Schreibzimmer 2012 – Lyrik

Härte und Verletzlichkeit

Da ist Druck, da ist Kraft, das ist jede Menge Leben. Und da ist die Balance von Härte und Verletzlichkeit, die aus den Gedichten von Büsra Karasungur spricht; dieser Funke sprang bei mir sofort über. Der erschütterbare Kern zwischen den Zeilen. Die 17-Jährige scheint unsanfter gelebt zu haben als viele ihrer Altersgenossen. Das mag auch an der kulturellen Reibung liegen. Doch genau aus dieser Reibung ist ein frischer Blick auf die bundesdeutsche Alltäglichkeit hervorgegangen, ein Blick, der sieht, was wir nicht sehen. Und Büsra Karasungur macht aus ihrem Herzen keine Mördergrube, was ich mutig finde: Es wird aus dem eigenen, schon vollen Leben geschöpft – in einem schnoddrig-knappen Ton; da wird manche Sehnsucht eben diesem Ton geopfert oder unter ihm versteckt. Dann die plötzlichen Momente überraschender Besonnenheit, ja Zärtlichkeit. Eine tolle Mischung! Der Bogen wird kräftig gespannt – - in einer geraden Flugbahn trifft der Pfeil direkt ins Leserherz. Und bitte, vergessen wir nicht den temperamentvollen, anarchischen Humor, der einem jenseits des Sentimentalen noch ganz andere Tränen in die Augen treiben kann.
Arne Rautenberg

(Herz)

Wieso ist ein Organ, das Blut durch deinen
Ganzen Körper pumpt
Das Symbol der Liebe?
Wieso soll es dich glücklich oder traurig
Machen können?
Wieso zerbricht es, aber du lebst trotzdem?
Wieso hängt deine Stärke davon ab?
Vielleicht, weil es Leben ausdrückt, dich
Leben lässt, dir Leben schenkt.
Vielleicht, weil
Es das Letzte ist, was aufgibt, und
Du dann wirklich nicht mehr kannst.
Vielleicht auch, weil
Es, wenn es einmal zerbricht, nie wieder
Heil wird oder der größte Muskel ist,
Der dich trägt.
Vielleicht, weil mein Herz den
Rhythmus ändert, wenn ich
Dich seh.

Emre

Ich war zwei und sehr klein,
hielt meinen neugeborenen Bruder fest in meinen Armen,
sah sein Gesicht an und
dann fiel mir ein Name ein.
Jetzt ist der Name sein.

Wer war ich?

Ein Anruf der mein Leben umkrempelte,
ich wartete im Krankenhausflur,
um zu erfahren, dass über die Hälfte seines Gehirns abgebrannt war,
wegen eines Herzstillstandes.
Damals war ich sechs und ging in sein Zimmer,
er war mein Lieblingsonkel und ich seine Lieblingsnichte,
als ich ihn umarmte sah er mich mit leerem Blick an
und fragte meine Mutter, wer ich war.

Die tägliche Dosis Mathe

Jetzt sind es nur noch zwei,
davor war es nur einer,
warte, sollten es nicht drei gewesen sein?
Und was ist dann passiert mit dem Einen?
Ach, das Mathebuch hat keinen Sinn,
welcher normale Mensch geht zum Wassermelonenhändler
und verlangt 54 Wassermelonen?
Um aus ihnen dann die Wurzel zu ziehen,
sie zu integrieren,
zu teilen, zu subtrahieren, zu dividieren,
und am Ende noch mal zu addieren,
die Nullstellen darin zu finden und
den Rotationskörper zu berechnen,
um es danach als Exponentialfunktion aufzuschreiben?
Wieso können sie die Melonen nicht einfach genießen?
Ich geh jetzt mein Mathebuch aufspießen.

Wieso haben Pinguine Flügel?

„Wieso haben Pinguine Flügel?“,
fragte mich mal jemand.
„…und auch das Geflügel,
die Hühner, das ist doch Quatsch!“

„Wieso träumst du vom Fliegen?“,
fragte ich dann.
„… von all den Siegen
und dem anderen Kram?“

Da baute er eine Schutzwand auf,
wie eine achtbeinige Spinne,
so schnell und vollgeschmiert mit Tinte
und schrie einfach „lauf!“

Da griff ich an und meinte zu ihm
„Hör zu mein Freund, ob mit oder ohne –
man fliegt wann man will.“

Quatsch mit Ei

Du denkst, du kennst die ganze Welt,
und dann müssen die männlichen Pinguine die Eier hüten,
ähm, ja – zweideutig.
Diese ganzen „was geht, Homies“
und blablablas, die fallen,
wenn du auf dem Klo sitzt,
und alle auf dein Urinal achten,
„Je heller desto besser.“
Menschen, die mit Tipp-Ex ihre Zähne bleichen,
unter all den Tigern auf einmal ein Panda ist,
was ist, wenn sie sich paaren?
Ein karierter Affe?
Du sitzt im Bett und spürst,
dass in Frankfurt drei Mädchen Buchstaben darstellen,
die Wolken pissen auf dich hinunter,
die Welt verätzt.
Zu Hause, lauter Furz, nur zwei Menschen,
ich wars nicht.
Drei Augen, Asien, und dann kommt
ein Teletubbieverbot.
Dora ist im Meer und fragt, wo das Meer ist?!
Langgezogene Glühbirnen, sehr pervers,
wie Herz, Schmerz, Scherz,
ich bring den alten Dichter in den Keller,
um deine Mutter aus ihm rauszulassen,
ähm – mehrdeutig.
Habe meine Seele an den Engel verkauft,
der in der Hölle dealt.
Ich weigere mich das weiter zu schreiben.
Geh jetzt aufs Klo, habe nämlich Hunger.

Schul(all)tag

Der gleiche Ablauf:
Wir stehen alle auf,
essen oder essen nicht,
trinken oder trinken nicht,
putzen unsere Zähne,
packen die Sachen zusammen
und ab mit ihnen in die Schultasche.

Manche überlegen es sich länger, was sie anziehen werden,
manche ziehen das erste an, was ihnen in die Hände fällt,
während einige sich schminken, ziehen andere ihre Schuhe an,
nehmen den Bus, fahren mit dem Fahrrad,
werden gefahren, fahren selbst,
laufen mit Freunden oder allein mit ihrer Musik,
und ein Teil des Weges verdichtet sich mit all den Schülern.

Und wie interessant es ist die Schüler zu beobachten,
alle müde und mit einem gereizten Gesichtsausdruck,
weiter in Richtung Haupteingang laufen,
auf derselben Straßenseite,
in Zweier- manchmal Dreierreihen,
bis diejenigen, die links laufen, anhalten
und alle, als ob sie das besprochen hätten, nacheinander den Kopf drehen,
auf die Autos warten
und die Straßenseite wechseln,
um den Seiteneingang zu benutzen.

Eine längere Schlange baut sich dann vor dem Eingang des Gebäudes auf,
nicht so eine wo man länger warten muss,
überraschenderweise funktioniert diese schneller.
Keine Konversationen im Gebäude,
mal ist man in der Masse vor dem Vertretungsplan,
wo all die Hoffnungen der Schüler zerstört werden,
mal ist man einfach nur eine von vielen Leichen, die die Treppe hochschlendern.

Bis die Lehrer kommen
sitzen einige Schüler auf den Böden
und versuchen ihre Gesichtsmuskeln unter Kontrolle zu bekommen,
andere stehen sich anlehnend an den Geländen
und beobachten das Geschehen.
Wie ungewollt alle miteinander synchron sind,
wie in einer perfekt sitzenden Choreografie,
bis es klingelt,
die Lehrer kommen,
sich Massen vor den Klassentüren versammeln,
alle gleichzeitig reingehen,
sich gleichzeitig hinsetzen.
Und das Gebäude scheint leer.

Auch wenn man denkt, dass in den Räumen was anderes geschehen würde,
sehen die erfahrenen Zu-Spät-Kommer dasselbe Bild,
in allen Räumen Lichter an,
Schüler sitzen, Lehrer vorn,
und die gleichmäßigen Bewegungen der Lehrer,
auch diese wie in einer Choreographie.
Alle zeigen gleichzeitig auf die Tafel,
greifen zu dem Haufen Blätter vor sich auf dem Tisch
und bewegen sich zu ihren Stühlen.
Wenn ein Lehrer in einem Raum aufsteht,
steht der Nächste im nächsten Raum auf.
Es ist, als ob es kein Gebäude wäre,
sondern einfach nur viele Fernseher,
die übereinander gestapelt sind,
und in allen Fernsehern läuft dasselbe Programm,
um ein Paar Sekunden verzögert.
Ein wirklich lustiges Bild.

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erstellt am 22.2.2013

Büsra Karasungur, Foto: Hannes Windrath
Büsra Karasungur, Foto: Hannes Windrath

Büsra Karasungur, geboren 1995 in Offenbach am Main, besucht dort die 12. Klasse der Rudolf Koch-Schule. Sie spielt Gitarre und Theater, fotografiert und filmt, ist Jungredakteurin bei der Offenbach Post. Sie schreibt, seit sie 10 Jahre alt ist. Ihr erstes Gedicht schrieb sie auf Türkisch; es handelt von Terroranschlägen. 2012 hat sie im Literaturhaus Frankfurt am Lyrik-Schreibzimmer teilgenommen.