Eine poetische Einführung des Autors Sascha Anderson zu den neuesten Gedichten des russischen Sprachvirtuosen Oleg Jurjew.

Eine Normszene: Jemand wirft Flaschen in eine Tonne für Glas; eine zweite: Die noch nicht beschnittenen Platanen an der Mauer zum Zoo; und drittens: Runde, niedrige, ineinander fließende Hügel. Nur drei Beispiele für die in sich wie in einem festverankerten kulturellen Daseinsraum ruhenden Entrees der neuesten sieben_und_dreißig Gedichte Oleg Jurjews.

So weit, so gut: Nur was sollen dann jene etwas windig anmutenden, etwas in Bewegung versetzenden Verben, die da dastehen wie Segel im Sabbat: Das Werfen, das Beschneiden, das Fließen. Ganz einfach: Derart greift die Zeit unter dem Deckmantel formvollendeter Vergangenheit – mit all ihren Schuldigkeiten, Absurditäten, je gewesenen Sonnenauf- und -untergängen, Verkrümmungen, kurz Beeinflussungen – ein ins absolute Jetzt des Augenblicks. Und wie immer ist es die Ruhe vor dem Sturm. Die keineswegs trügerische Ruhe. Denn Jurjew ist ja kein Trickkünstler. Er ist ein Erzähler ersten Ranges (siehe das gute Dutzend in russischer und deutscher Sprache geschriebener und erschienener Bücher), das heißt, er ist fähig, der Gerinnung des fotografischen Gedächtnisses eine bewegende Dimension der Ewigkeit abzuringen; will heißen: dass das regelmäßige Werfen der Flaschen in eine Glastonne „klingt, als hacke jemand gläsernes Holz“.

In „Die Kunst. Gespräche des Meisters gesammelt von Paul Gsell“ sagt der Bildhauer Auguste Rodin sinngemäß, dass es nicht darauf ankommt etwas richtig, sondern wahr wiederzugeben. Er macht es deutlich an Géricaults „Rennen in Epsom“, einem Bild, auf dem vier Pferde im gestreckten Galopp mit gleichzeitig weit nach vorn und weit nach hinten ausgestreckten Vorder- und Hinterbeinen dargestellt sind. Das ist natürlich falsch, aber eben wahr. Eine Wahrheit, die der Kunst der Literatur, wie sie von Oleg Jurjew meisterhaft vorgeführt wird, sehr nahe kommt. Es ist die Kunst der Auslassung dessen, was sich im Kopf des an die eigenen Bilder von Welt gebundenen Lesers abspult. Insofern will ich Ihnen Jurjew, den 1959 in Leningrad (heute wieder Petersburg) Geborenen, ankündigen als den Künstler jedes vierundzwanzigsten Bildes und warte wie auf einen Krimi auf das, was jetzt, nach „Von Orten“, passiert, da ihm die Zeit vor die Linse läuft. Sascha Anderson

Ein Poem

Von Orten

Von Oleg Jurjew

FRANKFURT, AM OSTPARK, EIN TROCKENER, ABER STICKIGER SEPTEMBER; ÜBER DIE ALLGEMEINE HETZE

Auf die Bürgersteigplatten schiß leidvoll ein Hetzhund mittlerer Größe — ein Standbild eigenen Rennens.

Sein Frauchen in einer Brokatmütze und einem dreimal um ihre bescheidenen Hüften gedrehten Zigeunerrock ging leinenradial hin und her, blickte von Zeit zu Zeit um sich herum und hetzte bellend und leise auf Serbokroatisch: »Brzo! Brzo!« (»Schnell! Schnell!«)

Der Hetzhund schielte leidvoll, so, als ob er auf dieses unerträgliche Hetzen antwortete: »Langsam … langsam …« (»Polagano … polagano …«)

Die Eicheln schossen unter den Vorderrädern der über die Eichenblätter fahrenden Fahrräder hervor und an den sich an den Hinterkopf drückenden Ohren des Hundes vorbei.

Der Hetzhund schielte noch seitenschiefer auf die radfahrende Hetzmeute hin, hob seine schmale Schnauze und mühte sich noch leidender.

An seiner überaus langen Nase strichen mit leichtem, trockenem Geräusch leichte, gewellte Blätter vorbei – ihn freute auch das nicht.

FRANKFURT, ENDE SEPTEMBER, OSTPARK. VOR DEM GEWITTER

Der Himmel wurde auf einmal finster; alles, was unter dem Himmel lag, wurde hingegen heller, als ob es aus sich heraus stahlblau leuchte.

Am Westend des Himmels rumorte es zweimal, am Südend glühte es dreimal auf.

Die letzten Fahrradfahrer stürmen sich duckend durch den Park; sich aufrichtend ersteigen sie die Ausfahrt. An eins der Fahrräder angebunden, dappelt eine französische Bulldogge bergauf – ein nicht allzu großer Hund mit dem Gesicht einer Katze.

Gewichtig-geschäftig und mit einem gottweißwarum warmen Wind, der aus ihren Achseln weht, hopsen dicke graue Gänse vor den Rädern her und fliegen in die Tiefe des Parks – sich vor dem Regen in den Teich zu retten.

Von den übrigen Vögeln ließ sich schon lange keiner mehr sehen.

In den Alleen zuckten die Laternen. Bedrohlich roch es nach vorgewittrigem Moder. Die Bäume hockten sich hin und griffen sich an den Kopf.

Alles wurde finster, allein der Himmel heller, als ob er aus sich heraus stahlblau leuchte.
In den Nähten des Bürgersteigs blinkten die ersten Spitzen auf.

FRANKFURT, MAINKAI, 13. OKTOBER, DER TODESTAG DES RUSSISCHEN DICHTERS LEONID ARONSON. ES IST NOCH NICHT HERBST, ABER DOCH.

Ein kleiner Ahorn wurde früher rot als die anderen, jetzt steht er wie ein Idiot in der Mitte des Rasens. Noch nicht Herbst.

Die Birken begannen wie Birkenpilze auszusehen. Nein, kein Herbst noch, doch …

Von den flachen Schiffen, die unter den grünen und roten Brücken fuhren, gingen dreieckige Wellen zum Ufer. Die Luft, die noch vor einem Monat über dem Fluß halbdurchsichtig schwärmte, ist völlig durchsichtig geworden und schwärmte gar nicht. Definitiv Herbst.

Aber am Ufer entlang traben, traben und traben sehr sportliche Frauen, die unter dem Leibchen mit den Titten wackeln. Aus unerfindlichen Gründen wackeln sie bei den einen unter dem Leibchen rechts und links, bei den anderen jedoch auf und ab, unter dem Leibchen. Worin sich die einen von den anderen unterscheiden, ist vollkommen unklar, doch diese wie jene sind wunderschön.

Unter der Brücke stand, beide Hände ins Kreuz gestützt, ein Mädchen; an seinem Hals schlug die Ader. Ein Fuß war bei ihm ein Fuß wie alle Füße, der andere war ein richtiger Ballettfuß.

Die Elektrizität fließt von den Häusern am Ufer in den Fluß und leuchtet darauf zittrig und lose. Nein-nein, noch nicht Herbst. Aber doch.

AM MAIN; FRANKFURT AN IHM; JANUAR / SONNENUNTERGANG

Der schwarze Zug raste über die Brücke. Seine Fenster standen dabei auf der Stelle – durchfunkelt. Der Zug verschwand, die Fenster blieben für eine Weile stehen. Dann fielen sie.

Ein graues Flugzeug schwebte auf den Sonnenuntergang zu und ging durch die abgemagerten rosigen Wolken nieder. Hat es einen versteckten Flugplatz dort herinnen, oder wie?

Einen weißen Lastkahn zog es langsam unter die Brücke mit dem rasenden Zug oben, geradewegs in die schwarz-rote Wurzel jenes Sonnenuntergangs, in den obenhin das Flugzeug schwebte.

So fuhr er also, und zitterte sogar auf seinen untergetauchten Kettenraupen, als
er unter die Brücke kam. Eine rot-weiß-blaue Tüte bewegte sich hin und her auf dem Heck, rollte sich ab und zu auf und ein – eine kleine holländische Flagge.

… Über die Brücke rast ein schwarzer Zug zurück.

FRANKFURT AM MAIN, ENDE EINES WIE NIE ZUVOR WARMEN JANUARS, UND PLÖTZLICH FIEL ETWAS SCHNEE

auf einen japanischen Kirschbaum am Historischen Museum, der, so blöd wie er war, gerade weiß blühte. Nun hatte er auf seinen krampfigen Ästen beides, Schnee und Blüten, und es war nicht zu erkennen was was.

Die Zugvögel – auch keine Intelligenzbestien – waren mittwegs zurückgekehrt und rasten nun im aufgedunsenen Himmel in Schwärmen, wie Mücken.

Auf den Pflastersteinen lag kleine flache Spucke (in den Schlaglöchern – große schaumige). Über die Pflastersteine rannten nicht ohne Geklapper (über die Schlaglöcher nicht ohne Geknister) greise Dämchen in runden und dreieckigen Mützen und guckten sich aus der Ferne kurzsichtige Serbo-Kroaten, Indo-Pakistanis und Afro-Afrikaner in Sonnenbrillen aus. Weitsichtige europäische Dämchen verhimmeln kurzsichtige Serbo-Kroaten, Indo-Pakistanis und Afro-Afrikaner, für welche ihre Mädchensilhouetten jahrzehntenlang ausgefeilt werden.

Doch die Serbo-Kroaten, Indo-Pakistanis und Afro-Afrikaner haben im Moment keine Zeit für europäische alte Mädchen in runden und dreieckigen Mützen diverser Farben. Sie alle stehen auf Feuerwehrleitern und schneiden den Platanen die im Sommer emporgesprossenen langen Standnägel von ihren Stummeln. Vermittels Benzinsäge mit Schnur. W-sss-rrrr! Ihre Brillen voll Rauch.

ÜBER DIE FISCHE; FRANKFURT, MITTE DES WINTERS

In den Fenstern der chinesischen Restaurants sitzen zwischen den kleinen Palmen Frauen, die sich unter dem Haar am Nacken gefaßt halten.

Ab und an schütteln sie ihren Kopf und blicken auf ihre Gesprächspartner mit jenen aufmerksam-lachend-verliebten Augen, welche jede Frau zu machen weiß, die jemals Schauspielerin werden wollte. Von den Schalen vor ihnen leuchtet es so hellblau, daß es scheint, es brenne darin dunkelblau eine chinesische Suppe mit Bläschen. Und im grünlichen Halbdunkel hinter ihnen irrlichtern Aquarien mit der einen oder anderen Anzahl chinesischer Zierfische.

In jedem chinesischen Restaurant gibt es bekanntlich ein Aquarium mit der einen oder anderen Anzahl chinesischer Zierfische. An dieser Anzahl sowie an der Größe, Farbe und Rasse der Fische erkennen die Angestellten der chinesischen Mafia, welchem Clan der Triaden und in welcher Höhe das Restaurant seine Steuer zahlt. Deshalb schwimmen die Fische langsam, lesbar, voll hieroglyphischer Verantwortungsfülle und Bedeutungsschwere in ihren kleinen Schafsgesichten und Fächerschwänzen. Die Angestellten der chinesischen Mafia blicken durch das Fenster, durch die Frauen, die sich unter dem Haar am Nacken gefaßt halten, durch das grüne Aquariumsglas auf die Fische und steigen nicht einmal von ihren Fahrrädern: Mit den Schößen ihrer undeutlichen Röcke wehend, fahren sie im rot-gelb-grünen Halbdunkel Frankfurts weiter zum nächsten chinesischen Restaurant.

In der einseitigen Straße über dem nichtexistierenden Meer, in den Vorgärten der unschönen Villen, hält man Zierfische, zu welchem Zweck auch immer, in steinernen Mulden mit kleinen Springbrunnen in der Mitte.

Das Wasser in diesen Mulden hat nun begonnen sich zu verfinstern und zu verdicken; die Rothäutigen und -haarigen, die noch nicht zum Überwintern ins Haus fortgetragen wurden, bewegen sich ängstlich: Hat man sie vergessen?

Einer, ein straff-kahler, bewegt sich nicht mehr, liegt nah am Grund, ist aber nicht gekentert und seine rote Farbe nicht los – das heißt: er lebt noch. Er ruht.

FRANKFURT, ENDE JUNI. FREITAG. BEGINN DES GEWITTERS. WIEDER ÜBER DIE PLATANEN. ÜBER DEM ABHANG DER EINSEITIGEN STRASSE

stehen die Platanen in ihrer Eidechsenhaut – die einen in der dunkelgrünen mit hellgrünen Flecken, die anderen in der hellgrünen mit dunkelgrünen –

… man würde doch so gerne auseinanderhalten: Welche Haut kommt unter welcher hervor, aber es ist zu spät, es auseinanderzuhalten …

… sie haben ihre kurzen und krummen Vorderpfoten mit den leuchtend-grünen pelzigen Wedeln etwas angehoben und zucken und schütteln sich: Rascheln, Knistern, Knacken …

… ein unheimlicher Eidechsenkarneval …

… die Hinterpfoten aber, ihre dicken und langen, sind um den Schwanz geflochten, auf dem das Ganze steht; sie zucken und sie zittern nicht … beinahe … Die Stelle, wo der Schwanz in die Erde hineingeht, ist übergittert.

… Der unheimliche Eidechsenkarneval, eingelassen in die dünnhaarige Erde …

Plötzlich knatterte es, wie die Fahnen von irgendwem knattern in starkem Wind. Der weit geöffnete Himmel blinzelte sofort ein paarmal.

Die dunkelgrünen kopflosen Eidechsen mit den hellgrünen Flecken und die hellgrünen kopflosen Eidechsen mit den dunkelgrünen Flecken ließen ihre Pfoten etwas absinken und wurden gleichmäßig-leuchtend-schwarz. Die pelzigen Wedel in den krummen und kurzen, etwas abgesunkenen Vorderpfoten zeigten sich weiß und reglos. Es begann nach Staub zu riechen.

erstellt am 15.10.2010

Buchtitel

VON ORTEN. EIN POEM, GEDICHTE
48 Seiten, Broschur mit Plakatumschlag
(Umschlagabbildung Thomas Kapielski „Der Künstler ist abwesend“)
Gutleut Verlag Frankfurt am Main & Weimar 2010
Reihe Black Paperhouse, Nr. 013, 11 Euro
ISBN 978-3-936826-69-2

Gutleut Verlag