Schreibzimmer 2012 – Lyrik

Vom lyrischen Du

Viel Du ist in den Gedichten von Beke Rienitz – und es liegt an den Leserinnen und Lesern, ob sie sich vom lyrischen Du angesprochen fühlen wollen oder nicht. Wer allerdings anfängt, sich auf die Rollengedichte einzulassen, der verstrickt sich rasch in Momente alltäglicher Verwunderung: In welchen Momenten kippt das Leben – und kippt es gerade nach oben oder unten? Wohin (ver)führt mich die Sprache selbst? Es ist, als würden die Gedichte von Beke Rienitz sich die Augen reiben über all die Welthaltigkeit, die sie so en passant transportieren. Mal enden ihre Gedichte mit einem überraschenden Knall – mal ist dieser Knall gar nicht nötig, weil es eben auch eine Poesie der leisen Sohlen geben darf. Wichtig ist nur der Ausbruch aus der Alltäglichkeit – und die dabei entstehenden glitzernden Ideensplitter, die etwas Neues offenbaren: etwa ein Selbstportrait als Schrank. Ohne, dass man es merkt, werden Gedankenreisen zu Gedankenriesen. Mir gefällt die bunte Gedichte-Welt aus Schönheit und Abgrund.
Arne Rautenberg

Gedichte

Beke Rienitz

Wortschwall

Ertrunken an Wörtern
so lautet seine Todesanzeige.
Schon als Kind hatte er statt mit Autos
lieber mit Erwartungen gespielt
und später nur
Zukunftsmusik gehört
und so gab es keinen anderen Ausweg
denn er fuhr in den Urlaub
um Vulkane in Begeisterung ausbrechen zu sehen
und in den Wald zu gehen
weil er die Bäume
auf ihre Wortstämme untersuchen wollte
so stand er am Strand
und nahm Stellung zum Meer
da kam eine Welle der Empörung
auf ihn zu und war so mitreißend
dass er seinen Standpunkt
nicht weiter vertreten konnte
die Wortflut überrollte ihn
und er verschluckte sich
an einer besonders großen
Satzkonstruktion.

Krebs

Du bist wie ein Baum im Winter
irgendwie kahl
irgendwie verblasst
und irgendwie tot
Doch der Unterschied ist
dass Bäume wieder Farbe bekommen
du aber in deinem Sarg liegen bleibst
bis du Erde bist
und wirklich ein Baum aus dir wächst

Schlag

Als er eine Aufnahme
des glücklichen Paares
nach der Trauung machte
durchfuhr es ihn
wie ein elektrischer Schlag
er verliebte sich
in den Bräutigam

Desaströser Alleingang
eines siamesischen Zwillings
in der Londoner U-Bahn

Schrank

Deine Existenz verbringst du am gleichen Ort
kannst dich nicht bewegen
behältst die Dinge für dich
und bist trotzdem so durchschaubar
mit deinen Türen aus Glas
auf denen jeder seine Spuren hinterlässt
mit fettigen Fingern
Du stehst da
als stummer Beobachter
und würden die Menschen
dich reden lassen
könntest du
deinen Unmut zum Ausdruck bringen
aber stattdessen
kannst du nur tatenlos zusehen
wie man dir
alles nimmt
und sich Platz in dir breit macht.
Es zählt nur
was du bietest
nicht was du selbst bist.

Wochenendfamilie

Papa,
wenn du jeden Sonntag wegfährst
nimmst du ein Stück von mir mit
und bringst es freitags nicht zurück.

Goldfischglas

Er war wasserscheu
weil ihn als Kind ein Elefant gebissen hatte
war seine liebste Beschäftigung
Luftsprünge machen
während die Sonne
am Durchdrehen war
und seine Mutter
sammelte Bären
und stopfte sie aus
in Gläser
packte er seine Freunde
als sie ihm zu ungestüm wurden
klauten sie sein Bett
um betteln zu gehen
auf der Straße
doch alles, was sie verdienten
waren ein paar Kröten
um ihren tanzenden Storch
zu füttern

Was ist trauriger?

Koffer die noch
gepackt werden müssen
wir schon gehen
oder Koffer die schon
gepackt sind
sie schon weg

Sekundenkleber

Wenn du schläfst
bin ich schlaflos
zu beschäftigt damit
dich beim Schlafen zu betrachten.
Das Flackern der Kerze wirft
Schatten auf dein Gesicht
befolgt dabei Regeln
die ich nicht kenne.
Der Schlaf ist wie ein Weichzeichner
über deine Gesichtszüge gefahren
kaschiert die Bitterkeit
des Alltags
und lässt dich aussehen
wie ein längst vergessen Geglaubter.
Ich möchte dich berühren
Locken aus deiner
Stirn streichen
doch ich liege nur da
und halte den Atem an
damit die Zeiger
sich langsamer drehen
und die Nacht
nicht mit dir verschwinden kann.
Ich würde dich gerne bitten
zu bleiben.

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erstellt am 22.2.2013

Beke Rienitz, Foto: Hannes Windrath
Beke Rienitz, Foto: Hannes Windrath

Beke Rienitz, geboren 1997 in Lörrach, wohnt in Weiterstadt und geht in Darmstadt auf die Justus-Liebig-Schule. 2012 war sie im Lyrik-Schreibzimmer im Literaturhaus Frankfurt. Beke schreibt, um ihre Wirklichkeit eines Momentes festzuhalten und weiß noch nicht, was sie mit dem Leben nach der Schule anfangen soll. Ihr ist es wichtig, dass nebenbei noch Zeit zum Schreiben bleibt.