Schreibzimmer 2012

»Diese Art Frechheit«

Die Texte der Autorin sind mir aufgefallen, weil sie so selbstverständlich lebendig waren. Diese Stimme schien mir irgendwie dicht dran. Keine Gedankenprosa. Bei Svenja Litzinger wird viel geredet, gestritten, gepöbelt.

So wie die Autorin selbst voller Energie ist, so zeigen auch ihre Texte die Lust auf Bewegung. Sie wollen laut sein, raumgreifend, und das können sie mit Hilfe von Figuren, die Verbindungen eingehen, die etwas miteinander aushandeln müssen. Manche Figur kommt nur mit einem einzigen Satz zu Wort oder einer kleinen Geste vors Auge, und doch hatte ich bei jeder das Gefühl, sie würde ja gern mehr sagen, mehr tun – nur (und hier sieht man sie fast schon mit den Schultern zucken) habe sie eben in dieser Kurzgeschichte zu wenig Platz dafür.

Natürlich hat die Autorin (noch) Schwächen, doch mir fiel vor allem diese Stärke ins Auge. Ihre Texte sind da. Nicht kleinlaut und wortkarg, nicht höflich und diszipliniert. Sie sprudeln. Und das ist etwas, was mir manchmal in all der zurückgenommenen, kühlen Gegenwartsprosa fehlt. Diese Art Frechheit, Texte, die sich – auch auf die Gefahr hin, es hier und da zu übertreiben, kitschig oder pathetisch zu werden – einfach mal wie gierige, kleine Lebewesen in diese und jene Richtung recken und nach Luft und Leben schnappen.

Als ich Svenja Litzinger für die Schreibwerkstatt wählte, habe ich mich gefragt, wie diese Autorin ihre Stärke wohl in einem Plotgerüst zeigen würde, das nicht von ihr stammt, in einem Fremdkörper. Nun – es fiel ihr überhaupt nicht schwer, weil sie, wenn ihr etwas zu eng wird, schlicht Figuren erfindet, die sich den Raum nehmen, den sie brauchen. Mit einem schnellen Auto, mit Worten oder manchmal auch, indem sie einfach etwas aus dem Fenster werfen.

Farbig – das könnte ein Wort für die Autorin sein. Denn farbig und unberechenbar, so sind nicht nur die Pakete, die der Erzähler der Werkstatt-Geschichte Auf der Brücke täglich entgegennimmt, und die Pillen, die er schluckt – farbig und unberechenbar, so ist auch die Handschrift von Svenja Litzinger.
Antje Wagner

Kurzgeschichte

Auf der Brücke

Von Svenja Litzinger

Ich schreckte hoch. Was war das gewesen? Irgendetwas hatte mich geweckt. Ich schlug die Augen auf und sah … nichts. Es war dunkel, so dunkel, als hätte mir jemand ein Tuch vor die Augen gebunden. Zuerst tastete ich rechts von meinem Kopf herum, auf der Suche nach meiner Bettlampe, aber da war nichts. Was zur Hölle war hier los? Mein Kopf tat weh. Als meine Finger automatisch zur Stirn zuckten, spürte ich eine klebrige Flüssigkeit. Zögernd leckte ich daran. Blut. Wo um alles in der Welt befand ich mich? Der Schmerz an meiner Stirn fühlte sich ganz und gar nicht nach einem Traum an. Panik schnürte mir die Luft ab. Ich tastete mich weiter vor, bekam aber nichts zu fassen.
Ganz ruhig, Leonard, redete ich mir selbst zu. Die Nerven zu verlieren, würde mir jetzt auch nicht helfen. Gerade als ich mich vom Boden aufrappeln wollte, der sich kalt und hart anfühlte wie Stein, ertönte ein so ohrenbetäubendes, quietschendes Geräusch, dass ich herumfuhr.

„Gib mir mal die Marmelade.“
„Was?“ Ich zuckte zusammen. Riss die Augen auf und sah wieder meinen Bruder, der mir beim Frühstück gegenüber saß.
Es passierte in letzter Zeit immer öfter. Ich hatte seltsame Tagträume, Blackouts, in denen ich solche Bilder sah und Geräusche hörte wie eben. Was war nur mit mir los?
„Es heißt wie bitte Leonard, _wie bitte!_“, tadelte meine Mutter.
Sie und ihre Kommentare störten mich in letzter Zeit immer mehr. Ich war schließlich keine vierzehn mehr wie Phillip. Ich war achtzehn! Aber sie behandelte mich wie ein Kind. Ich unterdrückte eine Antwort und sah ihr dabei zu, wie sie sich eine Weintraube in den Mund steckte. Ihre Fingernägel waren rot lackiert und mir war, als könnte ich die frische Farbe noch immer riechen. Ich drehte mich weg und nahm mit widernatürlicher Intensität plötzlich die süßen Düfte aus den verschiedenen Marmeladentöpfchen wahr, roch die frischen Brötchen, die am anderen Ende des Tisches in einem Korb lagen, alles vermischt mit dem aufdringlichen Geruch des neuen Laminats.
„Du sollst mir die Marmelade geben, Alter!“
Phillip streckte ungeduldig die Hand aus. Ich blinzelte verwirrt und schob sie ihm rüber.
„Phillip! Drück dich gefälligst nicht aus wie ein Asozialer!“ Meine Mutter spitzte ihre Lippen und warf ihrem Mann einen kurzen, nervösen Blick zu.
Phillip verdrehte die Augen. „Nerv mich nicht!“
Mein Vater ließ den Kugelschreiber, den er bis eben in der Hand gehalten hatte, geräuschvoll auf den Holztisch fallen. Er arbeitete immer, sogar beim Frühstück. Ich warf einen flüchtigen Blick auf die teure Uhr an meinem Handgelenk. Kurz vor halb acht. Ich musste mich gleich auf den Weg zur Schule machen.
„Nehmt doch mal Rücksicht auf euren Vater“, sagte meine Mutter und warf meinem Bruder einen bösen Blick zu. „Er hat in der Kanzlei schon genug Stress.“
Jochen Adler – in letzter Zeit nahm ich meinen Vater nicht mehr als meinen Vater wahr, sondern als Jochen Adler – stand auf, strich die Anzughose glatt, drückte seiner Frau einen Kuss auf die Lippen und wendete sich zum Gehen. Brigitte Adler – denn auch meine Mutter nahm ich seit einigen Tagen anders wahr – sah ihrem Mann für einen kurzen Moment mit einem leidenden Gesichtsausdruck hinterher, ehe sie ihre perfekte Maske wieder aufsetzte.
Phillip, den die Stimmung in der Familie wie immer einen Dreck zu interessieren schien, schnappte sich den Kugelschreiber, warf ihn aus dem geöffneten Fenster und sagte extra laut: „Mir isses scheißegal, wie viel Stress unser Vater in seiner pseudowichtigen Kanzlei hat!“
Ich seufzte, weil mir klar war, was jetzt kommen würde.
Brigitte Adler lief scharlachrot an. Jochen Adler wirbelte herum. Er schlug mit der Hand auf die Tischplatte und blickte meinem kleinen, eigentlich doch noch so verletzlichem Bruder kalt ins Gesicht. Ich sah auf Jochen Adlers Hand und stellte fest, wie zerkratzt die Tischplatte war. Kleine, feine Furchen zogen sich durch das glänzende Holz. Waren die schon immer da gewesen? Mir waren sie noch nie so aufgefallen …
„Du holst ihn wieder. _Sofort!_“, knurrte Jochen Adler, wobei sich sein Unterkiefer stark anspannte.
„Du kannst mich mal!“ Phillips Augen blitzten rebellisch.
Wieder einmal fragte ich mich, woher mein Bruder diesen Mut nahm. Jochen Adler hob die Hand und holte aus. Ich spürte den Luftzug bis zu meinem Platz. Doch ehe die Situation eskalieren konnte, läutete es an der Wohnungstür und die Hand verharrte mitten in der Bewegung.
„Ich geh schon“, sagte ich und sprang auf.
Ich lief durch unsere große, peinlich saubere Wohnung. Brigitte Adler achtete sehr darauf, dass kein einziges Staubkorn auf dem Boden lag. Es war steriler als auf der Intensivstation eines Krankenhauses. Es fehlte nur noch, dass wir mit den gleichen Plastikhauben über den Schuhen herumlaufen müssten. Zuzutrauen wäre es Brigitte Adler.
Auch die Innenausstattung unserer Wohnung war unpersönlich. Schlichter Luxus und feine Gemälde wiesen auf den extravaganten Geschmack meiner Eltern hin. Ich öffnete die hohe Edelholztür und vor mir stand der Postbote. Nicht der schon wieder.
„Ein Paket für den Nachbarn im Appartement gegenüber“, sagte er knapp. Es schien ihm unangenehm zu sein, das vierte Mal diese Woche mit einem Paket für den Nachbarn im Appartement gegenüber aufzutauchen. Das Paket faszinierte mich. Es war so klein wie eine Schmuckschatulle, quadratisch und blau, ein dunkles Blau, das mich an den versteckten Baggersee, an dem Lukas, Jean und ich oft laue Sommerabende verbracht hatten, erinnerte. Blau hatten wir noch nicht, dachte ich. Bisher waren die Pakete dunkelgrün wie ein moosiger Nadelwald, verführerisch rot oder einfach schwarz gewesen.
Er hielt es mir zögernd hin und ich setzte meine krakelige Unterschrift unter den Zustellbescheid auf seinem Klemmbrett. Schnell lief er die Treppe wieder hinunter. Auf dem Paket stand, wie auf den dreien davor, nur ein Nachname. Schmidt. Schmidt war so etwas wie Smith, ein Name für Leute, die nicht erkannt werden wollten. Ich drehte das Paket in den Händen, wobei mir ein kleiner Zettel auf der Unterseite auffiel. Er war mit Tesafilm auf dem seidigen Papier befestigt.
Glänzendes Wasser
Ein Junge auf der Brücke
Möchte er springen?
War das vielleicht eine Drohung? Ein Hinweis? Ein Code? Was, verdammt noch mal, war in diesen Paketen?

Ich zog die Wohnungstür hinter mir zu und lief die paar Meter durch den Flur. Wie immer roch es nach dem Putzmittel, das die Reinigungskräfte verwendeten, um das Treppenhaus beinahe so klinisch sauber zu halten, wie meine Mutter unsere Wohnung. Weit unter mir, um genau zu sein, vier Stockwerke unter mir, hörte ich die Haustür krachend ins Schloss fallen. Das Treppenhaus war so hellhörig wie hell. Durch die großen Fenster, aus denen man den Main sehen konnte, drang glitzerndes Sonnenlicht, das sich in dem Boden spiegelte.
Ich stand vor der Wohnungstür meines ominösen Nachbarn. So wie auf den Paketen war auch auf das Klingelschild nur der Name Schmidt geschrieben. Auf der Schwelle stand ein Paar schwarzer Highheels, daneben verschlissene Sneakers, die definitiv einem Mann gehörten. Entweder hatte mein Nachbar andersgeschlechtlichen Besuch, und zwar jede Nacht, oder hinter der stets verschlossenen Tür lebten zwei Personen. Schmidts eben. Mr. und Mrs. Smith.
Ich klingelte um sicherzugehen, dass wirklich niemand zu Hause war, da hörte ich leise Musik. Skeptisch hielt ich mein Ohr ans Holz. Doch, da war Musik. Sie gefiel mir, obwohl es so gar nicht meine Richtung war. Es war nichts Europäisches, vielleicht afrikanisch. Eine Mischung aus Trommeltönen und einem Zupfinstrument, das ich allerdings nicht zuordnen konnte. Ich drückte erneut auf die Klingel.
Als sich auch nach dem dritten Läuten nichts tat, legte ich das Paket ab, drehte mich um, lief zurück in unsere Wohnung, holte meine Schultasche und eilte durch das Treppenhaus bis in die Tiefgarage.

Mein Wagen, ein brandneuer 1er BMW, stand auf dem zweiten Stellplatz neben der Tür, der Porsche von Herrn Silbermann aus dem zweiten Stock stand wie immer direkt daneben. Ich ließ mich auf den kühlen, beigefarbenen Ledersitz gleiten. Mein Weg führte mich wie jeden Morgen zuerst die komplette Marxstraße entlang. Ich sah Frau Liebermann, die ebenfalls in unserem Haus wohnte, wie sie ihren kleinen, aggressiven Terrier ausführte. Ich hörte sein Kläffen bis in meinen Wagen. Die Ampel an der Ecke zur Maigasse war rot. Ungeduldig tippte ich mit den Fingern aufs Lenkrad. Der Unterricht begann in weniger als zehn Minuten. Da sah ich Jean, wie er gehetzt den Bürgersteig entlang lief, ließ das Fenster runter und rief nach ihm. Als er mich sah, atmete er erleichtert auf, drehte zu mir um, riss die Wagentür auf und ließ sich auf den Beifahrersitz fallen. Gemeinsam mit ihm drang ein angenehmer süßer Duft in den Wagen und ich fragte mich, was so gut roch. Die Ampel schaltete auf Grün, ich trat aufs Gas und raste mit quietschenden Reifen um die Ecke.
„Wo ist dein Wagen?“, fragte ich. Jean war sonst immer mit seinem heiß geliebten Audi unterwegs.
„Mein Alter hat ihn mir wegen der Fünf in Deutsch abgenommen“, murmelte er.
Ich sah ihn kurz an, dabei stieg mir schon wieder dieser Geruch in die Nase, der mir irgendwie Appetit machte. Schnell wandte ich den Blick wieder der Straße zu. Was war nur heute Morgen los?
Ich parkte das Auto auf dem Schülerparkplatz und rannte mit Jean über den Schulhof. Unsere Schule, eine internationale Oberstufe, war vor zwei Jahren von Grund auf renoviert worden. Die Wände und Tische waren weiß, die Spinde aus glänzendem Metall, das nicht einen einzigen Kratzer zeigte, und die Türen mit ihren kleinen Fenstern waren schwarz. Tafeln gab es keine mehr, nur noch Smartboards. Alles war so neu, das es mir am Anfang beinahe futuristisch erschienen war.
Gerade als Jean die Flügeltür öffnete, ertönte der Schulgong und der appetitliche Duft, der an Jean gehaftet hatte wie Parfum, war von der einer Sekunde auf die andere verschwunden.

Neun lange Unterrichtsstunden später stand ich wieder vor unserer Wohnungstür, kramte nach dem Schlüssel und schloss die Finger um das kühle Metall. Ein Klappern ertönte hinter mir und ich drehte mich um.
Die Wohnungstür meines ominösen Nachbarn fiel ins Schloss, rastete aber nicht ein. Ich fixierte die Tür, wie sie immer wieder auf und zuklappte. Die Fenster im Treppenhaus standen offen.
Neugier packte mich, ich ließ den Schlüssel zurück in die Tasche fallen und bewegte mich auf die Nachbarswohnung zu. Mein Blick wanderte zur Schwelle. Das Päckchen war weg, die Schuhe auch. Offenbar waren die Bewohner unterwegs und hatten die Tür nicht richtig geschlossen.

Der Flur war leer. Und zwar wirklich leer. Keine Garderobe, kein Schuhregal, nichts stand da bis auf eine hohe Vase. Sie war hübsch verziert mit afrikanischen Mustern. Schon wieder afrikanisch.
Ich ging näher heran. Lange Risse zogen sich vom Boden bis zum Hals. Die Vase war zwar geklebt worden, doch es war unschwer zu erkennen, dass sie kaputt war. Ich richtete mich wieder auf, lief auf den nächstgelegenen Raum zu.
Es war die Küche. Eine große Kochinsel befand sich in der Mitte. Die Schränke waren weiß, die Wände auch. Das helle Laminat unter meinen Füßen gab keinen Ton von sich. Alles war still. Auf der Ablage stand eine Flasche Wein. Rotwein aus Afrika. Sie war offen, ein Glas stand daneben.
Die Küche roch salzig, ein bisschen nach Meer. Auf dem Herd stand ein Topf. Ich warf einen Blick hinein. Wasser war darin, nur Wasser, das in der Sonne, die durch das Fenster schien, glänzte.
Plötzlich hörte ich ein Geräusch, es war ein Schluchzen. Ich zuckte zusammen. Ich war nicht allein!
Es schluchzte wieder. Ganz nah.
Ich machte ein paar schnelle Schritte um die Kücheninsel herum und … Tatsächlich, vor mir, an die Wand der Insel gelehnt, saß eine Frau.
Sie war jung, sehr hübsch, und starrte mich an. Tränen standen in ihren Augen und sie umklammerte das blaue Päckchen, als würde ihr Leben daran hängen, es nicht fallenzulassen. Ihre Mascara war verschmiert, auf ihrem weißen Kleid prangte ein riesiger Rotweinfleck und das dunkelbraune Haar hing ihr in Strähnen ins Gesicht. Ich stand da und wusste nicht, was ich tun sollte. Sie starrte noch immer, als sehe sie einen Geist.
„Ich … äh … entschuldigen Sie bitte, dass ich hier einfach …“, stotterte ich. „Ich bin Leonard, der Nachbar von gegenüber.“
So schnell vertauschten sich die Rollen. Jetzt war ich selbst der Nachbar im Appartement gegenüber.
Ich ließ mich neben sie auf den Boden sinken. Ich kannte sie nicht, doch unerklärlicherweise wollte ich nicht, dass sie traurig war.
„Ich will es nicht öffnen“, flüsterte sie panisch. „Ich will nicht.“ Sie sah mich mit schreckgeweiteten Augen an.
„Du musst nicht“, sagte ich, nahm ihr das Päckchen vorsichtig aus der Hand und legte einen Arm um ihre Schultern. Sie wich nicht zurück, ließ stattdessen ihren Kopf an meine Brust sinken und fing wieder an zu schluchzen.

„Alter, da bist du ja endlich!“ Jean winkte mich heran.
Er, Lukas, Elli und Maren saßen an einem Tisch ganz am Ende der Bar.
„Jean, ich muss mit dir sprechen“, sagte ich.
Er musterte mich. „Is alles klar bei dir?“
„Seh ich vielleicht so aus, als wär alles klar?“, fuhr ich ihn an und strich mir durchs Haar. Ich hatte seit dem Tag in der Wohnung von Ella, so hieß meine wunderschöne Nachbarin, einen furchtbaren Verdacht.
„Hey Leo, mach dich mal locker. Trink erst mal was“, säuselte Maren und griff nach meiner Hand.
Ich warf ihr einen genervten Blick zu. „Lass mich, okay?“
„Du Arsch!“, gab sie zurück und wendete sich Lukas zu.
Ich gab Jean zu verstehen, dass er mitkommen sollte und ging nach draußen. Dort zündete ich mir eine Zigarette an.
„Was is’n jetzt?“ Mein bester Freund zündete sich ebenfalls eine an.
„Ey, das Zeug, was dein Cousin uns die letzten Wochen immer mal wieder besorgt hat. Sag mal, was genau war das?“, fragte ich und versuchte, nicht allzu panisch zu klingen.
Jean kratzte sich am Hinterkopf. „Was weiß ich, er meinte, es wär gut und das war’s ja auch.“
Er hatte Recht, erst war es gut gewesen. Doch, wenn es der Grund für all diese merkwürdigen Vorfälle war, dann würde ich es nie wieder auch nur anrühren.
„Du hast wirklich keine Ahnung, was genau das war?“
„Warum willst’n das auf einmal wissen? Sonst hat dich das doch auch nicht interessiert.“ Jean lehnte sich an die Wand, zog an seiner Zigarette und sah mich an.
Kurz zögerte ich. Sollte ich meinem besten Freund von den seltsamen Tagträumen oder den Supersinnen erzählen, die mich auf einmal regelmäßig heimsuchten? Ich entschied mich dagegen und antwortete stattdessen: „Ach, nur zum Weiterempfehlen und so …“
Jean musterte mich skeptisch, zuckte dann mit den Achseln. „Ruf Maxi einfach an, der kann’s dir sagen. Aber denk daran, dass der gerade bei unserm Großvater in Gabun ist.“
Ich nickte, drückte meine Kippe aus und ging zurück in die Bar. Jean folgte mir.

Unsere Wohnungstür flog hinter mir krachend ins Schloss. Ich streifte meine Lederjacke über. Es war Freitagmorgen und ich brauchte dringend frische Luft und eine Auszeit von meiner Familie.
Das Frühstück war wieder die reinste Hölle gewesen. Ich sollte mich einfach weigern, dachte ich. Ich bin achtzehn. War ich überhaupt gezwungen, mit allen gemeinsam am Tisch zu sitzen? Nein! Eine weitere Wohnungstür wurde zugeschlagen, und ich fuhr auf dem Treppenabsatz herum.
Aus der Wohnung meiner schönen, traurigen Nachbarin kam ein Mann gestürmt. Er war jung und sah aus wie … Nein das war nicht möglich!
War das Maxi gewesen? Er stürmte an mir vorbei und die Treppe hinunter. Ich wollte ihm folgen, doch da stürzte mein Bruder aus unserer Wohnung und rief: „Yo, Leo, nimm mich mit zur Schule, ich hab meinen Bus verpasst!“
„Alter, was kann ich dafür, dass du deinen Bus verpasst hast. Lauf doch einfach!“, sagte ich und ließ ihn stehen.
„Hey, warte“, rief er. Aber ich reagierte nicht.
In der Tiefgarage bei meinem BMW angekommen, riss ich die Wagentür auf und nahm mir nicht mal Zeit, mich anzuschnallen. Nach einer Weile fand ich mich am Mainufer wieder, stellte den Wagen ab und lief zu Fuß weiter. Ich hatte keine Ahnung, wo ich überhaupt hin wollte, doch das Ufer schien mir ein guter Ort zu sein.
Ich lief und lief, bis ich an eine Brücke kam. Ich ging den eisernen Steg entlang, blieb stehen und sah hinab auf das Wasser. Die Sonne schien und es war schön warm.
Glänzendes Wasser
Ein Junge auf der Brücke
Möchte er springen?
Die Sätze auf dem blauen Paket standen mir plötzlich ganz deutlich vor Augen. Schienen sich in dem dunklen Mainwasser zu spiegeln.
Ich war ein Junge auf einer Brücke und das Wasser glänzte. Der Main floss schnell. Strömungen, dachte ich. Strömungen, die alles in die Tiefe zogen …
Ich beugte mich ein Stück weiter über das Geländer, beobachtete die Möwen, die kreischend ihr Kreise dicht über der Wasseroberfläche zogen.
„Leonard!“, hörte ich eine Stimme rufen.
Ich wirbelte herum. Ella kam auf mich zugerannt. Ihre Augen waren weit aufgerissen.
„Tu es nicht!“, rief sie. „Du musst das Paket nicht öffnen, das hast du selbst gesagt!“ Ihre Haare flogen, ihr Mund war geöffnet.
Völlig perplex stand ich da und rührte mich nicht. Bis sie bei mir war. Sie schlang ihre Arme um meinen Hals und ich hielt sie fest.

Wir mussten das Paket nicht öffnen, es war momentan noch unsere ganz eigene Entscheidung.

Kommentare


Claudia - ( 02-03-2013 05:02:54 )
Liebe Svenja,
einfach toll, wie es dir gelingt den Leser/in in seinen/ihren Bann zu ziehen. Die Lebendigkeit deiner Geschichte ist absolut spürbar. Gerne wüsste ich wie es weiter geht! Wann erfahren wir mehr? Ich wünsche dir, dass du noch viele Geschichten schreiben kannst und uns irgendwann mit einem ersten Buch erfreust !

Patricia G. - ( 27-02-2013 02:20:05 )
Liebe Svenja,
es ist unglaublich, wie du es mit dieser kurzen Geschichte geschafft hast, Bilder vor meinem inneren Auge entstehen zu lassen. Die Geschichte ist unglaublich spannend und lebendig geschrieben und macht neugierig darauf, wie es wohl weiter geht. Sowohl mit der Geschichte aber auch, welchen Weg du mit diesem Talent nehmen wirst. Und ich hoffe sehr, dass du deinen Traum vom eigenen Buch verwirklichen kannst. Ich freue mich sehr darauf, mehr von dir zu lesen und wünsche dir viel Glück und Erfolg!

Denise - ( 27-02-2013 04:36:46 )
Svenja,
Ich bin gerade ziemlich geplättet von der Kurzgeschichte. Ich denke du hast das erreicht, was du wolltest, nämlich mich in ihren Bann gezogen. Viele Fragen schwirren gerade in meinem Kopf herum und ich möchte wissen, wie es weitergeht. Auch ich hoffe sehr für dich, dass der Wunsch eines eigenen Buches in Erfüllung geht. Ich glaube du kannst es schaffen, wenn du alles gibst!Frau Wagner hat Recht, du bist farbig.

Axel Wilken - ( 28-02-2013 01:47:21 )
Liebe Svenja,
wenn man eine Geschichte zu Ende lesen muss, weil man unbedingt wissen möchte wie sie endet, dann ist dies für mich eine sehr gute Geschichte. Eine solche Geschichte hast du geschrieben - Glückwunsch!

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erstellt am 22.2.2013

Svenja Litzinger, Foto: Hannes Windrath
Svenja Litzinger, Foto: Hannes Windrath

Svenja Litzinger, geboren 1997 in Frankfurt am Main, zurzeit in der E-Phase der Main-Taunus-Schule in Hofheim. Teilnahme am Prosa-Schreibzimmer 2012 im Literaturhaus Frankfurt. Svenja Litzinger hatte schon immer Spaß am Schreiben. Ihre erste fertige Kurzgeschichte hat sie als Textprobe für das Schreibzimmer eingereicht. Sie träumt davon, eines Tages ein eigenes Buch zu veröffentlichen.