Schreibzimmer 2012

Dem Wesentlichen Schutz geben

Still wirkt sie als Mensch, manchmal fast unsichtbar. Ihre Stimme ist dafür umso spürbarer.

Ein Klang – so kam der erste Text von Katharina Korbach auf mich zu. Wie etwas, das eigentlich nicht gesprochen, sondern gespielt werden sollte. Wo Worte nicht offenlegten, sondern abdeckten und dem Wesentlichen Schutz gaben. Es war lyrische Prosa, und sie nahm mich sofort mit.
Wie würde, das fragte ich mich, als ich Katharina Korbach für die Schreibwerkstatt wählte, wie würde eine solche Autorin, die sich weniger von der Sicherheit einer Geschichte als von ungesicherten, hauchdünnen Untertönen leiten lässt, innerhalb eines festgefügten Plotgerüsts schreiben? Würde sie nicht rebellieren?

Sie fand auch im Fremdkörper jenen Raum, in dem sie schwebend erzählen konnte. Nicht was gesprochen, sondern was verschwiegen wurde, nicht was gezeigt, sondern was verborgen blieb, war wesentlich. Denn der Autorin geht es nicht darum, etwas aufzudecken, sie will es fühlbar machen.

In ihrer Werkstatt-Geschichte Schatten liegt Schnee über allem. Ein Loch in der Wand, ein Loch im Hirn verschluckt nicht, sondern umrandet die Erinnerung. Das Verstummen macht das Abwesende hörbar. Katharina Korbach erzählt in Doppelklängen – Dinge bedeuten etwas Konkretes und verweisen zugleich auf etwas Dahinterliegendes. Ein Paket wird zum Lockruf des verdrängten Traumas, das Nachbarhaus zum vernagelten Gedächtnis, und der Weg dahin führt durch klirrende Kälte, die sowohl feindlich ist als auch der einzige Ort, an dem ein Erwachen möglich wird.

Oft geht es in ihren Texten um eine Form von Gewalt, innere oder äußere. Aber wie darüber schreiben, ohne es zugleich zu banalisieren? Die Autorin macht es möglich, indem sie Leerstellen baut, sie überträgt das Schweigen in die Form, gruppiert den Text an den Rändern der blinden Flecken und offenbart sich nur in einem Satz.
Katharina Korbach erzeugt einen Erzählsog, weil wir nicht einen, sondern stets zugleich zwei Texte lesen, weil wir andauernd auf jene feine Stimme lauschen, die so spürbar laut nicht spricht.
Antje Wagner

Kurzgeschichte

Schatten

Von Katharina Korbach

Wir sitzen im Wohnzimmer, meine Mutter, mein Vater und ich, wir schweigen. Es ist unser erstes gemeinsames Frühstück seit Wochen. Mein Vater hat mal gesagt, er hätte vor nichts mehr Angst, als dass wir uns auseinanderleben, sobald ich den Job in der Stadt annehme. Damals habe ich ihm versprochen, dass es nie so weit kommen würde, und jetzt ist es doch passiert, selbst wenn niemand wagt, es auszusprechen. Brötchen vom Bäcker zwei Straßen weiter, der Geruch von frischem Kaffee. Meine Eltern geben sich wirklich Mühe, so zu tun, als sei alles wie immer. Meine Mutter dreht die Musik auf, vielleicht, um einen Vorwand zu haben, nicht reden zu müssen.
„Hätten wir damals gewusst, dass die Schnellstraße so einen Lärm macht“, sagt sie und beißt in ihr Brötchen. „Da hätten wir uns zweimal überlegt, hier herzuziehen.“
Dinge in dieser Art sagt sie oft. Aber es ist nun mal, wie es ist.
Mein Blick sucht den Raum ab, sucht nach etwas Unaussprechlichem, das zweifellos in den Ritzen der Küchenfliesen klebt, sich versteckt in den Buchseiten im Regal, sich tief vergraben hat im Polster des alten Ledersofas.
„Aber jetzt erzähl mal, Kind. Du weißt doch, Eltern sind neugierig.“
Mit diesem Lächeln, das ich so hasse, beugt mein Vater sich vor und zwickt mich in den Oberarm.
„Wie läuft’s denn zum Beispiel mit dem neuen Job? Wie geht’s Paul? Habt ihr inzwischen einen Mitbewohner gefunden?“
„Hab ich doch schon alles erzählt, ich …“
Da sehe ich es.
„Papa“, flüstere ich. „Das Bild.“
Der Blick meiner Eltern geht ins Leere, das ist typisch, ein kurzes Flimmern vor meinem inneren Auge.
„Es ist weg“, sagt meine Mutter und fegt imaginäre Krümel von der Tischkante.
Ein Loch in der Wand, nicht mal ein Nagel, nichts, als könnte man Bilder wie diese einfach abhängen, als hingen sie nicht längst tief in mir, fest verschraubt. Dieses Loch, in manchen Nächten spüre ich sein Vakuum, das sich eingenistet hat, spüre es irgendwo an meiner Herzrückseite. Manchmal, da wächst es über mich hinaus.
Ein Summen, mein Vater summt, als wolle er sich selbst beruhigen damit. Der Raum wird mir zu eng, fünf Tage noch, denke ich. Fünf Tage.
Als ich gerade aufspringen will, klingelt es.
Ohne die Tür geöffnet zu haben, weiß ich, dass es der Postbote ist. Jeden Morgen steht er da und drückt mir eines dieser kleinen quadratischen Pakete in die Hand mit seinem gezwungenen schiefen Lächeln.
„Dann hier einmal unterschreiben, bitte. Für den Nachbarn, wie immer.“
Ja, für den Nachbarn, aus dem ich einfach nicht schlau werde, der mir so etwas wie ein Phantom zu sein scheint, eher Schatten als Mensch, und ich frage mich wieder einmal, wann das eigentlich angefangen hat, dass die Kälte sich unbemerkt an diesen Ort geschlichen hat, der vor langer Zeit einmal Heimat war.

An einigen Stellen im Garten ist der Schnee fast knietief, ich wate hindurch bis zum Gartentor, muss mich mit meinem ganzen Gewicht dagegenlehnen, um den Schnee dahinter wegzustemmen. Der Winter ist plötzlich gekommen dieses Jahr, erschreckend plötzlich. Jedes Mal lässt er aufs Neue in mir aufbrechen, was ich den Sommer über erfolgreich verdrängt habe. In Zeitlupe lasse ich den Blick über die Schneedecke gleiten, die über den Feldern liegt. An der einen oder anderen Stelle schimmert noch ein Streifen brauner Erde hindurch. Dahinter der Wald, die Tannen. In Reih und Glied stehen sie da, erstarrt im eiskalten Atem des Frostes.
Zurückgezogen, wie eine sprungbereite Katze, liegt das Haus vor mir im Schatten der alten Tanne, die ihre Äste wie eine schützende Hand über Dach und Schornstein streckt. Oft kommt es mir vor, als würde es mich beobachten. Als wären die geschlossenen Fensterläden Lider, durch die doch jemand hindurchblinzelt. (…)
Ich lege das Päckchen auf eine der Steinstufen, die zweite von oben, wie gewöhnlich. Verharre einen Moment, bevor ich mich umdrehe, gehe. (…)

Am Abend suchen meine Eltern das Gespräch, aber ich beachte sie nicht weiter. Ich kann nicht schlafen und als mein Blick in den Spiegel fällt, erkenne ich mich nicht wieder. Der Psychologe meinte damals, das Zeichnen würde mir gut tun. Er hat mir dazu geraten, Maskenbildnerin zu werden und jetzt sitze ich hier. Zeichne. Er meinte, es würde mir vielleicht helfen, mich ab und zu in meine Fantasiewelt zu flüchten. Mich ab und zu hinter einer Maske verstecken zu dürfen. Er hat nichts verstanden.

Zwei Tage später, dem Morgen fehlt etwas, dem ich erst auf die Spur komme, als der Postbote wenige Augenblicke später vor mir steht. Er kommt ungewöhnlich spät heute und mir fällt auf, dass seine Knie kaum merklich zittern.
„Das Paket … es lag nicht in meinem Fach vorhin. Ich hatte mich schon gewundert und dann … eben auf der Autobahn. Ganz plötzlich lag es auf dem Beifahrersitz. Ich hab … ich hab wirklich keine Ahnung wie das passieren konnte. Jemand muss es mir in voller Fahrt durch das Fenster in den Wagen geworfen haben.“
Nur schwer gelingt es ihm, seine Unruhe zu verbergen, hektisch sieht er sich um, während er an einem Schnitt am Handgelenk saugt.
„Sie … Sie sollten wirklich auf sich aufpassen. Ich muss jetzt weiter … in die Werkstatt. Einen schönen Tag wünsch’ ich.“
All das scheint er eher zu sich selbst zu sagen, fast wirft er mir das Paket zu, als wäre es etwas, an dem man sich verbrennen könnte. Dann macht er sich mit langen Schritten auf den Weg zurück zu seinem Wagen, schlägt die Tür mit einem lauten Scheppern hinter sich zu, lässt mich alleine an der Schwelle zurück.

Viel Zeit vergeht, ich bin nicht ganz sicher, wie viel genau, Zeit, in der ich hier sitze, eine Tasse dampfenden Kaffee in der Hand. Irgendwann stehe ich auf, klemme das Paket unter den Arm, mache mir nicht einmal die Mühe, den Mantel überzustreifen, bevor ich hinausgehe. Fast ist es, als schwömme ich einfach mit im Strudel des Pakets, der immer wieder vorm Haus des Nachbarn endet, in diesem Dunstkreis, in dem es seinen Platz hat.
Kaum habe ich den halben Weg zurückgelegt, da läuft mir eine Gänsehaut über den Rücken, ich keuche. Etwas kauert dort, nur wenige Schritte von mir entfernt. Hinter der Tür. Etwas, das dort eingesperrt ist, am Holz kratzt, ins Freie drängt. Darauf wartet, dass ich ihm öffne. Es aus seinem Gefängnis befreie.
Mein Sichtfeld verengt sich schlagartig, mein Bewusstsein nimmt nur noch die Tür wahr. Den schmalen Spalt, hinter dem nichts als Schwarz zu liegen scheint, die Klinke, um die sich meine Finger nun legen, das eiskalte Metall ertasten, bevor sie es mit einer schnellen Bewegung hinunterdrücken.
Sobald die Tür aufspringt, springt auch etwas hinaus. Schattenhaft, mit blitzenden grünen Augen, die mich schneiden, etwas in mir aufreißen. Blind trete ich danach, bis es an mir vorbei und davon huscht, nichts als ein Flirren, das schließlich unter den tiefliegenden Ästen der Tanne verschwindet.

Noch lange bleibt mein Blick an dem Punkt hängen, an dem es verschwunden ist. Da sehe ich die Spuren im Schnee, wende mich schnell ab, die Tür steht einen Spalt breit auf.
Mit einer abrupten Bewegung stoße ich sie gerade soweit auf, dass ich hindurchpasse, zwänge mich ins Dunkel dahinter, an das sich meine Augen erst gewöhnen müssen, lege das Päckchen auf den Boden. Im schwachen Licht, das durch die halbgeschlossenen Fensterläden sickert, zeichnen sich erste Umrisse ab. Da ist ein Flur, direkt vor mir, sein Ende wird von Schatten verborgen. Überall sind sie, überall dort, wo kein Lichtkegel sie verdrängt, in jeder Ritze des Parketts, jedem Hohlraum, jeder Nische. Tausende Schatten, die mir das Gefühl geben, nicht allein zu sein. (…)
Langsam schieben sich weitere Silhouetten aus dem Schwarz, ich erkenne den quadratischen Raum um mich, die Vitrine an der gegenüberliegenden Wand, mit verdreckten Glastüren und staubigen Regalbrettern. (…) Mein Blick fällt auf das Päckchen am Boden. Etwas regt sich in mir. Erinnert mich an das, was sich vor mir im Dunkeln verbirgt, das vielleicht die ganze Zeit auf mich gewartet hat, auf den Tag, an dem ich endlich schwach werden würde. Die Kälte des Leders kriecht zu mir hindurch, ich weiß nicht, wie ich die Kraft finde, aufzustehen, meinen Beinen den Befehl gebe, zu rennen.
Panisch stolpere ich durch den Garten, falle fast bei dem Versuch, das Tor aufzustoßen, stürme die Treppe hinauf in mein Zimmer, schlage die Tür hinter mir zu. Schließe ab, lehne mich von innen dagegen. Frage mich kurz, ob das Pochen meines Herzens wohl noch von außen zu hören ist und versuche, ruhig zu atmen.

Der Psychologe ruft an. Er tut das jedes Jahr an diesem Abend und lässt sich dafür wahrscheinlich noch bezahlen. Dann fragt er mich Dinge wie, ob ich mich anders fühle als letztes Jahr, was genau in mir vorgeht, ob ich durch mein soziales Umfeld ausreichend gefestigt bin. Ich sage ein paar Mal ja oder dass ich es nicht weiß, und lege auf.
Später kommen Leute zu uns, die ich noch nie gesehen habe.
„Ewald und Maria vom Kegelclub“, erklärt Papa und wir geben uns die Hand. Ich werfe ihm einen fragenden Blick zu, er schüttelt den Kopf. Nein, Ewald und Maria wissen nichts von alledem. Mama kocht Glühwein und stellt Plätzchen auf den Tisch, wir spielen Rommee und reden viel.
Irgendwann fragt Maria, was das Loch in der Wand zu bedeuten habe. Papa antwortet, dass das Bild vor kurzem einfach heruntergefallen sei. Ich sage, dass ich müde sei, wünsche allen eine gute Nacht und verabschiede mich.
Als ich schon im Bett liege, klingelt mein Handy. Es ist Paul. Wir reden eine Weile, über die Wohnung, dass die Waschmaschine seit Tagen nicht mehr funktioniert, dass wir uns demnächst um einen Elektriker kümmern sollten. Als wir kurz schweigen fragt er: „Morgen ist es wieder soweit, oder?“
„Ja, morgen“, sage ich und lösche das Licht.

In dieser Nacht träume ich nicht. Nächte wie diese bestehen aus nichts als schwarzen Schatten, sie scheinen etwas Helles zu verdecken. Irgendwann kommt meine Mutter ins Zimmer und stellt mir eine Tasse dampfenden Tee auf den Nachttisch.
„Steh auf“, sagt sie. Ich rühre mich nicht. Ich weiß, was als nächstes kommen wird.
„Willst du darüber reden?“ Wie jedes Jahr lehne ich ab. „Gut, sag mir, wenn du etwas brauchst. Oder wenn es wieder anfängt.“
Ich nicke, ziehe die Rollläden ein Stück hoch und schließe sie gleich wieder. Nichts möchte ich von diesem Tag sehen als diese vier Wände, jede Sekunde, in der mein Kopf vollkommen leer ist, ist ein Geschenk. (…)

„Mama.“ Ich flüstere, trotzdem ist meine Mutter in wenigen Augenblicken bei mir. Es bedarf keiner großen Worte, wir setzen uns aufs Sofa, Papa kommt dazu.
„Schhhh“, macht Papa immer wieder. „Ist ja alles gut, Kleines.“
Der Psychologe hat ihnen gesagt, wie sie sich in solchen Momenten zu verhalten haben. So wenig wie möglich sagen, mich beruhigen, Körperkontakt suchen, mir zuhören. Bilder laufen vor meinem inneren Auge ab, ich schreie, kralle mich in die Polster, bis ich irgendwann in die Küche renne, wo ich mich ins Waschbecken übergebe. Von da an ist das Gröbste überstanden. Am Nachmittag laufen mir ein paar Tränen übers Gesicht, die ich einfach wegwische. Typische Symptome, sagt der Psychologe dazu. Ganz normal. Nicht weiter beunruhigend.

Um elf versuche ich zu schlafen.
Es gelingt mir nicht, bis ich etwas Eiskaltes in meinem Gesicht spüre, von dem ich hochschrecke. Mit aufgerissenen Augen fahre ich mir über den Nasenrücken. Schnee. Schnee, der von einem Tannenzweig tropft, direkt über mir.
Ich muss mich nicht lange umsehen, um zu wissen, wo ich bin. Unter einer der mächtigen Tannen im Garten des Nachbarn. Das fahle Mondlicht bringt die unberührte Schneefläche vor mir zum Leuchten. All das ist ganz natürlich, ist Teil von mir. Die Kälte beißt sich in meine Finger, Zeit vergeht, in der meine Haut blau zu schimmern beginnt, aber ich weiß: Diesmal muss ich bleiben.
Als sich endlich ein Schatten durch den Garten drängt, weiß ich, dass er es ist, auf den ich gewartet habe. In einer einzigen fließenden Bewegung greift er sich das Paket vor der Tür, drückt die Klinke herab, ich folge ihm. Sehe ihm vom Türrahmen aus zu, wie er seinen Mantel abstreift, eine Schublade nach der anderen aufreißt. Dann blitzt etwas in seiner Handfläche auf und obwohl ich nicht erkennen kann, was es ist, rüttelt es etwas in mir wach.
Panik steigt unter den Kacheln hervor, verdichtet sich in der Luft, die ich jetzt scharf einziehe, was soll das alles. Das Paket auf der Ablage scheint realer zu sein als je zuvor, sich fast schon zu bewegen, für einen Sekundenbruchteil sehe ich mich mit den Fingerkuppen über die glatte Pappe streichen. Vor mir streicht der Schatten mit einem sanften Windzug durch den Raum, schließt eine Tür auf, hinter der sich der Flur auftut.
Wie selbstverständlich folge ich der hageren Gestalt, mit jedem Schritt steigt die Kälte der Fliesen unter meinen Füßen ein Stück weiter zu mir hinauf. Am Ende des Gangs hat die Kälte meinen Hals erreicht, da blitzt ein zweites Mal etwas in der schattengrauen Hand auf: ein Schlüssel. Er öffnet die Tür am Ende des Flurs.
Keinen Moment befürchte ich, die Gestalt könnte sich umdrehen und mich bemerken. Vielleicht hat sie das längst.
Gemeinsam treten wir in den schmalen Raum, in dem die Stille so greifbar wird, dass ich schon meine, in ihr zu versinken. Da sind sie alle, stapeln sich, und im Grunde habe ich nichts anderes erwartet. Als ich mich über eines beuge, ist es leer, genau wie all die anderen. Die Pakete.
Zu beiden Seiten des Raumes liegen sie gestapelt, lassen nur noch einen schmalen Weg, durch den der Schatten sich schiebt und an dessen Ende er schließlich in die Knie geht. Mit einem kurzen sirrenden Geräusch öffnet er das Paket, streckt seine Arme weit hinein, hebt etwas heraus. Etwas, das atmet. Etwas, das nun von dem Schatten durch den Raum getragen wird.
Ich zittere, will hinrennen und es ihm aus den Armen reißen. Alles, denke ich. Nur das nicht. Nicht noch einmal.
Ein kurzes hohles Geräusch, das dumpf nachklingt auf dem glatten Steinboden. Das Aufschlagen eines kleinen Kopfes, das Aufspringen, das Blut.
In diesem Moment dreht der Schatten sich um, sieht mich an mit diesem Blick aus wässrigen grauen Augen, den ich nicht mehr ertrage. Meinen Augen.

„Hätten wir damals gewusst, dass die Schnellstraße so einen Lärm macht“, sagt Mama.
Ich höre ihr gar nicht zu. Wir sitzen beim Frühstück und fast ist alles wie früher. Papa hat das Bild wieder aufgehängt. Ab und zu bleibe ich noch davor stehen. Ab und zu betrachte ich noch die kleinen Fäuste und das schwarze Band am Rahmen, obwohl der Psychologe mir immer wieder gesagt hat, dass ich mich nur selbst zerstöre damit. Er hat mich nie richtig verstanden.
Mit jedem Tag brechen ein paar mehr Sonnenstrahlen durch die Wolkendecke und mit jedem Tag geraten die Schatten um mich ein Stück weiter in die Vergessenheit.
Nur nachts spüre ich noch ihren Atem im Nacken. Nachts hocken sie noch da, auf meiner Bettkante, so oft ich auch versuche, sie herunterzustoßen. Flüstern mir ins Ohr. Ich weiß, früher oder später werde ich lernen müssen, mit ihnen zu leben.
Bis dahin tröste ich mich mit dem Gedanken an Frühling.

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erstellt am 22.2.2013

Katharina Korbach, Foto: Hannes Windrath
Katharina Korbach, Foto: Hannes Windrath

Katharina Korbach, geboren 1995 in Wiesbaden, hat ebenda die Leibnizschule besucht. Schreiben bedeutet für Katharina loszulassen, Impulse zu erspüren und ihnen ästhetisch Raum zu geben. Im Literaturhaus war sie 2011 im Lyrik-Schreibzimmer bei Marcus Roloff, 2012 hat sie am Prosa-Schreibzimmer von Antje Wagner teilgenommen.