungerne in irgendwelche Residenzstädte abwandern. Paulus Böhmer konnte zum Dichter werden, indem er hier her nach Frankfurt kam und nicht wie Goethe, indem er von hier fort ging, aber beide können wir uns ohne Frankfurt am Main nicht vorstellen.

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erstellt am 24.2.2013

Paulus Bohmer, Foto: Alexander Paul Englert
Paulus Bohmer, Foto: Alexander Paul Englert

Mit Beiträgen u.a. von: Christoph Hein, Dieter Hildebrandt, Angela Krauß, Uwe Kolbe, Bernd Leukert, Hans-Ulrich Treichel, Sándor Tatár, Brigitte Oleschinski, Ulrike Almut Sandig, Paulus Böhmer, Alban Nikolai Herbst und vielen anderen.

Venustransfer
oder: Dichter und Stoff
Zusammengestellt von Jürgen Krätzer
die horen 57 (2012), H. 247
200 S., 15 Abb., brosch.
ISBN 978-3-8353-1143-5
Wallstein Verlag, Göttingen

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