Buchkritik | Dino Buzzati »Die Tatarenwüste«

Die Zeit sei ein Diktator

Von Jan Wilm

Ein altes Volksmärchen erzählt einmal von einem Jungen, der, von der Unterdrückung der Erwachsenen gepeinigt, eines Tages zu seinem Vater ins Arbeitszimmer zitiert wird. Der Vater steht, groß und anschuldigend, vor dem Kind, eine Rechtfertigung für einen Bubenstreich wird erwartet. Der Junge, eingeschüchtert von der Größe, von der Stärke des Vaters, schweigt beharrlich, worauf die starke, große Hand zur Bestrafung des Kindes ausholt. Der kleine, gepeinigte Bub fingert aus seiner Hosentasche ein Taschentuch, um sein tränenzerrissenes Gesicht zu trocknen, und dabei zerrt er auch seine Taschenuhr aus der Hose, die auf den Boden fällt und zerbricht. Das stillstehende Uhrwerk stillt aber auch die Tränen des Jungen. Während er, klein und auf ewig unterlegen, im harten, großen Schatten der Erwachsenen unterzugehen scheint, kommt ihm ein Gedanke, der ihn beruhigt. Die Zeit, so wird ihm klar, ist eine große Gleichmacherin, und er wähnt sie auf seiner Seite. Bliebe er selbst für immer ein winziger Zwerg im Kern der großen Schatten seiner Unterdrücker, irgendwann fänden selbst die Allmächtigsten, die stärksten Peiniger sich umstellt vom Vakuum der zerflossenen Zeit, gleichgemacht mit jenen, die sie einst hochmütig zu überragen glaubten.

„Nach seiner Ernennung zum Offizier verließ Giovanni Drogo an einem Morgen im September die Stadt, um sich nach der Festung Bastiani, seinem ersten Bestimmungsort, zu begeben.“ Die Zeit scheint auf Giovanni Drogos Seite. Der junge Held von Dino Buzzatis 1940 im Italien Mussolinis erschienene Roman „Die Tatarenwüste“ ist voller Energie. Er blickt nach vorn, auf eine Militärkarriere, auf den Ruhm gewonnener Schlachten, auf die beispiellose Verteidigung der Festung Bastiani, ein entlegener, aber glanzvoller Grenzposten, der die Heimat von einer mysteriösen Wüstenebene trennt: die Wüste der Tataren.

Doch sobald Drogo angekommen ist, die in der Sonne golden und prächtig glänzende Festung einmal von ihrer innerlich ausgehöhlten Leere betrachtet hat, will er sofort wieder weg. Er beschließt, sich nach einer Viermonatsfrist sofort versetzen zu lassen. Drogos Hoffnung auf Ruhm in der Festung ist enttäuscht worden, doch eine enttäuschte Hoffnung wird nicht einfach abgelegt in die Akten der Erinnerung. Der ernüchtert erreichte Horizont wird einfach in die Zukunft weitergeschoben, das Ziel wächst mit. Die Hoffnung auf Abenteuer in der Festung wird ausgelöscht durch die bürokratische Langeweile eines Militärapparats, das Warten in immer ärmeren Routinen wird so trostlos, dass scheinbar automatisch die Wüste der Tataren selbst mit der großen Hoffnung dieses jungen Mannes bevölkert wird. Giovanni Drogo vernimmt „etwas wie einen Ruf, den ersten Ruf, der von jenem Land im Norden herüberkam, von jenem sagenhaften Land, das gleichsam auf dieser Festung lastete.“

Die erwartete Hoffnung ist der Krieg. Buzzatis Roman scheint zu zeigen, dass der Zweck einer Armee, selbst einer auf Verteidigung ausgerichteten Militärfestung, nicht der Frieden ist, sondern naturgemäß der Krieg. In geschliffener, eleganter Prosa berichtet Buzzatis Erzähler von den Geschehnissen auf der Festung, wie aus der Langeweile Monster geboren werden. Buzzatis Sprache ist meist lakonisch und doch oft ganz nah bei den Figuren. Gleichzeitig bleibt sein Erzähler nüchterner Beobachter, während die Wachposten eine Atmosphäre von ständiger Gefahr verbreiten. Wie ein Mantra geben sie ihre Warnung über die Burgmauern weiter: „Seid auf der Hut! Seid auf der Hut!“ Die heimsuchende Stimmung des Romans entsteht einerseits aus diesem lauernden Flimmern, als läge hier etwas schlafend und müsse nur wachgeschreckt werden, und die Hölle bräche los. „Seid auf der Hut! Seid auf der Hut!“

Andererseits speist sich die unerhörte Spannung aus der Landschaft, aus der schweigenden, steinigen Wüste, die ebenso schlafend sich vor der Festung erstreckt. Die Berglandschaft ringsum schaut teilnahmslos zu, und dann ist es, als wäre irgendwo im Gebirge ein Beobachter, der nicht einschreiten und nur teilnahmslos zusehen kann, was auf der Festung geschieht. Manchmal tritt der Erzähler pointiert aus seiner Nähe zu den Figuren zurück, wechselt scheinbar unerwartet vom Präteritum ins Präsens, was gleichzeitig kühl beobachtend und mitten im Geschehen wirkt. Doch was geschieht hier eigentlich?

Die Soldaten – manche von ihnen haben ihr ganzes Leben auf der entlegenen Festung verbracht – sind Wartende. Ihr Blicke sind allein nach draußen gerichtet, in die Wüste des Nordens, und kein Blick führt nach innen. Während von draußen die Gefahr erwartet wird, scheint niemand zu bemerken, welche Gefahren sich in ihrem Innern entfalten. Wie aus Warten ein Hoffen wird, das zeigt die Geschichte um die Tatarenwüste auf ungeheuerliche Weise. Buzzatis Roman ist keine einfache Parabel auf die Menschenexistenz. Es liegt viel mehr darin, es zittert dieses Buch vor existenzieller wie politischer Bedeutung, weil die Figuren, besonders Giovanni Drogo, nie ins Fantastische entgleiten, sondern immer durch den scharfen Blick plausibel bleiben. Man erlebt mit, wie aus einfachen, gutmütigen Männern Krieger in Gedanken werden. Selbst wenn man eigentlich keinen Krieg möchte, wird aus der Langeweile ein Hoffen auf Ablenkung durch Krieg, aus dieser Ablenkung schließlich der einzige Sinn des Daseins.

„Sometime they’ll give a war and nobody will come“ heißt es bei Carl Sandburg. Stell dir vor, es ist Krieg und keiner geht hin. Und wie sähe das umgekehrt aus? Stell dir vor, alle gehen hin und es ist kein Krieg. Was dann? Der Horizont steht unter permanenter Beobachtung, wird zur Mitte des eigenen Lebens, und während des Wartens darauf, wann endlich die feindlichen Streitkräfte über die Kuppe brechen mögen, zieht das eigene Leben einfach vorüber.
Die Zeit sei ein Diktator, murmelte Nina Simone vor ihrer Live-Aufnahme von Sandy Dennys „Who Knows Where the Time Goes“. Buzzatis gespenstischer Roman handelt von der Diktatur des kommenden Faschismus, der eine ganze junge Generation in den Dienst von Gehilfentum für die Vernichtung stellte. Dabei ebnet er aber auch die faschistischen Schrecken selbst implizit ein, und lässt die militärischen Mühen der Figuren absurd und ausgesprochen sinnlos erscheinen. Die Soldaten der Festung, sie alle hecheln einer Hoffnung nach. Die angedeutete und schreckliche Nachricht, die in dieser Erzählung um die Soldaten der Festung Bastiani beigegeben scheint, ist die, dass selbst jene, die mit Eifer auf den Krieg hoffen, meinen, ihre ganz persönlichen Gründe und Rechtfertigungen dafür zu haben. Und dass über sie alle, von den wahnsinnigen Schreimäulern, bis hin zu den kleinsten, opportunistischen Vasallen im Dienste einer Schreckensherrschaft – dass über sie alle der große Wagen der Zeit hinwegpflügt, ganz gleich, wer darunter hinweggerafft wird, jene, die Schlechtes, aber auch eben auch jene, die Gutes tun. „Der Wind der Zeit wehte über alles hin und fegte, unbekümmert um die Menschen, alles Schöne mit sich fort. Niemand konnte sich ihm entziehen, nicht einmal die neugeborenen Kinder, die noch keinen Namen hatten.“ Die Zukunft gehört immer auch schon der Vergangenheit an, sie nimmt sich gewissermaßen mit dort hin.

Möchte man das Buch als eine Allegorie der Diktatur lesen, so liegt Mussolinis Italien natürlich nah, doch die eigentliche Diktatur des Buches ist die Zeit. Immer wieder kondensiert der Roman Jahre oder Jahrzehnte mit erbarmungsloser Rigorosität zu einem einzelnen Absatz. Die Zeit als ruhiger Leviathan, ebenso wartend wie die Menschen. Die Schreckensherrschaft der Zeit ist kein raubwütiges Verschlingen, sondern ein ganz schleichendes, langsames Davonwehen der Tage und Jahre, kein Vergehen in feststellbaren Stufen, sondern ein Treiben, ein kontinuierliches Zerfließen ins Nichts, das nur rückblickend als eine schwerlich durchquerte Strecke erscheint, die, mit qualvollem Spott, dann auch noch lächerlich winzig wirkt.
Das Zeitempfinden der Figuren ist das beeindruckendste an dieser außergewöhnlichen Geschichte. Wie im Zeitraffer werden aus wenigen Monaten fünfzehn Jahre, dann dreißig, Freunde werden Fremde, Kameraden sterben, ein junger Mann verliert das schöne Adjektiv. „Jahreszahlen, die einst in phantastischer Ferne zu liegen schienen, tauchten nun plötzlich auf dem Kalenderblatt auf und gemahnten an die unerbittlichen Zahltage des Lebens.“ Mit dem Blick auf eine immer neue Erwartung, verliert Giovanni Drogo nicht nur die Zeit aus den Augen, sondern schließlich auch sich selbst. Der Roman scheint die Frage zu stellen: Kann man nur auf Ziel leben? Der Roman scheint die Frage zu stellen: Kann man jemals anders leben? Der Roman scheint die Frage zu stellen: Warum wirkt das Leben vorwärts so beschwerlich lang und rückwärts so erschreckend kurz?

Nennen wir das Vergleiten der Zeit, während man konzentriert eine Routine des Alltags erledigt, die normale Geschwindigkeit. Erwartet man dann ein Ziel, blickt geduldig auf den Horizont, so dehnt sich die Zeit bis zum Erreichen des Ziels scheinbar quälend länglich aus, als wäre sie einfach angehalten. Erreicht man schließlich das Ziel, mit der üblichen Enttäuschung durch Erfüllung einer Sehnsucht, dann springt die Zeit zurück in ihre normale Geschwindigkeit. Der Rückblick, nun, auf die vergangene Zeit, die vorwärts gewandt so quälend ewig erschien, wirkt nun lächerlich kurz. Doch die Erinnerung an das quälende Warten ist geblieben, und so scheint, selbst was einst eine ewige Wartezeit war, ungeheuer schnell vergangen zu sein. Das schmerzliche Warten wirkt zuweilen unbedeutend, ganz und gar nichtig im rückwärtigen Betrachten. Vielleicht ist es lediglich das Hoffen und das fortwährend aus der Gegenwart ausgelagerte Leben, was die Zeitempfindung erst ausdehnt und dann zerdrückt. Mit dem ungeduldigen Blick von hier und jetzt zum Horizont, ist die Ebene dazwischen unüberwindbar, gleichzeitig aber ist sie bereits überwunden.

Wo geht die Zeit dann hin, und warum kann man ihr nicht beim Vorbeigehen zuschauen, und sie nur ausmachen, wenn sie schon über der Kuppe des Horizonts wieder verschwunden ist, wie die Tataren, von denen man nicht weiß, ob sie kommen oder nicht, ob dort wirkliche Menschen sind, Feinde gar, oder bloß Trugbilder eines einsamen Geistes, hoffend auf ein Leben?
Buzzatis Roman flimmert vor Fragen, und wenn er nicht antwortet, dann zeigt er. Dass die Zeit ein stummer Diktator ist, und jeder Mensch ihr dummer Mitläufer, dass sie einem jeden Menschen den Handlungsspielraum entzieht, dass jeder Mensch erkennen muss, dass „der Kreis, der noch Leben ist, sich immer enger um ihn zusammenzieht.“ Dass die Zeit eigentlich auf niemandes Seite ist. „Who knows where the time goes?“

Kommentare


Günther Bach - ( 25-02-2013 06:18:45 )
Jetzt

Die Dauer des Jetzt -
die kurze Spanne
von ist bis war -
wurde kürzlich gemessen
mit dreißig Millisekunden.

Das scheint nicht viel.

Jedoch das Auge
erfasst noch weniger:
erst sechzehn Bilder
in der Sekunde
erzeugen ein laufendes Bild.

Der Nutzen jedoch
solcher Zahlenspiele
bleibt fraglich;
besser ist man beraten,
den eigenen Sinnen zu trauen.

Es gilt noch immer
die relative Erfahrung
der Flüchtigkeit schöner Stunden
und ihrer Endlosigkeit
in Zeiten der Not.

(c) Günther Bach

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erstellt am 22.2.2013

»Möchte man das Buch als eine Allegorie der Diktatur lesen, so liegt Mussolinis Italien natürlich nah, doch die eigentliche Diktatur des Buches ist die Zeit.«

Dino Buzzati
Die Tatarenwüste
Die Übersetzung aus dem Italienischen von Percy Eckstein und Wendla Lipsius hat Julika Brandestini bearbeitet. Mit einem Nachwort von Maike Albath.
Gebunden, 250 Seiten
Die Andere Bibliothek, September 2012

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